Das Rote Luch und die Kaverno di Zaratustra

Eine Analyse

Die von Filareto gegründete Kaverno di Zaratustra verfügte über ein Stück Land mit einer Art primitiven Höhlenwohnung in einem ländlichen Gebiet – genannt Rotes Luch –  etwa 25 km östlich von Berlin. Der Beginn seiner “ländlichen” Kommune ist wahrscheinlich auf Ende 1920-Anfang 1921 zu datieren, und er hielt sie bis zu seinem Fortgang nach Frankreich im Frühling 1926 aufrecht. Nach unseren Kenntnissen handelte es sich um eine kleinere Parzelle, in welcher er, gemäss seinen in der Broschürenreihe der Mitteilungsblätter vorgelegten Vorschlägen zur Organisation, die Gründungszelle für die allmähliche Entwicklung einer kommunistischen Wirtschaft auf Grundlage der von ihm propagierten “Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften” vorsah.

Die in den Broschüren der Jahre 1919-20 (1) enthaltenen “Grundgedanken der Organisation” beschreiben “La Kaverno” als “jene Höhle Zarathustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestossenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen”, und sie fassen in 8 Punkten sehr konkret die Ziele der Kommune, vornehmlich die wirtschaftlichen Aufgaben zusammen: danach sollen die Gesinnungsgenossen in jeder Stadt “sich zu einer kommunistischen Gruppe” zusammenschließen,  gemeinsam Wohnungen mieten und dort zusammenwohnen, sie werden Lebensmitteleinkauf und “die Befriedigung sonstiger Bedürfnisse” gemeinsam leisten –1-, wobei sie in der Regel ihren normalen Arbeiten nachgehen –2- und das gemeinsam, “durch die kommunistische Lebensweise” ersparte Geld für die Einrichtung von Werkstätten und die Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirschaften verwendet wird –3-. Als Ergebnis davon kann man “allmählich mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß heraus(zu)ziehen und ganz auf den anarchokommunistischen Boden … stellen” –4-. Dabei sollen alle Möglichkeiten zur Gründung von Nebenbetrieben und “Gelegenheits-Hilfs-Industrien”, wie etwa “Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung” ausgeschöpft werden –5- und die Gruppen mit solchen gemeinsamen wirtschaftlichen Aufgaben kleingehalten werden, um die “Kasernierung” unmöglich zu machen –6-. Sämtliche derartige Gruppen, “die sich irgendwo gebildet haben”, stellen miteinander eine “anationale Organisation” zusammen, welche eine “auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt” –7-. Ferner wird erklärt, dass es für diese Organisation keine Autorität gibt außer der “Vernunft des Einzelnen”, das einzige Zwangsmittel “die Liebe des Schaffenden” sein kann –8-.

Das Rote Luch liegt an der Bahnlinie von Berlin nach Küstrin. “Es ist ein großes trockengelegtes Niedermoor. Der Stobber durchschneidet das Gebiet schnurgerade als Graben. Im Innern des Luches fließt der Stobber zunehmend langsamer. Ein Stück weiter strömt er wieder schneller, jedoch in entgegengesetzte Richtung. Er kehrt also seine Fließrichtung um! Ursache dieser Besonderheit ist nicht etwa jeder Physik überdrüssig gewordenes und daher aufwärts fließendes Wasser. Tatsächlich teilt eine kaum wahrnehmbare Erhöhung in der völlig flach scheinenden Luchlandschaft das Wasser. Ein Teil fließt durch die Märkische Schweiz und anschließen in die Oder und Ostsee. Der andere Teil nimmt seinen Weg über Spree und Elbe in die Nordsee. Durch das Luch verläuft also die Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee”.(2)

Ein paar Kilometer nördlich davon befindet sich die Naturlandschaft Märkische Schweiz mit ihren malerischen Bächen, Felsen und Wäldern. Dort, bei Buckow,  bekommen Jahrzehnte später Bert Brecht und Helene Weigel ihre Sommerresidenz, heute Haus-Museum, von den Kulturbehörden der DDR zugewiesen.

Wir kennen das Rote Luch und die Anwesenheit der Kaverno di Zaratustra durch diverse Beschreibungen jener Zeit, wie z. B. Berliner Allerlei aus dem Jahre 1921 (3), eine Sammlung von Zeitungsartikeln des bekannten konservativen Satirikers mit dem Pseudonym Rumpelstilzchen; oder durch das Buch von Harry Wilde (4), welcher seinen Besuch bei der Kommune in Berlin 1925 beschreibt.

Außerdem ist das Bestehen von diversen Versuchen, solche Kolonien zu etablieren, die miteinander Verbindungen unterhalten, durchaus bekannt. Das Buch Ökopax und Anarchie (5) von Ulrich Linse erwähnt ein Treffen von Vertretern der anarchistischen “Siedlungsaktion”, die in der Kolonie Barkenhoff 1921 zusammenkommen. An dieser “Tagung” nahmen etwa 3 Dutzend Menschen teil, um hier einen “Markstein deutscher Freiheitsbewegung” zu setzen und über “die Sicherstellung der Ernährung aller produktiv Schaffenden” zu beraten. Das Ziel der Konferenz war, wie der Teilnehmer Robien betont, “die Eroberung des Brotes! Es schien uns an der Zeit, das Wort einzulösen. Unsere Pläne hatten denn auch nichts Utopisches, Phantastisches, Vermessenes. Nicht die politische Macht – nur erst das Brot, Licht und Luft.” Über die Gründe dieser Bewegung und bezogen auf die Vertreter des Ruhrgebietes sagt Paul Robien, teilnehmender Ornithologe aus Stettin: “Aus der russigen Industriehölle kommen sie. Hinaus möchten sie aus dieser teuflischen Umklammerung, hinaus ins Freie, eigenes Brot, reines Brot essen, arbeiten in Sonne und Luft. Fünf Kinder hat der eine, die das Sonnenlicht entbehren, die mit ihm in der Atmosphäre der Industrie keuchen. Wer die Bitternis und Entschlossenheit in den Augen dieser Genossen gesehen, wird begreifen, dass bei den Massen nicht alles verloren.” Die Versammelten vertreten mehr oder minder entwickelte Projekte im Rahmen der Siedlungs-Aktion. Sie sind aus dem Norden, aus Kolonien wie Sonnenhof, Worpswede oder Hamburg, aber auch aus Stuttgart oder aus dem “rußigen” Industriezentrum Rheinland gekommen, und dazu gehörte auch unser aus Berlin zugereister Dr. Goldberg; Paul Robien rechnete ihn, “den asketenhaften Prophet in Christusgewändern”, zu den seltsamsten Gestalten der Tagung und beschreibt seinen Auftritt wie folgt: “Dazwischen brummt und krittelt der Berliner Heilige und wird schliesslich, als wir aus seinem Gerede nicht klug werden, auch nicht begreifen, was er eigentlich will, fahnenflüchtig mitsamt seiner weiblichen Hälfte.” Was kann man dazu sagen? Man gewinnt den Eindruck, dass Filareto bereits 1921 sich weit von seinen Gesinnungsgenossen, die er nur einige Monate früher von der Kraft seiner Argumente und des Beispiels seiner Kommune überzeugen wollte, entfernt und zunehmend isoliert hatte. Jedenfalls konnte er bei dieser Tagung den Standpunkt der Kaverno und des Versuchs im Roten Luch nicht sehr deutlich vertreten. Und, wer war die weibliche Hälfte? Hannchen? Mally? Eine andere Kommunardin?

Im Memoirenbuch von Max Fürst (6), das in den siebziger Jahren erschienen ist und in welchem Goldbergs Leben und seine Beziehungen zu Hannchen mit einigen Details erzählt werden, wird er, Dr. Goldberg, mit wenig Zuneigung behandelt. Vielmehr wird er als despotischer Pygmalion vorgestellt, und Fürst fügt etliche kritische Kommentare über das Leben in der Kommune und über die Beziehungen innerhalb derselben hinzu. Da aber Max Fürst das kaum aus erster Hand erlebt und das meiste durch die spätere, nach 1926 erfolgte Freundschaft mit Hannchen erfahren hat, hilft uns sein Text wenig, um die Jahre im Roten Luch, das er wahrscheinlich nie kennen gelernt hat und das er mit keinem Wort erwähnt, zu begreifen.

Eine sehr interessante Beschreibung des Gebietes und der dort entwickelten Aktivitäten findet sich in dem von dem jungen Anarchisten Bruno Zimmermann 1922 unter dem Titel Rotes Luch geschriebenen Bericht, der in einem Sammelbuch von Ulrich Linse (7) zu finden ist. Bruno Zimmermann sagt uns, wie wichtig jene bescheidene Kolonie entlang des Stobberkanals mit kleinen Grundstücken und mit ihren noch nicht fertiggebauten Hütten für Jugendliche ist. Dort können sie einige Tage in der Gruppe und in Freiheit ohne Autorität oder Obrigkeit leben, die ihnen sagt, wo es lang geht, dort widmen sie sich begeistert, aber mit wenig Geschick produktiven Tätigkeiten wie etwa dem Hüttenbau oder der landwirtschaftlichen Gärtnerei auf der Parzelle eines befreundeten Kameraden, also denselben schaffenden Tätigkeiten, die Filareto in seinen Schriften über die Organisation vorgeschlagen hat. Er beschreibt, wie sie aus Berlin mit der Bahn nach Straussberg kommen und den Weg zum Roten Luch nehmen “..dicht am Bahndamm entlang, vorbei an den schimpfenden Bahnwärtern, neugierigen Dorfleuten durch rauhreifbehangenenen Nadel- und Laubwald unentwegt.. dem Ziel zu. Eine Stunde Marsch hart am Damm auf schmalen Fussweg, dann senkte sich der Wald, lichtete sich, hörte plötzlich auf: ein tiefliegendes Stück Land vor uns, von Gräben durchzogen, von spärlichen Birken bestanden. Rechts hinten am Waldrand vier blaue Holzhäuser, links ganz weit draussen ein massives mehrstöckiges Haus, links vorne vor uns, neben einem Heuhaufen, Hühner- und Ziegenverschlag unsere Bretterbude, das Ziel unserer Wanderung.” Dort verbringen sie Tage, Wochen oder sogar längere Zeiten. Die Parzelle hat etwa 2 Hektar, sie ist auf drei Jahre für 180 Mark durch den erwähnten Freund von einem nicht näher identifizierten Grundbesitzer gepachtet worden. Sie wollen die Unterkunft etwas ausbauen, wettersicherer für die nachkommenden Jugendlichen und den Winter fertigmachen. Die Hütte des Freundes ist “ein Hottentottenkraal aus niederer Ringwand von Torfstücken, Brettern, Stroh mit hohem rundem Kegeldach aus Binsen und Schilf, drinnen ein eiserner Ofen, ein Lager aus Laub mit Decken, ein Wandbrett mit Kochgeräten, Handwerkszeug, Lebensmitteln neben der Bretterbude”. Draussen haben sie einen abschliessbaren Stall für Ziegen und Hühner gebaut. Koks wird von der nahen Bahnabladestelle reichlich gesammelt. Grüne Bohnen. Mohrrüben usw. wurden mit wechselnden Ergebnissen angebaut. Es wird reichlich über die beste Art debattiert,  wie die Gesellschaft zu revolutionieren sei. Manche haben bereits vor dieser “individualistischen, organisationsschädigenden Eigenbrödelei …. von jeder Werbearbeit und Verbandstätigkeit abhaltenden, zum Kleinkapitalismus führenden Absonderung” gewarnt, welche “alle Siedlungsversuche unter den heutigen Verhältnissen” darstellen. Aber, wie unser junger Berichterstatter sagt, für sie handelt es sich nur darum, einen Zufluchtsort für junge Menschen zu schaffen, die keine Familie haben, also gleichsam eine Freiheitsinsel zu bilden. “Acht oder neun Jugendgenossen, darunter drei Mädels, sind seit Mai auf der Siedlung, für sechs Mann ein Zelt als Nachtlager, drei unter freiem Himmel am Birkenbaum. Jetzt im Winter waren drei da, zwei waren heute fortgeschickt, Material für das Kinderheim zu holen.” Sie kommen aus der Stadt wenn sie mal keine Arbeit haben und gehen nach einiger Zeit dorthin zurück. “Ein Tischler war da, ein junger Mensch, hatte sein Mädel mitgebracht, es war soviel Allernötigstes zu tun. Der Tischler verwechselte die freie Liebe mit Ausschweifung, nach zwei Monaten war er so kaputt, daß er nichts mehr anfassen konnte. Wir sagten ihm wer nicht mit unseren Grundsätzen übereinstimmt und bleibt doch hier, ist ein niederträchtiger Schurke. Da ging er freiwillig. Jetzt ist ein anderer Tischler dabei, augenblicklich in der zweiten Siedlung im Rheinland, kommt zum Frühjahr zurück.”

Diese utopische Insel, welche von den Jugendlichen für einige Zeit  aufgesucht wird um nachher wieder ihres Weges zu gehen, ohne irgend jemandem Rechenschaft schuldig zu sein, vielleicht um in einer anderen Kolonie in einer anderen deutschen Grossstadt ihr Glück zu versuchen, ist von einer eher feindseligen Umwelt umgeben. „Die Erziehungsanstalt, von dort kommen unsere größten Widerstände. Die kleinen vier Holzhäuser rechts gehören zur sogenannten produktiven Erwerbslosenfürsorge, die auch ein Stück Nachbarland fertigmachen, nicht für sich. Wir wurden anfangs auch von diesen Leuten belästigt, das schlimmste sind die Leute der Anstalt, die staatlichen Jugenderzieher. Von da aus gehen die Beschwerden regelmäßig, fortgesetzt, ununterbrochen an Landratsamt, Amtsvorsteher, Regierung. Ein Lehrer brachte immer seinen Besuch hierher, lief überall herum und führte uns in Freiheit dressiert seinen Gästen vor. Als wir ihnen mal nackend entgegenliefen und sie stellten, war am nächsten Tage eine Vorladung da wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Die Sache fiel ins Wasser, weil unser Land kein öffentliches Tanzlokal ist und wer uns als Gast besucht, muß sich in unsere Gebräuche fügen. Jetzt sollen wir zwanzig Mark Geldstrafe zahlen wegen Errichtung nichtgenehmigter Baulichkeiten. Der Termin ist vertagt, ein Regierungsvertreter war hier.“

Und die Erzählung des jungen Anarchisten setzt sich mit der Betonung des Bedürfnisses nach Zufluchtsorten für die Jugend fort, wie das Rote Luch sie darstellt. Von einem Jungen ist die Rede: “Er war Metallarbeiter, arbeitete ein paar Wochen, um Reisegeld und Wegzehrung für den Rest des Jahres zu erraffen, für die Zeit des Wanderns und Fahrens. Die Eltern machten immer größere Schwierigkeiten mit Kostgeld, Vorschriften, Einschränkungen, Entweder – Oder. Der Junge, vor die Wahl gestellt mit dürren Worten an die harte Zeit erinnert, ließ das Elternhaus zurück um der jugendlichen Freiheit willen, der harten, bitteren deutschen Freiheit und fand Wer vor läufig Anschluß. „Neulich war ich zuhause wieder mal, Vater hatte gerade Besuch, Begräbnis, ich wußte das nicht, es waren alle Verwandten da. Vater kam mir im Hausflur entgegen, mit erhobenen Händen, abwehrend. Na ja, Vater, ich geh ja schon wie der.”

Darauf nochmal die Grundsatzdiskussion über den Sinn solcher Kolonien:

“Was war dies hier? Individualistische, organisationsschädigende Eigenbrödelei, die von jeder Werbearbeit und Verbandstätigkeit abhaltende, zum Kleinkapitalismus führende Absonderung – oder – paradise lost?”  Und die Antwort: “Wir sahen nur einen Versuch, mit geringsten Mitteln immer aufs neue wiederholt, den Druck der großstädtischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Schäden des Arbeits- und Vergnügungsbetriebes unserer großen Fabrikstädte auszugleichen. Wenigstens für das neue heranwachsende Geschlecht. Eins stand heute schon fest, solche Versuche werden wiederholt werden, an anderen Orten und Zeiten, trotz alledem.”

Wir haben aus diesem Artikel deswegen so ausgiebig zitiert, weil er über das Rote Luch der selben Zeit spricht, in der auch Filareto dort sein Grundstück gepachtet hatte; man kann sich sehr gut vorstellen, dass sie Leidensgenossen in ihren Nöten, Illusionen und Streitigkeiten mit der feindseligen Nachbarschaft waren. Vielleicht kamen auch solche junge Menschen zur Kaverno und, angezogen vom Ruhm des Propheten Filareto, dort eine Zeitlang mit. Sicherlich waren jüngere Menschen relativ schnell durch das chaotische Gebaren und die weltfremde Theoretisierung und Diskussion der Kaverno ernüchtert und zogen wieder fort; dies erklärt auf jeden Fall die starke Fluktuation von Mitgliedern und Besuchern, welche uns  von ehemaligen Kindern der Kommune berichtet wurde. Ausserdem drückt der Artikel die Suche nach dem Paradies, die dazu führenden “schaffenden” Tätigkeiten als Kommune und die Stimmung sehr treffend aus, die als Hintergrund der Diskussionen innerhalb der deutschen anarchistischen Gruppierungen der Epoche herrschten, insbesondere die Diskussion über die Alternative der Organisation in der Stadt (Klassenkampf) oder die Gründung von Kommunen und Siedlungen auf dem Lande (Kulturkampf) (8). Wie wir wissen hatte sich Filareto Kavernido eindeutig für die zweite Option entschieden.

Rumpelstilzchen war das Pseudonym, dass der monarchistisch-konservative Journalist Adolf Stein für seine wöchentlichen Beiträge satirischen Charakters in der “Täglichen Rundschau” benutzte. Er widmete im Jahre 1921 der “Kaverno di Zaratustra” einige ziemlich boshafte Kommentare. Waren die vorhin zitierten Stellen des jungen Bruno Zimmermann von den positiven Aspekten geprägt, die er als “Ausgleich” für den Druck des modernen Industrielebens ansah, welche vom utopischen Experiment auf dem Lande ausgehen, wobei er nicht übersah, dass dies auch bestimmte negative Elemente bezüglich der Notwendigkeit des organisierten Kampfes in der Stadt und innerhalb der Arbeiterklasse für die Veränderung der Verhältnisse in sich barg, so finden wir im Artikel von Rumpelstilzchen die verletzendste und sarkastischste Haltung über Filareto und sein Gruppenabenteuer:

“Wie die Extreme sich überall berühren, so auch in Berlin: an der einen Stelle bauschen sich seidene Röcke in sündhaft teuren Bogen, an einer anderen Stelle buddeln Überkultivierte sich einfache Unterstände in märkischen Sand. Vierzehn Tage lang ist „La Kaverno di Zarathustra“ bei Spreenhagen unbehelligt geblieben. Auf Esperanto heißt das Höhle des Zarathustra, ließ ich mir sagen. Dieser Zarathustra aber lebt nicht einsam in eisigen Höhen, sonder hat einige 30 Jünger – mehr Weiblein als Männlein – um sich gesammelt, um ein kommunistisches Naturmenschdasein zu beginnen. Er heißt Dr. Goldberg, ausgerechnet Dr. Goldberg. Zweige und Zeltbahnen decken die Löcher. Darin wurde nun wochentags nachmittags und sonntags vom Morgen bis zum Abend Robinson gespielt, allerlei gekocht, in Rauch und Phrasendunst gelebt; gelegentlich sprang die ganze Gesellschaft, unbekleidet natürlich , wie die Frösche ins Wasser. Daran nahmen ehrsame Leute der Umgebung Anstoß, und die Polizei verbot schließlich „La Kaverno die Zarathustra“. Vielleicht hätten sie besser daran getan, die Leute zu isolieren. Dann wäre der Unsinn von allein zusammengebrochen, wie alle ähnlichen Gründungen der Tolstoi-Anhänger im russischen Gouvernement Poltawa und gleichzeitig in Kanada auf der anderen Seite des Ozeans. Die zum Teil sehr jugendlichen Goldberg-Anhänger fühlen sich nun als Märtyrer. Ihr ganzer, übrigens sehr unsauberer Freiluftstaat ist an sich nur im Sommer möglich, ferner auch nur so lange, als sie alle „nebenbei“ noch wegen des doch notwendigen Gelderwerbs ihrem bürgerlichen Berufe in Berlin tagsüber nachgingen. Sie planten draußen zwar „große Kulturen“, aber in Wahrheit rekelten sie sich nur herum.”

Hier endet der Text. Daraus geht hervor, dass die Kommune Goldberg einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, dass sie öffentlichen Skandal erregte und, dass sie von der gebildeten berliner Gesellschaft eher mit ironischem Skeptizismus als mit Angst oder Wut betrachtet wurde. Rumpelstilzchen ist ausserdem ziemlich gut informiert: er weiss was für Menschen und wie viele zur Kommune gehören, ist über die Tatsache informiert, dass die meisten noch einem geregelten Beruf in Berlin nachgehen und merkt an, wenngleich aus einer arroganten und elitären Haltung heraus und mit nicht verborgener Geringschätzung, dass diese Buddelei im märkischen Sand nicht der geradlinige Weg “zur höheren Kultur” des Übermenschen sein kann. Aus seiner Bemerkung der “14 Tage”, die die Kommune bisjetzt dort verbracht hat, kann man den Beginn der Gründung der Kaverno im Roten Luch auf frühestens Frühjahr 1921 datieren.

Harry Wilde äussert sich in seinem viele Jahre später geschriebenen und bereits erwähnten Buch über Theodor Plievier sehr skeptisch und sogar sehr kritisch über das ganze, aber er macht es aus einem viel grösseren Verständnis der Beweggründe der utopischen Tätigkeit der Gruppe und auch mit engerer persönlichen Nähe; letztendlich war er 1925 nach Berlin gekommen, um die Menschen kennenzulernen, die das Paradies auf Erden suchten, und um sich ihnen anzuschliessen. Er erzählt, dass er nur ein einziges Mal im Roten Luch war, und beschreibt es als ein “Freigelände… in der Nähe der Rüdersdorfer Kalkberge” (9) in dem sich “eine Hütte, eine Art Kaffernkral, inmitten einer Sandfläche, die von Flöhen wimmelte..” befand. Dieses Freigelände “diente der Nacktkultur” (10). Über diese seine Erinnerung an die Flöhe schreibt er, dass Filareto wohl gegen deren Stichen immun zu sein schien, während die anderen Mitglieder der Kommune, inbesondere die Frauen, als sie am Sonntag in die Höhle in der Mulackstrasse zurückkehrten, “völlig zerstochene Beine (hatten), und in ihren Wollstrümpfen nisteten Scharen von fetten Flöhen, die vor ihrem sicheren Schicksal, geknackt zu werden, entsetzt in die Strohsäcke flohen…”
Es dauerte lange, erzählt Harry Wilde, bis Filareto nach längerer Abwesenheit in der Mulackstrasse erschien – “Im Mai war es auf dem Freigelände sicher angenehmer als in den benzinverseuchten Strassen Berlins, und ausserdem dürfte es dem Arzt nich an amüsanten Erlebnissen gefehlt haben. Es gab zahlreiche, darunter recht vornehme Damen, die den Weg nach den Rüdersdorfer (oder besser Ruhlsdorfer) Kalkbergen nicht scheuten, um sich mit Zarathustras Nachfolger über das Wetter und andere Probleme zu unterhalten.” Und H.W. kann seine Antipathie für Filareto nicht verhehlen, als er dieses Porträt von ihm gibt: und da stand er “bärtig wie Karl Marx, bullig wie Max Schmeling, behaart wie ein Gorilla, völlig unerwartet im Zimmer…”. Aber über das Thema des Roten Luch, das uns hier beschäftigt, erzählt H. W. nichts weiteres. Als Anmerkung zu seinem Text heben wir hervor, dass er trotz seiner Kenntnis und seines Interesses für diese utopischen Kreise, einige ungenaue oder nicht zutreffende Informationen über die Auflösung und den Fortgang der Kommune aus Berlin bringt, wenn er etwa erzählt, dass kurz nach diesem seinem Besuch (Mai 1925) Goldberg wegen der vorgenommenen Abtreibungen nach Österreich fliehen musste, um von dort nach Kuba zu gelangen. Diese Frage des Gesetzes- und Berufskonfliktes wegen der damals illegalen Abtreibungen haben wir bis jetzt nicht klären können. Es ist auch möglich, dass er  später als 1925 nach Österreich fuhr. Aber wir wissen genau, dass er von Deutschland aus die gemeinsame Reise mit Mitgliedern der Kommune nach Tourrettes-sur-Loup unternahm, wo sie 3 Jahre verbrachten.
Sowohl Max Fürst als Harry Wilde schreiben, dass er irgendwann die Absicht hatte, nach Haiti zu emigrieren. Wir wissen, nicht woher sie das haben, es kann sein, dass Filareto bereits in Berlin davon gesprochen hat. Wahrscheinlich ist, dasss sie es über Hannchen und andere in Berlin zurückgebliebene ehemalige Mitglieder der Kommune erfahren haben, und zwar nachdem Filareto Frankreich verlassen hatte. Wir wissen aber nicht sicher, wann die Entscheidung zu dieser Reise gefallen ist, wir wissen nur aus den Berichten, die Filareto für die französische anarchistische Zeitschrift “En Dehors” (11) aus Arroyo Frio geschrieben hat, dass sie von Korsika aus, wo er einige Zeit wegen Erregung öffentlichen Skandals im Gefängnis war, nach Haiti gelangen wollten, um dort zu bleiben. Sie schifften sich Anfang Juli in Bordeaux ein. Von Haiti wurden sie jedoch sofort ausgewiesen, woraufhin sie mit den letzten verbliebenen 100 Dollar in die benachbarte Dominikanische Republik fuhren; dort nahmen sie einen Vertrag als weisse Siedler an und gelangten von Santo Domingo nach Arroyo Frío.

Lotte Fenske, Tochter von Hannchen und ihrem nach dem Ersten Weltkrieg verstorbenen Ehemann, und Vertuemo Gloger, Sohn von Hannchen und Filareto, die damals etwa 12 bzw. 4 Jahre alt waren, haben davon erzählt, meistens nur kurze Perioden im Roten Luch verbracht zu haben. Lotte kann sich sogar an den Besuch der Schule im nahgelegenen Hoppegarten erinnern, was einen Aufenthalt von mehreren Monaten bedeuten würde. Ihr Gedächtnis aus jener fernen Zeit ist logischerweise fragmentarisch, beide erinnern sich an das Leben im Freien, an Spaziergänge und Ausflüge. Einmal z. B. hatte eins der Kinder, Sajero, sich wohl mit der Einnahme von wilden Kräutern vergiftet. Es wurde ihm schlecht, sodass Filareto den Jungen auf die Arme nahm und, gefolgt von der ganzen Schar, ein paar Kilometer den Bahndamm entlang zum nächsten Bahnhof in Rehfelde lief, damit das Kind ins Krankenhaus kommen konnte. Im Roten Luch werden die Kinder den harten erzieherischen Massnahmen unterworfen, die Filareto von ihnen verlangte: Abhärtung und Mutproben, wie abends zum Kanal über die Böschung hinabzugehen und mit einem Becher voller Wasser aus dem Stobber zurückzukommen. Bei einer solchen Gelegenheit sagte die kesse Lotte zu Filareto: “Heinrich, Du bist ein Ungeheuer”. Bezüglich der zahlenmässigen Stärke der Kommune gehen die Erinnerung auch hier ein wenig auseinander, aber offenbar überstieg deren Anzahl zu keinem Zeitpunkt zwei Dutzend Mitglieder, die zahlreichen Kinder mitgezählt. Die vom bösartigen “Rumpelstilzchen” genannte Zahl stimmt in etwa damit überein, wenn er von 30 Personen spricht. Man kann sich gut die skandalerregenden Aktionen vorstellen, etwa das nackte Sonnenbaden und Schwimmen, an die Bruno Zimmermann in seinem erwähnten Artikel erinnert. Unsere “Kommunekinder” erinnern sich auch undeutlich an den schwungvollen aber etwas unorganisierten Start von diversen Arbeiten auf dem Grundstück, wie Zäune bauen, Gemüse anpflanzen, Ställe zusammenzimmern u. ä. Arbeiten die oft nicht zu Ende geführt werden, sondern von abstrusen theoretischen Diskussionen verdrängt werden. Die Erinnerung der Kinder beschreibt ein ziemlich freies, angenehmes Leben im Freien, fern von der Grosstadt, aber gleichzeitig sehr chaotisch und unübersichtlich. Sie leiden wahrscheinlich unter der mangelnden Aufmerksamkeit der Erwachsenen, die ihre Anstrengungen zu sehr darauf konzentrieren, eine höhere Lebens- und Kulturform aufzubauen.

Kehren wir zur Gegenwart zurück. Was ist heute aus den damaligen Siedlingen des Roten Luch übriggeblieben? Was hat das mit den auf uns von Mallys Enkelkindern gezeigten Bildern aus den 20er Jahren zu tun, auf denen die karge märkische Landschaft vom Roten Luch und vom in der Nähe gelegenen Waldsieversdorf zu sehen sind? Wir haben aufgrund der Erzählungen und Beschreibungen vermutet, dass sich das Grundstück in unmittelbarer Kanalnähe und auch nicht weit von der Bahnlinie befand. Jene Gegend, die damals sehr naturbelassen und wildwachsend war, ist heute zu einer Agrarlandschaft geworden. Das kleine offene Tal ist ein Ackerland mit Getreideanbau. Der Stobberkanal scheint nur noch ein Rinnsal zu sein, sicher ist das Grundwasser um einiges gesunken. Der das Tal umgebende Wald hat sich vielleicht weniger verändert. Der Zugang ist ziemlich schwierig, es gibt nur einige ziemlich zugewachsene Feldwege, und den Bahndamm kann man nicht mehr mit Fahrzeugen überqueren, so dass das Gebiet nach dem Verschwinden der Übergänge. zweigeteilt ist. Es lebt auch kaum jemand in dem Gebiet, nur vereinzelte Häuser und die Reste eines grösseren Gebäudes, das von der NVA für Bildungszwecke benutzt worden sein soll und das vielleicht die frühere, von Bruno Zimmermann erwähnte Anstalt war, sind noch zu sehen. Wir konnten mit einer benachbarten Familie sprechen, die in der Nähe seit über 30 Jahre ein am Rande des Waldes stehendes Haus bewohnt Frau Konrad erzählte, dass die Gegend tatsächlich noch nach dem Krieg von alternativen Leuten bewohnt wurde, und indirekt wusste sie von sog. “Latschern” in der damaligen Zeit erzählen. Nach unserer Beobachtung ist die Gegend für die Einrichtung einer Höhlenwohnung überhaupt nicht geeignet: es ist ein sandiger, flacher und mooriger Boden. Von daher stammt wohl auch die ironische Verspottung Rumpelstilzchens über den Versuch der Kommunarden, Löcher zu buddeln, um Unterstände zu bauen. Aber so war es, und Tatsache ist, dass Filareto und seine Anhänger dies versuchten. Zur Wahl des Standortes, auf einem wenig geeigneten Terrain und vom nächsten Bahnhof ziemlich weit entfernt (die heute bestehende, viel näher gelegene Haltestelle “Rotes Luch” existierte damals noch nicht), weist auf die bereits zu diesem Zeitpunkt schlechtgestellten Finanzen der Kommune. Wir hatten bereits angenommen, dass die Aufgabe der Existenz  des Dr. Goldberg als Gynäkologe und die Krise nach dem I. Weltkrieg, nach dem 1917 erfolgten Tod seines Vaters Ludwig, zur Auflösung des Familienvermögens führte, das die Familie Jahre zuvor gehabt hatte. Vermutlich hat Filareto mit seiner Mutter die Grundstücke oder das Haus in Berlin Weissensee verkauft, und die Inflation hat den Erlös zunichte gemacht. Wir haben keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass die Wohnungen in der Rosenthaler Str. 62 und in der Mulackstrasse 21 ihnen gehörten, also hat Filareto wahrscheinlich dass Geld wohl nicht reinvestiert, sondern für die Gründung der Kommune ausgegeben: für Reisen, Veröffentlichungen, Mieten und später das bloße Bestreiten der Lebensunterhaltung der Gruppe.

Bei unserem Besuch des Roten Luch konnten wir die genaue Lage der “Kaverno” leider nicht ausfindig machen; dennoch halten wir es aufgrund der Recherchen für wahrscheinlich, dass sie sich in der Nähe der Bahnlinie und des diese durchkreuzenden Hauptkanals befand, und zwar nördlich der Eisenbahn. Leider sind wir wegen der Schwierigkeiten des Geländes nicht bis auf die Nordseite der Bahnlinie gekommen. Wir hoffen, dies irgendwann nachholen zu können.

ANMERKUNGEN

1 Es handelt sich um drei Broschüren mit den Titeln: “Kulturphilosophische Betrachtungen”, “Kultur und Zivilisation” und “Kulturkampf statt Klassenkampf”, veröffentlicht als Werk der Kaverno. Exemplare davon befinden sich im International Institute of Social History, Amsterdam, sowie in manchen Uni-Bibliotheken Deutschlands. z. B. Bremen oder Berlin.

2  www.maerkische -naturfotos. Online-Bildband der Natur und Landschaft Brandenburgs

3  Rumpelstilzchen – Berliner Allerlei, Verlag der Täglichen Rundschau, Berlin, 1922
4  Harry Wilde: Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit, Eduard Kaiser Verlag, München 1965

5  Ökopax und Anarchie, Ulrich Linse, dtv München 1986

6  Max Fürst: Talisman Scheherezade – Die schwierigen zwanziger Jahre, Hanser Verlag, München 1976

7 Ulrich Linse: Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1919-1933 – Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Kinder- und Jugendorganisationen 1919-1933, dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1976. Wir bedanken uns für die Übersendung einer Kopie des Artikels bei Prof. U. Linse.

8“Kulturkampf statt Klassenkampf” ist der Titel der dritten Broschüre der Reihe Mitteilungsblätter von La Kaverno di Zaratustra, welche unter anderem diesem Thema gewidmet ist.

9  Es scheint eine Verwechslung des Namen zu sein. Es soll Ruhlsdorfer statt Ruedersdorfer heissen.

10 Harry Wilde erwähnt, dass er nach dem Verschwinden der Kommune Goldberg ein Artikel für eine Ullstein-Zeitung schrieb, der von der Redaktion den Titel “Freie Liebe am Bahndamm” bekam. Leider haben wir diesen Artikel noch nicht gefunden.

11 September 2004 haben wir Einsicht in einige der von Filareto Kavernido zwischen 1927 und 1931 für die von E. Armand in Paris-Orléans herausgegebenen Zeitschrift “L’en Dehors” geschriebenen Berichten erhalten. Unter anderem wissen wir jetzt dadurch, dass er insgesamt 6 Jahre in Gefängnissen verschiedener Länder, meistens wegen Erregung öffentlichen Skandals, verbracht hat.

Santiago Tovar
September 2004
(Textkorrektur durch Günter Loer)