Kulturkampf statt Klassenkampf

Heft 3 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Einführung von Santiago Tovar

Dieses Heft dient hauptsächlich der Abgrenzung gegenüber den traditionellen sozialen Organisationen. Hier konfrontiert F.K. seine Weltanschauung mit den in der Bevölkerung mehrheitlich verbreiteten sozialistischen Theorien. Ziel ist, eine als materialistisch begründete Anthropologie gegen die gängige klassenanalytische Theorie der Gesellschaft auf die Beine zu stellen. Dafür beginnt er mit dem gemeinsamen Gedankengut und verwendet zunächst den von allen akzeptierten Satz: „Der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse“ gegen die „Berufskämpfer“, also die Funktionäre der Arbeiterparteien und Gewerkschaften selbst. Es ist klar, daß die Gefolgschaft für seine Kommune aus den Kreisen der Unzufriedenen mit diesen Massenorganisationen kommen sollte. Deren Funktionäre seien also von den Entwicklungen überholt, psychologisch unfähig, sich weiterzubilden und die Veränderungen in der Gesellschaft und den neuen Bedürfnissen zu erkennen. Schuld an ihrer Unfähigkeit, die neuen Verhältnisse zu erkennen wäre die zentralisierte Struktur der Massenorganisationen. Um die Entwicklungsstadien der Gesellschaft in der Geschichte zu erklären greift er zur Evolutionstheorie Darwins und den Anpassungsverwandlungen der Tierwelt zurück. Und der Mensch ist „nur als eine besondere Tierart, und nicht als irgend etwas anderes zu betrachten“. Die Besonderheit liegt im Besitz der „Vernunft“, etwas „körperliches“ welche beim Menschen, im Unterschied zu den Tieren, das Bilden neuer Organe für die einzelnen Bedürfnisse ersetzt. Hier kommt Dr. Goldberg statt Filareto zu Wort und kann sicherlich den Zuhörer mehr als den Leser mit einigen Kommentaren zu den Funktionen des Gehirns und der Sinnesorgane beeindrucken. Sein Ziel ist zu beweisen, daß „der Mensch das Resultat der äusseren Zustände der Umgebung ist, in der er leben muß, und von denen die Fortentwicklung der Menschheit bestimmt wurde und wird“. Alles nachvollziehbar, es handelt sich keineswegs um originelle Gedanken, sondern um damals von der neueren Philosophie verbreitete und ziemlich populär gewordene Ideen. Aber Filareto sucht hier eine materialistischere Ableitung der Funktionen der Vernunft als solche, die sich aus der Beeinflussung durch die Umgebung, genauso wie die Körperfunktionen, entwickeln.

Dann geht er doch auf die Entwicklung der Produktionsmittel als Basis der Gesellschaftsformationen ein, freilich nicht im Sinne von Marx, d. h. Produktivkräfte und deren Entwicklung als Bestimmung der Produktionsverhältnisse, also der Klassen usw. …..sondern als eine Aufgabe, eine „Arbeit der Vernunft, und so erkennen wir, daß die Vernunft in unserm Leben die Rolle des theoretischen Zeichners in der Technik spielt. Dann kommt der praktische Konstrukteur und zeigt uns die Irrtümer der Theorie. Das ist die richtige Interpretation des historischen Materialismus“ und so arbeitet er die Notwendigkeit der Veränderung der Gesellschaft als Widerspiegelung der von der Vernunft geleiteten Veränderung der Maschinen, der Bedürfnisse und der Produktionsprozesse heraus. Also an die Stelle „objektiver“ Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft setzt F.K. die bewußte Rolle der Vernunft, die voluntaristische Möglichkeit des Eingriffs. Er ruft dazu auf, da wir diese Vernunft besitzen: „also benutzen wir sie!“.

Aus Gründen, die nicht weiter erklärt werden, behauptet er, daß die „Beziehungen zwischen ihrer Vernunft und den ökonomischen Zuständen“ von den Menschen nicht klar genug begriffen werden. Und deswegen können die Menschen nicht erkennen, daß sie Individuen und nicht nur Mitglieder einer Gruppe sind. Würden sie das einsehen, würden sie sich als Weltbürger betrachten und nicht in den staatlichen oder nationalen Grenzen und Kategorien gefangen bleiben. Auf diese Weise begründet F.K. die Notwendigkeit der überwindung des Nationalismus, des Chauvinismus und kritisiert die überholte Politik der sozialistischen Parteien, ihre Kriegsbegeisterung und -beteiligung 1914. Selbst Lenin wird nicht verschont, und seine „Bestrebungen um die Erhaltung des russischen Reichs… (ist) … der schlagendste Beweis dafür, daß auch die fortgeschrittensten Führer der heutigen Menschheit zur Zukunft noch vollständig in der Ideologie des nationalistisch kapitalistischen Gesellschaftsaufbaues stecken“. Immerhin ein antizipierendes Urteil, da Lenin damals noch auf den Ausbruch von revolutionären Entwicklungen in anderen fortgeschritteneren Ländern wartete und die Losung des „Sozialismus in einem Lande“ noch nicht ausgegeben worden war.

Nun kommt er zu einem ziemlich verwirrenden Punkt: er vergleicht die Absurdität der Kriege zwischen Nationen mit dem Kampf zwischen den „wirtschaftlichen Gewalten“ innerhalb der Staaten; mit anderen Worten, er negiert die Bedeutung der Unterscheidung von Klassen und behauptet, daß die Gegenüberstellung von Kapitalisten und Arbeitern keinen Platz für den „kleinen Kaufmann“ oder den „Kleinfabrikanten“ läßt, deren Interessen „sich ungeheuer von denen“ des „Mitgliedes eines Riesentrustes“ oder des „Besitzers eines Riesenkaufhauses mit Filialen in allen Städten“ unterscheiden. Dasselbe passiert mit der Gegenüberstellung der „Landwirte“ und der „Kleinbauern“. Deswegen meint F.K., daß man „nicht von einer einheitlichen bourgeoisen Kapitalistenklasse sprechen“ kann, „die von Einem Gedanken und Einer Seele beherrscht wird“.

Aus diesen Unterschieden zieht er die Schlußfolgerung, daß es auch Unterschiede in „der intellektuellen Sphäre“ geben muß. Also nicht klassenspezifische Unterschiede spielen für Filaretos Eingriff in den gesellschaftlichen Prozess eine Rolle, sondern die Individuen mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Charakter, ihren Interessen und ihrem Durst nach Wissen und Kunstgenuß. Und aber auch ihre Unterschiedlichkeit, d. h. daß die „Menschen nicht gleich sind“. Hier müssen wir eine längere Passage zur treuen Wiedergabe zitieren:

„In der Bourgeois-Klasse finden wir viele Individuen, welche nichts kennen, als die stupidesten Zerstreuungen durch Kartenspiel und Saufen, eine Unterhaltung über ihre Beschäftigungen und die Weiberfrage, d. h . galante Abenteuer, oder die Erscheinungen der pornographischen Literatur, die ihnen Gelegenheit gibt, neue Zoten und Schweinereien zu erfinden. Spricht man mit solchen Menschen über ethische oder ästhetische Fragen, so lächeln sie auch laut über den verrückten Idealisten. Und diese Menschen sind nicht Arbeiter, denen es an der Zeit zum Lernen gefehlt hätte, sondern ich spreche von Menschen, die studiert haben, von Doktoren und Professoren, von Menschen, welche die Höhe des modernen Unterrichts erreicht haben. Andererseits finden wir sicher in der Bourgeois-Klasse Menschen, welche dieses Missverhältnis zwischen unserer geistigen Ausbildung und unserm ethischen Tiefstand sehen und fühlen, und welche sich bemühen, eine neue ethische Basis für unser Leben aufzubauen. Aber auch diese können die Zusammenhänge zwischen der ökonomischen und ethischen Frage nicht sehen, auch sie können nicht erkennen, das die Fehler der jetzigen Gesellschaft auf der Unrichtigkeit des kapitalistischen Systems beruhten, und nur einige wenige Individuen, die hervorgegangen sind, aus denselben sozialen Zuständen, denselben Schulen, demselben Milieu, erfassen diese Beziehungen, und von diesen wenigen wiederum nur sehr sehr wenige sind imstande die Konsequenzen ihrer Erkenntnis zu ziehen. Was ist nun die Ursache dieser Erscheinung? Das ist die Tatsache, daß die Menschen nicht gleich sind, daß sie sich in Körper- und Geisteskräften unterscheiden, daß es nicht eine Menschheit gibt, sondern eine Masse unendlich vieler Individuen, welche nur in Bezug auf die äussere Erscheinungsform ihres Körpers gleich sind, die ihnen den Titel Mensch verleiht…. Aber wirklich innerlich…unterscheiden sie sich weitestgehend“.

Diese Ungleichheit unter den Mitgliedern der „Bourgeois-Klasse“ macht nach Meinung F.K.’s deren Betrachtung als eine einheitliche Klasse unmöglich. Nun gilt daselbe, wie er weiter ausführt, für die „Arbeiter-Klasse“. Innerhalb ihrer sind auch „Interessengegensätze“ und sogar noch grössere „Unterschiede in Bezug auf die intellektuelle Ausbildung der einzelnen..“ vorhanden. Eine reine „materialistische“ Betrachtungsweise ist falsch, denn sie trennt „den Körper von der Seele“, deswegen sei jede „vereinfachende“ Analyse der Probleme falsch, man müsse begreifen, daß „die menschliche Entwicklung ein äusserst komplizierter Prozess“ sei, und um „gerecht über irgend eine Erscheinung urteilen zu können“ müsse man „alle Ereignisse und Ursachen in Betracht ziehen“. Filareto trennt hier mühselig aber eigentlich nicht unrichtig Klassenbewußtsein von Klassenzugehörigkeit, schüttelt das Ergebnis der Ausführungen aber ein wenig durcheinander und kommt dann zum Schluß, daß es keine Klassen gibt, folgerichtig muß der Kampf auf der Ebene des Bewußtseins, als „Kulturkampf“ und nicht als Klassenkampf stattfinden.

Nach einer etwas ungeduldigen Erklärung, er müsse immer wieder wiederholen, „daß wir den Menschen als Naturprodukt betrachten“ müssen, für dessen Leben „keine anderen Gesetze als in der gesamten übrigen Natur gelten“, entwickelt er „naturbezogene“ Argumente über den Unterschied von zwei fundamentalen Typen von Menschen, die er so definiert: „der Mensch (stellt) auch … nur eine Erscheinungsform der beiden Kraftformen, der aufgespeicherten und der lebendigen Kraft (dar). Diese beiden Kraftformen stellen sich im Individuum dar, und wir sehen nun zwei Typen von Menschen: beim ersten Typ ist die lebendige Kraft stärker, beim zweiten kleiner und schwächer als die aufgespeicherte; daher ist der erste Typ lebhaft, vorwärtsstrebend, fleissig und abenteuerliebend, der zweite bequem, ruhebedürftig, konservativ, klug und vorsichtig“. Im Prinzip gibt F.K. keinem der beiden Typen den Vorzug, aber in der Auswahl der Merkmale kann man leicht sehen, was sein Ideal ist, was er lieber verkörpern möchte und was er den Mitgliedern der Kommune als wünschenswertes Ziel vorlegt. Er würde alle Kennzeichen des ersten Typus zuzüglich der Klugheit des zweiten auf sich beziehen, und den Freunden und Kameraden, die dem „Vormarsch“ der Kommune im Wege stehen würden, unbedingt als „konservativ“ und „bequem“, als „ruhebedürftig“ beschimpfen.

In jedem Falle sind die Typen-Unterscheidung und die nachfolgenden Ausführungen etwas dürftig und abwegig, um die herkömmliche Theorie der Klassen und der Rolle des Klassenkampfes in der Geschichte zu widerlegen, denn darum geht es ihm hier, der ja mit dieser Broschüre den „Kulturkampf“ an die Stelle des „Klassenkampfes“ setzen will. Mit anderen Worten, er erklärt den interessierten Kameraden, die ja zumeist aus den benachteiligteren Schichten der Gesellschaft stammen, daß nicht die Gewerkschaften, nicht die mit ihnen verbundenen politischen Parteien, nicht der von Sozialdemokraten organisierte Kampf in den Institutionen und um Verbesserungen der Arbeits- oder Lebensbedingungen, oder der von Anarchisten und Kommunisten offene Klassenkampf, inklusive der Methoden der Demonstrationen und mehr oder minder gewalttätigen Mitteln des Strassenkampfes die Lösung sind. Das ist nicht leicht zu übernehmen, zumal gerade in Berlin diese Bewegungen einen zunehmenden Einfluss und bereits über eine breite Massenbasis verfügten. Wir wissen, daß Mitglieder der „Goldberg-Commune“ wie etwa Hannchen Gloger aus der linkssozialistischen Ecke kamen, die Kontakt zu Rosa Luxemburg und zum Spartakus-Bund seit dessen Gründung hatte. Darum hat Filareto ein denkbar einfaches Wirtschaftsprogramm entwickelt , das schnelle Lösungen verspricht. Darum auch hat er, wie wir vermuten, Menschen der oberen Schichten der Gesellschaft auf ihre Beteiligung an der Kommune angesprochen oder um direkte Unterstützung gebeten. (siehe Fussnote 5)

Denn in seinen Ausführungen zu der Ungleichheit der Menschen fährt er so fort: „Wir haben zwei Typen, die nach ihren physischen und psychischen Kräften verschieden sind. Diese Typen brauchen nicht Feinde zu sein, sie können friedlich nebeneinander leben, aber sie können nicht miteinander arbeiten; sie können eine Basis finden auf der sie austauschen können, was sie von ihren Produkten selbst nicht brauchen, und ich bin überzeugt davon, daß der Schwache bei einem derartigen Austausch in einer freien Gesellschaft nicht schlecht fahren wird“

Paradiesisch! Ist das nicht ein schönes Versprechen? Alles, die Verteilung der Arbeitsaufgaben und der Früchte der Arbeit geschieht auf freiwilliger Basis, wenn man erst die Grundlagen der neuen Gesellschaft in der Kommune geschaffen hat. Schön wäre es gewesen! Aus der Unmöglichkeit, dieses utopische Programm zu verwirklichen, entsteht der Drang zur Auswanderung, immer weiter Weg, zuerst nach Südfrankreich, dann nach Korsika, später in die Karibik, auf der Suche nach einem eigentlichen „Nimmerland“.

Filareto benutzt dann ein Gleichnis um zu erklären, daß die einzelnen Menschen, die Individuen, indem sie sich zu Kommunen zusammentun, zusammenarbeiten und zusammenleben, im allgemeinen Schnitt bessere Möglichkeiten haben werden, „nach seinen eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu leben, ohne daß der eine die Freiheit des andern stört, aber niemals können sie über die Mitel streiten, mit denen ein solcher Zustand erreicht weden soll“.

Hier seine Parabel: „Mehrere Menschen wollen zusammen einen Ausflug in die nächste Stadt machen; die einen haben ein Automobil. Die andern einen kleinen Karren mit einem Klappergaul davor: Was können sie tun? Es wäre lächerlich, wenn die zweiten verlangten, daß die Automobilisten nur so langsam führen, als ihre Mähre laufen kann, denn das wäre ein Plage für die Automobilisten, würde viel zu viel Brennstoff und Maschinenkräfte verbrauchen, und den zweiten nicht den geringsten Vorteil bringen. Andererseits wäre es gleich lächerlich, wenn die Automobilisten verlangen wollten, daß die andern ihren Karren hinten an das Automobil anbänden, und das Pferd zu Hause liessen. Der Karren würde, so wie das Automobil nur seine halbe Geschwindigkeit entfaltete, sehr schnell in tausend Stücke gehen. Die einzige Lösung dieses Problems kann nur die sein, daß sie gemeinsam die Stadt verlassen, die Automobilisten gleich nach ihrer Ankunft das Diner bestellen, so daß nun die Wagenfahrer bei ihrer Ankunft den Tisch gedeckt, die Stühle bereit finden, und nur nötig haben, sich niederzusetzen und mit dem Essen zu beginnen“.

Daraus folgt die Forderung „an alle fortschrittlichen Elemente“: gehen wir zum nächsten Zustand der Menschengesellschaft voran! Und jeder soll so schnell gehen, als seine „Fortbewegunsmittel ihm das gestatten“. Das Ziel des Weges hat F.K. bereits in seinem ersten Heft aufgezeigt: „die Erhöhung und Kräftigung unserer Instinkte, d. h. der Aufbau eines wahren Kulturzustandes der Menschheit“. Und die Tatsache, daß jede Gruppe oder jeder Mensch eine andere Meinung zu haben scheint, die Tatsache, daß es Klassenkämpfe zu geben scheint, daß es „Kämpfe zwischen Sozialdemokraten, Anarchisten, Revolutionären und allen jenen Zwischenmitgliedern und Mischungen dieser Dogmen und Gesichtspunkte“ gibt, zeigt eigentlich, daß sie ein „Mittel der natürlichen Entwicklung sind, um unsere Vernunft zu höherer Entfaltung zu bringen“. daß all diese Spiele und Kämpfe „fatalistisch“ oder naturnotwendig an dieses Ziel heranführen.

Aber jetzt können wir bereits diesen „Kulturzustand“ erkennen. Also, schlägt Filareto Kavernido ungeduldig vor, „müssen wir probieren“, um ihn zu erreichen, und deshalb erklärt er: „ich nenne mich selbst ‚Probist‘ und fordere: handelt und schwatzt nicht nur! Deshalb rufe ich: probiert! Werdet Probisten! Gebraucht Eure Kräfte, um eine neue Kulturgemeinschaft aufzubauen, dann wird die jetzige verfaulte Gesellschaft von selbst sterben. Kämpft den Kulturkampf statt des Klassenkampfes“.

Damit endet Heft 3. Wir nehmen an, daß das geplante aber nicht veröffentlichte oder vielleicht verschollene Heft 4 über die „Grundideen des Aufbaus“ genauere Ausführungen dessen beinhalten sollte, was sein Vorschlag war für die Organisation in der Kommune, ihre wirtschaftliche Basis und ihr Austausch mit der Außenwelt, ihre interne Organisation, die Rolle der Erziehung, sicherlich auch eine Erklärung zur Praxis der freien Liebe – die er in den beschriebenen Schriften nicht geliefert hat – und andere brisante Fragen, auf die er bei den Diskussionsabenden mit den Meinungsführern anderer Gruppen vermutlich mündliche Erklärungen abgegeben hat. Ein Teil dieser Vorschläge und Antworten befindet sich in den oben erwähnten Prinzipien „Zur Propaganda“, jedoch in einer sehr verkürzten Form. Ansonsten können wir sie höchstens aus den Texten und aus den uns bekannten Lebensformen der Kommune rekonstruieren. Paradoxerweise hat er in einem kürzlich aufgetauchten Brief aus dem Jahre 1925 behauptet, dass es keine Schriften von ihm gibt. In diesem Brief, an die Schweizer Anarchistin Margarete Hardegger mit der Bitte um Einladung in die Schweiz gerichtet (siehe KORRESPONDENZ auf dieser Webseite) sagt er: „Propagandaschriften von uns existieren nicht. Alles was ich geschrieben habe ist in der Idozeitschrift „Libereso“ früher „La Socio“ veröffentlicht“. Heisst das, dass er seine Vorstellungen, die er in diesen Mitteilungsblättern 5 Jahre vorher dargelegt hatte, nicht mehr für richtig hält? Verschweigt er deren Existenz vielleicht weil er meint, dass sie ihm und seiner Gruppe den gewünschten Weg in die Schweiz verbauen könnten? Fragen, die wir noch nicht beantworten können.

Fussnoten

  1. Die nachfolgenden Zitate stammen aus dem Brief, den er am 28.02.1921 an einen anarchistischen Publizisten, wahrscheinlich Pierre Ramus in Wien, geschrieben hat. zurück zum Text
  2. Harry Wilde: „Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit – Eine Biographie“, Desch 1965 zurück zum Text
  3. „Zwischen Kaiserreich und deutschen Republiken“, Rundfunkinterview mit Lotte Fenske, Berliner Rundfunk 2003 zurück zum Text
  4. Es ist vielleicht nur auf dem ersten Blick verwunderlich, daß Filareto die berühmte Vertonung von Richard Strauss „Also sprach Zarathustra“ nicht erwähnt. Es bestätigt den sehr „konservativen“ Geschmack in Kunstfragen, den wir bei Filareto vermuten. Dennoch muss er dieses Werk, das 1896 in Frankfurt uraufgeführt und bald danach eine Art zweite Premiere in Berlin feierte, gekannt haben, denn es handelte sich um eine frühe, erstklassige Anerkennung des Gedichts seines Idols Nietzsches. zurück zum Text
  5. Im Buch Harry Wildes, in dem er seiner Enttäuschung über den „Jünger“ Nietzsches Filareto Kavernido Luft macht, erzählt er, allerdings aus zweiter Hand, daß dieser zuweilen eine Art Doppelleben führte, das ihn in die höheren Kreise der Gesellschaft, einschliesslich aufwendigem Soupieren im Smoking bei Kempinski oder Horcher aufsteigen liess. Und ich vermute, er hat diese Mitglieder der oberen Gesellschaft mit seinem Charme und seiner Faszinationskraft um Mittel für seinen Kampf für die Zukunftsgesellschaft angepumpt. zurück zum Text

Santiago Tovar