Fielareto Kavernido – Wie sah er aus?

Eine Analyse zahlreicher Artikel, Augenzeugenberichte und Polizeiakten

Unsere Recherchen nach Filareto Kavernido haben vor mehr als 15 Jahren begonnen. Wir gingen von unpräzisen Familienerinnerungen und von dem einzigem Bild in Besitz der Familie aus: die Kopie eines Ausweisbildes (wie das freistehende linke Ohr erkennen lässt). Mit diesem Bild, das vermutlich vom Anfang der 20er Jahre stammt, haben wir 2004 die Webseite www.filareto.info. eröffnet.

Im Laufe unserer Nachforschungen und dank der aufmerksamen Beteiligung von Angehörigen von Mitgliedern der Kommune erhielten wir Jahre später zwei weitere Bilder, die Filareto inmitten einer Gruppe von Menschen zeigt. Sie stammen aus der Zeit in Frankreich (1926-1929). Mehr Bilder haben wir leider nicht. Nach und nach haben wir den Gesichtern einen Namen geben können.

1926-27 – Les Villars – Die Erwachsenen sind vermutlich Elisabeth Burkhardt mit Sunuzino II auf dem Arm, Dr. Monod und Filareto. Vor Filareto: Charlotte Schenk, Kurt Burckhardt und vielleicht Gerhard Schöndelen. Die kleinen Mädchen vorne rechts sind Dora und Flora Schenk und Helene Burkhardt. (Aus dem Archiv Burkhardt)


Ende des Sommers 1926 – Les Villars – Links könnte Carl Uhrig sein. Neben Filareto vermuten wir Mally. Das Baby könnte Viktor, geboren Juli 1926, sein. Am Rande könnte Esperoza (1923) oder Faro (1925) sein. (Aus dem Archiv Goldberg, Dominikanische Republik)

Hinzu kommen die diversen Beschreibungen aus verschiedenen Epochen seines freilich imposanten Auftretens, die in Zeitungsartikeln, Erinnerungen und Polizeiberichten erschienen sind. Diese Beschreibungen wollen wir hier der Reihe nach vorstellen.

Es erscheint aber sinnvoll, zuerst mit einer indirekten Selbstbeschreibung anzufangen, und zwar die Vorstellung seines Idols Zarathustra, wie ihn Heinrich Goldberg selbst in dem Artikel über seine Metamorphose zu Filareto Kavernido letztendlich als Idealgestalt 1918 geschildert hat:

Heinrich Goldberg – Wer ist Filareto Kavernido? La Socio, 1918

“In Inneren (der Höhle) sass auf einem Felsen ein alter Mann, mit einem langen, weiten, weissen Gewand bekleidet; seine Haare waren auch schneeweiss und bedeckten seinen Nacken und die Schultern; der weisse Bart reichte bis an seine Hüften. Doch er war kein Eremit. Seine listigen und naiven Augen glänzten mit dem Feuer eines Kindes. Er sah mich nicht; sein Blick war ins Unendliche gerichtet während er laut wie zu sich selbst sprach…”

Er würde in Berlin ungefähr so aussehen, wie Gusto Gräser auf diesem berühmten Bild von 1922:

Gusto Graeser

Heinrich Goldberg – Reise nach New York 1913 – Ellis Island

Heinrich Goldberg unternahm diese Reise mit seinen Eltern Ludwig und Elise, mit seiner Frau Henny und mit Tochter Edith. Nachfolgend die Passagierliste bei Abfahrt in Hamburg im Dampfer Patagonia, der Hamburg-Amerika Linie sowie die Erfassung von Daten bei Ankunft in New York durch den States Immigration Officer at Port of Arrival am 13.05.1913, in dem es heisst:

Dass NY das Ziel der Reise ist
Dass sie selbst für die Reise finanziell aufgekommen sind
Dass sie mehr als 50.- USD besitzen
Dass sie die USA zum ersten mal besuchen
Dass sie weder Polygamisten noch Anarchisten sind
Dass sie über gute körperliche Verfassung verfügen und sie keine Gebrechen haben.
Vater und Mutter sind 5 Fuss 6 Inches gross. Heinrich 5´7´´und seine Frau 5´5´´. Alle haben schwarze Haare bis auf die Mutter, die bereits ergraut ist.
Sonst hätten sie keine besonderen Merkmale.

Adolf Mosch – Autobiographie

Adolf Mosch kam nach Berlin im Mai 1921. Er hatte bereits in Russland in der Nähe Moskaus in einer Tolstoi-Kommune einige Zeit verbracht. Er suchte in Deutschland Anschluss zu einer Gemeinschaft. Ihm wurde empfohlen, den Kontakt zu Dr. Goldberg in der Mulackstrasse zu suchen. Er würde 3 Jahre in der Kaverno verbringen. Er erzählt:

“Ich sollte nun in einer längeren Grosstadtstrasse mit vielen mehrstöckigen Häusern den Dr. Goldberg suchen und wusste ausserdem nicht, was für ein Doktor er war. Ich ging dann in der Mulackstrasse hierhin und dorthin, schaute an alle Schildchen und Briefkästen, jedoch vergebens. Ich frug vorübergehende und in Geschäften ohne Resultat. Hoffnungslos ging ich schon aus der Mulakstrasse, als lch einen Mann erblickte mit aussergewöhnlichem Äusseren, lange schwarze Haare und vollbart, zur Seite eine hübsche Jugendliche und beide barfuss in Sandalen und in einfachster Bekleidung.
Nur ein Blick und ohne Überlegung ging ich über die Strasse und frug ihn, ob er den Dr. Goldberg kenne – und tatsächlich, er war es selbst…”

Kingston Daily, New York, Juli 1921

Diese New Yorker Veröffentlichung meldet in einer kurzen Nachricht die kürzlich erfolgte Ausweisung der berliner “Höhlenbewohner vom Spreeufer bei Spreenhagen” durch die Behörden im Mai 1921. Die unmittelbare Ursache war der Vorwurf der Erregung öffentlichen Skandals, weil die Mitglieder der Kommune nackt im Fluss gebadet haben. Goldberg behauptete gegenüber dem Magistrat, dass dies alles normal wäre, sie würden mit diesem Experiment des gemeinsamen Lebens eine praktische Lösung für die Wohnungsnot und die Probleme der hohen Lebenshaltungskosten suchen. Die Zeitung schreibt:

“The colony has disappeared, but its leader has become a familiar figure upon the streets of Berlin, wearing long hair and going barefoot”.

Kingston Daily, Freeman Kingston, Newyork 22.07.1929


Ausschnitt Kingston Daily, Freeman Kingston, Newyork 22.07.1929

Berliner Tagblatt, Oktober 1921

Wenig später, aus der Berichtstattung über den Prozess, der gegen ihn wegen fahrlässiger Patientenbehandlung mit 2 Todesfolgen geführt wurde, und welche von der Zeitung Berliner Tagblatt im Oktober 1921 unter dem Titel “Der Höhlenbewohner Dr. Goldberg vor Gericht – Strafbare Ausübung seiner ärztlichen Praxis” veröffentlicht wurde, entnehmen wir folgendes:

“Der Begründer der seltsamen Gemeinschaft von Menschen, deren Zusammenleben auf einem Gelände bei Spreenhagen seinerzeit bekanntlich Anstoss erregte, Magistrat und Polizei zum Einschreiten veranlasste, hatte sich gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts III auf die Anklage der fahrlässigen Tötung zu verantworten. Das Erscheinen dieses Apostels erregte im Gerichtsgebäude begreifliches Aufsehen: der hochgewachsene Mann mit tiefschwarzem, buschigem, bis auf die Schulter herabreichenden Haupthaar, dichtem, schwarzem Vollbart und etwas verklärtem, sympathischen Gesicht, war nur bekleidet mit blusenartigem Hemd, schwarzem, durch einen Gürtel festgehaltenem Beinkleid und Sandalen an den nackten Füssen. Der Angeklagte…(bezeichnete…) sich als Antimilitarist, Pazifist und Altruist…”

Harry Wilde, Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit, 1965, S. 132 ff.

Mai 1925 besuchte Harry Wilde die Mulackstrasse und schloss sich der Kommune an. Filareto war bei seiner Ankunft nicht zugegen. Harry W. arbeitete mit den Mitgliedern der Kommune verkaufte Heringe auf der Strasse, betätigte sich als Maler, Fensterputzer oder als Reinigungskraft. Als Harry W. eines Tages von der Arbeit kam “stand Goldberg, bärtig wie Karl Marx, bullig wie Max Schmelling, behaart wie ein Gorilla, völlig unerwartet im Zimmer. Ich wusste sofort: das war er. Doch zu Diskussionen oder irgendwelchen ‘Predigten’ kam es vorläufig nicht. Er zog sich in das Zimmer von Mali und Hannele zurück, die beide kurz vor meiner Ankunft, im Abstand von nur wenigen Tagen, zwei Kindern das Leben geschenkt hatten. Am nächsten Morgen ging ich wieder arbeiten…”

Vertuemo Gloger
Der 1921 geborene Sohn Hannchens, Vertuemo Gloger beschreibt aus dem Gedächtnis einen Spaziergang mit Filareto ca. 1926 so:
“Man stelle sich vor, wie sich Filareto an einem Feiertag irgendwann im Jahr 1925 mit der grossen Kinderschar durch die Straßen Berlins auf den Weg zum gemeinsamen Besuch eines Museums oder Konzertes macht. Die Mädchen tragen Hosen, kurze Haare und sonst keinen Schmuck, an den Füssen tragen sie Holzpantoffeln. Die Jungen tragen ein Gewand, Sandalen und halblange Haare, etwa so wie Prinz Eisenherz. Inmitten der Kindergruppe läuft Filareto Kavernido mit seiner überragenden Statur, den schulterlangen  Haaren und dem dichtgewachsenen, langen Bart; er trägt auch ein weißes Gewand, das eine Schulter freiläßt, und Sandalen”.

Man kann sich gut vorstellen, was für eine Sensation dieses Auftreten auf der Straße damals in Berlin erweckte. Den Kindern wird hier das „Anderssein“ vermittelt, sie müssen auch die Fähigkeit entwickeln, gegen die Neugier und den Spott anderer Menschen gleichgültig zu bleiben. Filareto-Zarathustra konnte das bereits.

Alfred Döblin – Pariser Zeitung, 1937

In der im Exil veröffentlichten Pariser Zeitung schrieb Alfred Döblin 1937 über seinen ehemaligen Schulkameraden Karfunkelstein. Spöttisch berichtend, erwähnt er beiläufig Heinrich Goldberg so: “Übrigens ging aus dieser Schülergeneration noch ein anderer schwerer Phantast hervor, Heinrich Goldberg, der von Land zu Land gejagt, überall eigentümliche Urkommunen bildete, sich Nachfolger von Zarathustra nannte, in Prophetentracht herumging; er soll vor einigen Jahren bei einem Streit innerhalb solcher Gruppe auf einer Insel irgendwo im Ozean erschossen worden sein.”

Korsika 1928

Im Oktober 1928 wurde Heinrich Goldberg zu 6 Monaten wegen öffentlichen Skandals und unerlaubter Abtreibung verurteilt und ins Gegängnis von Ajaccio eingeliefert. Wir zeigen nachstehend die Kopie des polizeilichen Dokuments mit den genauen antropometrischen Angaben und der Personenbeschreibung.

Er selber hat angegeben:

Alter: 48 Jahre
Stand: geschieden
Kann lesen und schreiben
Hat keine Religion

Die Polizei beschreibt u.a.:

Körpergrösse: 1, 76
Augen: kastanienbraun
Bart: braun
Haare: ergrauend
Narben auf dem linken Handrücken
Kleidung: braune Weste, schwarze Hose, weisses Hemd, Sandalen