Johanna Hannchen Gerbeit geb. Gloger

geb. 13.04.1889 in Groß-Wanzleben
gest. 07.09.1945 in Berlin

Johanna Gloger wurde am 13. April 1889 in Groß-Wanzleben bei Magdeburg geboren als jüngstes von sechs Kindern eines Kupferschmiedes, der irgendwann in einer Trinkerheilanstalt endete. Die Kleine wurde Hannchen gerufen und dabei blieb es bis an ihr Lebensende. Als sehr später Nachkömmling, die Schwestern waren 18 und 19 Jahre älter, genoß sie wahrscheinlich sehr viel mehr Freiheiten, als damals in der Erziehung üblich war. Das könnte zu ihrem ungewöhnlichen Lebensweg beigetragen haben. Über ihre Kindheit wissen wir, ihre Kinder, so gut wie nichts. Hannchen lebte in der Gegenwart und richtete ihre Hoffnungen auf die Zukunft, um die Schrecken zweier Weltkriege und des Naziterrors ertragen zu können. Als Heranwachsende wurde sie von ihren Schwestern Luise und Meta in die Garnisonstadt Metz im damals deutschen Elsaß-Lothringen geholt. Luise und Meta waren beide mit langjährig dienenden Soldaten verheiratet. Man nannte sie Zwölfender, weil sie sich für zwölf Jahre beim Militär verpflichtet hatten. Danach hatten sie Anspruch auf eine untere Beamtenlaufbahn. (Onkel Otto wurde Polizist) Wahrscheinlich hatte die Familie für die Jüngste auch einen Lebensweg an der Seite eines Beamten vorgesehen. Zu Kontakten mit dem Militär gab es genügend Gelegenheiten Man wohnte auf dem Kasernengelände, ja, Hannchen konnte sogar vom Fenster der Wohnung aus das Exerzieren auf dem Hof beobachten. Sie fühlte sich abgestoßen vom rüden, unflätigen Umgangston der Ausbilder. Waren dies dieselben Herren, die abends im Kasino den Damen die Hand küssten und mit ihnen gepflegte Unterhaltung führten? Schon dort hatte sie das sichere Gespür für doppelte Moral.
Als nach Beendigung der Dienstzeit die Schwäger mit ihren Familien nach Berlin zogen, ging sie mit und fand Arbeit in einer Schneiderei. Ein junger Kollege, Gustav Gerbeit aus Ost-preußen warb mit Erfolg um sie. Nach der Eheschließung fand sich eine Wohnung in Berlin-Mariendorf, nahe bei Schwester Luise. 1913 wurde Charlotte geboren, Margarete folgte ein Jahr später. In dieses Jahr fiel der Ausbruch des ersten Weltkrieges. Gustav Gerbeit wurde sehr schnell als Matrose zur Kriegsmarine eingezogen. Er starb 1915 an einer Lungenentzündung.

Hannchen blieb mit den beiden Kleinkindern allein zurück und besserte ihre bescheidene Hinterbliebenenrente von 80 Reichsmark monatlich mit Schneiderarbeiten auf. Ab welchem Zeitpunkt es ihr zu eng wurde in diesem Leben weiß ich nicht. Sie besuchte Vorträge und nahm gegen Ende des Krieges an Antikriegsdemonstrationen teil. Bei einer solchen Gelegenheit bekam sie einen Schlag mit der flachen Klinge eines berittenen Polizisten. Einen starken Einfluß auf sie hatten die Reden Rosa Luxemburgs. Als die kommunistische Partei gegründet wurde, schloß sie sich ihr an, „weil dort die Ärmsten vertreten wurden“. Auch von alternativen Lebensformen fühlte sie sich angezogen und besuchte entsprechende Veranstaltungen. Dabei geriet sie in den Kreis um den jüdischen Arzt Heinrich Goldberg, der eine Kommune gegründet hatte und die freie Liebe predigte. Sie wurde seine Lieblingsfrau und bekam zwei Söhne von ihm, 1921 Vertuemo ( der Tugendhafte) 1922 Sajero (der Weise).
Ihr jüngstes Kind Tamen (dennoch) entstammte einer Affäre mit einem anderen Mitglied der Kommune. Die Namen der Kinder waren aus dem Esperanto, bezw. aus dem Ido entnommen.
Die Kommune lebte längere Zeit in der Mulackstraße im Scheunenviertel. Dies war fast ein Ghetto für zugewanderte Ostjuden, es war aber auch die Gegend der Prostituierten und Zuhälter. Die Kommune erregte keinen Anstoß, weder bei den Juden noch bei den Huren, nur bei der Polizei, die sich um die sittliche Gefährdung der ältesten Töchter sorgte. Die beiden wurden abgeholt und in ein Waisenhaus gesteckt. In solchen Anstalten herrschte damals noch eine rigide, herzlose Pädagogik. Hannchen hatte es eilig, die Mädchen dort herauszuholen. Das geschah nach zwei Monaten mit Hilfe von Onkel Otto und Tante Lieschen, denen man als Polizisten-Ehepaar das Sorgerecht zusprach. Lotte und Grete konnten sich in diesem gutbürgerlichen Haushalt von den Schrecken des Waisenhauses und der Tyrannei des Hein-rich Goldberg einige Monate erholen. Goldberg muß so etwas wie ein Guru mit einer starken Ausstrahlungskraft gewesen sein. Außer Hannchen wagte niemand ihm zu widersprechen. Sie soll ihm in die Haare gefahren sein und ganze Büschel ausgerissen haben, wenn er die Kinder brutal züchtigte. Abends hielt er Vorträge gegen die Prügelstrafe, die eigenen Kinder aber wurden mit dem Gürtelriemen geschlagen. Die älteren Mädchen schloß er über Nacht in den Kellerraum, wenn sie nicht genug Geige geübt oder Nietzsche gelesen hatten. Es folgte eine besonders harte Zeit für die Kommunemitglieder, als Goldberg mit ihnen in das „Rote Luch“ bei Müncheberg hinter Berlin zog. Als Wohnung dienten Erdhöhlen, so wurde das einfache Leben einen Sommer lang geprobt, wahrscheinlich 1924.
In Berlin wurde Goldberg des öfteren von Arbeiterfrauen um eine Abtreibung gebeten. Er half ihnen unentgeldlich. Den Behörden blieben diese Praktiken nicht verborgen, es drohte Zucht-haus für den Arzt. Da entschloß er sich 1926 zur Flucht. Mit dem ausreisewilligen Teil der Kommune siedelte er nach Südfrankreich um, wo man oberhalb von Nizza eine Bleibe fand.
Die Männer suchten sich in der Nähe Arbeit bei Bauern oder Handwerkern, die Frauen fanden Beschäftigung als Putzfrauen in einer nahe gelegenen Klinik. Inzwischen nahmen die Kon-flikte um die Kinder zu, Goldberg wurde zusehends radikaler, während bei Hannchen die Toleranz schwand. „Als er Hand an die Mädchen legte, habe ich ihn verlassen“ erzählte sie später in Berlin einer Freundin. Sie packte ihr Bündel und machte sich mit ihren Kindern auf den Weg zum Bahnhof. Goldberg lauerte ihr unterwegs mit ein paar Getreuen auf, fesselte und knebelte sie und brachte sie in die Kommune zurück. Das bestärkte offensichtlich bei Hannchen den Willen zur Trennung. Beim nächsten Fluchtversuch ging sie heimlich in der Dunkelheit barfuß in Schuhen mit ihren fünf Kindern davon. Die Fahrkarte nach Paris be-zahlte sie von dem gerade ausgezahlten Wochenlohn für die Reinigungstätigkeit in der Klinik. In Paris ging sie zur deutschen Botschaft, wo man ihr nach Berlin weiterhalf.

Die Mulackstraße war ihr Anlaufziel, hier kannte sie sich aus, und es war sicher die billigste Gegend Berlins. Im Haus Nr.5, dem sogenannten Ochsenkopp, fand sie eine kleine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern und Küche, ohne Bad und ohne Toilette . Die befand sich auf dem Hof in einem Bretterverschlag für alle Bewohner des Gebäudes. Hannchen, die sehr auf Sauberkeit und Hygiene bedacht war, hieß ihre Kinder diese Einrichtung meiden, ebenso wie später die Schultoiletten.
Sie arbeitete unermüdlich, um die 80,- Reichsmark Hinterbliebenenrente und eine sehr geringe Unterstützung für die unehelichen Kinder aufzubessern. Sie putzte in Schulen, abends wusch sie Wäsche für etwas betuchtere Frauen. Zeitweilig übernahm sie noch Büroreini-gungen in den frühen Morgenstunden. In dieser Zeit lernte sie Max Fürst und seine Margot kennen. Es entstand eine innige Freundschaft, die bis zur Ausreise der beiden nach Israel währte.
Max Fürst berichtet in seiner Autobiographie „Scheherezade“ über diese Zeit:
„Nun soll nicht etwa der Eindruck entstehen, dass sie ein abgehärtetes, verhärmtes, mit Kernseife gewaschenes Wesen war, wie wir es allenthalben von standhaften, alt gewordenen Jugendbewegungsfrauen und Sektiererinnen gewöhnt waren. Man sah es ihr an, dass sie immer schwer arbeitete, aber sie hatte den Charme eines jungen Mädchens behalten, besser charakterisiert sie das veraltete Wort Liebreiz. Sie war eine zärtliche, aufmerksame Mutter, wenn es sich irgend machen ließ, und für jedermann da, und das „für jedermann“ ist nicht so hingesagt, sondern sie half jedem Einzelnen viel mehr, als wir imstande waren, ihr zu helfen.
Hannchen war sicher voller Frömmigkeit, aber sie wäre in jeder Konfession eine Ketzerin gewesen. Von Goldberg her blieb ihre Verehrung für den „Faust“ und die Romane von Gustav Meyrink und die Schriften von Morgenstern…..“
Max Fürst fährt fort:
„Was jetzt noch fehlt ist eine Personenbeschreibung, ein Steckbrief, denn es handelt sich ja wohl um ein radikales Element, wenn nicht gar um eine Anarchistin. Ich spreche davon, wie sie 1927 war und berücksichtige nicht die Veränderungen, die ihre Kinder später an ihr be-merkten. Obgleich sie schnell arbeitete, war sie nie in Eile, hatte eher gleitende Bewegungen; sie war nicht sehr groß, schlank, beinahe mager, mit dem schmalen, zum Kinn hin etwas spitzen Gesicht; das blonde Haar trug sie mit einem Mittelscheitel, hinten zu einem Knoten geschlungen. War es einmal offen, wirkte sie sehr gelöst, beinahe verführerisch. Wenn ich an sie denke, sehe ich noch heute ein aufblühendes gutes Lächeln um den Mund und den starken, bezwingenden Blick der himmelblauen Augen vor mir. Mit diesem Blick hat sie wirklich Widersacher bezwungen, so den Gestapobeamten im Verhör. Sie fragte ihn plötzlich:„Lesen sie manchmal auch die Bibel?“ Sie sah ihn an und er errötete:“ Ja, ab und zu“ „Dann haben sie sicher auch gelesen…“ und sie zitierte das Entsprechende. Der Mann war verwirrt, ließ sie gehen, im Protokoll notierend, sie wäre wohl verrückt. (Dieser letzte Satz ist eine nahe liegende Vermutung von Max Fürst. Natürlich kann kein Mensch wissen, was der Beamte ins Protokoll geschrieben hat)
„Wo so viel Licht ist, müssen ja auch Schatten sein. Also muß ich wohl auch ihre schlechten Seiten aufzählen. Erstens war sie naiv, und das ist in den Augen der heutigen Menschen ein großer Fehler, vor allem dann, wenn sich der naive Mensch in die Politik einmischt. Naive Leute, die von ihrer Natur aus das tun, was ihnen recht scheint, sind immer gefährlich. Ein anderer Fehler machte mir mehr zu schaffen. Sie kannte den Begriff „Zeit“ nicht. Ich will es an einem Beispiel erläutern: Als wir ihre Wohnung als Heim gemietet hatten, weil sie mit den Kindern aufs Land ziehen wollte, erbot ich mich, ihr beim Abtransport zu helfen. Da der Zug zum Darß über Stettin fuhr, hatten wir es nicht sehr weit, es gab damals noch den Stettiner Bahnhof mitten in der Stadt. Ein Weg von fünfzehn Minuten: Alte Schönhauser Straße, Rosenthaler Platz, Invalidenstraße, zu jener Zeit eine brodelnde, belebte Gegend. Schon war man da. Der einzige passende Zug ging morgens um 6 Uhr. Wenn arme Leute reisen, haben sie immer sehr viel Gepäck, und ich hatte einen Handwagen besorgt, mit dem ich wohlgemut um 5:30 vor der Tür stand. Hannchen empfing mich mit sehr erstaunten Augen. Ihre Wäsche, die sie mitnehmen wollte, hing noch auf der Leine. Also verschoben wir die Reise gleich auf den nächsten Tag. Aber am zweiten Tag mussten noch ein paar Kleider gebügelt werden, und bis alles zusammengepackt war und wir am Bahnhof eintrafen, fuhr der Zug uns vor der Nase weg. Beim dritten Versuch blieb ich gleich über Nacht dort, so schafften wir es, eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof zu sein.“

Hier muß ich, die Chronistin, Kritik an Max Fürst üben. In meinen Augen war Hannchen nicht naiv. Zwar war sie nicht gebildet nach lediglich 8 Jahren Volksschule. Aber sie war wach und niemals bereit, sich selbst oder anderen Menschen etwas vorzumachen. Der Naive kapselt sich ein in seine Verteidigungshaltung: Tut mir nichts, denn ich bin lieb und nett und akzeptiere die Welt wie sie ist. Hannchen dagegen ließ sich von niemandem blenden, sie durchschaute die großen Worte, hinter denen kein Einsatz stand. Für Menschen, die prak-tische Arbeit scheuten und sich gern durchfüttern ließen, hatte sie nur Verachtung. Denen nutzten auch die großartigsten Ideen nichts.
Nun wieder Max Fürst: „Mich verblüffte sie einmal damit, dass sie immer nur mit einem Mann geschlafen haben wollte, um ein Kind von ihm zu haben. Dazu passt auch die Äußerung Goldbergs „Ich kenne eine Mutter von fünf Kindern, die keuscher ist als ein unberührtes Mädchen.“ Ihrer jüngsten Tochter, als diese etwas vom Leben wissen wollte, sagte sie: „Sexualität ist nur wie Essen und Trinken, die Männer brauchen das eben.“ Nun, muckerisch war sie keineswegs. Sie nahm lebhaften Anteil an unseren Liebesgeschichten. Es gibt also einige Widersprüche, und ich bin froh darüber, denn ich will ja keine Heiligen-legende erzählen.“

Max Fürst hatte also Hannchen mit ihren fünf Kindern in Richtung Darss verfrachtet. Dort lebten Freunde von ihr in dem kleinen Dorf Born am Bodden, Walter und Hildegard Mett mit ihren vier Kindern, die im Alter etwa zu uns Gloger-Kindern passten. Das war 1927.
Vertuemo wurde dort eingeschult, was heute noch in den Schulakten nachzuprüfen ist.Wie sich das Zusammenleben mit der Pfarrfamilie gestaltet hat, weiß niemand mehr zu berichten. Aber es ist zu vermuten, dass es Konflikte gab, oder mindestens deutliches Unbehagen. Zwölf Jahre später fuhr Hannchen mit ihrer Jüngsten zu einem Besuch in den Sommerferien nach Born. Dies war die einzige Eisenbahnfahrt mit der Mutter in meiner Jugend. Wir fuhren dritter Klasse in einem Bummelzug und das dauerte ca. 8 Stunden von Berlin nach Stralsund. Mit den Mett- Kindern wurde schnell Freundschaft geschlossen, und sie erzählten mir manche Intimität über ihren Vater, den sie gründlich haßten. Er war längst kein Pfarrer mehr. Die Töchter berichteten, er habe ihnen einer nach der anderen die praktische Sexualaufklärung angeboten, auf die sie verzichtet hätten. So kann man wohl vermuten, dass er auch anderer Leute Töchter, vielleicht Konfirmandinnen Avancen gemacht hat und dann als Geistlicher nicht mehr tragbar war. Kurzum, er war in gewisser Weise ein Pendant zu Goldberg mit der philosophisch begründeten Berechtigung für freies Sexualleben, und brutal war er auch.
Hannchen kehrte also mit den Kindern 1928 zurück in die Mulackstraße. Hier hatte Max Fürst für sie inzwischen ein paar Möbelstücke aus Orangenkisten gezimmert und tiefblau ange-strichen. Sie nahm ihr Erwerbsleben wieder auf, putzte frühmorgens schon Büroräume, schickte die Kinder in die Schule, besorgte den sechsköpfigen Haushalt, kochte Essen für die Kinder, das diese sich wärmten, wenn sie aus der Schule kamen, denn die Mutter war schon wieder unterwegs um Schulen zu reinigen. Abends wusch sie Wäsche in der kleinen Wasch-küche auf dem Hof, oft für fremde Leute gegen Geld. Die Wäsche wurde im Kessel auf Kohlenfeuer gekocht, dann auf dem Waschbrett Stück für Stück durchgerubbelt, ausge-wrungen und mehrmals per Hand gespült. Ihre Hände sahen nach solcher Arbeit seltsam ausgelaugt aus, die Haut weiß und geribbelt. Den Rücken konnte sie nach getaner Arbeit nur mühsam aufrichten. Aber niemand hat je aus ihrem Munde Klagen gehört. Jedes der Kinder wurde geliebt, ohne die heutzutage übliche Overprotektion. Daneben blieb noch Kraft und Engagement für Hilfsbedürftige. In den zwanziger Jahren gab es schon kleinere Pogrome in den Ballungszentren der ostjüdischen Einwanderer. Tuchhändler brachten aus Angst vor Plünderungen ihre Stoffballen zu Hannchen. Rubin, ein junger Jude, der an Hauttuberkulose litt, wurde in die Familie aufgenommen. Hannchen pflegte ihn mit gesundem Essen soweit das ihre Mittel zuließen. Sie verschwendete keinen Gedanken an die Ansteckungsgefahr, die von diesem Kranken ausging. Ihr Vertrauen in das Schicksal, Gott oder wie man es nennen will, war unbegrenzt. Dabei war sie schon Ende des ersten Weltkrieges aus der Kirche ausgetreten, weil sie die heuchlerische Dreieinigkeit von Thron, Staat und Kirche durch-schaute und nicht teilhaben wollte an einer Institution, die die Waffen segnete. Die Kinder wurden nicht getauft, die unehelichen Väter als „unbekannt“ angegeben. „Der Staat soll sich nicht um meine privaten Angelegenheiten kümmern“ Um das Maß voll zu machen versuchte sie auch die Pockenschutzimpfung zu verhindern, denn ihr Misstrauen gegenüber der Allo-pathie war groß. Die Kinder wurden polizeilich zum Amtsarzt gebracht, Sammy aus dem Schwarzen Haufen begleitete den Transport. Es gelang ihm nur noch den Impfschein für die Jüngste zu stehlen. Die blieb ihr Leben lang ungeimpft.
Mit der Kirche lehnte sie auch die verweltlichten Feste christlichen Ursprungs ab. Also gab es weder Weihnachten noch Ostern in ihrer Familie. Die Frau des Schmiedemeisters Bode aus dem ersten Stock sorgte für etwas Feststimmung, indem sie eine große Platte Streuselkuchen nach oben schickte. Das war´s dann mit Weihnachten.
In der Mulackstraße 5 verkehrten viele Menschen, die man heute „Aussteiger, Spinner oder Fundamentalisten“ nennen würde: Lebensreformer, Antroposophen und andere Esoteriker, Waldmenschen mit Bärten und ungepflegtem Haar z.B. Ulrich Linse berichtet über einige von ihnen in seinem Buch „Barfüßige Propheten“. Wir Kinder erinnern uns an Namen wie Muck Lamberti, Schulze-Sölde, auch Heinrich Vogeler gehörte am Rande dazu, Fidus der malende Sonnenanbeter und Max Hodann, der Sexualforscher. Aber beherrscht wurde die Scene doch von den politisch engagierten jungen Menschen des Schwarzen Haufens.
Ihm hat Peter Weiß in seiner „Ästhetik des Widerstands“ ein Denkmal gesetzt. Durch diese Freunde kamen ihr die Ideen der Reformbewegung nahe. Sie kochte für ihre Familie vege-tarisch, mit viel Rohkost oder Gemüse. Aber Hannchen war auch in diesem Punkt nicht fanatisch. Wenn sie einen Fisch geschenkt bekam, hat sie ihn ihren hungrigen Kindern nicht vorenthalten. Auch die Nacktkultur gehörte zur Lebensreform. Bei schönem Wetter zog Hannchen sonntags mit ihren Kindern nach Hönow bei Berlin. Man fuhr mit der S- Bahn bis Mahlsdorf, von dort per Bus bis Hönow, und zuletzt ging es zu Fuß weiter zum Gelände der Nudisten mit einem kleinen See.

Wie schon eingangs erwähnt war Hannchen früh der KPD beigetreten und blieb aktives Mitglied bis zu ihrem Tod. Aktiv hieß für sie nicht, auf Sitzungen an Diskussionen teil-zu-nehmen, oder Kurse in Marxismus zu belegen. Ihre Aktivitäten waren denn auch meist Hilfs-dienste für in Not geratene Genossen, z. B: Inhaftierte. Denen wusch sie die Wäsche, oder sie erwirkte beim Untersuchungsrichter eine Besuchserlaubnis. Einmal hatte sie das Büro eines Richters mit einem freundlichen `Guten Morgen` betreten, der sogenannte Deutsche Gruß `Heil Hitler` war ihr nicht möglich. Der Beamte erwiderte ihren Gruß mit einem betonten `Heil Hitler`. Sie trug ihr Anliegen vor und versuchte wahrscheinlich nebenher dem Manne ihre Überzeugungen von Menschenrechten und Nächstenliebe klarzumachen, so wie sie es fast mit jedem Menschen tat. Der Erfolg war der, dass sie nicht nur die Besuchserlaubnis er-hielt, sondern dass außerdem der Richter am Ende aufstand und sich mit einem Händedruck „Auf Wiedersehen, Frau Gerbeit“ von ihr verabschiedete.
Sie konnte auf unwiderstehliche Art Jesus, Nietzsche oder Goethes Faust zitieren, um Men-schen zu überzeugen. Sie selbst wusste eigentlich immer was recht und gut war und handelte kompromisslos danach. Auch die strammste Disziplin der eigenen Partei hätte sie nicht davon abbringen können. Einer ihrer Lieblingssprüche war von Theodor Storm: „Der eine fragt, was kommt danach, der andre fragt nur ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“
Inzwischen hatten die älteren Töchter das Haus und die Schule verlassen. Charlotte zog sechszehnjährig nach Frankfurt a. Main zu ihrem Freund Walter Fisch, der in der Bezirks-leitung der KPD arbeitete. Sie selber fand Arbeit in der Druckerei einer Frankfurter Zeitung.
Als Walter 1933 verhaftet wurde, ging sie zurück nach Berlin und erlernte beim Verlag Ullstein das Buchbinden. Grete zog zu einer Fotografin der AIZ (Arbeiter Illustrierte Zeitung), bei der sie angelernt wurde. Als diese 1933 ins spanische Ausland emigrierte, zog Grete mit. Es kam noch sporadisch Post von ihr, aber ein Wiedersehen gab es nicht mehr.
1931 wurde die Jüngste eingeschult. Hannchen interessierte sich nicht für schulische Erfolge, warf kaum einen Blick auf die Zeugnisse beim Unterschreiben. Als ihr aber Freunde von der „weltlichen“ Schule in Neukölln erzählten, wo es pädagogisch so viel freier zugehen sollte als in den normalen staatlichen Schulen, da wurden die Kleinen umgeschult und das Fahrgeld für die U-Bahn auch noch durch Putzen, Waschen etc. aufgebracht. In dieser Zeit bekam Hann-chen Kontakt zum ISK (Internationalsozialistischer Kampfbund) Mehrere von den Freunden kommen als Vermittler in Frage. Max Hodann hatte sich schon in den frühen Zwanziger Jahr-en für Leonard Nelson interessiert, Gise Peiper, später Konopka, wechselte vom Schwarzen Haufen zum ISK. Wann Hilde Meisel, die Schwester von Margot Fürst diesen Schritt vollzog, ist mir nicht bekannt. Der ISK hatte südlich von Kassel eine stillgelegte Walkmühle erstan-den, die zu einem Schulungszentrum für Erwachsene, die sich der Bewegung anschließen wollten, umgebaut wurde. Da sich die jungen Frauen nicht einfach von ihren Kindern frei-machen konnten, (Vater-Betreuung war noch nicht üblich), wurde ein kleines Internat ange-schlossen, wo man nach fortschrittlichen Prinzipien erzog und unterrichtete. Irgendjemand hatte für Hannchen vermittelt, dass sie ihre drei jüngeren Kinder im Sommer 1932 dorthin schicken durfte. Das Schulgeld war für sie frei. Es gab betuchte Förderer des ISK, die solche Kosten übernahmen. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren lebte sie kinderfrei, hatte eine nicht zu schwere Arbeit mit der Büroreinigung beim Spartakusbund und konnte sich eine hübsche kleine Wohnung in der Neubausiedlung „Die weiße Stadt“ in Berlin- Reinickendorf leisten. Dies für ihre Verhältnisse angenehme Leben endete abrupt im Januar 1933 mit der Machtergreifung der Nazis. Mit dem Verbot des Spartakusbundes verlor Hannchen ihre Arbeit und musste die Wohnung aufgeben. Sie fand Unterkunft bei einer Genossin in einem kleinen Gartenhaus in Berlin-Mahlsdorf, Wacholderheide. Der faschistische Terror setzte sofort ein mit willkürlichen Verhaftungen, Verschleppungen, Folter und Mord. Besonders Bedrohte emigrierten, wenn sie es noch schafften. Hannchen war überall da, wo sie helfen konnte. Inzwischen kehrten die Kinder heim, denn die Walkemühle war sofort im Februar geschlossen worden. Sie erlebten Hausdurchsuchungen und lernten zu schweigen. Manchmal wurden sie auch direkt eingesetzt, um Leben zu retten. Als man nach Rubin fahndete, umstell-te die SA das kleine Haus, um ihn abzufangen. Nur der Schlafraum grenzte direkt an den Nachbarzaun. Über den wurde Vertuemo dem Rubin entgegengeschickt, um ihn zu warnen, was auch gelang. Aber die SA konnte ihn dennoch fassen, weil er in sein Zimmer in der Stadt zurückgekehrt war, um Adressen zu vernichten. Es ist ihm sehr, sehr schlecht ergangen. Schließlich verriet er ein Treffen, um sich dort, am Potsdamer Platz beim Herannahen der Freunde zur Warnung vor ein Auto zu werfen. Aus dem Krankenhaus konnte Rubin, von Freunden mit falschen Papieren versehen, über Polen nach Russland entkommen.

Wenn auch Hannchen unermüdlich für ihren und der Kinder Lebensunterhalt arbeitete, und obwohl sie von den Hilfsleistungen für inhaftierte oder bedrohte Genossen in Anspruch ge-nommen wurde, brauchten die Kinder sich niemals vernachlässigt zu fühlen. Sajero hatte nach dem Aufenthalt in der Walkemühle einen sehr unangenehmen Lehrer, für den der Stempel „Landerziehungsheim“ unter dem letzten Zeugnis ein Beweis für die Schwererziehbarkeit des als unehelich geborenen Knaben erbrachte, den er hemmungslos schikanierte. Hannchen hörte sich die Klagen ihres Sohnes nicht lange an, sondern ging zur Schule und führte ein ernst-haftes Gespräch mit dem Lehrer, das sofortige Wirkung zeigte. Hierbei fällt mir auf, dass sie niemals geschimpft hat, auch mit den Kindern nicht. Wenn diese sich daneben benommen hatten, schwieg sie einfach, sprach nicht mehr mit dem Übeltäter. Das tat sehr weh, und man wünschte, sie hätte sich lieber in einem Wutanfall Luft gemacht.
Die Geschichte von Sajero und seinem voreingenommenen Lehrer muß noch ergänzt werden. Bei Kleinigkeiten mischte Hannchen sich nicht ein. Die Jüngste bekam ein einziges Mal im Leben als Vierzehnjährige eine Ohrfeige, und zwar mehr oder weniger aus Versehen und Ver-zweiflung des Musiklehrers, weil sie gerade vor ihm stand, als die Klasse den Terror übte. Sie verlangte Rechtsschutz sowohl vom Klassenlehrer, der sich natürlich nicht mit dem Kollegen anlegen wollte, als auch von der Mutter. Die aber hatte andere Sorgen, es war 1939, und die Welt stand in Flammen. Da fand sie eine einzelne Ohrfeige wohl nicht so tragisch.

Im Sommer 1933 erreichte Hannchen ein Brief von Malli aus der Dominikanischen Republik mit der Nachricht, dass Heinrich Goldberg ermordet worden sei. Sie stand im Vorgarten, als sie den Brief öffnete. Über ihre Wangen liefen Tränen. Aber es gab keine Zeit, sich dem Schmerz hinzugeben. Die ISK- Schule war nach Dänemark emigriert, und als ein Haus gefun-den war und wenigstens die Betten standen, durften die jüngeren Schüler aus der Walkemühle nachkommen. Dazu gehörte Tamen, Hannchens Jüngste. Sie wurde nach ihrer Meinung ge-fragt und stimmte sofort begeistert zu. Die Mutter begann die Ausreise vorzubereiten. Es wurden Flanellschlafanzüge genäht, Lotte strickte warme Pullover und Socken. Irgendwie sah man Dänemark klimatisch schon dicht bei Island liegen. Bis Hamburg musste die Kleine allein im Personenzug fahren, wurde aber der Obhut einer fremden Mitreisenden anvertraut. In Hamburg standen ISK- Freunde auf dem Bahnsteig, die für Übernachtung und Weiter-transport sorgten. Wie hat Hannchen das verkraftet, ein Kind für Jahre wegzugeben? Wahr-scheinlich war sie dankbar, das Kind in Sicherheit zu wissen, denn in Deutschland herrschte der absolute Terror. Der konnte täglich auch sie erfassen, was sollte dann aus den Kindern werden? Die beiden Jungen blieben bei ihr, besuchten die Volksschule und fanden anschließ-end Lehrstellen. Grete war in Spanien bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges und konnte nach England entkommen. Charlotte blieb in Berlin, arbeitete im Verlag Ullstein als Buchbinderin und ging ihrer illegalen Parteiarbeit nach. Auch Hannchen leistete für die Partei Kurier-dienste, was sie den Kindern aber erst nach Kriegsende gestand.
Erstaunlicherweise wurde sie niemals verhaftet, obwohl sie sich auch im legalen Leben recht unvorsichtig bewegte. Sie diskutierte ja mit jedem Menschen über die politische Lage. Sie lud den jüdischen Kindergarten von Edith und Rosa Fürst zu kleinen Gartenfesten ein, unüberseh-bar für die Nachbarn mit all den schönen schwarzhaarigen Kindern.
Sie konnte das „Heil Hitler“ nicht über die Lippen bringen. Auf Vertuemos Feier anlässlich der Ernennung zum Schmiedegesellen wurde natürlich nach den Reden das Deutschlandlied stehend mit erhobenem Arm gesungen. Hannchen blieb sitzen. Schmiedemeister Bode, ihret-wegen befragt, erzählte etwas von einem schweren Herzleiden. Dabei blieb es.
Hitlers willige Helfer erfanden das Mutterkreuz, in Bronze, Silber oder Gold. Damit sollten die deutschen Frauen zu fleißigem Gebären angeregt werden. Der damalige Blockwart unser-er Gegend erschien bei Hannchen mit der frohen Botschaft über die Auszeichnung. Aber Hannchen lehnte rundweg ab. Sie habe ihre Kinder zu ihrer eigenen Freude geboren, aber nicht für den Staat, ließ sie ihn wissen. Auch dies hatte kein Nachspiel.
Aber 1936 wurde Charlotte verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. (Sie hatte Flugblätter verteilt) Nun interessierten sich die Behörden für die Familie und stellten fest, dass das jüng-ste Kind in einem sozialistischen Kinderheim in Dänemark lebte. Das durfte nicht sein. Da für uneheliche Kinder damals das Vormundschaftsgericht zuständig war, verfügte dieses kurzer-hand die Rückführung der jüngsten Tochter.
Charlotte wurde im Untersuchungsgefängnis unermüdlich von der Mutter betreut, mit frischer Wäsche, Lebensmitteln soweit erlaubt, und Wolle zum Stricken gegen das zermürbende War-ten. Sie nahm sogar die elfjährige aus Dänemark heimgekehrte Tamen mit ins Gefängnis. Kei-nen Gedanken verschwendete sie daran, ob man dies Erlebnis einem Kind zumuten könne. Wenn die Schwester leiden musste, dann war die Solidarität der Geschwister eine Selbstver-ständlichkeit. Ebenso wurden die jüngeren Kinder zur Tarnung eines Verfolgten, der Gestapo entkommenen Genossen eingesetzt.
Wie gering Hannchen die Befindlichkeit ihrer eigenen Kinder beachtete, wenn es darum ging, einem Verfolgten oder vom Schicksal geschlagenen Menschen zu helfen, zeigt auch die folgende Episode. Tamen erzählt: „Ich mag fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als die Mutter mit mir einen Bummel durch das Kaufhaus Wertheim am Alexanderplatz unternahm. Ich strebte zur Spielwarenabteilung. Nicht dass ich dort mit einem Kauf rechnete. Es war ja völlig klar, dass wir kein Geld hatten. Es genügte schon, die Herrlichkeiten ansehen zu dür-fen, die fahrenden Eisenbahnen, die nickenden Puppen, den fabelhaften Weihnachtsmann. Auf dem Weg dorthin blieb die Mutter an einem Grabbeltisch stehen, auf dem ein Berg von Filzschuhen für Kinder aufgetürmt lag. Sie fragte sehr sanft und leise: `Willst du nicht ein paar Schuhe für Hansi mitnehmen?` (Hansi war der dreijährige, uneheliche Sohn einer querschnittsgelähmten Freundin. Da man damals noch nicht die Fürsorgepflicht der Gesell-schaft gegenüber Behinderten kannte, mussten Hansi und seine Mutter vom geringsten Für-sorgesatz leben, den wir uns heute überhaupt nicht vorzustellen vermögen.) Ich erschrak bei ihrer Frage, denn ich begriff instinktiv, dass wir im Begriff waren, etwas Verbotenes zu tun. Gleichzeitig war mein Vertrauen in die Mutter unendlich groß. Also steckte ich ein Paar Filzschuhe in ihre Einkaufstasche. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.

Als die beiden Söhne ihre Lehre hinter sich hatten, konnten sie noch ein, zwei Jahre die Mut-ter finanziell unterstützen, bis sie zum Militär geholt wurden. So hatte sie ein leichteres Le-ben. Es ergab sich die Gelegenheit von einem Bekannten aus der Alternativszene sein selbst-gebautes, sehr kleines Häuschen am Rande Berlins für 2000 Reichsmark zu kaufen. Ich schätze, der Grundriß umfasste nicht mehr als 40 m/2. Nur ein Raum war heizbar, das Klo im Garten. Die Söhne bauten ihr eins in den kleinen Waschraum ein. Das Haus, aus den beschei-densten Rohstoffen gebaut, entbehrte nicht eines gewissen genialen Entwurfs. Die Maße stimmten mit den ästhetischen Bedürfnissen des Bewohners überein. Von irgendwoher waren aus einem Todesfall stammend ein paar alte Möbel zu Hannchen gelangt. Sie konnte nun mittags eine Ruhepause einlegen, auf einem der zwei flachen Betten, die im rechten Winkel um den Tisch gestellt eine „Couchecke“ ergaben, ausgestreckt durch ihr großes Blumen-fenster ins Grüne schauen und einfach das Leben genießen. (Allerdings war das Wort „Ge-nuß“ für sie eigentlich tabu. „Genießen macht gemein“ war eines ihrer Zitate) Über diese Le-bensweisheit hörten die Kinder mehr oder weniger hinweg, bis auf Sajero, der asketische Zü-ge hatte. Aber es war auch nicht die Zeit für Genuß und Lebensfreude. Der Krieg war ausge-brochen, was ein irreführendes Verb ist, denn ein Krieg ist kein Vulkan, der plötzlich aus-bricht und Feuer spuckt. Hitler überfiel mit seiner modern ausgestatteten Wehrmacht Polen und setzte damit den Weltbrand in Gang. Gleichzeitig wurde die Judenverfolgung intensiviert, für Hannchen dringender Handlungsbedarf. Zunächst betreute sie Frida Levy, die in Charlot-tenburg wohnte. Sie brachte ihr Obst oder Fisch, welchen sie bei ihrem Neffen Kurt Piske ein-tauschte. Der führte ein Fischgeschäft in der Kantstraße, also in Berlins feinster Gegend.
Hannchen ging auch mit Frau Levys Lebensmittelkarten mit dem aufgedruckten großen „J“ einkaufen, um ihr die Demütigung zu ersparen, mit dem Judenstern über die Straße gehen zu müssen. War einer der Jungen auf Fronturlaub zu Hause, oder Tamen auf Ferien von ihrem Lehrerseminar, dann mussten die Kinder die Hilfe leisten. Aber es wurde alles noch viel schlimmer, als die Nazis begannen sämtliche Juden zu deportieren, das heißt, in die Vernich-tung zu treiben. Nun mussten die Verfolgten versteckt und nach kurzer Zeit unauffällig wei-tergebracht werden zu einer anderen heimlichen Unterkunft. Frida Levy wollte nicht illegal leben, und sie wollte keinen anderen Menschen in Gefahr bringen. Sie sagte zu Hannchen: “Ich habe Gift bei mir“ Nach der Deportation verlor sich ihre Spur in einem der baltischen Länder. Die bei ihr zwangsweise einquartierte Frau Rothmann (eine Jüdin hatte keinen An-spruch auf eine komplette Wohnung für sich allein) wurde gerettet und überlebte.
Hannchen hatte sie bei einer sehr schlichten Freundin im Norden Berlins untergebracht, in-dem sie etwas von einer Krankheit erzählte, die es der Frau Rothmann verbot, bei Tageslicht nach draußen zu gehen. Ich vermute, dass Minna Müller ihre Ahnungen hatte, aber es nicht so genau wissen wollte, weil Frau Rothmann genügend Schmuck mitgebracht hatte zum Veräußern.
Dramatisch wurde die Situation für Hannchen, als Trudchen, eine Cousine von Goldberg, bei ihr auftauchte und um Hilfe bat; denn Trudchen wurde von einem jüdischen Liebhaber sehr bedrängt, der mit Anzeige bei der Gestapo drohte, wenn sie nicht zu ihm zurückkehrte. Auch sie hat überlebt. Hannchen wohnte jetzt allein in ihrem kleinen Haus. Niemand weiß, wie viele Juden hier durchgeschleust wurden.
Aber es gab noch andere Menschen in Not: polnische und russische Zwangsarbeiter –innen wurden als Arbeitssklaven eingesetzt. An der Bahnstrecke nach Osten mussten sie Gleise verlegen, bei jedem Wetter, unterernährt und ohne ausreichende Kleidung. Der Weg zum Bahnhof Hoppegarten führte direkt am Bahndamm entlang. Hannchen sah die rot verfrorenen Füße der Arbeiterinnen, die bei starkem Frost ohne Strümpfe und ohne Handschuhe von den Aufsehern zur Arbeit angetrieben wurden. Sie setzte sich zu Hause an ihre Nähmaschine und nähte aus alten langen Makkostrümpfen Füßlinge aus mehreren Lagen. Dazu legte sie ge-schmierte Brote und machte sich damit auf den Weg am Bahndamm entlang. Das Wachper-sonal im Auge behaltend ließ sie ab und zu ein kleines Päckchen fallen. Das hört sich so ein-fach an, war aber natürlich äußerst gefährlich.
Inzwischen wurden die deutschen Städte regelmäßig von den Alliierten aus der Luft ange-griffen. Die weitere Umgebung von Mahlsdorf war frei von Industrie. Hier fielen weniger Bomben. Die Söhne bauten im Garten für die Mutter einen Unterstand im Boden mit zwei Ausgängen und einer splittersicheren Abdeckung. Darin konnte nur ein Volltreffer die In-sassen vernichten.
Hannchen klagte nie. Die Bombennächte ertrug sie als gerechte Strafe an den Deutschen. Tags-über ging sie ihren oben geschilderten Tätigkeiten nach, fand aber auch noch Zeit, kleine Päckchen an die eigenen Kinder zu schicken.
Das Kriegsende hätte sie allein erlebt, wäre nicht Tamen direkt vor den Russen noch aus dem Arbeitsdienst nach Hause gekommen. Da sie in den letzten Tagen davor die Nachbarinnen zu beruhigen versuchte und ihnen die Angst vor dem Einmarsch der Russen nehmen wollte, in-dem sie von Gräuelpropaganda der Nazis sprach, waren nun die nächtlichen Schreie der über-fallenen Frauen unerträglich für sie. Sie lief dann los, um die Russen zu beschimpfen, damit sie von den Opfern ließen. Tagsüber kamen auch in ihr Haus Soldaten, um zu plündern, Ge-schäfte zu machen oder auf Kontaktsuche. Von der großen Schneidernähmaschine beein-druckt bestellten sie bei ihr Hemden, für die sie den Nessel mitbrachten. Offiziere waren da-bei, die ihr als Gegenwert täglich einen Liter aus der Goulaschkanone bewilligten. Damit konnten sie und Tamen überleben, bis sich die Versorgungslage etwas normalisierte. Es gab eine tägliche Ration Brot und ab und zu ein Stück Fleisch. Als der Stadtbahnverkehr wieder lief, fuhr Hannchen mit Obst oder Gemüse aus den Mahlsdorfer Gärten nach Westberlin zu ihrem Neffen Kurt, dem Fischhändler, und tauschte ein. Kurt, ein durch und durch bürger-licher Mensch und eingefleischter Antikommunist, hielt ihr die Vergewaltigungen vor. Da sähe man doch, dass die Nazisprüche von den sowjetischen Untermenschen nicht aus der Luft gegriffen waren. Sie hielt dagegen: “Landsknechte sind Landsknechte, was den deutschen Frauen angetan wird, haben auch russische Frauen erlitten. Und wenn es mich selber trifft, so ist es nicht schlimmer, als was Tausenden von russischen Frauen angetan wurde.“ Das war am 6.September 1945. Am nächsten Tag kam ein einzelner Plünderer in ihr Haus und schlug ihr den Schädel ein. Tamen traf ihn bei ihrer Rückkehr aus der Nachbarschaft auf der Straße vor dem Grundstück.

Tamen Köhler gest. 2016, jüngste Tochter von Hannchen Gerbeit
Bremen
Januar 2006