1929-1933

Anfang Juli setzen sie zu einer 3-wöchigen Überfahrt im Frachtschiff von Bordeaux nach Port-au-Prince, Haiti. Dort angekommen, werden sie sofort ohne Angabe von Gründen ausgewiesen, und reisen über Santo Domingo in den Norden des Landes, in die Cibao-Region bei Moca. Die Gruppe läßt sich in der Gegend des Nördlichen Gebirges bei Jamao (unweit von Puerto Plata) im Rahmen einer staatlichen Agrarkolonie mit zumeist europäischen Familien nieder. Es handelte sich um eine Initiative der dominikanischen Regierung, zum Einen, um die rückständigen Landregionen zu entwickeln, zum Anderen, um weiße Siedler ins Land zu holen, um den Anteil der farbigen Bevölkerung zu verringern. Das Programm besteht darin, kleine Parzellen im urbar gemachten Bergwald langfristig an Familien zu verpachten. Als Starthilfe waren die Mithilfe bei der Rodung des zugesprochenen Stück Waldes und beim Bau einer einfachen Holzhütte mit Palmblätterbedachung sowie die Lieferung von Saatgut, Werkzeugen und Arbeitsgeräten, Arbeits- und Kleintieren (Maultiere oder Pferde, Ochsen, Geflügel, Kaninchen u. ä.) und einem Vorrat an Lebensmitteln die Regel. Offenbar widmet sich Filareto eher der medizinischen Versorgung der Lokalbevölkerung, hauptsächlich wohl der Geburtshilfe und der Behandlung der unter der Landbevölkerung sehr verbreiteten Geschlechts- und anderen endemischen Krankheiten; selbst an Zahnextraktionen wagt er sich mit primitiven Werkzeugen und prekären Betäubungsmethoden. Auf Grund des Medikamentenmangels wendet er zunehmend natürliche Heilmethoden an. Es liegt auf der Hand, daß er der vereinbarten Tätigkeit als Kleinbauer angesichts dieser Aktivitäten nur wenig Zeit widmen kann. Die einzelnen, von den Neusiedlern bewohnten Parzellen sind weit voneinander entfernt, die Wege sind lang und schwierig, meistens nur zu Pferd zu bewätigen, so daß man sich eine räumliche Zersplitterung der Kommune vorstellen muß, die es ihr nur abends oder vielleicht sogar nur am Sonntag erlaubt, zu gemeinsamen Aktivitäten, Diskussionen oder zum Musikmachen zusammenzukommen. Das so sehnsüchtig angestrebte kommunistische Leben verläuft nun hier in der Dominikanischen Republik auf einem niedrigeren Niveau als in Frankreich oder gar in Berlin. Der Kontakt mit den Freunden und Gesinnungsgenossen in Deutschland und in anderen Ländern ist sicherlich nicht einfach aufrechtzuerhalten, aber es wird korrespondiert und es werden offensichtlich auch Bilder verschickt, um die schönen Seiten dieses Inselparadieses zu zeigen und die in Europa Zurückgebliebenen für die Überfahrt zu begeistern. Aber von Kommuneleben kann nicht die Rede sein. Das System und seine Aufpasser – Großgrundbesitzer, denen das Land gehört, welches der Staat weiterverpachtet, offiziell bestellte Administratoren der Siedlung (oder Kolonie), Kirche, Gemeinde- und Bezirksbehörden – lassen es nicht zu, daß die Struktur von Familieneinheiten als Basis einer Kleinbauernwirtschaft verändert wird, von einer revolutionären Infragestellung ganz zu schweigen. Außerdem ist die Landzuteilung, die Ausstattung mit Mitteln und die Möglichkeit zur Vermarktung der Produkte so knapp bemessen, daß sie kaum einen individuellen Fortschritt etwa durch Austausch und Akkumulation erlaubt.Die Lage muß sich also als ziemlich bedrohlich für das Weiterbestehen der Kommune dargestellt haben: physische, gesetzliche und finanzielle Grenzen drohen die utopischen Pläne des Filareto Kavernido zu ersticken. Er ist kein Bauer. Er ist nicht das einfache Oberhaupt einer Kleinfamilie. Er ist es nicht gewohnt, in derartiger Isolation zu leben. Die ärztliche Tätigkeit, die er unentgeltlich leistet, die jedoch von der dankbaren lokalen Bevölkerung mit freiwilligen Gegenleistungen in Form von Arbeit oder kleinen Gaben wie lebenden Tieren oder Früchten honoriert wird, hat ihm sicherlich Befriedigung und die f&;uuml;r ihn so nötige Beachtung und Ruhm gebracht. Noch heute erinnern sich die Einwohner dieser Gegend an seine Person, die mit ihren langen Haaren und dem Bart, den leuchtenden Augen, mit dem Aussehen eines Propheten oder gar des Jesu Christi Aufsehen erregte, wenn er hoch zu Pferde durch den Wald ritt, um seine Patienten zu versorgen. Er ist dabei, auf einer Anhöhe, die er hat roden und herrichten lassen, ein Krankenhaus zu bauen. Es soll relativ groß werden, vielleicht 5 Meter breit und 7 Meter lang, gut isoliert sein und einzig und allein aus Mahagoniholz bestehen. Es wird völlig ohne Nägel gebaut, alle Verstrebungen und Nieten sind aus Holz. Wir nehmen an, daß die Proportionen harmonisch und genau bemessen waren. Das ist sein letztes Projekt, bei welchem er sich seinem Ziel einer Gemeinschaft der freien Menschen unter den gegebenen widrigen Umständen am nächsten fühlen kann. Das Holz liegt bereit, aber der Bau wird nicht mehr beendet werden können. Sein Ruf, der sich schnell verbreitet hat, beunruhigt die lokalen Behörden, er stellt eine unbequeme, ja gefährliche Konkurrenz für die Gutsherren, die Ärzte oder für die Priester dar. Außerdem erwartet das staatlich geleitete Programm der Kolonisierung von den Siedlern etwas anderes als diesen aufwieglerischen, zersetzenden Einfluß. Die Siedler sollen höhere Werte verbreiten, sie sollen das Vorbild der europäischen Kultur aufzeigen und technischen Fortschritt einführen. Ihre Aufgabe wird darin gesehen, zur technischen und wirtschaftlichen Entwicklung und zur Konsolidierung des bestehenden Herrschaftssystems beizutragen. Die Propagierung eines naturverbundenen Lebens, der freien Liebe und einer Sexualität ohne Barrieren, die Ablehnung der Stadt, der bürgerlichen Kultur, der Schulmedizin und selbst der Land- und Arbeitsgesetze, die internationalen Kontakte und häufigen Besuche von Ausländern, die (höchstwahrscheinlich zensierte) umfangreiche Korrespondenz, die Filareto mit dem Ausland unterhält – all das sind Gründe dafür, dieses unliebsame Element aus der Kolonie zu entfernen.Filareto, entmutigt und enttäuscht von den vielen Entbehrungen und Zwängen, der fühlbaren Abkehr und abnehmenden Begeisterung mancher seiner Gesinnungsgenossen, deprimiert ob der wenig ermutigenden Aussichten der Kommune, sicherlich auch pessimistisch im Hinblick auf die negativen Nachrichten, die ihn aus Deutschland über den heraufziehenden Nazionalsozialismus erreichen, handelt getreu dem nietzscheanischen Motto: „Lebe gefährlich!“. Er benutzt die Reisen in die Provinzhaupstadt Moca, um seine Ideen in interessierten Zirkeln zu propagieren. Er bringt ihnen hierzu Pamphlete und Aufrufe, die seine Lebensgefährtin mit einer kleinen Schreibmaschine auf sein Diktat hin in der Hütte von Arroyo Frio tippt und mit Kohlepapier vervielfältigt. Es heißt sogar, er habe Flugblätter und Plakate in Moca drucken lassen. Er fordert das Schicksal weiter heraus und agiert noch einmal mit bewußter Tollkühnheit: im Rahmen der Bildungsveranstaltungen des Programms der Agrarkolonie hält er in der Provinzhauptstadt einen öffentlichen Vortrag, der mit dem eigentlichen, ihm zugewiesenen Thema offenbar nichts zu tun hat. Er kritisiert die „Cartilla“, die neue Satzung zur Erziehung der Bürger in Staatskunde, in welcher die Rechte der Bevölkerung beschnitten und ihre Pflichten dem Staat gegenüber vergrößert werden. Seine Worte werden als eine Herausforderung und Mißachtung der herrschenden Verhältnisse aufgenommen und der Machtapparat setzt sich in Bewegung. Bevor gehandelt werden kann, müssen vermutlich, da es sich um einen europäischen Siedler handelt, die Spitzen der Diktatur, vielleicht sogar Trujillo selbst, informiert bzw. um ihr Einverständnis gebeten werden. Die Tatsache, daß es sich um einen Deutschen handelt, kann Filareto 1933 bereits keinen Schutz mehr bieten, zumal er Jude ist. Am 18. April wird ein Bericht über den zersetzenden, „infektiösen“ Charakter des Dr. Goldberg und seiner „kommunistischen Gruppe“ an den Agrarminister verfaßt. Der Autor, ein hoher Mitarbeiter dieses Ministeriums, ist ein bekannter Intellektueller und Dichter, der in den zwanziger Jahren ausgerechnet als „bohémien“ in Frankreich gelebt hat. Er gilt als einer der größten dominikanischen symbolistischen Dichter und hatte – welche Ironie des Schicksals – der künstlerischen Avantgarde angehört. Eben dieser Dichter und jetzige Ministeriumsbeamte empfiehlt nun in seinem Bericht, Dr. Goldberg des Landes zu verweisen und seine ganze Gruppe sofort aufzulösen. Vermutlich ist der mächtigste örtliche Großgrundbesitzer Sohn eines gleichnamigen bekannten Politikermörders vom Ende des 19. Jahrhunderts und wichtigste Persönlichkeit der Gegend, derjenige, der die Initiative ergreift. Es gibt aber auch noch andere einflußreiche Familien, Grundbesitzer, Freiberufler und Ärzte aus Moca, welche ihre Interessen von Filaretos Tätigkeit als fliegender „Armenarzt“ beeinträchtigt sehen; jedenfalls fällt die Entscheidung für die radikalste Lösung: weder Einkerkerung noch Verbannung oder Ausweisung, sondern Mord. Am Abend des 16. Mai 1933 erscheinen zwei bewaffnete und vermummte Männer (oder auch drei, bei den nachfolgenden Einzelheiten gibt es verständlicherweise mehr als eine Version) vor der Tür der armseligen Hütte, in welcher Filareto mit seiner Lebensgefährtin und den Kindern wohnt. Sie treten mit gezogenen Pistolen ein und verlangen barsch, er solle sie in die Stadt begleiten, um eine Behördenangelegenheit zu erledigen. Filareto macht Anstalten, sich vorher umzuziehen, er trägt noch die schmutzige Kleidung, denn er ist eben von der Feldarbeit zurückgekehrt und will sich gerade zum Abendessen fertigmachen, aber die Männer bedeuten ihm, es sei nicht nötig. Er fügt sich, vielleicht ahnend, was ihn erwartet. Die Männer und er verlassen mit ihm die Hütte und verschwinden in der Dunkelheit auf dem Weg Richtung Moca. Während die Kinder dabei sind, das Pferd für Filareto fertigzumachen – Moca ist etwa 15 km auf bergigen Wegen entfernt – ertönt ein oder mehrere Schüsse, darüber gibt es abweichende Berichte. Keine 100 Meter von der Hütte entfernt, neben dem kleinen Fluß von Arroyo Frío und einige Meter links vom Pfad enfernt, ist Filareto niedergestreckt worden. Er wird erst am frühen Morgen aufgefunden. Nach Aussagen von Augenzeugen stirbt er erst zu diesem Zeitpunkt, obwohl hier die Berichte natürlich unterschiedlich sind. Der Leichnam wird schnell nach Moca gebracht und dort begraben. Es wird eine Untersuchung über die Umstände des Todes durchgeführt, die schnell ohne Ergebnis abgeschlossen wird. Jahre später – 1938 – werden die Überreste von der Familie auf einen heute noch existierenden Bergfriedhof in der Gegend bei Las Caobas, unweit von Palo Alto und von Arroyo Frío, überführt und neben dem Vater und Bruder seiner Lebensgefährtin, die 1935 aus Europa gekommen waren, begraben. Der 17jährige Sohn markiert das Grab mit einem Holzkreuz. Das Grab existiert aber nicht mehr. Nach dem Mord verbrennt seine Lebensgefährtin Archive, Dokumente und Korrespondenz. Die Mitglieder der Kommune, verlassen nach und nach im Laufe der nächsten Jahre die Gegend. Die Nachricht der Ermordung des Dr. Goldberg alias Filareto Kavernido erreicht mit einiger Verzögerung die Freunde und Angehörigen in Europa. Die in der Schweiz erscheinende Esperantozeitschrift „Progreso“ schreibt über den Tod des Gesinnungsgenossen im selben Jahr und hebt hervor, daß er ein weiser Mensch und glühender Anhänger der Ido-Bewegung gewesen sei und sein Leben den anarchistischen Idealen gewidmet habe. Auch sei er jemand gewesen, der für seine Ideen nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu leiden wußte. Auch die französische Zeitschrift „L’en dehors“, für die Filareto unzählige Artikel geschrieben hat, berichtet einige Monate später über die Ermordung. Offensichtlich hat sie die Nachricht über einen Brief von Mally erreicht. So findet Filareto Kavernido einen tragischen Heldentod. Wer weiß, ob er sich nicht nach so vielen Niederlagen und Rückschlägen auf dem mühsamen Weg zu seiner immer weiter entfernten Utopie vielleicht gerade ein solches Ende gewünscht hat.

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