Carl Uhrig

geb. 10.08.1878 in Mönchengladbach
gest. ca. 1955 in La Vega, Dominikanische Republik

Carl Uhrig – Rekonstruktion der möglichen Geschichte eines Mitgliedes der Kommune Goldberg

Die Gruppe der Kaverno di Zaratustra hatte trotz ihrer kurzen Existenz eine bewegte und wechselvolle Geschichte. Sie erlebte während der 14 Jahre seit Ihrer Gründung unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg 1919 bis zur Ermordung Filaretos im Mai 1933 einige Umzüge – Frankreich an zwei verschiedenen Orten, danach Haiti bzw. Dominikanische Republik – und nachweislich viele Abspaltungen, Streitigkeiten und Trennungen. Sie hatte zunächst mit einer kleinen Gruppe in Berlin Mitte, mit dem Stützpunkt in der Mulackstrasse 21, der gepachteten Parzelle ausserhalb Berlins (Rotes Luch) sowie einer angeschlossen Gruppe in Düsseldorf Eller begonnen und sogar einer angefreudenten Gruppe in Wien (darüber berichtet Filareto zumindest in seinem Brief an Margarete Hardegger aus dem Jahre 1925; wir dachten zunächst es könnte Wichtigtuerei sein, um die Gruppe bedeutender zu machen, aber die Autobiographie von Adolf Mosch hat dies Jahre später bestätigt). 1926 gab es den grossen Umzug nach Tourrettes-sur-Loup bei Nizza, Anfang 1928 die Übersiedlung nach Korsika, welche katastrophal endete, und 1929 schliesslich der Versuch, in Haiti Fuss zu fassen. Nach langwieriger Überfahrt in einem Frachter von Bordeaux aus, wurden sie gleich bei Ankunft in Port-au-Prince des Landes verwiesen. Die kleine verbleibende Gruppe der Kommune rettete sich indem sie mit einem Taxi in die benachbarte Dominikanische Republik hinüberfuhr, wo vier Jahre später Filareto ermordert werden sollte. Die Gruppe der Kaverno, das wissen wir aus den Erzählungen der Zeitzeugen und aus einem Artikel von Filareto Kavernido für die französische Zeitung „L’en dehors“, bestand bei Ankunft in Haiti bzw. Dominikanischer Republik aus 7 Personen: Filareto (49) selbst, Mally (28), den vier Kindern – Joyigemo (8), Esperoza (6), Faro (4) und Victor (2) – und Carl Uhrig (51).

Im nachfolgenden Kurzbericht tragen wir die uns verfügbare Information über Carl Uhrig, diesen treuesten Kameraden Filaretos zusammen, der als einziger Mann der Kommune ihm bis zum bitteren Ende folgte, da er aller Wahrscheinlichkeit nach anwesend war, als die Mörder Filaretos ihn aus seiner Hütte abholten.

Durch unsere Nachforschungen über die Gruppe von Düsseldorf-Eller sind wir auf einen Carl Uhrig gestossen, der am 10. August 1878 in Mönchengladbach geboren wurde. Er wurde Buchhändlergehilfe und ist zwischen 1897 und 1898 für einige Monate in Düsseldorf-Eller angemeldet, danach meldete er sich wieder nach Mönchengladbach ab. Diese Angaben sind uns freundlicherweise aus dem Stadtarchiv der Landeshauptstadt Düsseldorf zur Verfügung gestellt worden. Wir sind davon ausgegangen, dass es sich dabei um unseren Carl handelt. Obwohl keine Anmeldung von ihm für die späteren Jahre in Düsseldorf registriert ist, können wir annehmen, dass er ein Teilnehmer jener kleinen Gruppe war, die Anfang der zwanziger Jahre in Düsseldorf-Eller sich bei der Siedlung „Freie Erde“ sozusagen durch Besetzung einnistete. Diese Siedlung war eine im Geiste Gustav Landauers 1921 gegründete Wohngemeinschaft, die auf der Suche nach einem Leben im Grünen und um nach freiheitlich-anarchistischen Prinzipen zu leben, ein Stück Land genommen hatte und durch den Eigenbau eines Hauses das Siedlungsprojekt als alternative Lebensform begonnen hatte. Einige Teilnehmer dieses Experiments haben darüber berichtet. Mit der Besetzung der Siedlung „Freie Erde“ durch die Gruppe „Kaverno di Zaratustra“, die um Gerhard Schöndelen, den sogennannten „Sexapostel“ sich formiert hatte, haben wir die bis jetzt einzige direkte Erwähnung einer solchen mit der Gruppe in Berlin gleichnahmigen Kommune. Diese Beziehung ist später durch das Auftauchen von Schriften Kavernidos in den Ido-Zeitungen bestätigt bzw. erweitert worden. Hier wird auch eine Frau namens Agnes erwähnt, welche aus Düsseldorf stammte und als die „Grosse Agnes“ in den Erinnerungen der Kommunekinder auftaucht; Jahre später war sie im Zusammenhang mit dem grossen Krach 1926 in Tourrettes dabei, als mehrere Mitglieder der Kommune, darunter Hannchen mit Kindern und Agnes selbst, die Gruppe gegen den Widerstand der Zurückbleibenden verliessen. 2007 berichtete uns ein ehemaliges Kind der Kommune, Kurt B. (1919) über seine Mutter Elisabeth, die 1923-24 zu dieser Gruppe gestossen ist (siehe Chronik der Familie Burkhardt). Sie waren dann auch bis 1929 mit der Kommune auf Korsika.

Es ist leider nicht viel, was wir über Carl Uhrig und seine Position in der Kommune wissen. Er hatte musikalische Ausbildung oder konnte zumindest Instrumente spielen. Er soll den Kindern Gesang und Geigeunterricht gegeben haben (wie Lotte Gloger und Kurt Burkhardt uns erzählt haben), sowohl in Berlin (bis 1926) wie später in Frankreich (bis 1929) und in der Dominikanischen Republik (bis 1933).

In diesem Land, wo er nach der Ermordung Dr. Goldbergs blieb, lebte er bis zu seinem Tod. In der Legende, die in der Gegend um Moca und Arroyo Frío über siebzig Jahre nach dem Mord und der Auflösung der Kommune noch kursierte, war er bekannt als Carlos „el Alemán“ o Carlos „el Músico“.  Diverse Zeitungsnachrichten haben wiederholt Zeitgenossen aus der Gegend interviewt, die aber leider wenig konkretes oder glaubhaftes mitteilen konnten. Darunter befindet sich Hilda Schott, Tochter eines deutschen Einwanderers, die ihn sowie andere Mitglieder noch erlebt hat. Diese Interviews wurden von el Diario Libre, aber auch in der deutschen TAZ veröffentlicht.

Am 8. Mai 2018, in der Regionalzeitung Diario Libre aus Santiago, erinnert sich der Verfasser eines Memoirenbuchs, Yo he visto, Eduardo García Michel, Sohn einer Anwaltsfamilie, der in den fünfziger Jahren ein Kind war, so an ihn: „Ich kannte einen Deutschen, Carl Uhrig. Er heilte meinen Bruder, der  wegen der Bluterkrankheit an Blutungen litt. Mir brachte er das Spielen mit der Ziehharmonika bei. Er war ein Überlebender des Attentats, das in den Hügeln von Jamao an der Gruppe deutscher Juden von Filareto Kavernido verübt wurde. Dieser war ein Anarchosyndikalist der die freie Liebe und das Kommuneleben praktizierte.“

Er ging von Arroyo Frío weg und lebte bis zu seinem Tod (in den fünziger Jahren) in La Vega, unweit von Moca. Wovon und mit wem er lebte ist uns nicht bekannt. Angeblich lebte er allein. In seinen letzten Jahren soll er in eine Anstalt eingewiesen worden sein.

Santiago Tovar, 2007, aktualisiert Februar 2019