Kavernidos Erziehungsmethoden

Wir haben bereits ausgiebig die Widersprüchlichkeit im Charakter und in der Persönlichkeit Filareto Kavernidos angesprochen. Wenn es aber ein Feld gibt, auf dem diese Inkonsequenz in der schrillsten Weise auffällt, dann in seinen Erziehungsmethoden. Denn zahlreich sind die Zeugnisse der damaligen Kinder der Kommune, die über die autoritären, ja grausamen Methoden Filaretos den Kindern gegenüber berichtet haben; wir reden hier nicht über die Zumutung, die für kleine Kinder die Extravaganz der Lebensweise bedeuten kann: man stelle sich vor, wie sich Filareto an einem Feiertag irgendwann im Jahr 1925 mit der grossen Kinderschar durch die Straßen Berlins auf den Weg zum gemeinsamen Besuch eines Museums oder Konzertes macht. Die Mädchen tragen Hosen, kurze Haare und sonst keinen Schmuck, an den Füssen tragen sie Holzpantoffeln. Die Jungen tragen ein Gewand, Sandalen und halblange Haare, etwa so wie Prinz Eisenherz. Inmitten der Kindergruppe läuft Filareto Kavernido mit seiner überragenden Statur, den schulterlangen  Haaren und dem dichtgewachsenen, langen Bart; er trägt auch ein weißes Gewand, das eine Schulter freiläßt, und Sandalen. Man kann sich gut vorstellen, was für eine Sensation dieses Auftreten auf der Straße damals in Berlin erweckte. Den Kindern wird hier das „Anderssein“ vermittelt, sie müssen auch die Fähigkeit entwickeln, gegen die Neugier und den Spott anderer Menschen gleichgültig zu bleiben. Filareto-Zarathustra konnte das bereits. Hieß es nicht bei Nietzsche:

Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heisst übermensch‘. Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. ‚Da stehen sie,‘ sprach er zu seinem Herzen, ‚da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, daß sie lernen, mit den Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten‘.“ siehe Fussnote 1

Den Kindern wird aber auch ein hoher Anspruch aufgezwungen, da sie durch diese gemeinsamen, sicherlich nicht alltäglichen kulturellen Aktivitäten – wir gehen davon aus, daß Filareto ein vielbeschäftigter Mann war, der also nicht immer Zeit für die Kommunenkinder verfügbar hatte – zugleich die Teilhabe an der hohen Kultur vermittelt bekamen. Vor und nach diesen Veranstaltungen oder Konzerten mußten sie zeigen, daß sie die Gedichte, Oden oder Arien auswendig gelernt hatten. Sie mußten mit den Musikinstrumenten, die sie erlernten, zeigen, daß sie ihre Aufgaben meisterten.Und hier zeigt sich die autoritäre und grausame Seite, von der wir gesprochen haben: War er mit dem Lernergebnis der Kinder unzufrieden, so drohten diesen drakonische Strafen, wie etwa die Nacht im dunklen, feucht-kalten Speicher der Mulackstrasse verbringen zu müssen, bis sie z. B. den „Osterspaziergang“ siehe Fussnote 2von Goethes „Faust“ auswendig rezitieren oder dieses oder jenes Stück auf der Geige vorspielen konnten. Ihnen wurde auch der Verzicht oder die überwindung der Angst in der Art der spartanischen Abhärtung beigebracht wie z. B. wenn das Kind in der Dunkelheit auf dem Landhaus das Wasser mit einem Becher aus dem tiefliegenden Kanal holen muß, der in der Nähe der Höhle sich befindet, obwohl in der Höhle ein Eimer Wasser bereit steht. Und Filareto lauert da, halbversteckt hinterm Gebüsch und achtet darauf, daß seine Befehle ausgeführt werden. Aber auch typische Verhaltens-„probleme“ von Kindern wurden hart bestraft, z. B. gab es für das Bettnässen, für die Weigerung zu Essen, für den bei Kindern immer beliebten „Diebstahl“ der Vorräte in der Speisekammer und ähnliche Situationen Prügel oder Nachsitzen in der dunklen Kammer. Wie man sieht, handelte es sich um die üblichen,  traditionellen Prügelstrafen, sogar mit dem Gürtel oder einem Riemen. Das hatte Tradition, freilich nicht nur im preussischen Deutschland. siehe Fussnote 3
Tatsache ist jedenfalls, daß die Kinder von damals diese Methoden und die Person Goldberg als „monströs oder ungeheuerlich“ bezeichnen. Und unseres Wissens haben sie alle später als Erwachsene, möglicherweise als Reaktion darauf, ihren eigenen Kindern eine unbedingt gewaltfreie und prinzipiell zwangslose Erziehung angedeihen lassen.Aber erinnern wir uns, daß damals bereits die moderne Reformpädagogik in Erscheinung getreten ist und ihre antiautoritäre, partizipative und kreative Erziehungsmethoden propagierte; wo blieben in diesem Zusammenhang die anarchistischen, dezentralisierten Ideale der individuellen Freiheit, die Filareto Kavernido in seinen Schriften zum Mittel und Zweck des Weges zur vollkommenen Kulturgesellschaft auserkoren hat? Woher diese Diskrepanz? Zwei Erklärungswege sind hierzu möglich, ohne daß man den Eindruck gewinnt, sie würden eine befriedigende Antwort liefern, zu tief ist der Widerspruch zwischen Doktrin und Realität, zu verletzend ist das Bild, daß die Geschichten der einstigen Kinder der Kommune beim Zuhörer hinterlassen.Zum einen greift Filareto auf die Schriften seiner geliebten philosophischen Modelle zurück, auf diesem Feld handelt es sich allen voran um Platon und Nietzsche. Und er interpretiert sie wortwörtlich und setzt ihre eher theoretischen Vorschläge direkt in die Praxis um, wie einer, der in den Büchern den Geist fromm und treu durch die Buchstaben ersetzt. Zum anderen kann man sich vorstellen, daß Filaretos Ideale unter dem Druck der Realität immer öfter zu einem unerreichbaren Ziel wurden; während die Kinder die Zukunft bedeuteten und als „prägbare Masse“ für die Erziehung zur Verfügung standen, waren sie gleichzeitig eine Bremse und eine finanzielle Last für die Kommune. Sie leisteten außerdem den typischen „kindlichen“ Widerstand gegen die Erlernung der Früchte von Wissen, Bildung und Kultur, die nach Filaretos Plänen für den übergang zum höheren Gesellschaftszustand unbedingt notwendig sind. Von daher kann man sich Filaretos Verzweiflung und Wut vorstellen. Es mußte eine Methode geben, diesen Lernprozeß voranzutreiben… Aber sehen wir uns zunächst die theoretische Tradition an, der er in Sachen Erziehung anhing.

In der Tat hatte Platon in seinem posthum veröffentlichten Werk „Gesetze“ siehe Fussnote 4 die zentrale Rolle der Erziehung bei der aristokratischen Herrschaft der Regierung der Philosophen hevorgehoben. Sie ist „der Schlüssel dieser Regierung“. Es ist

“bei den Kindern, wo man das Vergnügen, die Liebe, den Schmerz und den Hass bereits vor dem Alter der Vernunft erwecken muss. Damit soll gewährleistet werden, daß sie im Vernunftsalter vernünftig handeln. Deswegen ist die für die Erziehung verantwortliche Person der tatsächliche Garant des Gesetzes und der Verfassung der Stadt (sprich Gesellschaft)“. Der „erste Bereich der Erziehung wird musikalisch sein, denn die Vernunft des Menschen drückt sich zunächst auf der Basis des Sinns für Rhythmus aus, ein den Tieren nicht eigener Sinn. Auf dieser Basis wächst die Ausübung der Vernunft, worüber die Gerechten und alten Männer zu entscheiden haben“. Platon erkennt, daß das Kind das am schwersten zu behandelnde Lebewesen ist, aber „beim Kinde befindet sich eher als bei den Eltern die Kontinuität der Stadt, weswegen es im Interesse der Stadt liegt, daß es, ob auf die sanfte Art oder mit Gewalt, erzogen wird“.Platons Ideal ist das einer unveränderlichen Stadt; jede Veränderung bedeutet große Gefahr. Die andere Gefahr kommt „vom Individualismus, von der Individualisierung; deswegen soll es kein Privatleben geben, denn durch die vom Privatleben begünstigte Differenzierung werden weitere Gefahren für die Stadt verursacht“. Weitere Vorstellungen von Platon in diesem letzten Werk weichen von den von ihm selbst Jahre zuvor in seinem Werk „Politeia“ aufgestellten Prinzipien einer organisierten Gesellschaft ab, und es ist offensichtlich, daß Filareto sie auch nicht geteilt hat. Interessant ist jedenfalls, daß hier ein unverändertes Ideal als Modell steht. Es deckt sich mit dem in den „Mitteilungsblättern“ Filaretos bereits von uns festgestellten Idealismus, der ihn ziemlich weit von den materialistischen, sozialbedingten Interpretationen und Denkmustern der linken Sozialutopisten seiner Zeit entfernt.

Nietzsche liefert ein Großteil der Denk- und Verhaltensmodelle, die Filareto an den Tag legt, insbesondere in „Zarathustra“ aber auch in „Menschliches, Allzumenschliches“ (1878); es ist das Vorbild für jemand, der kein Mitleid kennt und rücksichtslos und grausam seinen Weg zu einer höheren Kultur verfolgt.

FUSSNOTEN

  1. „Also sprach Zarathustra“, Erster Teil, Vorrede, F. Nietzsche
  2. 2004, achtzig Jahre danach, kann das damalige Kind der Goldberg-Kommune in Berlin Lotte Fenske, inzwischen 90 Jahre alt, dieses Gedicht noch aus dem Gedächtnis aufsagen.
  3. Man darf nicht vergessen, daß die schulische Prügelstrafe in Deutschland erst 1968, und in vielen anderen europäischen Ländern nicht viel früher oder sogar später (z.B. Grossbritanien 1998) abgeschafft wurde.
  4. Alle Zitate über Platon übersetzt aus: Antonio Tovar, „Un libro sobre Platón“, Madrid 1956