La Raupo

Ein Fabel von Filareto Kavernido
Herausgegeben 1926 von der Ido-Centrale Berlin

La Raupo, Deckblatt

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1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen und erlaubt Schlussfolgerungen über seine Verfassung und geistige Interessenlage in den Monaten unmittelbar vor der Auswanderung nach Frankreich.

„La Raupo“ handelt von der Lektion, die eine junge Raupe dank der Erfahrung einer älteren, weisen Raupe lernt: dass sie nämlich die Blumen und deren Schönheit zerstört, wenn sie, getrieben von ihrer Anziehungskraft, ungeduldig versucht, sie zu berühren oder gar zu verzehren. Sie muss lernen, die Schönheit zu achten und Geduld zu haben, bis sie sich in einen Schmetterling verwandelt und erst dann befähigt sein wird, mit der Schönheit in Eintracht zu leben. Die Traurigkeit, die sie befällt, weil sie die Schönheit als Raupe nicht erfahren kann, ist ein Teil des mühsamen Verwandlungs- bzw. Erziehungsprozesses, den man durchlaufen muss, ehe man sich charakterlich entfaltet und sich in die Reihen der freien und neuen Menschen stellen kann. Die junge Raupe ist in ihrer Verzweiflung sogar bereit, sich selbst und alles aufzugeben. Durch das Eingreifen einer grosszügigen, hilfsbereiten Waldfee bekommt sie jedoch die zusätzliche Unterstützung, die sie braucht, um den Lernprozess zu begreifen und zu bestehen. Am Ende verwandelt sie sich in einen Schmetterling und kann die Schönheit der freien Welt geniessen.

Wir haben also in der Gestalt der jungen Raupe den unvollständigen, ungebildeten Menschen vor uns, der den Drang nach der Vollkommenheit verspürt, diesem Drang aber ungeduldig und überstürzt nachgibt und sich dadurch den Weg verbaut, indem er das Ziel seiner Sehnsucht gierig und tolpatschig zerstört. Erst die Erfahrung der älteren Menschen, ihr akkumuliertes Wissen und ihre Kenntnis der Geschichte und Entwicklung der Gesellschaft kann dem nach Freiheit und Vollkommenheit Drängenden eine erste Orientierung geben. Das reicht aber nicht, und deswegen ist die Hilfe einer dritten Gestalt, eines Deus ex machina- hier die Waldfee – nötig, um die letzte überzeugungsarbeit zu leisten und buchstäblich die Fesseln zu zerschneiden, die die junge Raupe bzw. den unfreien Menschen gefangenhalten. Es ist die Metamorphose zum neuen, freien Menschen, die hier beschrieben wird.

Wie man sieht, vernachlässigt die Moral dieser Geschichte die Rolle der kollektiven Organisation und der gemeinsamen Aufarbeitung des Prozesses der Freiheitswerdung, die Filareto Kavernido in seiner Kommune voranzutreiben und vorzuleben versuchte. Es geht um eine individuelle Lösung und um die Notwendigkeit der Aufklärung seitens Dritter. Die Fabel endet mit der etwas ungeduldigen Frage: „Wann werden wir Menschen dies verstehen und dem Beispiel folgen?“ Und es klingt wie der verzweifelte Ausruf von jemandem, der den Weg weiss, aber kein Gehör findet.

Filareto hat die Fabel Mitte der zwanziger Jahre verfasst, wahrscheinlich eher, um seine Zugehörigkeit zur Ido-Bewegung zu signalisieren denn als Mittel zur Verbreitung seiner sozialen Ideale; dazu wäre diese Schrift kaum geeignet gewesen, da die Auflage denkbar gering war und nur wenige Menschen Esperanto lesen konnten. Seine unmittelbar ideologischen Dispute und Beiträge schrieb er grundsätzlich in „La Kaverno di Zaratustra“ oder in anderen Publikationen der anarcho-kommunistischen Bewegung auf deutsch. Ausserdem deutet schon die Wahl der Fabel-Form auf den vornehmlich literarischen Charakter seiner Bemühung, freilich ohne dass er deswegen seinen stets im Vordergrund stehenden erzieherischen Anspruch aus dem Auge verliert (wie die bereits erwähnte mahnende und etwas pathetische Frage zeigt, mit welcher die Fabel endet: „Wann werden wir Menschen lernen, diesem höchsten Beispiel zu folgen?“). Aber eine Fabel, ein kurzer Text, eine der ältesten Formen der Literatur und obendrein didaktisch zumeist an Kinder adressiert, passt mehr zu der individualistischen Seite seines Charakters als zu der „kollektivistischen“, um diesen Gegensatz seiner Persönlichkeit in solchen Begriffen auszudrücken. Jedenfalls fällt auf, dass „La Raupo“ eher von der individuellen Erziehbarkeit des Menschen zum neuen Menschen als von der kollektiven Befreiung aus der Sklaverei des Systems handelt, wie er sie in seinen ideologischen Streitschriften propagiert und in der Praxis in seiner Kommune verfolgt hat. Hier, in einer intimeren Form, in der hoffnungsvollen Zukunftssprache des Reform-Esperantos, Ido, die zum damaligen Zeitpunkt gemeinsames Gut eines kleinen Kreises von wohlmeinenden und voluntaristischen, zumeist gebildeten Menschen war, legt er die Akzente auf ethische Werte, ohne die es für ihn keine Revolution und keine Verbesserung der Lage der Gesellschaft und der Menschen geben kann. Hier tritt seine intellektuelle Bildung in Erscheinung, seine Bewunderung für die theoretische und philosophische Arbeit, die Elemente seiner eigenen Erziehung (Disziplin, Verzicht) im Umfeld seiner Kindheit und seine Liebe zu den Theorien von Plato, Nietzsche und den zu jener Zeit sich erneuernden Erziehungsversuchen, wie etwa von Rudolf Steiner.

Wie wir vermuten können, hatte Filareto Kavernido zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Schrift die Entscheidung zur Auswanderung bereits gefällt. Tatsächlich zog er Mitte des Jahres 1926 mit Teilen der Kommune nach Südfrankreich. Wir gehen von der Annahme aus, dass ihn nicht nur die finanziellen Schwierigkeiten der Gruppe der Kaverno sowie die sicherlich häufigen und enttäuschenden Abmeldungen unter den Mitgliedern dazu bewogen. Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen nach einer begeisterten Anfangsperiode der Zugehörigkeit zur Kommune relativ schnell im mühseligen Alltag Ernüchterung und Enttäuschung erfuhren. Sobald diese Kommunemitglieder eine Alternative fanden, sei es in einer anderen, besser funktionierenden Gruppe oder weil sie einen Arbeitsplatz fanden, der ihnen den Weg zurück zu einer „normalen“ Existenz ermöglichte, dürften nicht wenige von ihnen diese Gelegenheit wahrgenommen haben. Filareto muss damals den gesellschaftlichen Umschwung stark gespürt haben. Er stand unter dem Druck, den Kommunemitgliedern, die ihm eine treue Gefolgschaft leisteten, weiterhin eine Zukunft anbieten zu können. Die politische Landschaft hatte sich nach der Krise 1923 rapide radikalisiert, die auf der Strasse auftretenden Agitatoren und Bewegungen waren stärker politisiert als früher und wurden mehr und mehr zu Predigern der Gewalt oder gar selbst gewalttätig. Die Theorien, die er ebenso wie andere Sozialreformer und „Erlöser“ seit Jahren propagierte, befanden sich auf dem Rückzug, sie waren für die Bevölkerung offenbar immer weniger attraktiv. Der Raum für das utopische und friedliche Experiment wurde immer enger. Es herrschte das Primat der ökonomie als Gegensatz zum Bereich der freien Vereinigung der Menschen im Kollektiv, um die eigene Vervollkommnung nach bestimmten Idealen zu schaffen. Statt der bewussten Individuen bildeten sich Massenbewegungen heraus, welche im Kollektiv nach einer Verbesserung ihres Daseins suchten. Deswegen ist zu vermuten, dass hier bei Filareto ein gewisser Rückzug in die kreative, private und kulturelle Sphäre stattfand. Es muss eine herbe Enttäuschung für ihn gewesen sein, als er merkte, dass die Wege seiner Zeitgenossen anders verliefen und zu für ihn sehr wenig versprechenden Zielen führten. Und er war dabei, Abschied von seinem Traum zu nehmen, in seiner ihm vertrauten Umgebung in Berlin, wo er in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg Triumphe mit seinen Vorträgen und seiner stolzen Kommune gefeiert hatte, in dieser Stadt und in dieser Gesellschaft die Grundlagen der Zukunftsform des Zusammenlebens aufzubauen. Deswegen war der Weg „gen Süden“, die gemeinsame Reise von Teilen der Kommune nach Tourrette oder Les Villiers in der Nähe von Nizza – eine in den nordeuropäischen Ländern immer wiederkehrende Wunschvorstellung – ein bereits verzweifelter Versuch, seine persönliche Utopie am Leben zu erhalten. Von da an werden sich die Umstände seines Lebens und seiner communards beschleunigen und die Kontrolle ihrer Lage ihnen immer mehr entgleiten.

Ein anderer Aspekt, der in den Utopien des Fortschritts nicht immer eine Rolle spielt und der Filareto Kavernido eine interessante Aktualität verleiht, ist der „ökologische Standpunkt“, der sich hier herauslesen lässt. Die Welt der persönlichen Vervollkommnung, die ihm in der Geschichte der Raupe vorschwebt, zeichnet sich durch unbedingte Liebe zur Natur und Respekt vor ihr aus. Das vollentwickelte Individuum liebt und übt seine Liebe zur Natur in Selbstbeherrschung. Es zerstört die Umwelt nicht und befindet sich in einem aktiven, ausgeglichenen Verhältnis zu ihr. Es handelt sich um zwei Seiten derselben Sache. Kein Glück, keine Schönheit, keine Vollkommenheit ohne dieses Gleichgewicht. Diese Ideen der Naturverbundenheit wurden Anfang des Jahrhunderts besonders in Deutschland von den Reformpädagogen hochgehalten und äusserten sich in Erziehungsmassnahmen und Aktivitäten wie die Organisation von Ausflügen, Sammeln von Blumen und Pflanzen, Aufenthalte auf dem Bauernhof sowie Freikörperkultur (FKK) und Sonnenanbetung. Diese Praktiken wurden von Teilen der organisierten Arbeiterbewegung übernommen und erfreuten sich bekanntlich bis in die 30er Jahre hinein grosser Popularität. Filareto gehörte also zu den Vorkämpfern in der Propagierung dieser Auffassungen und lebte in seiner Kommune in den Vororten von Berlin bereits vor dem 2. Weltkrieg nach diesen Idealen.

La Raupo – Die deutsche Übersetzung

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INTERNACIONA
IDO

F i l a r e t o  K a v e r n i d o

D I E   R A U P E
Originalfabel

1926

Verlag
Ido-Centrale (Herm. Jacob)
Soorsr. 75, Berlin-
Charlottenburg 9

Preis:  -.20 Mk

Es war einmal eine Raupe. Sie fraß, indem sie auf die höchsten Blätter der großen Bäume kletterte, welche inmitten einer Wiese voller Blumen und Pflanzen standen. Sie erhob ihren Vorderkörper, auf ihren drei hinteren Füßchen sitzend, und drehte den Kopf mit den wachen, neugierigen Augen von einer auf die andere Seite, während sie die frische Luft einatmete und die schöne Farbsymphonie der üppigen Blumen in der näheren und weiteren Umgebung anschaute.

Und dann bewegte sich die Raupe fort, ihre Schleimfäden entwickelnd, um sich auf die blumenreiche Wiese, auf welcher die Bäume wuchsen, hinabzubegeben. Aber sie war nicht sehr weit herabgekommen, als eine ältere und sehr weise Raupe sie sah, wie sie langsam von einem der höheren Äste herunterkroch, indem sie den geschmeidigen Körper zusammenzog und ausdehnte.

“Warum bleibst du nicht oben?” fragte sie die Neuankommende. “Siehst du nicht, daß du oben die frischeste Luft, die stärkste Sonneneinwirkung, die zartesten Blätter und den schönsten Rundblick hast? Wozu steigst du eigentlich herunter?”

“Es stimmt genau – alles, was du sagst, ist richtig.” antwortete die junge Raupe. “Ich fresse die zartesten Blätter, und das bereitet mir eine große Freude; und mir ist die frische Luft, die ich da atmen kann, nicht weniger angenehm. Aber hier unten genieße ich die prächtigen Farben der Blumen, die auch einen wunderbaren Duft ausstrahlen und ich denke, daß der Genuß umso größer sein muß, je näher und unmittelbarer ich ihn aufnehmen kann. Ich möchte mich gerne zu den Blumen begeben, sie küssen und ihre ganze Schönheit aus ihren Kelchen aufnehmen.”

“Mein Freundchen,” antwortete darauf die alte Raupe, “du bist wohl berauscht. Eine solche Schönheit ist nicht dazu da, von plumpen und gefräßigen Raupen angerührt zu werden. Wir Alten wissen, wann man sich fügen muß, und deswegen weisen wir euch Jüngeren die obere Lage zu; ihr sollt noch nicht in die unteren, schattigen Plätze heruntergehen, damit ihr das entzückende, uns oben umgebende Bild, das ihr noch nicht richtig kennt, genießen könnt. Um uns den Blumenkelchen nähern zu können, müssen wir  unseren Körper und unseren Geist verändern. Wir müssen leicht werden und fliegen lernen, um in der Luft schweben zu können, denn als Raupen zerstören wir die Schönheit dieser Blumen, und so viele andere Freunde dieser Blumen schützen sie deswegen vor uns, und auf diese Weise wird eine Raupe sicherlich abgefangen, bevor sie die aufgesuchte Blume erreichen kann.

“Was sagt das schon?” entgegnete nun die junge Raupe, “irgendwann muß ich auch sterben. Aber das Leben hat für mich keinen Wert, wenn ich diese Schönheit nicht erreichen kann”.

“Aber du erreichst die Schönheit auch nicht,  indem du dich auf eine dieser Blumen setzt, die du dort siehst.” setzte die Alte unbeirrt ihre Warnung fort. “Schau doch mal die Wiese an! Wenn da nur ein großer roter Fleck ist, der dich dermaßen stark durch seine Schönheit beeindruckt, was wird denn werden, wenn du auf dem grünen Hintergrund die vielen Farben siehst, welche die vielfältigsten und das Auge erfreuenden Formen schaffen? Aber ein solcher einfarbiger Fleck auf einer Blumenwiese wäre für dich, hättest du nicht bereits die andere vielfarbige Pracht gesehen, alles, was du dir wünschen würdest. Und diese frische Luft ist nur so angenehm, insofern man alle anderen Düfte eingeatmet hat und wenn man sich von den Blumen doch so weit enfernt hat, daß ihre starken Düfte einen nicht betören. Also bleibe hier, steige wieder hinauf auf deine Höhe und genieße die Schönheit aus der Ferne, ohne sie zu berühren oder verschwinden zu lassen.”

Diese vernünftige Erklärung konnte indes den Durst der jungen Raupe nach der Schönheit der Blumen nicht stillen, dennoch mußte sie die Argumente der weisen Raupe anerkennen. Sie hatte schon mehrmals erlebt, daß sie ein Blatt mit einem merkwürdigen Aussehen gesehen hatte und dann, wenn sie sich von dem hohen Ast fallen ließ, von welchem aus sie das schöne  Blatt bemerkt hatte, nichts sah als ein grünes Blatt  und – nachdem sie eine Weile daran gefressen hatte – das besagte schöne Blatt eben verschwunden und zerstört war. Von daher wußte sie genau, daß die weise Raupe recht hatte. Aber ihr Durst nach dieser Schönheit, die sie ständig sehen konnte und die sie nicht berühren konnte, ohne sie zu zerstören und verschwinden zu lassen, blieb so stark, daß sie so nicht weiterleben wollte. Sie kroch in eine ruhige Ecke, in welcher Äste aus der rauhen Rinde hervorkamen. Hier legte sie sich in eine Spalte und begann so lange Schleimfäden zu produzieren, wie sie nur konnte; so  war sie denn schließlich eingeschlossen in einem dichten Fadennetz wie in einer Zelle oder einem Sarg, von ihr mit eigener Kraft gebaut. Danach war sie derart müde und beinahe ohnmächtig vor Erschöpfung, daß sie sofort einschlief und hoffte, nie wieder zu erwachen.

Aber in jenem Baum lebte auch die gute Fee Vivamerino, welche die Schönheit der Natur über alles schätzte. Sie hatte das Gespräch zwischen der alten und der jungen Raupe mitangehört und beabsichtigte, der jungen zu helfen. Aber wie? Auch sie mußte anerkennen, daß das, was die alte sagte, richtig war und daß die Schönheit der Blumen, auf welche sich die Raupe warf, zerstört wurde, ohne daß sie sie wirklich genießen konnte. Außerdem war sie der Meinung, daß die Schönheit der Natur viel zu erhaben war, um von müßigen Kreaturen einfach genossen zu werden, als fiele ihnen nichts Besseres ein, die Zeit damit zu verbringen,  hier und dort auf der Erde herumzuspazieren, sich hier und da an den Wundern zu erfreuen, die die nie ruhende schöpferische Energie geschaffen hat – Wunder, welche sowohl das Herz wie die Sinne mit Freude erfüllen. Und sie selbst wurde durch die Schönheit immer wieder so berührt, daß sie versuchte, auch in anderen die Gefühle zu erwecken, die die immer neuen Ansichten in ihr hervorbrachten. Sie begab sich nun hinter den Platz, wo die junge Raupe ganz eingeschlossen war und flüsterte unter die Rinde hinein die folgenden Worte:

“Liebst du die Schönheit? Aber deren Genuß wird dir nicht einfach umsonst gegeben, sondern muß erst verdient werden. Bist du bereit, sich ihn dir zu verdienen?”

Die Raupe glaubte, daß sie träumte und versuchte, den Kopf zu erheben; sie lag unter einem so dichten Fadennetz, daß sie es nicht konnte. Da hörte sie erneut das Geflüster:

“Warum bist du untröstlich, nur weil du die Schönheit weder mit dem Mund noch mit den Füßen berühren kannst? Ist es eigentlich nicht genug, all dies mit den Augen zu genießen?”

“Kann das etwa  genügen?”, rief nun die Raupe mit Begeisterung so laut, wie es die unbequeme Lage ihr erlaubte. “Aber natürlich nicht! Solange ich lebe, habe ich mich an dieser Schönheit sattzutrinken versucht, dennoch bin ich noch nicht zufrieden. Wie soll das einfache Betrachten befriedigend sein? Aber schlägt dein Herz etwa nicht heftig, wenn die lebendige, atemberaubende Schönheit der Natur deine Augen anregt? Regen sich deine anderen Sinne etwa nicht mit derselben Begeisterung und fühlst du denn nicht den unüberwindbaren Wunsch, die ganze Welt zu umarmen und alle Blumen und die glänzenden Morgentautropfen zu küssen, bis man den letzten Atem ausgehaucht hat? Ich möchte von einer zur anderen gehen, sie drücken, mit ihnen tanzen und laut schreien und jubeln vor lauter Schönheit! Ach, nein! Aber so ist es nicht ganz richtig. Nicht so laut. Denn der übermäßige Lärm zerstört den Eindruck des Heiligen. Nein, ruhig, mit aller Ruhe und Gefühl möchte ich von einer Blume zur anderen gleiten und spielen, zwischen den bunten Blumen, wie der Wind sie trägt und in seinen weichen Armen wiegt! Dann kann ich ihre Schönheit erleben, daß andere sie auch sehen, daß ihre Schönheit lebendig bleibt und sogar dazu einlädt, sie nachzuahmen und gar die von der Natur geschaffene Schönheit zu überbieten!”

Aber plötzlich verstummte die schluchzende Stimme, und nur einige wenige Seufzer verrieten die Ergriffenheit der jungen Raupe in ihrem Kerker, welche in ihrem Verlangen nach der Schönheit in Fantasien schmachtete. Nach einer kurzen Zeit der Stille ergriff sie wieder das Wort:

“Du, liebe Stimme, wenn du mich hören kannst, so lache bitte nicht über meine Dummheit. Ich bin nämlich häßlich und was ich berühre, das zerstöre ich. Es ist blöd von mir, auf den Blättern herumzukriechen, denn die Schönheit flieht vor mir. Aber ich kann ohne diese Schönheit nicht leben, und deswegen habe ich mich in diesen Kerker eingeschlossen, den ich selbst gebaut habe, indem ich so viele Fäden erzeugte, wie meine Kräfte es erlaubten. Hier will ich sterben. Aber derart eingekerkert sehe ich die schöne Wiese und sehe auch, wie die Blumen, vom Winde bewegt, hin und her wippen, während ich deine Stimme höre. Und der Ton dieser Stimme ist so sanft, daß ich fast gedacht habe, daß ich mich mitten in einem Traum befinde. Und ob dieser Tatsache bin ich in Selbstvergessenheit geraten. Aber nun bin ich wach und möchte wieder einschlafen, um nicht mehr zu träumen und nicht mehr zu erwachen..”

“Aber vorher höre bitte, was ich dir zu sagen habe!”, antwortete die Waldfee mit leiser, süßer Stimme. “Wenn man wirklich irgendetwas will und die Kraft besitzt, alle seine Gedanken und seinen Willen darauf zu konzentrieren, müßte man es nach einiger Zeit erreichen. Es genügt aber nicht zu träumen, man muß auch wollen. Glaube mir, ich sage die Wahrheit.”

“Ich möchte schon daran glauben”, sagte die Raupe, “denn es kommt mir nicht in den Sinn, daß du mit einer solchen süßen Stimme lügen könntest.”
Sie konzentrierte alle ihre Gedanken und ihren Willen auf das Bild, das sie so oft betrachtet hatte und sah sich selbst gleitend und spielend wie eine Blume unter Blumen auf der Wiese. Und nach drei Tagen öffnete die Fee den Kerker, indem sie die Fäden zerschnitt, und so entliess sie die Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt hatte, auf die Wiese. Von da an fraßen die Raupen die Blätter der Bäume nur, um größere Kräfte zu sammeln und damit ihr Fadengehäuse zu bilden und sich darauf zu konzentrieren und bereit zu machen, die Schönheit richtig zu genießen und ein neues Leben als Schmetterling zu beginnen.

Wann werden wir Menschen lernen, diesem höchsten Beispiel zu folgen?

Übersetzung aus dem Ido: Maja und Santiago Tovar, Madrid
Korrektur: Alfred Neussner, Waldkappel
2004

Der Artikel ist auch in Castellano verfügbar.