L’en Dehors, Dezember 1922, No. 4

La caverne de Zarathoustra

Am Rande der Übel der Gesellschaft

Die Höhle des Zarathustra

(aus: L’en dehors – Dez. 1922, Nº 4 – Übersetzung aus dem Franz.)

Angeführt von Doktor Heinrich Goldberg – ein Anarchist – haben sich einige Kommunisten zusammengetan, um den Versuch zu wagen, im Schosse der kapitalistischen Gesellschaft frei zu leben.

Ausgewiesen aus der Region von Spreenhagen, in der Nähe Berlins, haben sie das Rote Luch, nahe Dahmsdorf-Müncheberg, östlich der Hauptstadt als Ort für ihre Niederlassung ausgesucht. Noch können sie nicht von ihrer Arbeit in der Kolonie leben, weswegen einige von ihnen sich gezwungen sehen, ausserhalb derselben für einen Arbeitgeber zu arbeiten. Jeder Kamerad hat die Wahl zwischen einer Arbeit in der Kolonie oder ausserhalb. Der heutigen Lage nach zu urteilen ist es mehr als wahrscheinlich, dass es während mehrerer Jahre so weitergehen wird, ehe die Erde alles gibt, was sie zur Deckung ihrer Bedürfnisse brauchen.

Die Kolonie umfasst Doktor Goldberg (Arzt. Angeklagt wegen „fahrlässiger Behandlung mit Todesfolge von zwei Frauen in einer seiner Kliniken“, wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er wurde amnestiert und im Oktober 1922 freigelassen); die anderen Mitglieder der Kommune sind Vegetarier und Antialkoholiker. Dennoch rauchen einige von ihnen noch. Es sind Männer, Frauen und Kinder. Sie leben nicht ständig in der Kommune, manche von ihnen pendeln nach Berlin und andere ziehen hin und wieder um, denn es gibt noch eine ähnliche Kolonie in Düsseldorf-Eller. Ständig findet eine echte Austauschbewegung statt. Einige Kameraden gehen, andere kommen, sei es als neue Kommunarden, sei es als Ersatz für die weggezogenen.

Wie in jedem anderen Land gibt es in Deutschland Gesetze zum Schutz des Privateigentums, also muss die Kommune für ihr Stück Land Pachtmiete zahlen.

Es wird hart gearbeitet. Man muss Unkraut ausreissen, man muss Gebüsch roden und Bäume fällen. Um die Unterstände und Hütten zu bauen, war es nötig, das Baumaterial aus sehr entfernten Orten heranzubringen; letztens konnte man bereits Mörtel zubereiten; zusammen mit gut geschnittenen Brettern war es dadurch möglich, festere und dauerhaftere Wohnräume für die Menschen und das Vieh zu bauen.

Letzten Sommer wurden Kartoffeln, diverse Sorten Kraut, Spinat, Zuckerrüben, Karotten, Rüben, Radieschen, Zwiebeln usw. geerntet. Man sät keinen Weizen, aber es gab eine hervorragende Heuernte. Die Kommune besitzt auch Kaninchen, einige Ziegen und zahlreiche Hühner. Manchmal fangen sie auch Wildkaninchen und Hasen.

In den benachbarten Wäldern sammeln die Kommunarden viele Beeren und Pilze. Die Pilzsammlung ist so üppig, dass man die Pilze trocknen muss, um sie aufbewahren zu können.

Nach einer schwierigen Periode ist das Leben der Kolonie jetzt äusserst aktiv, und die Arbeiten schreiten in überraschender Form voran. Meiner Meinung nach sind die Anfangskrisen nun vorüber, und man kann die Existenz der Kolonie als gesichert betrachten.

Infos zum Artikel

Zeitung: L’en Dehors
Erscheinungsdatum: Dezember 1922
Nummer: 4
Autor: unbekannt
Überschrift: Am Rande der Übel der Gesellschaft, Die Höhle des Zarathustra
Thema: Geschichte der Kolonie „Rotes Luch“