Filareto Kavernido und die Reformsprache IDO

Eine Betrachtung von Santiago Tovar

Der Stellenwert, den die internationale Sprache Esperanto für Heinrich Goldberg hatte ist nur schwer zu bestimmen. Wir wissen nicht genau, wann er mit dieser Sprache in Berührung gekommen ist, und wir wissen auch wenig darüber, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Kreisen er sie benutzt hat. Wir kennen auch die Umstände nicht genau, die aus ihm einen Anhänger des reformierten Esperantos, Ido, der sich 1907 aus dem Esperanto hervorgehend gründete, machte. Wenn man die zahlreichen Beiträge zu Ido-Zeitschriften ausnimmt, ist „La Raupo“ das einzige in der Ido-Sprache existierende literarische Werk von ihm, als Broschüre 1926 gedruckt; diese Fabel mutet etwas überraschend an im Kontext der unmittelbaren Sorgen um den Bestand der Kommune und die Ausreisevorbereitungen nach Frankreich, die Filareto gerade in jenem Jahr voll beschäftigt haben müssen. Sein engagiertes Auftreten für diese Bewegung ist eine zusätzliche Seite seiner Persönlichkeit, die auch die Grundlage seines „Kriegsnamen“ Filareto Kavernido bildet, den er bis zu seinem Lebensende stolz getragen hat; in der Dominikanischen Republik war er unter diesem Namen und ist heute noch unter der Bevölkerung des Lomas-Gebietes, allerdings in der falschen, vielleicht wegen der leichteren Aussprache geläufigeren Form „Filoreto“, oder „El Filoreto“ bekannt. Und doch war diese Welt der Esperanto etwas abseits von seinen Bemühungen und seinem grossen Ziel, die Kommune als Keim der zukünftigen höheren Gesellschaft zu entwickeln.

Esperanto, die künstliche Weltsprache, wurde von einem polnischen Juden und Ophthalmologen Dr. L. L. Zamenhof mit der Veröffentlichung seines Werkes „Internationale Sprache. Vorwort und vollständiges Textbuch“ 1887 in Warschau gegründet. Er unterzeichnete das Buch mit dem Namen Dr. Esperanto (etwa „Dr. Hoffnungsvolle“), was der Sprache den Namen gegeben hat. Er stammte aus der Kleinstadt Byalistok, damals zum Russischen Reich gehörend, und hatte Russisch und Jiddisch als Muttersprachen, konnte aber auch Polnisch und Deutsch. Der Ursprung seines Interesses entstand aus der Vorstellung, dass der Grund für die Vorurteile und den Hass unter den verschiedenen Nationalitäten – in seinem Fall handelte es sich um die Probleme in der Koexistenz der Polen, Weissrussen und Jiddisch-sprechenden Bevölkerungsgruppen – auf das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zurückzuführen war. So kam er auf die Idee einer neutralen und von allen anerkannten Sprache, die der Verständigung und der besseren Kommunikation unter Völkern verschiedenen ethnischen und sprachlichen Ursprungs dienen könnte. Dass die Idee schnell Anfangserfolge feiern konnte geht auf die von vielen Seiten geteilten Grundvorstellungen und Wünsche der Völkerverständigung in der Welt der Jahrhundertwende zurück. Es ist nicht erstaunlich, dass die Idee auch schneller bei zweisprachigen Bevölkerungsminderheiten (etwa Juden) oder in mehrsprachigen Gebieten oder kleinen Ländern (etwa die Schweiz), aber auch insbesondere unter gebildeten Akademikern, nicht unbedingt nur bei Sprachwissenschaftlern.Esperanto zeichnet sich durch den neutralen künstlichen Charakter, durch den streng logischen Aufbau und durch die ausgesuchte übernahme vom Wortwurzeln aus den wichtigsten europäischen Sprachfamilien aus: die aus dem Latein stammenden romanischen Sprachen sind Grundlage von ca. 50-60% des Wortschatzes; die germanischen Sprachen machen etwa 20-30% aus, während die slawischen mit ca. 10-20% ins Gewicht fallen. Hier ist nicht zu verkennen, dass nur Menschen mit Fremdsprachkenntnissen diese neue Fremdsprache leicht erlernen können, und sie sind es gerade, die sie am wenigsten nötig haben…. Es gab auffallend viele Akademiker unter den Anhängern, viele kamen auch über die pazifistischen und internationalistischen Bewegungen und Ideen dazu, insbesondere der anarchistischen, humanistischen, sozialistischen oder rein utopischen. Damit hätten wir die Ursprünge des Interesses des jungen Heinrich Goldberg nämlich als Jude, Akademiker, sprachbegabter pazifistischer Mensch für die Esperantokultur ausgemacht.Die Neutralität wird durch die übernahme von Worten und Wurzeln der verschiedenen Sprachen unterstützt. Die Einschränkung auf die europäischen Sprachfamilien schliesst freilich Asia, aber auch Afrika und die arabische Welt aus.Künstlich ist Esperanto insofern, als es nicht eine sich organisch-historisch entwickelnde, sondern eine sozusagen im Labor beschlossene Sprache ist. Tatsächlich kamen auf den Vorschlag des von Zamenhof veröffentlichen Buchs Diskussionsgruppen und Ausschüsse zusammen, um sich mit den Einzelheiten zu befassen: Wortschatz, Wortbildung, Satzstruktur, Geschlecht, Zahl, Eigenschaften und Wert der Suffixe und Präfixe, das alles musste praktisch am grünen Tisch von den begeisterten Anhängern diskutiert und abgesprochen werden…. und dies musste natürlich auf Englisch, Französisch oder etwa Deutsch geschehen, denn die neue Sprache war noch nicht so weit.Der logische Aufbau wurde als eine der besonderen Stärken eingeschätzt. Wer ist bei der Erlernung von Fremdsprachen nicht bei den Unregelmässigkeiten und Ausnahmefällen, die jede Sprache nun mal kennt, nicht gestolpert! Esperanto sollte ohne Rücksicht auf Ungereimheiten konsequent und logisch als strenglogisches Gebäude errichtet werden. Was für Satzbau, Gebrauch von Geschlechts- oder Zahlform sehr praktisch erscheint kann weltfremde, schwer zu begreifende Ergebnisse bei der aus Wurzeln hervorgehenden Wortbildungen zeitigen.Trotz einer bereits in den ersten Jahren als positiv zu betrachtenden Entwicklung und Verbreitung der neuen Sprache kamen bald, wie bei einem solchen Unternehmen nichts anderes zu erwarten, die ersten Zwistigkeiten auf. Zu viele Komitees, zu viele Interessenlagen und ein viel zu neues zu beschreibendes Gelände war auf dem Spiel.Bereits 1900 wurden die ersten Stimmen innerhalb der Esperanto-welt laut, die nach einer Reformierung riefen. Und die Gründung dieser Reformsprache unter dem Namen Ido – Sprache Für Alle – oder Internationales Hilfsidiom wurde in Paris 1907 beschlossen.Wir glauben nicht, dass Heinrich Goldberg sich daran aktiv beteiligt hat. Er war wahrscheinlich zu der Zeit eher mit seiner Niederlassung als Arzt und mit seiner Hochzeit in Berlin beschäftigt. Aber wir haben angenommen, dass er Esperanto-Anhänger in der Universität in Freiburg kennengelernt hatte, und dass er aufgrund seiner kosmopolitischen Haltung und seiner Form der Assimilation in der Gesellschaft von diesem Projekt stark angezogen wurde. Jedenfalls muss er diese Diskussion aufmerksam verfolgt haben.

Um die Unterschiede zwischen Esperanto und Ido besser zu erklären, führen wir im Folgenden ein längeres Zitat aus einem Text des Präsidenten der Ido-Gesellschaft, Guenter Anton, an in welchem er erklärt, warum Ido und nicht Esperanto die optimale Lösung des Problems einer Internationalen Sprache ist:

„(Esperanto) … enthaelt kuenstlich geschaffene, erfundene Woerter. Die nach dem Prinzip der groesstmoeglichen Internationalitaet ausgewaehlten Wortwurzeln sind in den mit einem System von Vor- und Nachsilben geschaffenen Woertern oft nicht mehr erkennbar. So heißt zum Beispiel das Wort „sana“ gesund. Mit der Vorsilbe „mal“ wird das Gegenteil gebildet, naemlich „malsana“(krank). Die Silbe „-ul-„bezeichnet eine Person, also ist der „malsanulo“ der Kranke. Da die Silbe „-ejo-“ einen Ort fuer etwas ausdrueckt, ist schliesslich „la malsanulejo“ das Krankenhaus. Diese Ableitung. erfolgt sehr regelmaessig, fuehrt aber zu ueberkonstruierten, kuenstlichen Wortbildungen, in denen die internationale Wortwurzel nicht mehr zu erkennen ist. Ein Kritiker sprach einmal vom Puzzlespiel der Wortbildung im Esperanto.

In dem 1907 erschienenen reformierten Esperanto, das unter dem Namen Ido bekannt ist, heisst Krankenhaus „hospitalo“. Dieses Wort ist vielen Europaeern bekannt.

Der Schoepfer des Esperanto, Dr. L. Zamenhof, hat mit seiner Sprache eine Ideologie verbunden, den Esperantismus, eine Art Kosmopolitismus. Esperantisten fuehlen sich nach dieser Ideologie als Weltbuerger. Sie sehen sich als eine Art Volk ueber den Voelkern, desse Heimat „Esperantujo“ ist, das Esperantoland.

Mit Hilfe des Esperanto ringen die Esperantisten um Voelkerverstaendigung, Frieden, Freundschaft, Bruederlichkeit und Humanitaet, die auch Toleranz beinhaltet. Dennoch waren begeisterte Esperantisten oft sehr intolerant gegenueber Anhaengern anderer Intersprachen, besonders gegenueber denen des Ido als reformiertem Esperanto. Ablehnung der Konkurrenz fuehrte oft zu entschiedener Intoleranz. Wie zu erkennen, ist Esperanto nicht das einzige, wenn auch erfolgreichste, Projekt fuer eine internationale Sprache. Es gibt eine Menge von Projekten fuer eine Intersprache, die aber bis auf ein paar ganz ohne Anhaenger und also ohne Erfolg geblieben sind. Heute spielen neben Esperanto noch Ido und Interlinqua eine Rolle. Letzteres ist eine Intersprache, die wie eine romanische Sprache wirkt und die das vor allem romanische Sprachgut fast unveraendert aus den nationalen Sprachen uebernommen hat, damit allerdings auch Schwierigkeiten und Unregelmaessigkeiten der Orthographie und Grammatik der Ursprungssprachen.

Anlaesslich der Pariser Weltausstellung 1900 bildete sich die Delegation fuer die Einfuehrung einer internationalen Hilfssprache mit dem Ziel, die sprachliche Vielfalt, die auch den Zielen und der Arbeit der Wissenschaft hinderlich war, durch eine zweite Sprache fuer alle, und so auch fuer die Gelehrtenwelt, zu kanalisieren. Die internationale Wissenschaftlerdelegation war hochkaraetig besetzt, so gehoerten ihr unter anderem der bedeutende daenische Sprachwissenschaftler Otto Jespersen sowie der (spaetere) deutsche Nobelpreistraeger fuer physikalische Chemie Wilhelm Ostwald an. Die Delegation pruefte in mehrjaehriger Arbeit verschiedene Intersprachprojekte und sprach sich am Ende fuer Esperanto aus, mit der Massgabe, dass bestimmte notwendige Reformen der Sprache durchzufuehren seien. So akzeptierte man das von dem franzoesischen Professor Couturat vorgelegte Reformprojekt des Esperanto. Obgleich Esperantoschoepfer Zamenhof anfangs erklaert hatte, er wolle sich jeder Entscheidung der Delegation beugen, lehnte er schließlich das Reformprojekt ab. So erschien es unter dem Namen Ido(idiomo di omni-Mundart fuer alle). Im Idi sind die Maengel des Esperanto ueberwunden. Die Sprache ist entwicklungsfaehig und wird seit 90 Jahren in Wort und Schrift praktiziert. Es erscheinen Zeitschriften in Ido, und die Sprache verfuegt ueber eine eigene Literatur. Die Idisten treffen sich zu Kongressen und Konferenzen.

Ein Vergleich zwischen Esperanto und Ido zeigt die Unterschiede Esperanto: Tio kion la homaro bezonas de longe, estas komuna lingvo por cxiuj homoj en la mondo kiel dua lingvo. Ido: To quon la homaro bezonas depos longe, esas komuna linguo kom duesma linguo por omna homi. Esperanto: Idistoj kaj Esperantistoj agas por tiu cxi celo. Ido: Idisti ed Esperantisti agas por ca skopo.

Ein zweiter Grund mag erklären, warum Esperanto trotz der Vorzuege des Ido bis heute wesentlich weiter verbreitet ist als dieses. Die meisten Menschen, die eine konstruierte Intersprache lernen, tun dies nicht unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Fuer sie ist entscheidend, wie verbreitet die Sprache ist und welchen kommunikativen Nutzen man davon hat. So gesehen bietet Esperanto die meisten Vorteile. Es ist auch ein Vorteil der Sprache, dass sie am bekanntesten ist. Man trifft oefter auf Esperanto. Dennoch erlernen immer haeufiger Esperantisten Ido, weil sie dessen Vorzuege erkennen. Vielleicht ist heute die Beschaeftigung mit einer internationalen Sprache fuer viele vor allem ein interessante Hobby, das einem weltweite Kontakte bringt, tatsaechlich aber ist sie mehr. Das Wirken fuer die offizielle Einfuehrung einer internationalen Sprache als zweiter fuer alle ist Wirken fuer gesellschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation. Dabe wird letzten Endes nicht entscheidend sein, wie groß die auf dem Propagandawege erzielte Zahl der Anhaenger oder Sprecher dieser Sprache ist, entscheidend kann letzten Endes nur die sprachliche Qualitaet sein.“

Hier stellt sich die kaum zu beantwortende Frage, warum denn ein radikaler, „fundamentalistischer“ Mensch wie Heinrich Goldberg sich in diesem Streit zwischen Esperantisten und Idoisten für die „realistische“ Variante entscheidet. Ein „Fundi“, der hier „Realo“-Positionen bezieht? Vielleicht waren seine Freunde im Ido-Lager beheimatet und er zog nach, vielleicht war es seine kämpferische Natur, die ihn in das Reformlager trieb; aber inhaltlich kann man sich den späteren Filareto Kavernido viel leichter als reinen Esperanto-Anhänger, einer unbeugsam und kompromisslos auf Logik gebauten Sprache. Er passt unseres Erachtens viel besser in Esperanto als in Ido. Jedenfalls blieb er sein Leben lang der Ido-Strömung treu. Wir wissen, dass er in der Dominikanischen Republik jede Gelegenheit nutzte, unter Mithilfe von Mally Michaelis. Korrespondenz mit seinen „Samideani“ oder Gesinnungsgenossen in Europa auf Ido zu führen (wir haben noch kein einziges Dokument gefunden) oder mit Mally selbst auf Ido ein Gespräch zu führen.Und es waren die Herausgeber der Ido Zeitschrift PROGRESO in der Schweiz, die anscheinend die erste Nachricht über seine Ermordung in Europa veröffentlichten.