Chronik der Familie Schenk

Anna Schenk, geb Beyer
12.10.1889 – 07.05.1978

Für die Herausgeber der www.filareto.info tauchte der Name Schenk zum ersten Mal auf, als die Geburtsurkunde der Tochter Amozino gefunden wurde. Amozino Schenk wurde Februar 1927 in Les Villars geboren und in Tourrettes sur Loup eingetragen. Die Eltern waren Alois Schenk, geb. 1898, Landarbeiter, und Anna Beyer, geb. 1889, Hausfrau.

Viele Jahre später entstand der Kontakt mit einer Nachkomme von Anna Beyer. Das Zusammenfügen der Informationen, die wir miteinander austauschten, ergab das folgende Bild der Geschichte der Schenks:

Anna Schenk, geb. Beyer stammte aus Liebau in Schlesien (heute Lubawka, Polen). Geboren wurde sie am 12.10.1889. Die Familie bestand hauptsächlich aus unselbstständigen Handwerkern, Händlern, Arbeitern, Fuhrleuten, Köchinnen und Hausmädchen. Annas Eltern hatten sich mit einem Gemischtwarenladen und Lohnfuhren selbstständig gemacht, was ein bescheidenes Auskommen brachte. Sie hatten ein schmales, zweistöckiges Haus am Marktplatz erworben, das allerdings mit hohen Hypotheken belegt war. Beide Eltern waren trotz minimaler Volksschulbildung an Politik und Kunst interessiert, der Vater ein überzeugter Pazifist.

Anna ging als junge Frau nach Berlin. (Es war üblich, dass Mädchen und Frauen mit wenig Bildungschancen oder Vermögen sich anstelle einer Lehre eine Stellung als Haus- oder Kindermädchen suchten, vorzugsweise in der Metropole. Das Riesengebirge war wiederum bei wohlhabenden Berlinern als Urlaubsregion beliebt.) In Berlin hat Anna 1916 auch ihre erste Tochter zur Welt gebracht, Charlotte. Lottes Vater kannte sie aus Liebau, doch er war dort bereits verheiratet und Anna hat alleine für das Kind gesorgt, u.a. arbeitete sie in einer Munitionsfabrik. Später kehrte sie in ihren Heimatort zurück und heiratetet Alois Schenk. Alois war Weber, vielleicht auch Schiffchenmacher. Er stammte aus dem Ort Schömberg (heute Chełmsko Śląskie, Polen, ca. 6 km von Lubawka entfernt). Die Familie weiß nicht sicher, was sie dazu bewog, vermutlich kurz nach Kriegsende, nach Berlin zu ziehen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Anna und Alois nach alternativen Lebensformen und Perspektiven suchten. Anna hatte weitgehend selbstständig für sich und ihr Kind gesorgt, eine andere Verlobung gelöst, angeblich Kontakt zu dem Maler Otto Müller, der in Breslau lehrte und in Liebau öfter seine Mutter besuchte, und war über 30 Jahre alt, als sie sich entschloss, den neun Jahre jüngeren Alois zu heiraten. Von Alois ist überliefert, dass er insbesondere von den Schriften Nietzsches begeistert war und dem Anarchismus zugeneigt. Soweit bekannt, hatten sie sich auf eine Zeitungsanzeige von Heinrich Goldberg hin gemeldet. Dort landeten sie als neue Bewohner in der Mulackstrasse, vermutlich in der Nr. 23, die Kaverno. Dies geschah möglicherweise 1920-21. Annas Tochter Lotte (1916) stand nach ihrem Alter zwischen den älteren Kinder der Kommune Charlotte (1913) und Grete (1914) und den jüngeren Vertuemo (1921) und Joyigemo (1921). Dort haben sie also den engen Raum miteinander geteilt.

Zu dieser Zeit hat die Gruppe bereits die Parzelle im Roten Luch gepachtet, mit dem Bau einer Hütte begonnen und den Anbau von Obst und Gemüse angefangen. Aus den Memoiren von Adolf Mosch wissen wir, dass in der kleinen Küche der Stadtwohnung der Mulackstrasse zu dieser Zeit auch eine Ziege lebte, die auf den Umzug zum Roten Luch wartete! Er selbst, Adolf Mosch, wurde mit den ersten Arbeiten für die Einrichtung der Kolonie beauftragt. Es ist wohl sehr wahrscheinlich, dass Alois bei diesen Arbeiten mitgemacht haben könnte. Während der berliner Zeit haben die Kommunarden mit den Kindern einige Zeit im Sommer und ansonsten manche Wochenenden im Roten Luch verbracht.

1924 bekommen Schenks Zwillingstöchter, Dora und Flora. Uns liegt keine Erwähnung mehr der Schenks für die berliner Jahre zwischen 1921 und 1925 vor, aber wir können uns gut vorstellen, dass Anna sich mit den Kindern beschäftigt und mit den anderen Frauen der Kommune sich als Putzfrau oder ähnliches betätigt, und so zur Gemeinschaftskasse der Kommune beiträgt.

1926 findet der Umzug der Kaverno nach Frankreich statt. Wir wissen über die Schwierigkeiten und Härten dieser Periode. Anna, deren Beruf 1927 in Amozinos Geburtsurkunde als “Hausfrau” angegeben wird, arbeitet wie die anderen Frauen auch in der kleinen Gartenwirtschaft der Kommune und im vom Dr. Monod geleiteten Krankenhaus Les Courmettes, das oben auf dem Hügel etwa 1,5 km von Les Villars entfernt liegt, u.a. als Wäscherin. In diesen Nöten und in der Ausübung körperlich erschöpfender Arbeit vermutet die Familie viele Jahre danach wahrscheinliche Gründe der zunehmenden “Desillusionierung” der Frauen in der Kommune, deren „geistige und intellektuelle Fähigkeiten zudem als nicht gleichwertig” anerkannt werden. Februar 1927 wurde Amozino geboren, was vermutlich die Lebensumstände für Anna Schenk zusätzlich erschwert haben wird. In der Kommune haben die Mitglieder der Kerngruppe für ihre Neugeborenen gerne Namen auf Ido gewählt. Bezeichnenderweise ist Amozino das erste Kind dieses Paares, das einen Ido-Namen erhält. Man kann das als Zeichen der stärkeren Integration in der Gruppe interpretieren, oder als eine Konzession auf den Druck Filaretos hin, dessen Begeisterung für die Kunstsprache bekannt ist.

Über Alois wissen wir aus dieser Zeit nur, was die Lokalzeitung Le Petit Niçois vom 18.12.1928 in der Rubrik “Diverses” in einer kurzen Nachricht berichtete, nämlich die Verurteilung zu einem Monat Gefängnis von fünf Mitgliedern der Kaverno wegen Erregung öffentlichen Skandals. Das Delikt lag bereits Jahre zurück, es war im Sommer 1926 in Les Villars passiert, als die Männer der Kommune nackt oder fast nackt auf den Feldern der Farm herumliefen; dies hatte den Unmut und die prompte Anzeige der Nachbarn hervorgerufen. Unter den verurteilten Männern befindet sich Alois Schenk. Das Urteil wird in Abwesenheit gefällt, da die Kommune bereits Tourrettes verlassen und sich nach Korsika begeben hat. Offenbar hat Alois, oft zum Missfallen der Familienangehörigen, Zeit seines Lebens die Gewohnheit beibehalten, im Haus und bei Familienzusammenkünften, wie etwa Mittagessen oder sonstiges, leicht bekleidet zu erscheinen.

Der Umzug von Tourrettes nach Korsika ist an anderer Stelle ausführlicher geschildert worden. Was die Schenks betrifft sind sie eine der wenigen “Kern”-Familien der Kaverno, die diesen schweren und praktisch letzten Versuch zum Überleben der Kommune mitmachen. Es sind Anna, Alois, Lotte, Dora, Flora und Amozino. Lotte ist inzwischen 12 Jahre alt.

Der Aufenthalt der Kommune auf Korsika beginnt schlecht und endet 18 Monate später katastrophal. Die Streitigkeiten in der Gruppe spitzen sich zu. Es sind eine Reihe von neuen Kommunarden aus verschiedenen Ländern Europas gekommen, von welchen manche sofort enttäuscht die Kommune verlassen wollen. Aber die von Filareto aufgestellten Regel sehen nicht vor, dass sie ihr (meistens spärliches) Hab und Gut wieder mitnehmen können. Deswegen kommt es zu Klagen bei der Polizei. Ausserdem wandert Filareto wegen “öffentlichen Skandals” und “unerlaubter Abtreibung” an einer Kommunardin für 6 Monate (Oktober 1928 bis April 1929) ins Gefängnis von Ajaccio.

Mitglieder der Familie haben in Erinnerung, dass irgendwann mal Anna Schenk in einem Prozess gegen Goldberg als Zeugin aussagen musste. Wann das war, ob in Berlin, in Tourrettes oder auf Korsika, ist nicht zu bestimmen, so zahlreich sind die gerichtlichen Anklagen gegen Heinrich Goldberg gewesen; angeblich waren es Mitglieder der Kommune, die Goldberg verklagt hatten. Deswegen ist dieses unangenehme Erlebnis im Gedächtnis haften geblieben.

Ungewöhnlich starkes Regenwetter im Frühling 1929 überschwemmt das gepachtete Grunstück, das ohnehin ziemlich unfruchtbar war. Eine Malariaepidemie bricht in der Gruppe aus. Etliche erkranken, unter den Toten ist auch eine der Zwillinge, die 5 Jahre alte Dora. Andere Mitglieder der Familie, insbesondere Anna, werden ihr Leben lang an den Folgen dieser Krankheit leiden. Es stirbt auch die kleine Sunuzino, geb. 1927 als Kind von Elisabeth Burkhardt. Der Vater war anscheinend Alois Schenk.

Jedenfalls kommt es im Frühling 1929 zum endgültigen Krach. Familie Schenk beschliesst, zusammen mit anderen Familien, die Rückkehr nach Deutschland zu unternehmen. Wahrscheinlich kehren sie zusammen mit Elisabeth Burkardt und deren Kinder zurück. Dies geschieht wohl gegen den Widerstand der Gruppe, vermeintlich Gerhard Schoendelen aber auch Filareto. Es kommt sogar zu Handgreiflichkeiten. Sie finden Zuflucht in der Fähre, die sie zum Festland bringen soll. Laut Kurt Burkhardt, damals 10 Jahre alt, musste der Kapitän eine Waffe vorzeigen, um die Verfolger davon abzubringen, die Gruppe gewaltsam vom Bord zurückzuholen .

Schenks verlassen also Korsika und fahren mit den verbliebenen Kindern Lotte, Flora und Amo anfang des Sommers nach Liebau, ob direkt oder über den Umweg Berlin weiss die Familie nicht genau. Sie bleiben dort bis zum Krieg. Anna übernahm den Laden am Markt von ihrer Mutter. Die Familie lebte in Annas Elternhaus, wo auch ihre jüngere Schwester mit ihrem Mann und Kindern wohnte und weitere Wohnungen vermietet waren. Alois wurde später eingezogen und ist im II. Weltkrieg gefallen, galt aber lange als vermisst, da die Todesnachricht Anna zunächst nicht erreicht hatte. Anna und ihre Schwester blieben allein mit ihren Kindern, denn Annas Schwager war als politisch Verfolgter schon 1937 an den Folgen der Haft gestorben. 1946 wurden sie wie die meisten Deutschen aus Schlesien ausgewiesen und in die Region Hannover umgesiedelt.

Anna starb im Alter von 92 jahren am 07.05.1978 in Stadthagen (Schaumburg), wo sie mit ihrer Tochter Flora und einer Enkeltochter lebte. Lotte verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Berlin (DDR) und war glücklich verheiratet. Als Witwe kam sie nach 1989 zu Flora nach Stadthagen. Sie starb in Hannover. Flora starb 2012 im Alter von 87 Jahren ebendort. Floras Tochter lebt heute in Hannover. Amo heiratete nach dem Krieg einen tschechischen Soldaten und lebte fortan in der Nähe von Prag. Sie hat eine Tochter und eine Enkelin, die heute in Paris lebt, und hatte immer, wenn auch spärlich, Kontakt zu der deutschen Familie.

Es gibt Bilder, welche zeigen, dass sie den Kontakt mit den anderen ehemaligen Familien der Kommune beibehielten und sich gegenseitig besuchten. Aber die Lust am Leben in der Kommune, in der sie fast 10 Jahre ihres Lebens verbracht hatten, war ihnen offenbar vergangen.

Kathrin Dittmer, Leiterin – Literaturhaus Hannover e.V.
Santiago Tovar, Mitherausgeber der Seite www.filareto.info