Kulturphilosophische Betrachtungen

Heft 1 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Einführung von Santiago Tovar

Die „Kulturphilosophischen Betrachtungen“, das erste Heft der „Mitteilungsblätter“, sollen eine Interpretation der Geschichte der Menschheit und deren Fortschritt bzw. Verlauf darlegen. Dabei bemüht sich F. K., sowohl gegen die religiöse als auch gegen die atheistische Interpretation zu argumentieren. Vielmehr bezieht er einen agnostischen und idealistisch geprägten Standpunkt: man muß vermuten, daß es ein höheres Wesen gibt, weil es die perfekte Idee oder die Perfektion in der Kunst gibt, aber es ist müssig, über dessen Existenz, die nicht beweisbar ist, zu debattieren.

Der Fortschritt geht „mit gewundenen Abstechern nach rechts und links“, nicht geradlinig vonstatten. Er ist nicht „das bewußte Werk menschlicher Vernunft“, sondern vielmehr es ist diese „menschliche Vernunft…die erst sehr spät hinter den Kräften, die uns treiben, die wir nicht kennen, aber ahnen, fühlen, genialisch erfassen, hinterher hinkt.“ In diesem Zusammenhang erklärt er sein Verständnis der Begriffe „Zivilisation“, worunter man „den Stand unserer wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen und Erzeugnissen“ zusammenfasst, während „Kultur“ den „Grad von einheitlicher Entwicklung unserer sittlich-künstlerischen und wissenschaftlich-technischen Ausbildung“ darstellt.

Dann, in enger Anlehnung an Nietzsche, schildert er die verschiedenen Etappen der Menschheitsentwicklung seit dem Untergang der alten hellenischen Kultur. Mit dem Sieg der Ideen Sokrates im 5 Jh. v. Chr. setzt sich die „Welt des Wissens“ gegen die „Welt der Kunst“ durch. Das für F. K. damit einhergehende bedauernswerte Ergebnis ist das Ende einer Kultur der ästhetik, welche zur allgemeinen Erhebung beiträgt, und welche „die schönste und reinste überwindung aller Schmerzen und Enttäuschungen empfindet, die das Leben uns schlägt“ bedeutet; sie wird ersetzt durch das Heraufkommen einer Gesellschaft, in der das „Suchen nach Wissen … zur Grundlage einer Gesinnungsrichtung (wird)…. die bis heute dem ganzen Menschengeschlechte auf seinem Entwicklungsgange vorgeschwebt hat“. Hier haben auch „weniger Begabte die Möglichkeit, etwas Neues zu finden und den Ruhmeskranz der Erfinderlorbeeren auf ihr Haupt zu drücken“. Es wird auf „alle künstlerischen Tröstungen verzichtet“. Somit handelt es sich also nicht mehr um „Kultur“, sondern um „Zivilisation“. Er möchte wissenschaftlich bleiben und bemüht sich, „nach und nach das eine oder andere Geheimnis der Natur abzuringen“. Nebenergebnis dieser „märchenhaft anmutender Höhe wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Erkenntnis“ ist, das sagt er hier etwas unvermittelt und meint den gerade zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieg, „dieser fürchterliche Krieg“. Aber diese Suche nach der Wahrheit durch den „wissenschaftlich-strebende Mensch“ wird niemals entlohnt werden, die „Wahrheit“, das „letzte Welträtsel, die Frage nach dem Anfange aller Dinge“ niemals erschlossen werden kann. Die Folge ist eine „tiefe Entmutigung“ für die Menschen; die Unmöglichkeit, das Ziel zu erreichen, wird sie dazu treiben, in „den absoluten Pessimismus zu verfallen, und den Kampf mit dem Leben ganz aufzugeben.“ F. K. unterscheidet nun drei Perioden in diesem Geschichtsabschnitt: zunächst die römische Zeit, die Zeit der „praktischen“ Menschen, „nur Leiden, nur Arbeiten und Mühen, aber keine Erholung“, eine Zeit exzessiven „Genußes berauschender Getränke, Liebeslebens“, die aber keine „nachhaltige Befriedigung“ gewähren kann. Dann das Christentum, das die letzten Reste der griechischen Kultur ablöst und dem Leben den Sinn gibt, sich „für das bessere Jenseits“ vorzubereiten. Es gibt also ein Ziel wieder, und diese Epoche dauert 1400 Jahre, bis zur dritten Etappe, der Renaissance, als „Widerspruch zwischen menschlicher Natur und einer solchen lebensverneinenden Philosophie (sich Bahn bricht) zur Erkenntnis“. Es ist die Wiedergeburt der hellenischen Kultur. Es folgt ein schneller überblick über den Kampf zwischen den sich auf dem Rückzug befindenden christlichen Werten und letzterer: Albigenser, Hussiten, Savonarola, Luther werden in diesem Zusammenhang aufgezählt. Der Protestantismus drückt die „protestierende Hoffnung“ gegen den „katholischen Gewissenszwang“ aus: es wird die Musik Bachs, Haydns und Beethovens mit der Neunten Symphonie als Gipfelpunkt zitiert, und sie wird als die neue Kunstgattung genannt, gleichsam die „höchste Höhe und tiefsten Empfindungen“, die sich in den christlichen Pessimismus nicht mehr einfügen wollte. „Beim Hören dieser Musik winken uns neue Ziele; hier werden wir über uns selbst hinausgehoben, hinaus über die kleinlichen Bedürfnisse der individuellen Seele zu höheren Aufgaben.“ Wie die Musik, so auch das dichterische Genie, zuallererst Goethe mit seinem Faust. Kant und Schopenhauer arbeiten, trotz der Offenbarungen auf dem Gebiet der Kunst, noch in der Begriffswelt des Sokrates; Schopenhauer mit dem „Bekenntnis des absoluten Pessimismus“ bedeutet der Höhepunkt der sokratischen Kultur….„und – ihr Ende“. Und dann kommt der Schritt in die Richtung der überwindung dieser Unvollkommenheit und um „diejenige Höhe erreichen zu können, die uns befähigt… den Pfad der Kulturentwicklungen in allen seinen Windungen überstehen zu können“. Und diesen Schritt macht Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie, gewissermaßen mit einem Fuß „auf dem Gipfel der sokratischen Erkenntnis, mit dem anderen auf dem des musikalischen Empfindens…“. Nietzsche geht einen Schritt weiter und liefert seine „wunderbare Dichtung des Zarathustra“ (siehe Fussnote 4). F.K. stellt hier die Verbindung zwischen Zarathustra und Goethes „Faust“ her und zitiert (Zweiter Teil, 5. Akt) die Stelle, an der Faust, um seinen Einfluss bzw. seine Vorstellungen ohne Rücksicht auf Verluste zu gestalten, die Hilfe von Mephisto herbeigerufen hat; trotz der tragischen Folgen seines Handelns zieht er daraus den Schluß, daß man unermüdlich streben muß:

„Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungne;

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß“

usw.

Aus dieser Ausführung leitet er ab, daß die freie Gemeinschaft, die Goethe meint, nur als freies Volk auf freiem Grunde stehen kann, daß sie „keine gewalttätige Zentralautorität“, also „Staat, Parlament, Sowjets, Mehrheitsbeschluß usw.“ braucht, denn die Menschen haben „Wissen und Gewissen genug, selber ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden..“. Was sie aber brauchen, ist eine „geistige Autorität, der sie folgen, weil sie ihnen den Weg zum eigenen Inneren weist“, und diese Aufgabe erfüllt Nietzsches Zarathustra. Er beendet seine Betrachtungen mit dem Aufruf, die zitierten Dichterworte Goethes als Grundlage ihrer Arbeit auf dem Weg „zu einer neuen freien Gesellschaftsorganisation“ zu nehmen.