Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1919-1933
Ulrich Linse (Hrsg.)
Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Jugendorganisation 1919-1933
dipa-Verlag Frankfurt am Main 1976
28. Bruno Zimmermann: Rotes Luch. In: JM 11, 2 (Februar 1922):
 Deckblatt
Wir fanden den Strippenzieher und den Schreiber auf dem Dach einer kleinen Bretterbude dicht am Bahndamm mit Hammer und Pappnägeln beschäftigt, lange schmale Rollen Dachpappe aufzunageln. Ein Dritter in blauem Kittel holte neue Rollen aus der Bude und reichte kleine viereckige Pappstückchen zu. Wir andern waren mit dem Zehnuhrzuge vormittags vom Schlesischen Bahnhof über Strausberg gefahren, dann dicht am Bahndamm entlang, vorbei an schimpfenden Bahnwärtern, neugierigen Dorfleuten durch rauhreifbehangenen Nadel- und Laubwald unentwegt unserem Ziele zu. Eine Stunde Marsch hart am Damm auf schmalern Fußweg, dann senkte sich der Wald, lichtete sich, hörte plötzlich auf: ein tiefliegendes Stück Land vor uns, von Gräben durchzogen, von spärlichen Birken bestanden. Rechts hinten am Waldrand vier blaue Holzhäuser, links ganz weit draußen ein massives mehrstöckiges Haus, links vorne vor uns, neben einem Heuhaufen, Hühner- und Ziegenverschlag unsere Bretterbude, das Ziel unserer Wanderung.
Um das Dach bis zur Kaffeepause fertig zu benageln, halfen wir alle mit, jeder nach seiner Art und Fähigkeit, einer mit dem Zollstock, andere mit Pappschere und als Handlanger. Eigentlich war'sja nicht recht, wir waren ja hergekommen, um das "individualistische, kapitalistische, organisationsschädigende aller Siedlungsversuche unter den heutigen Verhältnissen" handgreiflich festzustellen, was man uns solange in wohlgesetzten Artikeln und Vorträgen erzählt hatte. Aber sollten wir die Feuerung den geringen Kartoffelvorrat unseres Gastfreundes ohne Gegenleistung in Anspruch nehmen? Die Bretterbude war bestimmt für eine Gruppe von sechs bis acht elternlosen Kindern, die zum Frühjahr voraussichtlich zuziehen sollten, und da galt es, das Dach rechtzeitig vor den wechselnden Witterungseinflüssen zu decken. Wir hatten ja den ganzen langen Nachmittag noch Zeit, die wesentlichsten Fragen, Einwände, Vorschläge zu erledigen.
Ein Hottentottenkraal aus niederer Ringwand von Torfstücken, Brettern, Stroh mit hohem rundem Kegeldach aus Binsen und Schilf, drinnen ein eiserner Ofen, ein Lager aus Laub mit Decken, ein Wandbrett mit Kochgeräten, Handwerkszeug, Lebensmitteln neben der Bretterbude, das war die Wohnung unseres Gastfreundes. Während der Kaffeepause und nachher beim füttern der Hühner und beiden Ziegen gab es reichlich Gelegenheit, Fragen zu stellen. Kurz und knapp waren die Antworten, keine Agitation, keine Werbung, keine Verteidigungsreden, doch mehr als wir erwarteten.
Acht Morgen war das Landstück groß, für hundertachtzig Mark vom Gutsbesitzer auf drei Jahre schriftlich gepachtet, von Landräten, Gemeindevorstehern, Gerichten seit Anbeginn berannt und befeindet. Acht oder neun Jugendgenossen, darunter drei Mädels, seit Mai auf der Siedlung, für sechs Mann ein Zelt als Nachtlager, drei unter freiem Himmel am Birkenbaum. Jetzt im Winter waren drei da, zwei waren heute fortgeschickt, Material für das Kinderheim zu holen. "Die Mädchen halten nicht solange durch, am schlimmsten für sie ist das kalte Schlafen auf der harten Erde. Aber zum Frühjahr ist das eine Heim fertig und der Kraal dichtgemacht." Anfangs wurde jeder aufgenommen, aß sich satt, wenn was da war und ging spazieren. Einige arbeiteten in der Stadt, wenn sie heimkamen, war das Essen von den Spaziergängern verzehrt, die anderen hatten nichts als die ungesäuberten Geschirre wieder zu reinigen. Ein Tischler war da, ein junger Mensch, hatte sein Mädel mitgebracht, es war soviel Allernötigstes zu tun. Der Tischler verwechselte die freie Liebe mit Ausschweifung, nach zwei Monaten war er so kaputt, daß er nichts mehr anfassen konnte. Wir sagten ihm wer nicht mit unseren Grundsätzen übereinstimmt und bleibt doch hier, ist ein niederträchtiger Schurke. Da ging er freiwillig. Jetzt ist ein anderer Tischler dabei, augenblicklich in der zweiten Siedlung im Rheinland, kommt zum Frühjahr zurück.
Gestohlen ist bis dahin nichts, es ist ziemlich weit von Dorf, Stadt, Bahnhof, aber für die Ziegen und Hühner wird doch ein verschließbarer Stall gebaut, außerdem ist ein kleiner Spitz da. Koks wird von der nahen Bahnabladestelle reichlich gesammelt, Futter für die Tiere ist vom Sommer hier, selbstgebautes Heu, kunstgerecht hochgestapelt. Grüne Bohnen wurden gut, Mohrrüben kamen nicht hoch. Jetzt wird zwanzig Zentimeter Asche und dann Kalk gestreut, fünf Morgen sollen zum Frühjahr allmählich in Betrieb kommen. "Und wenn man euch wieder heruntejagt, wenn ihr das Sumpfland hochgebracht, zum mühelosen Bearbeiten für Fremde fertiggemacht habt? " "Dann gehen wir, haben wieder ein Jahr Freiheit hinter uns, und vor uns neue Wege, neue Versuche an anderen Orten. Deutschland ist immer noch groß, und wenn das Land der Väter auch nicht mal ein Stückchen Sumpfland übrig hat für seine freie Jugend, dann gibt's jenseits auch noch Menschen, Länder, Hilfe."
Wir streifen an den Gräben und Birken vorbei, rund um dies Neuland Orplid, Utopia. In der frühen Dämmerung verschwindet dort weit am Rande das weiße, große Haus. "Die Erziehungsanstalt, von dort kommen unsere größten Widerstände. Die kleinen vier Holzhäuser rechts gehören zur sogenannten produktiven Erwerbslosenfürsorge, die auch ein Stück Nachbarland fertigmachen, nicht für sich. Wir wurden anfangs auch von diesen Leuten belästigt, das schlimmste sind die Leute der Anstalt, die staatlichen Jugenderzieher. Von da aus gehen die Beschwerden regelmäßig, fortgesetzt, ununterbrochen an Landratsamt, Amtsvorsteher, Regierung. Ein Lehrer brachte immer seinen Besuch hierher, lief überall herum und führte uns in Freiheit dressiert seinen Gästen vor. Als wir ihnen mal nackend entgegenliefen und sie stellten, war am nächsten Tage eine Vorladung da wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Die Sache fiel ins Wasser, weil unser Land kein öffentliches Tanzlokal ist und wer uns als Gast besucht, muß sich in unsere Gebräuche fügen. Jetzt sollen wir zwanzig Mark Geldstrafe zahlen wegen Errichtung nichtgenehmigter Baulichkeiten. Der Termin ist vertagt, ein Regierungsvertreter war hier."
Zahllos waren noch die Fragen, für die wir nicht sofort hier Ausdruck und Erledigung fanden, es war ja auch nicht der letzte Tag des Zusammenseins. Der Ofen im Hottentottenkraal wurde mit neuen Koksstücken beschickt, die wärmende Maggisuppe hielt uns im Kraal zusammen, rings um den Ofen auf Kisten, Rucksäcken, Decken gehockt und gelagert zur kurzen Rast, denn die Trennungsstunde war nahe. Wir zogen in Worten, Fragen und Gedanken das Ergebnis der Wahrnehmungen und Beobachtun-gen des heutigen Tages. Was war dies hier? Individualistische, organisations-schädigende Eigenbrödelei, die von jeder Werbearbeit und Verbandstätigkeit abhaltende, zum Kleinkapitalismus führende Absonderung - oder - paradise lost? Der Pfiff eines auf dem Damm vorüberrollenden Güterzuges durchschnitt den Faden unserer Erwägungen und trieb zum Aufbruch. Mitten im Packen, Verstauen, Säubern, Zuschnüren noch ein paar kurze Fragen an unseren Gastfreund, der auf seinem Lager blieb, schon zur Nacht bereit. Er war Metallarbeiter, arbeitete ein paar Wochen, um Reisegeld und Wegzehrung für den Rest des Jahres zu erraffen, für die Zeit des Wanderns und Fahrens. Die Eltern machten immer größere Schwierigkeiten mit Kostgeld, Vorschriften, Einschränkungen, Entweder - Oder. Der Junge, vor die Wahl gestellt mit dürren Worten an die harte Zeit erinnert, ließ das Elternhaus zurück um der jugendlichen Freiheit willen, der harten, bitteren deutschen Freiheit und fand Wer vor läufig Anschluß. "Neulich war ich zuhause wieder mal, Vater hatte gerade Besuch, Begräbnis, ich wußte das nicht, es waren alle Verwandten da. Vater kam mir im Hausflur entgegen, mit erhobenen Händen, abwehrend. Na ja, Vater, ich geh ja schon wieder. - Er griff nach seiner Acetylenlampe neben dem Lager, schraubte und schüttelte. Wir reichten uns zum Abschied die Hand. Er sah auf die Fahrtgenossin, die uns be gleitete. Bleib hier, Mädel, heute Nacht bei mir. - Wenn es sein muß."
Wir wanderten im Schein unserer Karbidlampe durch den Wald zum Bahnhof zurück. Noch so viele Fragen blieben ungeklärt, die wir uns beim Betreten dieser Jugendsiedlung gestellt hatten, blieben für spätere Besuche zurückgestellt. Wir maßten uns nicht an, ein für allemal unter den heutigen Verhältnissen alle Versuche großstädtischer Arbeiterjugend in ihrer arbeitslosen und Freizeit mit dem Land in Verbindung zu bringen, vom sicheren Schreibtisch aus, von wohlgeordneten Zeitungsausschnittrnappen zu erledigen.
Wir sahen nur einen Versuch, mit geringsten Mitteln immer aufs neue wiederholt, den Druck der großstädtischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Schäden des Arbeits- und Vergnügungsbetriebes unserer großen Fabrikstädte auszugleichen. Wenigstens für das neue heranwachsende Geschlecht. Eins stand heute schon fest, solche Versuche werden wiederholt werden, an anderen Orten und Zeiten, trotz alledem.
|