1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen…

1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen…

1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen…

Mitteilungsblätter Heft 1: Kulturphilosophische Betrachtungen

Transkript

Von Filareto Kavernido

Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:

La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTURPHILOSOPHISCHE BETRACHTUNGEN

Die Kulturentwicklung der Menschheit schreitet fort; sie geht nicht in gerader einheitlicher Richtung; sondern auf gewundenen Wegen mit Abstechern nach rechts und links; manchmal verrennt sie sich in eine Sackgasse, dann aber kehrt sie wieder um, und nimmt den Weg dort wieder auf, wo sie ihn verlassen hat. Eine Erklärung für diese Erscheinung finden wir in der Erkenntnis, daß eben die Kulturentwicklung der Menschheit nicht das bewußte Werk menschlicher Vernunft ist, sondern die menschliche Vernunft erst sehr spät hinter den Kräften, die uns treiben, die wir nicht kennen, aber ahnen, fühlen, genialisch erfassen, hinterher hinkt.

Die Seitenwege sind manchmal recht lang und man muß nicht nur große Zeiträume überblicken, um den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Kulturstadien entdecken zu können, man muß auch hoch genug über dem durchwanderten Terrain stehen, um den sich durch die Gefilde hinschleichenden, bald bergauf steigenden, bald talwärts sich neigenden und dann wieder auf schmalem, schwankendem Steg einen Abgrund überspringenden Entwicklungspfad voll und als ein Ganzes übersehen und erkennen zu können. Bevor wir nun die Windungen diese Weges im Einzelnen genauer betrachten, wollen wir uns von vorneherein über zwei Worte einigen, die überall und von jedermann gebraucht werden, sich aber -leider!- meistens dort einstellen, wo eben diese Begriffe fehlen. Das sind: „Kultur“ und „Zivilisation“. Unter Zivilisation wollen wir den Stand unserer wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen und Erzeugnisse zusammenfassen, während Kultur den Grad von einheitlicher Entwicklung unserer sittlich-künstlerischen und wissenschaftlich-technischen Ausbildung darstellen wird. Legen wir nun diese Auffassung unseren Überlegungen zu Grunde, so müssen wir zurückgehen bis zum Jahre 450 v.Chr. um den Markstein zu finden, an dem die Kulturentwicklung der Menschheit zum letzten Male abgewichen ist und jenen Seitenpfad betreten hat, der sich als blind endigend erwiesen, so daß es keinen Ausweg als das „Z u r ü ck!“ gibt.

Dieses Jahr bedeutet den Untergang der alten hellenischen Kultur, jener Kultur, die sich aufbaute auf der Erkenntnis der großen Befriedigung im Leben, der großen Aussöhnung mit allen Mühsalen und Schmerzen, die das Leben mit sich bringt, durch die Kunst, das heißt des metaphysischen Trostes, den uns die Kunst gewährt. Den Höhepunkt dieser Kultur stellen die unvergleichlichen Tragödien Aeschylos und Sophokles dar, gegen welche nunmehr Sokrates auftritt. Wurde bisher den Griechen von ihren großen geistigen Führern gelehrt: „Das Höchste ist die Kunst“, so behauptet Sokrates: „Das Höchste ist das Wissen“.

Wie man nun gesagt hat, daß Kopernikus das Christentum getötet habe durch seinen Beweis von der Bewegung der Erde um die Sonne, so kann man auch behaupten, daß Sokrates die klassische, hellenische Kultur getötet hat. Mußte es den Menschen nicht vielmehr schmeicheln, zu erkennen und schwarz auf weiß von Geschlecht zu Geschlecht weitervererben zu können, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, und was man neu hinzugefunden hatte, als Kunstwerke anzustaunen, die so hoch über ihnen standen, daß sie sie wohl bewundern, sich an ihnen erheben konnten, die aber der Stempel einen Vollendung trugen, die nicht leicht zu übertreffen war. Hier war ein neuer Weg gegeben, hier hatten auch weniger Begabte die Möglichkeit, etwas Neues zu finden und den Ruhmeskranz der Erfinderlorbeeren auf ihr Haupt zu drücken: und so wurde das Suchen nach Wissen, das Sokrates forderte, zur Grundlage einer Gesinnungsrichtung, die bis heute dem ganzen Menschengeschlechte auf seinem Entwicklungsgange vorgeschwebt hat. Seit Sokrates haben wir nicht mehr eine ästhetische Kultur, die in künstlerischer Erhebung die Schönste und reinste Überwindung aller Schmerzen und Enttäuschungen empfindet, die das Leben uns schlägt, sondern die wissenschaftliche sokratische und alexandrinische Kultur, die auf alle künstlerischen Tröstungen verzichtet, und sich im Schweiße ihres Angesichts bemüht, nach und nach das eine oder andere Geheimnis der Natur abzuringen.

Nach der Erklärung, die ich von der Kultur gegeben habe, wird man die alexandrinische Kultur nicht als Kultur bezeichnen können, und jetzt, am Abschluß dieser Periode, sehen wir in der Tat, daß das, was sie geschaffen, keine Kultur, sondern eine Zivilisation ist. Einem Gesellschaftszustande, der auf dieser uns fast märchenhaft anmutenden Höhe wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Erkenntnis seine gesamten Kräfte unter direkter Umkehrung seiner dauernd vertretenen in Wort und Gebärde sogar äußerlich beibehaltenen ethischen Basis, auf das Riesenwerk der Zerstörung richten kann, das dieser fürchterliche Krieg darstellte, einer solchen Gesellschaftsform kann man den Ehrentitel einer Kultur nicht beilegen.

Der tiefste Grund für diese Tatsache mag der folgende sein:
Der wissenschaftlich-strebende Mensch sucht die Wahrheit zu finden. Je weiter wir aber auf dem Dornenpfade der Erkenntnis vordringen, um so klarer und sicherer zeigt sich uns die niederschmetternde Einsicht, daß er uns die „Wahrheit“, das letzte Welträtsel, die Frage nach dem Anfange aller Dinge, niemals erschließen wird. Die Folge wird schließlich eine tiefe Entmutigung sein. Einem Ziele zustreben, dessen unmögliche Erreichung uns klar vor Augen steht, muß uns zuletzt dazu treiben, in den absoluten Pessimismus zu verfallen, und den Kampf mit dem Leben ganz aufzugeben. Derartige Momente können wir in der Geschichte dieser wissenschaftlich-forschenden Periode des Menschengeschlechts vor allem drei erkennen:

Nach dem Verfall der griechischen Kultur traten die Römer ihr Erbe an. Sie bauten sich auf der rein sokratischen Erkenntnistheorie auf, sie waren praktische „Menschen“ und unterwarfen sich fast den damals bekannten Teil der Erdoberfläche. Allmählich aber machte sich der Mangel einer künstlerischen und erhebenden Kultur bemerkbar, und so finden wir um den Beginn unserer Zeitrechnung ein unruhiges, unsicheres Umhertappen im Dunkeln. Wozu lebt man noch? Nur Leiden, nur Arbeiten und Mühen, aber keine Erholung. Genuß berauschender Getränke und des Liebeslebens kann nachhaltige Befriedigung nicht gewähren und so sehen wir das Ausarten aller Triebe ins Ungemessene als den Cäsarenwahnsinn eines Nero, Caligula und seiner Gesellschaft, die immer größere, weitere Möglichkeiten suchen, ihre aufgepeitschten, überreizten und nie zu befriedigende Nerven wenigstens vorübergehend etwas zu beruhigen.

In diesem Augeblick kommt eine Hilfe, die unter anderen Bedingungen, daß heißt beim Zustande einer wirklichen Kultur niemals in Anspruch genommen worden wäre. Aus Indien bricht sich die pessimistische, d.h. Welt und Leben verneinende Philosophie des Buddhismus in Form des Christentums Bahn und schwemmt die letzten Erinnerungen griechischer Kultur von dannen. Jetzt weiß man wieder, wozu man lebt. Man will sich für das bessere Jenseits vorbereiten. Das Leben muß ertragen werden, um die ewige Seligkeit zu erwerben. Man zahlt einen hohen Preis, man verzichtet auf alle Freuden des Daseins, aber der Lohn ist auch entsprechend. Wie weh muß den Menschen zu Mute gewesen sein, die sich eine derartige Versagung aller Lebensfreuden auferlegen konnten! Nur der Ekel an übersättigten Begierden ohne die höhere Befriedigung durch die veredelnde Wirkung der Kunst konnte solch ein Geschlecht schaffen.

Aber man hatte doch wieder ein Ziel, einen Zweck für das Dasein, und so schleppt man sich durch weitere 1400 Jahre. Jetzt aber bricht sich der Widerspruch zwischen menschlicher Natur und einer solchen lebensverneinender Philosophie Bahn zur Erkenntnis. Die nächste Folge ist die Verrottung der katholischen Kirche in der Zeit der Renaissance, die eben die Wiedergeburt der hellenischen Kultur fordert. Aber man kann sich noch nicht so weit aufraffen, die geistigen Ketten des Christentums lasten noch zu schwer auf der Menschheit; doch Bewegungen setzen ein, sich von dem fürchterlichen Drucke zu befreien: Albigenser und Hussiten beginnen den Befreiungskrieg, aber sie werden geschlagen und vernichtet, und nun folgt eine kurze Periode, ein letztes Aufflackern des Versuchs, eine wahre christliche Kultur aufzubauen unter Savonarola. Die Unmöglichkeit eines solchen Versuchs, als notwendige Folge des inneren Widerspruchs zwischen der sittlichen Basis, die sich auf der Erkenntnis aufbaute und der künstlerischen Empfindung, die unser Gefühlsleben hervorbringt, zeitigte den Teufelskult, und all das wilde, wüßte Raubritterwesen, das sich im 15. Jahrhundert breit machte. Nun trat endlich mit Luther eine Beruhigung ein, insofern man aus der Befreiung von dem Gewissenszwang, den die katholische Kirche ausübte, neue Hoffnung für neues Streben schöpfen konnte. Damit war man aber wieder in das Fahrwasser reinen, sokratisch forschenden Geistes gekommen, und jetzt endlich kommt der Augenblick der Weltgeschichte, der uns endgültig die Augen öffnen sollte. Die neue „protestantische“, gegen Gewissenszwang protestierende Hoffnung, schuf Empfindungen, die sich in den christlichen Pessimismus nicht mehr einfügen konnten, und so entsteht aus der von Bach zur höchsten Höhe und tiefsten Empfindung geführten Kirchenmusik eine neue Kunstgattung, symphonische Musik, die mit den Sonaten Haydns und ihren Gipfelpunkt in der neunten Symphonie Beethoven’s erreicht. Beim Hören dieser Musik winken uns neue Ziele; hier werden wir über uns selbst hinausgehoben, hinaus über die kleinlichen Bedürfnisse der individuellen Seele zu höheren Aufgaben.

Und was der musikalische Genius gefühlt hat, das begeisterte das dichterische Genie eines Goethes zu seinem Faust. Nur langsam hinkt auch diesmal wieder die menschliche Vernunft dem vorausahnenden Genius nach, und so finden wir den sokratischen Geist noch an der Arbeit. Trotz dieser Kunstoffenbarung arbeiten Kant und Schopenhauer fort an dem Vermächtnis des wissensdurstigen Griechen. Mit Schopenhauers Lebenswerk, dem Bekenntnis des absoluten Pessimismus, erreicht die sokratische Kultur ihren Höhepunkt und – ihr Ende.

Es ist der größte Hoffnungsschimmer für das Menschengeschlecht. Das gerade auf den Schultern diese Pessimisten sein eifrigster Verehrer und begabtester Schüler den Optimismus der bejahenden Lebensfreude in alle Welt hinausruft. Von diesem Gipfel sokratischer Erkenntnis und musikalisch-dichterischer Offenbarung bedurfte es nur eines Schrittes, um diejenige Höhe erreichen zu können, die uns befähigt, den eingangs erwähnten Pfad der Kulturentwicklung in allen seinen Windungen überstehen zu können. Diesen Schritt hat Friedrich Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie getan. Er steht gewissermaßen mit einem Fuß auf dem Gipfel sokratischer Erkenntnis, mit dem anderen auf dem des musikalischen Empfindens, und so sieht er in das Tal hinab, aus dem diese beiden Wege sich heraufwinden.

Wird er nun soweit noch verstanden, so kann ihn aber die heutige Welt, die sich an den Zustand der kulturlosen Welt so prächtig gewöhnt hat, daß sie noch kein wirkliches Kulturbedürfnis verspürt, weiter nicht folgen. Denn Nietzsche bleibt hier nicht stehen. Aus diesem beschauenden Stande erhebt er sich in mächtigen Sprunge und tut einen weiten, weiten Blick vorwärts. Aus beiden Hügeln strömen die Kräfte gleich einem elektrischen Strome durch seinen Körper und vereinigen sich zu einer neuen einheitlichen Kultur. Die Grundlage dieser Kultur gib er uns in seiner wunderbaren Dichtung des „Zarathustra“.

Dieser „Zarathustra“ gibt gewissermaßen die Ausführungsbestimmungen zu Fausts Zukunftsprogramm, dessen Erkennen ihm die höchste, das Leben überwindende Entzückung verursacht.

Nachdem Faust mit der herrschenden Gesellschaft zerfallen, lange im Leben gesucht und versucht hat, verdichtet sich sein Streben zur Ahnung einer neuen Gesellschaftsform, die ihm die Widersprüche löst, die sich zwischen den Bedürfnissen der Individualseele und dem Zwange der Gemeinschaft ergeben. Er begreift, daß diese Gemeinschaft zusammengehalten werden muß von der Liebe, nicht von kleinlichen Alltagsinteressen, als deren Regulator eine Zwangsautorität immer wieder den Entwicklungsflug(!) des Einzelnen hemmen muß. So stellt er sein Programm auf:

 Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das letzte wär‘ das Höchsterrungene.
Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde.
Gleich angesiedelt auf des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand.
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möchte ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdtagen,
Nicht in Äonen untergehen.

Die Aufrichtung dieser hier gezeichneten Gesellschaft, die als freies Volk auf freiem Grunde steht, kann nicht mehr das Werk des Vaters dieses Gedankens sein, sie kann eben nur bewirkt werden von freien, d.h. selbstverantwortlichen Individuen, die Richter und Rächer ihres eigenen Gesetzes sein können. Solche Menschen brauchen dann keine gewalttätige Zentralautorität, die die Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Gemeinschaftsmitgliedern als Staat, Parlament, Sowjets, Mehrheitsbeschluß usw. überbrückt: Solche Menschen haben Wissen und Gewissen genug, selber ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden und auszufüllen. Sie brauchen nur eine geistige Autorität, der sie folgen, weil sie ihnen den Weg zum eigenen Innern weißt. Diese Aufgabe nun erfüllt Nietzsches „Zarathustra“, der immer ein Prüfstein für den ist, der sich bemüht, dem Goetheschen Zukunftsideal, wie es in den zitierten Versen zum Ausdruck kommt, wirkliches Leben zu geben.

So werden wir uns die Dichterworte zur Grundlage unserer Arbeiten nehmen, wenn wir nach Trockenlegung des Sumpfes der heutigen Moral den Grundstein zu einer neuen Gesellschaftsorganisation legen wollen. Und die Erkenntnis dieser Aufgabe war der ursprüngliche Zweck dieser Betrachtungen.

Filareto Kavernido

Von Filareto Kavernido

Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:

La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTUR UND ZIVILISATION

Diese beiden Worte werden immer und immer wieder von jedermann gebraucht, ohne daß jemand tatsächlich eine feste Vorstellung mit ihnen verbinden kann. Wieviel Druckseiten sind während des Krieges nicht mit Versicherungen angefüllt worden, daß mit ihm die deutsche Kultur um ihre Existenz kämpfte, während andererseits die deutschfeindlichen Nationen mit ebenso großem Nachdruck behaupteten, daß die Art und Weise, wie die Deutschen diesen Krieg führten, nicht Kultur gewesen sei, sondern Barbarei; und doch haben auch diese Unrecht, denn Barbarei ist Kultur. Dennoch sage ich, daß die deutsche Kultur ganz sicher mit diesem Kriege nichts zu tun hatte, und daß die Deutschen keinesfalls mehr Barbaren genug sind, um den Titel von Kulturkämpfern zu verdienen, sondern degenerierende Zivilisationsmenschen, wie die übrigen occidentalen Nationen, von denen sie nur dadurch unterschieden sind, daß jene den Gipfelpunkt ihrer Kultur schon seit mehreren hundert Jahren überschritten haben, während die Deutschen den Zustand des Feudalismus noch nicht hinter sich haben, und daher ihnen die beste Gelegenheit gegeben ist, direkt aus dem Feudalismus in den Zustand der neuen Kultur überzugehen. Daher entstammen auch die größten Kulturphilosophen der deutschen Rasse: Goethe und Nietzsche geben uns die Grundlagen dieser neuen Kultur der Zukunft, die uns alle großen Musiker von Bach bis Beethoven, die auch nicht zufällig alle der deutschen Nation entstammen, in ihrer Musik ahnen lassen.

Nun wollen wir die Frage beantworten: „Was ist Kultur, was ist Zivilisation?“

Um eine richtige Erklärung der Vorgänge innerhalb des menschlichen Lebens geben zu können, ist es unerläßlich notwendig, den Menschen on allen seinen Beziehungen zur Natur zu betrachten, da die einzelnen Erscheinungen des Lebens niemals für sich allein eine abgeschlossene Erscheinung bedeuten, sondern vielmehr jede einzelne Lebensäußerung immer nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtleben darstellt, bedingt von unendlich vielen abgelaufenen und gleichzeitig ablaufenden Lebensprozessen und zugleich wieder Ursache von anderen. Die Einsicht in diese Wechselbeziehungen der Naturvorgänge gibt uns nun die moderne Wissenschaft, weshalb wir also auf ihre Errungenschaften immer zurückgehen müssen, wenn wir einen wirklich klaren Gedanken fassen wollen. Wir dürfen niemals in einen Widerspruch mit diesen naturwissenschaftlichen Erfahrungen und Gesetzen kommen, ohne uns bewußt zu sein, daß entweder diese erkannten Gesetze falsch sind, oder wir einen Fehlschluß gezogen haben. Nach dem Stande der Wissenschaft stellt sich der Mensch, genau wie jedes andere Naturprodukt, als die Erscheinungsform einer bestimmten Anzahl von Substanzmolekülen dar, um mit Ernst Häckel zu sprechen; oder, wenn wir die neueren Hypothesen über Energetik und die Elektronen- und Ionen-Theorie heranziehen, erscheint uns der Mensch als Teil der Natur, wie die ganze Natur, als der Ausdruck der Wechselwirkung der beiden Erscheinungsformen der Allkraft, in denen sie sich der menschlichen Erkenntnis zugänglich macht: die lebendige, aktuell wirksame, -auch virtuelle oder kinetische genannt -und die aufgespeicherte -potentielle oder latente- Energie, die als das Resultat geleisteter Arbeit für neue Arbeitsleistung zur Verfügung steht. Alles Entstehen und Vergehen der Formen in der Natur ist also nur der ewige Wechsel dieser beiden Kraftformen, der auch das Leben bildet, wo die lebendige Kraft als der Fortpflanzungstrieb, die potentielle Energie als Selbsterhaltungstrieb in Erscheinung tritt. Diese beiden Triebe beherrschen also nicht nur unser Leben, sie machen vielmehr unser Leben und nicht nur unser Leben, sondern das Leben überhaupt aus.

Das innerste Wesen der Kraft kennen wir nicht, ebensowenig, wie wir „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Daher kennen wir auch den Zweck und die Aufgabe unseres Lebens für das Gesamtgeschehen der Natur nicht. Wir können die Existenz eines Gottes nicht beweisen, wir können die Möglichkeit des Vorhandenseins einer höheren Ursache unserer Existenz nicht leugnen, wir müssen sogar bei unserem ausgesprochen logischem Kausalitätsbedürfnis eine solche annehmen. Wie dem aber immer sein möge, wir müssen die beiden Instinkte als das innerste Wesen unseres Lebens ansehen, und deshalb muß es klar sein, daß der Zweck unseres Daseins nur dadurch erreicht werden kann, daß wir uns diesen beiden Instinkten anvertrauen und uns von ihnen unbedingt führen lassen. Also können wir sagen, daß der Zweck unseres Daseins nur die Stärkung und Höherentwicklung dieser beiden Triebe sein kann.

Eine derartige Forderung wird nun im allgemeinen nicht angenommen, aber dennoch werden auch die Furchtsamen ihre Angst bald verlieren, wenn sie nur ein wenig klar darüber nachdenken, wohin diese beiden Triebe die Menschheit tatsächlich führen. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt den Menschen dazu, die Natur und ihre Kräfte zu studieren, um die Gefahren vermeiden zu können, von denen er in jedem Augenblick bedroht wird. Man bedenke nur, daß die ganze Heilzunft nur den einen Zweck hat, den Menschen gegen die Gefahren der umgebenden Natur zu schützen, und daß die Biologie, jene Wissenschaft von der Entstehung und Entwicklung des Lebens nicht aus dem Wunsche geboren ist, das Geheimnis der Natur zu erforschen, sondern aus dem Bedürfnis, die Bazillen kennen zu lernen, die den Menschen krank machen und töten, oder die Hefepilze, die uns das Bier und den Wein bereiten, der unseren Durst auf so angenehme Weise vertreibt.
Ich will sagen: Die ganze Wissenschaft entspringt ursprünglich dem Wunsche der Menschheit, sich vor den Gefahren zu schützen, die seine Fortexistenz bedrohen, oder, vom Gesichtspunkt des Individuums aus gesprochen: sie entspringt dem Selbsterhaltungstrieb. Für die Technik erübrigt sich ein besonderer beweis für ihre Entstehung aus diesem Trieb als selbstverständlich, denn die ganze Technik hat doch keinen anderen Zweck, als das Leben erträglicher zu machen. Also sehen wir, wie der Selbsterhaltungstrieb Wissenschaft und Technik gebiert, daß also gerade diese beiden Faktoren, die den Ruhm und Erfolg unserer Zeit ausmachen, dem allgemein so viel geschmähten Selbsterhaltungstrieb entstammen.

Aber dies ist nicht die einzige Folge: Um wissenschaftlich arbeiten, um technisch produzieren zu können, müssen die Menschen sich sozialisieren. Der einzelne Mensch kann nicht alles produzieren, was er zur Befriedigung seiner Wünsche und Bedürfnisse braucht. Gewiß produziert der gesunde starke Mensch mehr, als er selbst braucht, aber dennoch sind seine Bedürfnisse so vielgestaltig, daß er unmöglich alle Fähigkeiten besitzen kann, um die Mittel zur Befriedigung derselben alleine herbeischaffen zu können. Je mehr die Entwicklung der Technik uns lehrt, daß wir maschinell besser produzieren als mit der Hand, um so mehr erkennen wir, daß eine Arbeitsteilung unumgänglich notwendig ist. Um eine solche Arbeitsteilung durchführen zu können, müssen sich die Menschen über gewisse Regeln und Gesetze einigen, nach denen das Zusammenleben einzurichten ist; weil sonst die menschliche Gesellschaft nicht bestehen kann. So entstehen die sittlichen Grundgesetze aus dem Egoismus, da doch der Selbsterhaltungstrieb der Ausdruck des Egoismus ist. Die ist der Zustand der heutigen Gesellschaftsorganisation. Die Menschen betrachten ihre Beziehungen zu denen, mit denen sie zusammenleben, nur unter diesem Gesichtswinkel des Arbeitsvertrages, so daß die sittliche Grundlage der Menschen das Strafgesetzbuch der verschiedenen Länder ist. Daher sehen wir auch, wie die Stärksten, diejenigen, welche genügend Mittel haben um den Nachbar oder Konkurrenten zu unterdrücken, sich um keinerlei Sittengesetze kümmern, sondern nur an ihren persönlichen Vorteil denken, wie z.B. die Großfinanziers aller Länder.

Ich behaupte aber nun, daß auch die andern, die von Altruismus, Nächstenliebe usw. sprechen, nichts anderes tun, und daß der einzige Unterschied zwischen diesen und jenen darin besteht, daß das Individuum der großen Masse nicht stark genug ist, um den Kampf mit dem Leben nicht alleine aufzunehmen und durchkämpfen zu können, deshalb Rücksicht auf den Nachbarn nehmen muß, und nun den Altruismus predigt. Aber der Altruismus ist deshalb unmöglich, weil er das Recht des Menschen ganz unterdrückt, und ihn immer wieder zwingt, entsprechend den Wünschen der anderen zu handeln, anstatt den Bedürfnissen des eigenen Körpers gemäß; aber diese Bedürfnisse, welche wir fühlen und wissen, sind sicherlich das Einzige, das wir kennen können. Und deshalb müssen diese Bedürfnisse die Grundlage unserer Handlungen sein.

Die Schuld an dem Widerspruch, welcher hier erscheint; daß ich erstens behaupte, daß der Egoismus zum Untergang der Gesellschaft führt, welche ich als unbedingt notwendig erachte, und dann beweise, daß der Egoismus die natürliche Grundlage unserer Handlung sein muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß wir bis jetzt nur den einen Instinkt betrachtet haben; denn gerade die Wechselwirkung der beiden Instinkte verhindert, daß der Einzelne diejenigen Grenzen überschreitet, die durch die Rücksicht auf die natürliche Höherentwicklung der Menschheit, ja des Lebens überhaupt, gezogen sind. Während nämlich der Selbsterhaltungstrieb das Individuum in das Zentrum des Lebens stellt, entwertet es der Fortpflanzungstrieb vollständig zum Mittel für die Erhaltung und Fortzeugung des Lebens. Der ursprüngliche Zweck des Individuums ist nur diese physische Erhaltung des Lebens, denn das Individuum ist sterblich und lebt nur wenige Tage, während das Leben unsterblich ist, -es währt bis jetzt Hunderte von Jahrmillionen auf der Erde; und jetzt sehen wir, wie dieser Instinkt stärker ist, als der andere. Wir sehen nicht nur, wie Insekten bei der Zeugung sterben, wir sehen auch, daß die meisten Tiere jede Vorsicht verlieren, wenn sie von der Brunst oder der Sorge um die Brut beherrscht werden. Auch der Mensch wir von der Liebe zu den größten Handlungen deren er fähig ist, emporgetrieben. Die Liebe, der suxuelle Orgiasmus lehren uns, daß wir in unserem Körper und, wenn man will, in unserer Seele Kräfte besitzen, welche das gewohnte alltägliche Maß überschreiten. Mit und durch die Liebe wachsen wir, die Liebe läßt uns die Vorahnung des hohen Glückes empfinden, daß in dem Bewußtsein liegt, ein höheres Ziel im Leben erreichen zu können als die Befriedigung der aus dem Selbsterhaltungstrieb geborenen Wünsche für das ach! So erbärmliche Alltagsbehagen.

Im allgemeinen können wir durch Worte nicht erklären, was uns die Liebe empfinden läßt, und deshalb fand die Menschheit ein anderes Ausdruckmittel für diese Empfindungen: Die Kunst. Mit der Melodie seines Musikwerkes, durch die in seinem Drama oder seiner Erzählung geschilderten Charaktere, durch den Ausdruck des Gesichts seiner Statue oder Malerei, erzählt uns der Künstler, was die Liebe ihn hat fühlen lassen. Beim Hören, Lesen und Sehen solcher Kunstwerke werden diese großen Empfindungen, die wir ursprünglich durch die Liebe und den sexuellen Orgiasmus kennen gelernt hatten, wieder wach gerufen. Und tatsächlich bilden diese Empfindungen unseren Maßstab, ein Kunstwerk zu bewerten, so daß nur der Mensch sein eigenes Urteil über ein Kunstwerk besitzt, welcher diese Empfindungen kennt. Aber diese gespannten Zustände unseres Gefühlslebens sind nicht stetig, sondern steigend und fallend, und das, was schließlich zurückbleibt, ist nur eine Erinnerung an jene Zustände der Entzückung. Jetzt sehen wir, daß der Erfolg der Wirkung des Fortpflanzungstriebes tatsächlich derselbe ist, wie der, den die Kunst hervorruft. Nur müssen die Menschen ästhetisch genügend vorgebildet sein, um das verstehen zu können.

Was ich vorher von der Ethik als Arbeitsvertrag gesagt habe, das gilt sicher auch von der Kunst. Hat ein Mensch erst einmal die Schönheit, Tiefe und das Entzücken symphonischer Musik kennen gelernt, so wird er leichter auf alle Bequemlichkeiten verzichten, welche die Technik dem täglichen Leben bringt, als auf diese Musik; und jetzt sehen wir, daß die Kunst die Menschen fester vereint als die Technik, weil die, durch die Kunstwerke ausgelösten Empfindungen unvergleichlich viel höher sind als die, welche die Technik hervorzurufen imstande ist. Aber auch über die rein tierische Geschlechtsbetätigung trägt schließlich die Kunst den Sieg davon, denn die Auslösung dieser Empfindungen durch die Kunst hat nicht jene Ermattungszustände zur Folge, die uns das Verweilen auf den Gipfeln der Erregung verbieten; vielmehr hält uns die Kunst, solange wir ihre Werke genießen, auf dieser Höhe, wodurch sie uns gerade stärker macht, und höheren und immer höheren Entwicklungszuständen unser Gesamtpersönlichkeit entgegenführt. Auf diese Weise ist sicher das ethische Band, das Menschen mit gleichem Kunstbedürfnis vereinigt, viel stärker und wirksamer, als der zur Herbeischaffung der Mittel zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse abgeschlossene Arbeitsvertrag; und deshalb ist die ethische Wirkung der Kunst, d.h. des veredelten, verfeinerten, vergeistigten Fortpflanzungstriebes, viel größer und dauerhafter, als die ethische Wirkung des Arbeitsvertrages.

Hier sehen wir, daß die Quelle jedweder kleinsten oder größten Gesellschaft der Egoismus ist; aber ein wahrer Egoismus, welcher wirklich das höchste Entzücken und Genießen der Persönlichkeit fordert. Um also den höchsten Allgemeinzustand, die festeste Grundlage, die sicherste Fortentwicklung einer Gesellschaft zu erreichen, ist es notwendig, daß jedes einzelne Gesellschaftsmitglied die Wirkung und Wichtigkeit dieser beiden Instinkte nicht nur für sein persönliches Leben, sondern auch für die Entwicklung des Lebens im allgemeinen genau kennt. Dann werden wir gezwungen sein, diese beiden Instinkte zu einem möglichst hohen Zustand zu entwickeln; und ein solcher Zustand der gleichmäßigen Entwicklung und Ausbildung beider Triebe ist der Zustand der wahren Kultur, während die einseitige Ausbildung der Technik und Wissenschaft, und die Unterdrückung des Fortpflanzungstriebes mit seinen ästhetischen und ethischen Wirkungen uns zum Zustand einer Zivilisation führen, wie wir ihn leider! heute zu leben gezwungen sind.

Der wahre Sozialismus, welcher fordert, daß jeder Mensch seine Kräfte und Fähigkeiten, die ihm die Natur gegebenen hat, ausnutze, um Werte zu schaffen, daß er nehme, was er für sein Leben braucht, und daß er von seinem eigenen, genügend durch- und ausgebildeten gewissen regiert wird, ist ein solcher wahrer Kulturzustand. Deshalb sage ich: „Wir haben gesehen, daß die Hingabe an unsere natürlichen Instinkte uns zu immer höheren Zuständen des Lebens führt. Wir haben einen Gesellschaftszustand erkannt, welcher eine derartige Entwicklung der einzelnen Persönlichkeit, d.h. dieser natürlichen Instinkte, sicher stellt. Also, legen wir den Grund zu dieser Gesellschaft, bauen wir sie auf, und wir bauen die neue Kultur auf; sie ist in uns, in jedem Individuum- zeigen wir sie.

Filareto Kavernido

Kulturkampf statt Klassenkampf

Heft 3 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
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Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:

La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTURKAMPF STATT KLASSENKAMPF

„Der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse“.

Dieser Satz ist die unveränderliche Grundlage der meisten, die berufsmäßig oder aus Neigung über den Sozialismus denken, schreiben oder sprechen. Um aber gerecht zu sein müssen wir feststellen, dass gerade die Dilettanten, welche keine offizielle Stellung in der sozialistischen Bewegung haben, nicht so eigensinnig an diesem Dogma festhalten, als jene Berufskämpfer, welche von derselben als ihre Funktionäre leben. Nun habe ich gefunden, daß diese Funktionäre von ihren Arbeiten derart eingenommen sind, daß sie keine Zeit haben, ihre Kenntnisse vom Sozialismus zu vervollkommen, weshalb sie auf ihrem Standpunkt von vor vierzig Jahren beharren. Der wahre Grund dieses Verharrens aber ist ein psychologisches Motiv, das in der Konstruktion der großen zentralisierten Massenorganisation begründet liegt. Um diesen Satz zu begreifen, müssen wir die Entwicklung der Menscheit und sogar die Entwicklung des allgemeinen Lebens betrachten, da die augenblicklichen Gesellschaftszustände nur die Konsequenzen früherer Entwicklungszustände darstellen.

Da sehen wir denn, wie in diesem Entwicklungsprozeß tatsächlich immer die Umgebung neue Zustände des Lebens schafft. Betrachten wir die Tiere, die durch die Aenderung des Verhältnisses von Wasser und Land auf der Erde gezwungen werden, die Umgebung, in der sie ihr Leben verbringen, zu ändern, wie sie die Formen ihrer inneren und äußeren Organe umwandeln: die Kiemen verwandeln sich in Lungen, die Flossen in Füße, die Füße später in Hände, wenn sich die Tiere daran gewöhnen auf Bäumen zu leben; wir sehen sogar, wie Hände und Füße sich wieder in Flossen zurückverwandeln, wenn die Säugetiere gezwungen werden, durch das Untergehen ganzer Erdteile, im Wasser zu leben, wie z. B. die Waltiere. Diese Kenntnisse sind das Resultat der Arbeiten Darwins; und die Züchtung neuer Arten experimentiert heutzutage mit Mitteln, die sich aus diesen Erkenntnissen ergeben. Nun ist es sicher richtig, den Menschen nur als eine besondere Tierart, und nicht als irgend etwas anderes zu betrachten: aber wir sehen, daß seine Bedürfnisse so wechselvoll sind, daß er keine Zeit hat, während hunderttausenden von Jahren neue Organe zu bilden, um seinen Körper einem solchen Bedürfnis anzupassen. Deshalb hat der Mensch ein Organ, welches ihn befähigt seine Organe zu vervollkommen und den neuen Bedürfnissen durch Maschinen, Mikroskope, Teleskope, usw. gerecht zu werden,das ist die Vernunft. Die Vernunft ersetzt das Bilden neuer Organe für die Bedürfnisse, aber sie selber ist sicher ein neues Organ, und zwar ein körperliches, denn sie liegt in den Zellen des Vorderhirnes.

Die Reize, die von der Umgebung aus den Menschen treffen, werden durch die Aufnahmeorgane unseres Nervensystems, – Auge, Ohren, u.s.w. – in das gehirn weitergeleitet, wo sie sich in den verschiedenen Teilen der Groß- und Vorderhirnrinde unter Bildung bestimmter Zellen eindrücken. Diese Zellen sind nun untereinander in der vielfältigen Art durch Verbindungsbahnen, sogenannten Associationsfasern verbunden. Trifft nun ein Reiz eines unserer Sinnesorgane, so wird entweder sofort die Erinnerung an den ersten Eindruck diesesselben Reizes wieder wachgerufen, oder es werden diejenigen Associationsfasern in Tätigkeit gesetzt, die aus ähnlichen Reizen entstandenen Zellen miteinander verbinden. Hierdurch gewinnt der Mensch die Fähigkeit schnell auf äußere Reize zu reagieren, und diejenigen Entscheidungen zu fassen, die die Situation von ihm erfordert.

Also sehen wir, daß tatsächlich der Mensch das Resultat der äußeren Zustände der Umgebung ist, in der er leben muß, und von denen die Fortentwicklung der Menschheit bestimmt wurde und wird; aber wir dürfen nicht vergessen, daß diese Entwicklung nicht nur Magen und Hände sondern die Vernunft umgreift, und daß diese Vernunft uns die Möglichkeit gibt, neue Gesellschaftszustände zu erkennen, ja, daß diese Vernunft uns sogar dazu führen kann, solche neuen Gesellschaftsorganisationen aufzubauen, die nun ihrerseits bestimmt wieder unsere Vernunft verändern werden. Denn die Gesellschaftsorganisationen der Menschheit, oder besser gesagt einzelner Gruppen der Menschheit – die Menschheit existiert ja leider noch nicht – ich sage, die G esellschaftsorganisationen sind Produktionsmittel, gleichsam Maschinen. Die Aenderung unserer Bedürfnisse zwingt uns zur Umgestaltung des Produktionsprozesses; die Verbesserung dieses Prozesses, die Möglichkeit neue Artikel zu produzieren, neue Erfindungen zu machen, schafft neue Bedürfnisse, für deren Befriedigung konstruiert werden müssen. Und wie eine Maschine beim ersten Versuch nicht ganz vollkommen konstruiert werden kann, wie wir oft während der Konstruktion sehen, daß eine maschine nicht richtig gezeichnet ist, und das die Praxis mit der Theorie nicht übereinstimmt, und wie wir sicherlich nun diese Konstruktion nicht vollenden werde, sondern die Theorie nach den gemachten Erfahrungen berichtigen, ebenso müssen wir auch beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsorganisation verfahren. Der Wunsch, neue Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zu schaffen, zwingt uns zur Organisation von Gesellschaften, da die Bedürfnisse des einzelnen zu vielgestaltig sind, um vom Einzelnen allein befriedigt werden zu können. Aber diese Organisation selbst, diese Zusammenleben schafft immer neue Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die Gesellschaft nicht mehr ausreicht. Jede Organisation erzieht uns zur Höhe ihres eigenen sittlichen Standpunktes, haben wir diesen erreicht, so erfassen wir im Geiste einen neuen höheren, dessen Erfassen nun ein neues Bedürfnis, ein neues Ziel für uns darstellt. Die dauernde Vorerkenntnis derartiger neuer Zustände ist die Arbeit der Vernunft, und so erkennen wir, daß die Vernunft in unserm Leben die Rolle des theoretischen Zeichners in der Technik spielt. Dann kommt der praktische Konstrukteur, und zeigt uns die Irrtümer der Theorie. Das ist die richtige Interpretation des historischen Materialismus. Wir können und wollen nicht leugnen, daß der Mensche eine Vernunft besitzt, daß diese Vernunft unser Handeln und die Gestaltung unserer äußeren Lebensumstände beeinflussen kann; also benutzen wir sie!

II.

Diese Beziehungen zwischen ihrer Vernunft und den ökonomischen Zuständen begreifen nun die Menschen nicht klar genug, und deshalb sind sie so wenig imstande ihre Vernunft zu gebrauchen. Sie können es nicht fassen, daß niemals endgültige Dauerzustände existieren, wie überhaupt nichts existiert, sondern alles in jedem Augenblick entsteht und vergeht. Die Entwicklung des Lebens geht in der Richtung, daß immer mehr einfachste Formen sich zu komplizierten Gebilden zusammenschließen: einzelne Zellen bilden Gewebe, die Gewebe differenzieren sich zu Organen, mehrere Organe setzen sich zu einem Individuum zusammen, und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zeigt uns, wie immer mehr und mehr Menschen sich in Gruppen vereinen, wie sich die Familie zur Geschlechtsgemeinschaft, mehrere Geschlechtsgemeinschaften zum Volk, mehrere Völker zum Staat verbinden. So gewöhnt sich der Mensch daran sich selbst und die anderen nur als Gruppenmitglied, aber niemals als Individuum zu betrachten. Die Erzählung von jenem griechischen Philosophen, welcher auf die Frage nach seiner Nationalität antwortete, ich bin ein Kosmopolit, d.h. ein Weltbürger, ist eine heitere Anekdote von einem Phantasten, der nicht ernstgenommen werden darf.

In alten Zeiten, als diese Gruppen noch klein waren, als sie entstanden aus demselben Milieu, den gleichen Gefahren des Klimas, des Bodens und der umgebenden Völker, waren diese nationalen Gruppen berechtigt, da sie natürlich waren. Heute aber sind aber diese Nationen nicht mehr auf diese natürlichen Zustände gegründet, sondern das Überbleibsel dem Zufall unterworfener Kriege, von Erbverträgen der Besitzenden und Herrscher. Dies tiefere Verständnis für das Wesen unserer heutigen „Nationen“ hat uns gelehrt, in immer steigendem Maße nicht national zu denken, und dennoch sind die Zeiten der chauvinistischen Verhetzung der Köpfe von 1914 noch nicht ganz verschwunden. Die internationale Politik der sozialistischen Parteien setzt noch immer die Nationen voraus. Lenin ist mit seinen Bestrebungen um die Erhaltung des russischen Reiches der schlagende Beweis dafür, daß auch die fortgeschrittensten Führer der heutigen Menschheit zur Zukunft noch vollständig in der Ideologie des nationalistisch kapitalistischen Gesellschaftsaufbaus stecken. Sehen wir uns die Verhältnisse der Nationen, die sich in diesem Krieg gegenübergestanden haben, näher an: die deutsche Nation setzt sich zusammen aus Dänen, Polen und Franzosen, und sicher ist der Unterschied zwischen einem bayrischen Bergbewohner und einem friesischen Bauern größer als zwischen diesem Friesen und einem Landmann in Südengland. Trotzdem kämpfte der Bayer zusammen mit dem Friesen gegen den Engländer, der Lothringer kämpfte S chulter an Schulter mit dem Ostpreußen gegen den Franzosen! Das ist widernatürlich, wenn wir den Nationalitätsgedanken über den Rahmen der Wirtschaftsvereinigung hinaus beibehalten würden.
Die gleichen Zustände herrschen im Kampf der wirtschaftlichen Gewalten. Man spricht von Klassen, von der Arbeiter- und der Bourgeoisklasse, und man sieht nicht, daß solche Klassen im Augenblick vielleicht existieren, aber ganz sicher nicht als Klassen. Die Interessen des kleinen Kaufmanns, welcher einen Laden in irgend einem Winkelgäßchen hat, sind nicht dieselben wie die des Besitzers eines Riesenkaufhauses mit Filialen in allen Städten. Die Interessen eines Mitglieds eines industriellen Riesentrustes unterscheiden sich ungeheuer von den Interessen des Kleinfabrikanten. Die großen Truste und Warenhäuser richten tausende und abertausende von kleinen Kapitalisten zugrunde, und zwingen sie, als Angestellte und Sklaven dem Großkapital zu dienen. Der Bund der Landwirte hat jahrzehntelang eine Hochschutzzoll-Politik getrieben, die es dem Kleinbauern unmöglich machte das Futter für sein Schlacht und Milchvieh zu kaufen, das er bei dem geringen Grundbesitz nicht selbst ziehen konnte.

Wir sehen also, daß wir nicht von einer einheitlichen bourgeoisen Kapitalistenklasse sprechen können, die von Einem Gedanken und Einer Seele beherrscht wird.

Dieser Unterschied zwischen den Interessen der einzelnen Mitglieder derselben Klasse besteht nicht nur in der wirtschaftlichen, sondern auch in der intellektuellen Sphäre. In der Bourgeois-Klasse finden wir viele Individuen, welche nichts kennen, als die stupidesten Zerstreuungen durch Kartenspiel und Saufen, eine Unterhaltung über ihre Beschäftigungen und die Weiberfrage, d.h. galante Abenteurer, oder die Erscheinung der pornographischen Literatur, die ihnen Gelegenheit gibt, neue Zoten und Schweinereien zu erfinden. Spricht man mit solchen

Menschen über ethische oder ästhetische Fragen, so lächeln sie oder lachen auch laut über den verrückten Idealisten. Und die Menschen sind nicht Arbeiter, denen es an der Zeit zum Lernen gefehlt hätte, sondern ich spreche von Menschen, die Studiert haben, von Doktoren und Professoren, von Menschen, welche die Höhe des modernen Unterrichts erreicht haben. Andrerseits finden wir sicher in der Bourgeois-Klasse Menschen, welche diese Mißverhältnis zwischen unserer geistigen Ausbildung und unserem ethischen Tiefstand sehen und fühlen, und welche sich bemühen, eine neue ethische Basis für unser leben aufzubauen. Aber auch diese können die Zusammenhänge zwischen der ökonomischen und ethischen Frage nicht sehen, auch sie können nicht erkennen, daß die Fehler der jetzigen Gesellschaft auf der Unrichtigkeit des kapitalistischen Systems beruhten, und nur einige wenige Individuen, die hervorgegangen sind, aus denselben sozialen Zuständen, denselben Schulen, demselben Milieu, erfassen diese Beziehungen, und von diesen wenigen wiederum nur sehr sehr wenige sind imstande die Konsequenzen ihrer Erkenntnis zu ziehen. Was ist nun die Ursache dieser Erscheinung. Das ist die Tatsache, daß die Menschen nicht gleich sind, daß sie sich in Körper- und Geisteskräften unterscheiden, daß es nicht eine Menschheit gibt, sondern eine Masse unendlich vieler äußerst verschiedener Individuen, welche nur in Bezug auf die äußere Erscheinungsform ihres Körpers gleich sind die ihnen den Titel Mensch verleiht. Aber wirklich innerlich in Bezug auf den Bau des Gehirnes, in ihren Muskel- und Nervenkräften, die allein das wahre Wesen des Menschen, des Individuums ausmachen, unterscheiden sie sich weitgehendst.

Was ich hier von der Bourgeoisie-Klasse gesagt habe, gilt in genau der gleichen Weise auch von der Arbeiter-Klasse. Auch hier haben wir nicht eine einheitliche Klasse, gleichsam Einem Körper und Einer Seele, auch in dieser Klasse sind Interessengegensätze unter den Arbeitern genau so vorhanden, wie wir es soeben von den Interessen innerhalb der Bourgeoisie-Klasse gesehen haben. Denn in der Arbeiterklasse finden wir womöglich noch größere Unterschiede in Bezug auf die intellektuelle Ausbildung der einzelnen Klassengenossen als dort. Wir finden noch sehr viele Arbeiter, welche nicht sehen, daß der Arbeiter ohne den Kapitalismus leben kann, wir finden Sozialdemokraten, wir finden Anarchisten, sie alle gehören zur Arbeiterklasse, aber sie bilden nicht eine Klasse. Der Arbeiter ist ein rein wirtschaftlicher Begriff, und deshalb ist da Dogma von den Klassen nur auf dem Boden des historischen Materialismus gewachsen. Der Materialismus ist falsch, sowohl der philosophische, als der physikalische, als auch vor allem der historische; denn wir können die Materie von der Energie nicht trennen, den Körper nicht von der Seele. Es ist unmöglich die menschliche Entwicklung nur materialistisch zu betrachten, ebenso wie die rein geistige Betrachtungsart nicht richtig ist, sondern wir müssen begreifen, daß die Entwicklung ein äußerst komplizierter Prozeß ist, der gebildet wird durch das Zusammenwirken der verschiedensten und verschiedenartigsten, oft genug einander entgegengesetzten Ursachen. Um aber richtig und gerecht über irgendeine Entscheidung urteilen zu können, muß man alle Ereignisse und Ursachen in Betracht ziehen, welche diesen Zustand herbeigeführt haben. Die Vereinfachung der Probleme ist ja für den Studierenden sehr angenehm, aber sie ist wissenschaftlich und philosophisch verkehrt und kann keine Resultate liefern.

III.

Ich wiederhole immer wieder: wir müssen den Menschen als Naturprodukt betrachten, und nur als solches; wir müssen wissen, daß für das Leben des Menschen keine anderen Gesetze gelten, als in der gesamten übrigen Natur, daß der Mensch auch hier eine Erscheinung der beiden Kraftformen, der aufgespeicherten und der lebendigen Kraft darstellt. Diese beiden Kraftformen stellen sich im Individuum dar, und wir sehen nun zwei Typen von Menschen, beim ersten Typ ist die lebendige Kraft stärker, beim zweiten kleiner und schwächer als die aufgespeicherte; daher ist der erste Typ lebhaft,

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lich nebeneinander leben, aber sie können nicht miteinander arbeiten, sie können eine Basis finden, auf der sie austauschen können, was sie von ihren Produkten selbst nicht brauchen, und ich bin überzeugt davon, daß der Schwache bei einem derartigen Austausch in einer freien Gesellschaft nicht schlecht fahren wird. Die beiden Typen können über einen Gesellschaftszustand diskutieren, der jedem Individuum die Möglichkeit gibt, nach seinen eigenen Fähigkeiten und körperlichen bedürfnissen zu leben, ohne daß der eine die Freiheit des anderen stört, aber niemals können sie über die Mittel streiten, mit denen ein solcher Zustand erreicht werden soll. Das folgende Gleichnis wird noch klarer machen, was ich sagen will.

Mehrere Menschen wollen zusammen einen Ausflug in die nächste Stadt machen; die einen haben ein Automobil, die anderen einen kleinen Karren mit einem Klappergaul davor. Was können sie tun? Es wäre lächerlich, wenn die zweiten verlangten, daß die Automobilisten nur so langsam führen, als ihre Mähre laufen kann, denn das wäre eine Plage für die Automobilisten, würde viel zu viel Brennstoff und Maschinenkräfte verbrauchen, und den zweiten nicht den geringsten Vorteil bringen. Andererseits wäre es gleich lächerlich, wenn die Automobilisten verlangen wollten, daß die anderen ihren Karren hinten am Automobil anbänden, und das Pferd zu hause ließen, Der Karren würde, so wie das Automobil nur seine halbe Geschwindigkeit entfaltete, sehr schnell in tausend Stücke gehen. Die einzige Lösung diese Problems kann nur die sein, daß sie gemeinsam die Stadt verlassen, die Automobilisten gleich nach ihrer Ankunft das Diner bestellen, sodaß nun die Wagenfahrer bei ihrer Ankunft den Tisch gedeckt, die Stühle bereit finden, und nur nötig haben, sich niederzusetzen und mit dem Essen zu beginnen.

Das ist meine Forderung an alle fortschrittlichen Elemente. Wir wollen den nächsten Zustand der Menschengesellschaft erreiche: wohlan gehen wir jeder so schnell, als seine Fortbewegungsmittel ihm das gestatten. Wir kennen das Ziel des Weges: ich sagte in meinem Aufsatz über „Kultur und Zivilisation“, daß das Ziel unseres Lebens die Erhöhung und die Kräftigung unserer Instinkte, d.h. der Aufbau eines wahren Kulturzustandes der Menschheit sein soll. Also noch einmal: gehen wir jeder so schnell wie möglich, keiner versuche den Marsch des Stärkeren aufzuhalten, keiner versuche den Schwächeren derartig anzutreiben, daß dieser gezwungen wäre, seine Kräfte zu überschreiten. Die Stärkeren werden die Ersten sein, sie werden den Tisch vorbereiten, sie werden den Weg klar machen, indem sie die größeren Steine beiseite schaffen und die Löcher ausfüllen. Auf diese Weise wird jeder seine Kräfte gebrauchen, um möglichst gut auf den neuen Kulturzustand der Menschheit losgehen zu können, während der jetzige Kampf unsere Kräfte wertlos verbraucht. Laßt uns unsere Augen gerade auf das Ziel vor uns richten und nicht zur Seite! Ich bin ein Fatalist und glaube mit aller Bestimmtheit, daß die Menschheit durch die Kräfte der Natur zu diesem neuen Kulturzustand aufsteigen wird, den wir jetzt als den sozialistischen Zustand sehen, und ich weiß, daß all diese Klassenkämpfe, all diese Kämpfe zwischen Sozialdemokraten, Anarchisten, Revolutionären und all jenen Zwischenmitgliedern und Mischungen dieser Dogmen und Gesichtspunkte nur ein Mittel der natürlichen Entwicklung sind, um unsere Vernunft zu höherer Entfaltung zu bringen. Das war notwendig, solange unsere Vernunft noch nicht genügend unterrichtet war, um uns den neuen Kulturzustand erkennen zu lassen. Jetzt können wir diesen Zustand erkennen, deshalb sage ich, wir müssen probieren, ihn zu erreichen, deshalb nenne ich mich selbst „Probist“ und fordere: handelt und schwankt nicht nur! Deshalb rufe ich: probiert! werdet probisten! gebraucht Eure Kräfte, um eine neue Kulturgemeinschaft aufzubauen, dann wird die jetzige verfaulte Gesellschaft von selbst sterben. Kämpft den Kulturkampf statt des Klassenkampfes.

Filareto Kavernido