Die Sozialphilosophischen Schriften

Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Eine Einführung von Santiago Tovar

Filareto Kavernido hat mindestens drei Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle veröffentlicht, in denen er versucht, das sozialphilosophische Fundament seiner Kommune zu erklären. Vermutlich gibt es noch eine vierte Schrift, die uns nicht vorliegt.In den drei vorliegenden „Mitteilungsblättern aus Zarathustras Höhle“ (im folgenden: MB), die alle den Untertitel: „Voraussetzungen und Erfahrungen des praktischen Aufbaus der Gemeinschaft der freien Menschen“ tragen und von der Organisation „La Kaverno di Zaratustra“ in der Mulackstr. 21 in Berlin Mitte herausgegeben wurden, hat Filareto Kavernido den Versuch unternommen, seinen Vorstellungen ein geschichtlich-philosophisches Fundament zu geben und in den ideologischen Kampf um Einfluß innerhalb der zersplitterten anarcho-kommunistischen Bewegung in Berlin und einigen anderen deutschen und europäischen Städten einzugreifen.

Diese Broschüren haben folgende Titel: „Kulturphilosophische Betrachtungen“ (8 Seiten), „Kultur und Zivilisation“ (15 Seiten) und „Kulturkampf statt Klassenkampf“ (16 Seiten). Alle drei haben das Wort Kultur gemeinsam; das erste Heft ist allgemeinen Gedanken und überlegungen, Heft 2 und 3 konkreteren Fragen und praktischeren Schlußfolgerungen gewidmet. Wir haben einen Brief vom 28. Februar 1921 an den Herausgeber einer anarchistischen Publikation, wahrscheinlich handelt es sich um Rudolf Grossman, auch unter dem Namen Pierre Ramus bekannt, in welchem Goldberg über seine Arbeitspläne berichtet. Pierre Ramus war führender Redakteur von „Erkenntnis und Befreiung“, einer Zeitschrift, die seit 1919 halbmonatlich in Wien erschien, und er hatte auf die Zusendung der ersten Hefte durch Filareto Kavernido „mit anerkennendem Interesse“ reagiert. Filareto Kavernido schreibt mit dankbarer Freude an den „lieben Kameraden“ und eröffnet ihm, daß er eine vierte Broschüre vorbereite, in welcher er „die Grundidee des Aufbaus nach (seinen) Anschauungen“ darlegen werde. Er bietet Pierre Ramus den Text zur Veröffentlichung in der Wiener Zeitschrift und fragt außerdem, ob der Drucksatz sich dann für die eigenständige Herausgabe als Broschüre in Berlin noch verwenden ließe, was eine nicht geringe Kostensenkung bedeuten würde. Wir haben jedoch bis jetzt keine Spur von der Existenz dieses angekündigten vierten Heftes gefunden und gehen davon aus, daß es nicht mehr erschienen ist.

Diese ersten drei Hefte sind auf dem Höhepunkt des Lebens und Wirkens von F.K. Anfang der 20er Jahre entstanden. Man kann sich vorstellen, daß das vermutlich geringe Echo, das sie bei der Diskussion in den entsprechenden Kreisen hatten – darüber beklagt sich F. K. im vorher zitierten Brief des Jahres 1921 -, die Mühen des täglichen Lebens und nicht zuletzt die finanzielle Not in der Kommune ihn daran hinderten, die Reihe fortzusetzen.

Abgesehen davon sind die darin enthaltenen Gedanken und Vorschläge kaum als wirksame Basis eines erfolgreichen ideologischen Kampfes zu betrachten. Er hat sich mit seinen Schriften wie auch mit seinen Vorträgen und Vorschlägen eher von den bestehenden Massenbewegungen abgegrenzt, als daß er die Gemeinsamkeiten gesucht hat; bekanntlich haben die Menschen höchstens vereinzelt den Weg zur Mitarbeit und Aufnahme in der Kommune gefunden, und zwar meistens, nachdem sie eher der Faszination des Redners Dr. Goldberg als der des Schriftstellers und Denkers erlegen waren. So blieb die „Commune Goldberg“ aufgrund der Weltfremdheit ihrer Gedanken, der unzureichenden Analyse der Gesetzmäßigkeiten und Zwänge der Wirtschaft des Industriezeitalters sowie der Radikalität ihrer Vorschläge für die Lebensform im Kollektiv nur eine Randexistenz neben den großen sozialen Bewegungen.

Exemplare dieser 3 MB befinden sich heute im Archiv des Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISH) in Amsterdam. Dort sind sie mit dem Jahre 1920 datiert. Sie werden in der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA Köln-Berlin auch mit 1920 als Erscheinungsjahr erwähnt. Außerdem verfügt die Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz in Berlin über ein Heft, das erste. Hier wird 1921 als Erscheinungsjahr angegeben, was auch nicht zutreffend ist. Aufgrund des vorher zitierten Briefes wissen wir, daß die ersten zwei Hefte im Januar 1921 bereits vorlagen, also 1920 erschienen sind, während das dritte für 1921 angekündigt wurde. Die „Mitteilungen“ sind auch in der Bibliographie von Alfred Eberlein aufgeführt ((„Die Presse der Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen: Von den dreißiger Jahren des 19.Jahrhunderts bis zum Jahre 1967“, Bibliographie und Standortverzeichnis der Presse der deutschen, der österreichischen und der schweizerischen Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen einschließlich der Protokolle und Tätigkeitsberichte mit einem Anhang „Die deutschsprachige Presse der Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen anderer Länder“, Berlin (Ost), Akademie-Verlag, 1968)), sowie in einer von Ursula Eberlein bearbeiteten Bibliographie ((„Internationale Bibliographie zur deutschsprachigen Presse der Arbeiter- und sozialen Bewegungen von 1830-1982“, Bearb. von Ursula Eberlein mit Unterst. der Dt. Forschungsgemeinschaft, hrsg. von der Universität Bochum, 2. aktual. u. erw. Aufl., München u.a.: Saur, 1996.))

Die Mitteilungsblätter waren im Selbstverlag veröffentlicht worden. Der Vertrieb erfolgte auch zumeist über die Mitglieder der Kommune, die Broschüren wurden offensichtlich bei den Diskussionsabenden und ähnlichen Veranstaltungen in Schulen und öffentlichen Vortragsälen an die Teilnehmer verkauft sowie vermutlich bei den Demonstrationen und verschiedenen Einsätzen der Kommunemitglieder auf der Straße vertrieben. Obwohl sie die Gedanken der Kommune als Organisation präsentieren sollen, tragen sie alle bezeichnenderweise die stolze Unterschrift seines individuellen Verfassers: Filareto Kavernido. Er hat sich beklagt, daß es ihm unmöglich sei, die Mitteilungsblätter regelmäßig erscheinen zu lassen, da die Mittel fehlten, auch sei „die Organisation noch nicht groß genug“ und offensichtlich auch nicht reif genug, um als kollektiver Verfasser dieser Schriften zu aufzutreten.

Die Hefte sind einfach, aber ziemlich korrekt gesetzt, es sind kaum Druckfehler darin; sie sind mit dem altdeutschen Schriftsatz gedruckt. Vielleicht geschah dies aus Kostengründen, vielleicht aber auch, weil es dem eher klassischen Geschmack von Filareto entsprach, aber es verwundert ein wenig, daß eine so traditionelle Graphik im Zeitalter der aufbrechenden Design-Avantgarde für eine solche Publikation benutzt wurde. Die Illustration auf der Mitte des sehr klassisch gehaltenen Deckblatts ist eine kleine altmodische Zeichnung die fast nur mit einer Lupe zu erkennen ist: sie zeigt wahrscheinlich den übermenschen Zarathustra, wie er sich vor der Höhle auf dem Gipfel eines hohen Berges hochreckt und der aufgehenden Sonne die Arme entgegenstreckt, wie es am Anfang des Werkes Nietzsches steht: „Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und gieng in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz,-und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:…“. Oder vielleicht wird eher der Schluß des Werkes dargestellt, als Zarathustra bereits mit der Sonne eins ist: „Also sprach Zarathustra und verliess seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt“. (Erster und letzter Satz aus „Also sprach Zarathustra“, F. Nietzsche). Jedenfalls zeigt die graphische Komposition keine besonders revolutionären Züge. über seine konservative Haltung in Kunstfragen, die sich folgerichtig aus seiner philosophischen Konzeption ergibt, werden wir im Zusammenhang mit Platon eingehen.

Die MB enthalten keine Preisangabe, dennoch wissen wir aus Filaretos Korrespondenz, daß sie zu 1.- Mk das Exemplar verkauft wurden, und daß deren Verkauf und die Notwendigkeit, die Kosten zu decken und einen gewissen Umsatz zu erreichen für die stets finanziell auf schwachen Füßen stehende Gruppe eine wichtige Frage darstellte. Der relativ hohe Preis pro Stück wird von ihm damit erklärt, daß er dafür sorgen wolle, „daß dieselben nur in die Hände derjenigen kommen, die wirkliches Interesse an der Idee haben“. ((Die nachfolgenden Zitate stammen aus dem Brief, den er am 28.02.1921 an einen anarchistischen Publizisten, wahrscheinlich Pierre Ramus in Wien, geschrieben hat.)) Die Broschüren wurden also nicht etwa verschenkt, sondern sollten verkauft und penibel abgerechnet werden. Freilich stand dies in einem gewissen Widerspruch zum erklärten Wunsch Filaretos, in seinen „Handelsbeziehungen“ mit der Außenwelt und innerhalb der Kommune auf Geldaustausch zu verzichten und getreu dem Prinzip des „Güteraustausches nach Bedarf“ eher im „kommunistischen Austausch abzurechnen“. Nebenbei bemerkt, auch hier sehen wir wieder ein Zeichen des chaotischen Wirtschaftsgebarens der „Commune Goldberg“, die letztendlich zu ihrem Verschwinden bzw. zur Auswanderung führen mußte. übrigens haben wir in einem Offenen Brief, den er im Januar 1921 an verschiedene anarchistische Gruppen gerichtet hat und der leider nicht komplett erhalten ist, eine interessante Bemerkung zu seiner Einstellung dem Gelde gegenüber gefunden; er beklagt sich nämlich darin, daß die Zeitschrift „Der Freie Arbeiter“ – eine Publikation, die in Wien zwischen 1918 und 1919 von der Föderation Revolutionärer Sozialisten wöchentlich herausgegeben wurde und welche eigentlich nicht unbedingt zur anarchistischen Strömung gezählt wird – eine Annonce von ihm nicht angenommen hat, in welcher Filareto Kavernido nach einem „Gesinnungsgenossen zur Hilfe .…. für seine Schneidergruppe in Mariendorf“ suchte; die Annahme des Inserats sei ihm verweigert worden, weil er „aus Prinzip … bezahlte Kräfte nicht einstelle“. Tatsache ist, daß es bei ihm keine richtige Unterscheidung zwischen Mitgliedern der Kommune und eingestellten Kräften, die für die Kommune arbeiten, gibt, und die anarchistische Zeitschrift seine Verfahrensweise sicherlich aus dem theoretischen und gewerkschaftlichen Gesichtspunkt, daß Arbeit entlohnt werden muß, abgelehnt hat: denn die Kommune war offenbar sehr unzulänglich organisiert. Es gab „Stammmitglieder“ und vorübergehende „Laufgenossen“. Die Arbeiten wurden nicht geplant, sondern ergaben sich eher zufällig, vielleicht nachdem sie sich die Nacht mit theoretischen Diskussionen um die Ohren gehauen hatten. Ebenso entstanden die meisten Arbeiten aus der Not und waren entsprechend unqualizierte, wenig produktive Jobs, wie wir bereits beschrieben haben. Der Ertrag dieser Verkaufs- oder Wiederverkaufsaktionen oder die Entlohnung für geleistete Putz- Kurier- oder andere Auftragsarbeiten wurde wahrscheinlich dazu verwendet, die laufenden Ausgaben der Kommune zu decken. Einen Lohn als solchen gab es nicht. Und in der Landkommune am Roten Luch ging es offensichtlicher chaotischer zu: dort handelte es sich nicht um Auftragsarbeiten gegen Bezahlung sondern um das notwendigen „Aufbauarbeiten“ einer kleinen Landwirtschaft: Zäune errichten, Höhle ausbauen, hacken, pflügen, säen, vielleicht sogar ernten…. Alles wurde spontan und unorganisiert angefangen, betrieben und dann genau so plötzlich wieder liegengelassen. Wir haben einige Bemerkungen zu dieser vagen Einstellung zu Organisation, Arbeit und Entlohnung bei Harry Wilde in seinem Buch über Theodor Plievier ((Harry Wilde: „Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit – Eine Biographie“, Desch 1965)) gelesen; er war irgendwann um 1925, aus der Provinz kommend, nach Berlin gelangt und hatte die Kommune Goldberg voller freudiger Erregung aufgesucht. Er war enttäuscht und hat darüber viele Jahre später sehr negativ, sogar etwas tendenziös aus dem Gedächtnis geschrieben, denn er verbrachte einige Tage dort und war Zeuge der chaotischen Verhältnisse und der mangelnden Organisation der Arbeit. ((m Buch Harry Wildes, in dem er seiner Enttäuschung über den „Jünger“ Nietzsches Filareto Kavernido Luft macht, erzählt er, allerdings aus zweiter Hand, daß dieser zuweilen eine Art Doppelleben führte, das ihn in die höheren Kreise der Gesellschaft, einschliesslich aufwendigem Soupieren im Smoking bei Kempinski oder Horcher aufsteigen liess. Und ich vermute, er hat diese Mitglieder der oberen Gesellschaft mit seinem Charme und seiner Faszinationskraft um Mittel für seinen Kampf für die Zukunftsgesellschaft angepumpt.))

Alle drei Hefte enthalten im Umschlags- und Rückblatt zwei jeweils acht Punkte umfassende Erklärungen mit dem Titel „Zur Propaganda“ und „Grundgedanken der anarcho-kommunistischen Organisation La Kaverno di Zaratustra“ (LKdZ); ausserdem enthalten sie einen 15 Punkte umfassenden als logisches Schlußfolgerungsgebäude strukturierten Text unter dem Titel „Zum Zweck des Daseins“.

Mit diesen 15 Punkten zum „Zweck des Daseins“ legt F.K. eine Theorie der Entwicklung des Individuums und der Menschheit vor, die sich eigenständig gegenüber der Metaphysik und der Welt der Religion definiert.

Sie erklärt sich von vornherein aus den Prinzipien des Agnostizismus, nach denen man nämlich beim Menschen keine „höhere Ursache unserer Existenz… leugnen noch beweisen… kann“ Punkt 5.

Die Annahme einer „höheren Ursache“ führe nicht zwingend zur „Annahme eines besonderen Lebenszweckes als Absicht der schaffenden Ursache“ Punkt 6.

Außerdem sei das Vorhandensein einer „Entwickelungsrichtung nur das Wesen des „Kunst“werkes: (und das) Leben, die in ihm objetivierte platonische Idee“ Punkt 7[/textblock][textblock style=“3″]Dies sei „kein Grund zum Pessimismus“ Punkt 8,

denn wir können unser Leben darin rechtfertigen, daß wir „größtmögliche Harmonie zwischen unserem Instinktleben und unserer Umgebung“ Punkt 9 herstellen.

Die natürlichen Instinkte sind der „Fortpflanzungs- und (der) Selbsterhaltungstrieb“, sowohl im Falle der Annahme der Existenz einer höheren Ursache wie in dem ihrer Negierung, denn in diesem letzteren Falle wäre „die Hingabe an diese Triebe“ die „einzige Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen“Punkt 10 und 11.

Dabei wird der Fortpflanzungstrieb zu Kunst und Ethik, der Selbsterhaltungstrieb zu Wissenschaft und Technik umgewandelt Punkt 12.

Die Hingabe an diese Triebe führt somit „zur höchsten Ausbildung des Individuums in allen seinen Fähigkeiten“, d. h. „zum vollwertigen Kulturindividuum“ Punkt 13

und zwar unter allen denkbaren philosophischen oder religiösen Annahmen der Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Ursache Punkt 15.

Das erreichbare Ideal ist der „vollkommene Kulturzustand“ wenn alle in „der Menschheit wirksamen Kräfte voll entwickelt und erschöpft“ sind Punkt 14.

Und die „Hingabe an diese Triebe rechtfertigt also das Leben“ als „aesthetisch“ wenn man eine höhere Ursache für das Leben selbst ausschließt; die Rechtfertigung wäre „metaphysisch“ im Falle der Annahme dieser höheren Ursache, oder „logisch“ wenn man ein Ideal aus Vernunftsgründen konstruiert Punkt 15.

Also hat die Menschheit ein Ziel und einen Zweck unabhängig von der Existenz Gottes, und dieses Ziel wird durch die Ausübung der zwei wichtigsten sich zunächst widersprechenden Instinkte erreicht, den Fortpflanzungstrieb und den Selbsterhaltungstrieb. Obwohl es dadurch einen gewissen Automatismus bei der Erreichung dieses Zieles gibt, bedarf es der geistigen Führung und der Selbstorganisation als ethische Geste, um die Automatik voranzutreiben. Dies wird in den nachfolgenden Punkten näher ausgeführt.

Die 8 Prinzipien „Zur Propaganda“ gehen vom Grundsatz aus, daß die „Fehler der heutigen Gesellschaft“, – erwähnt werden nur die Prostitution und das Verbrechen – „im System derselben begründet sind“ Punkt 1.

Der Anarchismus ist die Lösung, wobei er nicht „centralisiert, dogmatisiert, moralisch und kapitalistisch“, sondern „decentralisiert, philosophisch, ethisch und kommunistisch“ zu sein hat Punkt 2.

Unter Punkt 3 werden die traditionellen Organisationen, Gewerkschaften und Parteien, kritisiert, da sie nicht den Aufbau der neuen Gesellschaft, sondern nur Lageverbesserungen innerhalb derselben anstreben.

Nur die „Selbsterziehung durch Realisation der für richtig anerkannten Ethik“ kann den „Widerspruch zwischen Theorie und Praxis“ überwinden helfen und zum klaren Verständnis führen Punkt 4.

Die Propaganda besteht in dem „Beweis, daß unsere ökonomische Lage sich bessert durch Realisation kommunistischer-anarchistischer Ethik“ Punkt 5,

woraus die „Notwendigkeit einer anarchistischen Organisation als ethischer Geste“ folgt Punkt 6.

Es handelt sich nicht darum, „Menschheitsbeglückung“ zu leisten, sondern um das „Einrichten unseres Lebens nach unseren für gut erkannten Grundsätzen“ Punkt 7.

Diese Propaganda der Tat wird wie ein Naturgesetz den Kreis erweitern, in welchem diese Ideen zur Anwendung kommen Punkt 8.

Die „Grundgedanken der Organisation“ (siehe: Grundgedanken der anarcho-kommunistischen Organisation) beschreiben „La Kaverno“ als „jene Höhle Zarathustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweisenden, die Ausgestossenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen“, und sie fassen in 8 Punkten sehr konkret die Ziele der Kommune, vornehmlich die wirtschaftlichen Aufgaben zusammen: danach sollen die Gesinnungsgenossen in jeder Stadt „sich zu einer kommunistischen Gruppe“ zusammenschliessen, gemeinsam Wohnungen mieten und dort zusammenwohnen, sie werden Lebensmitteleinkauf und „die Befriedigung sonstiger Bedürfnisse“ gemeinsam leisten Punkt 1,

wobei sie in der Regel ihren normalen Arbeiten nachgehen Punkt 2

und das gemeinsam, „durch die kommunistische Lebensweise“ ersparte Geld für die Einrichtung von Werkstätten und die Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirschaften verwendet wird Punkt 3.

Als Ergebnis davon kann man „allmählich mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß heraus(zu)ziehen und ganz auf den anarchokommunistischen Boden … stellen“ Punkt 4.

Dabei sollen alle Möglichkeiten zur Gründung von Nebenbetrieben und „Gelegenheits-Hilfs-Industrien“, wie etwa „Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung“ ausgeschöpft werden Punkt 5

und die Gruppen mit solchen gemeinsamen wirtschaftlichen Aufgaben kleingehalten werden, um die „Kasernierung“ unmöglich zu machen Punkt 6.

Sämtliche solche Gruppen, „die sich irgendwo gebildet haben“, stellen miteinander eine „anationale Organisation“ zusammen, welche eine „auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt“ Punkt 7.

Ferner wird erklärt, daß es für diese Organisation keine Autorität gibt außer der „Vernunft des Einzelnen“, das einzige Zwangsmittel „die Liebe des Schaffenden“ sein kann Punkt 8.

Wie man leicht ersehen kann, beinhalten diese letztgenannten organisatorischen Gedanken ein wohlgemeintes, ziemlich naives utopisches Programm, das alle Grundregeln der modernen Industriegesellschaft außer Acht lässt; immerhin kann ein solches Programm, und es tat es auch, für ziemlich viele Menschen während der wirresten Jahre der Nachkriegszeit eine große Anziehungskraft besitzen; aber die grösste Anziehungskraft ging sicherlich von der Ausstrahlung und der verführerischen Persönlichkeit von Filareto selbst aus. In einer Mischung aus fast religiösen Geboten und Schlußfolgerungen einer zwingend konstruierten Logik geschilderten Prinzipien, praktischen Anweisungen, wirtschaftlichen Vorschlägen und Versprechungen eines besseren Lebens befindet sich – dicht konzentriert und gleichzeitig etwas zusammengewürfelt – der Gehalt der Utopie des Dr. Goldberg alias Filareto Kavernido mit seinem Bestreben, eine originelle Theorie vorzulegen. Man kann sich gut vorstellen, wie der offensichtlich begnadete Redner sie dem Kreis seiner zunehmend begeisterten, faszinierten Zuhörer als Prediger und prophetischer Verkünder mit einer mit wissenschaftlichen Zitaten und Worten gespickten Rethorik in glänzender, überzeugender Form vorgetragen hat. Die Namen von Philosophen, Dichtern, Musikern, Wissenschaftlern und sicherlich auch eine Menge Fremdwörter oder den Zuhörern nicht geläufige Worte und Begriffe prasselten in einem eloquenten Staccato auf sie herunter. Daraufhin kamen die Vorschläge und Aufrufe, sofort ein besseres gemeinsames Leben in der Kommune zu beginnen, und einige der höchst beeindruckten Teilnehmer an der Versammlung näherten sich dem Redner oder den anderen Mitgliedern der Gruppe und bekundeten Interesse an der Kommune oder äusserten den Wunsch, ihr sofort beizutreten. Der Schlüssel des baldigen Scheiterns dieses radikalen Projektes lag in dem Versprechen begründet, das er in den Punkten zur Propaganda abgibt, nämlich eine sofortige „Verbesserung unserer ökonomischen Lage“ herbeizuführen. Die Unmöglichkeit, dieses Versprechen einzuhalten, führt zur chronischen Krise des Lebens in der Kommune und ist mit ein Grund für die Auswanderung nach Frankreich und später, unter weit schwierigeren Bedingungen, nach Haiti und in die Dominikanische Republik.

Es muß in dieser Form gut funktioniert haben, wie einige Zeitzeugen berichteten, insbesondere in den ersten Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkrieges; „die Kommune war so ein Beispiel dafür, daß die Menschen einfach nicht wußten, was denn eigentlich werden sollte“ ((„Zwischen Kaiserreich und deutschen Republiken“, Rundfunkinterview mit Lotte Fenske, Berliner Rundfunk 2003)) wie Lotte Fenske, die als Kind damals mit ihrer Mutter in der Kommune gelebt hat, sich an diese Zeit der Inflation, Arbeitslosigkeit und allgemeine Verwirrung in einem Rundfunkinterview 2003 erinnert, und folglich fühlten sie sich von der Vision, die ihnen F. K. verkündete, hoffnungsvoll angesprochen. Aber die Theorien von Filareto Kavernido in ihrer schriftlichen Fassung verlieren freilich viel von ihrer vermuteten Faszination und Kraft. Die MB sind etwas mühsam und nicht besonders elegant geschrieben, zuweilen sind sie auch wirr. Die Vermittlung zwischen philosophischen Prinzipien und ethischen oder sozialen Handlungsvorschlägen ist wenig logisch und oft unklar. Die überbrückung von der Metaphysik zu einer materialistischen anthropologischen Fundamentierung des vollkommenen Individuums – das er eigentlich nie als übermenschen bezeichnet – ist in diesen Texten auch schwer nachzuvollziehen. Zur besseren Interpretation dieser programmatischen Punkte müssen wir jedoch zunächst den gesamten Inhalt der drei Hefte darstellen.

Santiago Tovar

Fussnoten

  1. „Die Presse der Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen: Von den dreißiger Jahren des 19.Jahrhunderts bis zum Jahre 1967“, Bibliographie und Standortverzeichnis der Presse der deutschen, der österreichischen und der schweizerischen Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen einschließlich der Protokolle und Tätigkeitsberichte mit einem Anhang „Die deutschsprachige Presse der Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen anderer Länder“, Berlin (Ost), Akademie-Verlag, 1968 []
  2. „Internationale Bibliographie zur deutschsprachigen Presse der Arbeiter- und sozialen Bewegungen von 1830-1982“, Bearb. von Ursula Eberlein mit Unterst. der Dt. Forschungsgemeinschaft, hrsg. von der Universität Bochum, 2. aktual. u. erw. Aufl., München u.a.: Saur, 1996. []
  3. Die nachfolgenden Zitate stammen aus dem Brief, den er am 28.02.1921 an einen anarchistischen Publizisten, wahrscheinlich Pierre Ramus in Wien, geschrieben hat. []
  4. Harry Wilde: „Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit – Eine Biographie“, Desch 1965 []
  5. m Buch Harry Wildes, in dem er seiner Enttäuschung über den „Jünger“ Nietzsches Filareto Kavernido Luft macht, erzählt er, allerdings aus zweiter Hand, daß dieser zuweilen eine Art Doppelleben führte, das ihn in die höheren Kreise der Gesellschaft, einschliesslich aufwendigem Soupieren im Smoking bei Kempinski oder Horcher aufsteigen liess. Und ich vermute, er hat diese Mitglieder der oberen Gesellschaft mit seinem Charme und seiner Faszinationskraft um Mittel für seinen Kampf für die Zukunftsgesellschaft angepumpt. []
  6. „Zwischen Kaiserreich und deutschen Republiken“, Rundfunkinterview mit Lotte Fenske, Berliner Rundfunk 2003 []