Filareto Kavernido, Esperanto und die Reformsprache IDO

Eine Betrachtung von Santiago Tovar

Der Stellenwert, den die internationale Sprache Esperanto für Heinrich Goldberg hatte, ist nur schwer zu bestimmen. Wir wissen nicht genau, wann er mit dieser Sprache in Berührung gekommen ist, und wir wissen auch wenig darüber, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Kreisen er sie benutzt hat. Wir kennen auch die Umstände nicht, die aus ihm einen Anhänger des reformierten Esperanto machten, des Ido, das sich 1907 aus dem Esperanto hervorgehend gründete. Selbst das einzige schriftliche literarische Werk von ihm in der Ido-Sprache, “La Raupo”, als Broschüre 1926 gedruckt, mutet etwas überraschend an im Kontext der unmittelbaren Sorgen um den Bestand der Kommune und die Ausreisevorbereitungen nach Frankreich, die Filareto gerade in jenem Jahr voll beschäftigt haben müssen. Aber sein engagiertes Auftreten für diese Bewegung ist eine zusätzliche und bedeutende Facette seiner Persönlichkeit, die auch die Grundlage seines “Kriegsnamen” Filareto Kavernido bildet, den er bis zu seinem Lebensende stolz getragen hat; in der Dominikanischen Republik war er unter diesem Namen und ist heute noch unter der Bevölkerung des Lomas-Gebietes, allerdings in der falschen, vielleicht wegen der leichteren Aussprache geläufigeren Form “Filoreto”, oder “El Filoreto” bekannt (Wir konnten das in Gesprächen mit Bewohnern dieser Gegend 2003 und 2004 feststellen. Siehe auch den in der Zeitung “Listín Diario”, Santo Domingo, am 09.03.04 veröffentlichten Aufsatz unter dem Titel “Cosas de la era de Trujillo”, von J. A. Cruz Infante). Und doch war diese Welt der Kunstsprache etwas abseits von seinen Bemühungen und von seinem großen Ziel entfernt, die Kommune als Keim der zukünftigen höheren Gesellschaft zu entwickeln. Es ist anzumerken, daß in seinen sozial-philosophischen Schriften kein einziges Mal Esperanto oder Ido erwähnt wird. Wenn von Sprache und Kultur die Rede ist, dann nur, um seine heißgeliebten Dichter und Autoren Goethe oder Nietzsche im Zusammenhang mit der deutschen Sprache und Kultur zu erwähnen. Manchmal bekommt man den Eindruck, als hätte die Ido-Welt eine Art intellektuelle Zufluchtstätte für Filareto bedeutet. Dennoch steht freilich außer Zweifel, daß Ido für ihn eine bedeutende und ernsthafte, ihm am Herz liegende Angelegenheit war.

Esperanto, die künstliche Weltsprache, wurde von einem polnischen Juden und Ophthalmologen Dr. L. L. Zamenhof mit der Veröffentlichung seines Werkes “Internationale Sprache. Vorwort und vollständiges Textbuch” 1887 in Warschau gegründet. Er unterzeichnete das Buch mit dem Namen Dr. Esperanto (etwa “Dr. Hoffnungsvolle” oder “Der Hoffende”), was der Sprache ihren Namen gegeben hat. Er stammte aus der Kleinstadt Byalistok, damals zum Russischen Reich gehörend, und hatte Russisch und Jiddisch als Muttersprachen, sprach aber auch Polnisch und Deutsch. Der Ursprung seines Interesses entstand aus der Vorstellung, daß der Grund für die Vorurteile und den Haß unter den verschiedenen Nationalitäten – in seinem Fall handelte es sich um die Probleme in der Koexistenz der Polen, Weißrussen und Jiddisch-sprechenden Bevölkerungsgruppen – auf das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zurückzuführen war. So kam er auf die Idee einer neutralen und von allen anerkannten Sprache, die der Verständigung und der besseren Kommunikation unter Völkern verschiedenen ethnischen und sprachlichen Ursprungs dienen könnte. Daß die Idee schnelle Anfangserfolge feiern konnte geht auf die von vielen Seiten geteilten Grundvorstellungen und Wünsche der Völkerverständigung in der Welt der Jahrhundertwende zurück. Es ist nicht erstaunlich, daß die Idee auch schneller bei zweisprachigen Bevölkerungsminderheiten (etwa den Juden) oder in mehrsprachigen Gebieten oder kleinen Ländern (etwa der Schweiz), aber auch insbesondere unter gebildeten Akademikern, nicht unbedingt nur bei Sprachwissenschaftlern, Fuß faßte.

Esperanto zeichnet sich durch seinen neutralen künstlichen Charakter, durch den streng logischen Aufbau und durch die ausgesuchte Übernahme vom Wortwurzeln aus den wichtigsten europäischen Sprachfamilien aus: die aus dem Latein hervorgegangenen romanischen Sprachen sind Grundlage von ca. 50-60% des Wortschatzes, die germanischen Sprachen machen etwa 20-30% aus, während die slawischen mit ca. 10-20% ins Gewicht fallen. Hier ist nicht zu verkennen, daß nur Menschen mit Fremdsprachkenntnissen diese neue Fremdsprache leicht erlernen können, und sie sind es gerade, die dies am wenigsten nötig haben…. Es gab auffallend viele Akademiker unter den Anhängern, viele kamen auch über die pazifistischen und internationalistischen Bewegungen und Ideologien dazu, insbesondere die anarchistischen, humanistischen, sozialistischen oder rein utopischen. Damit hätten wir die Ursprünge des Interesses des jungen Heinrich Goldberg für die Esperanto-Kultur ausgemacht, nämlich als Jude, als Akademiker und als sprachbegabter pazifistischer Mensch.

Die Neutralität wird durch die Übernahme von Worten und Wurzeln der verschiedenen Sprachen unterstützt. Die Einschränkung auf die europäischen Sprachfamilien schließt freilich Asien, aber auch Afrika und die arabische Welt aus.

Künstlich ist Esperanto insofern, als es nicht eine sich organisch-historisch entwickelnde, sondern eine sozusagen im Labor beschlossene Sprache ist. Tatsächlich kamen auf den Vorschlag des von Zamenhof veröffentlichen Buchs Diskussionsgruppen und Ausschüsse zusammen, um sich mit den Einzelheiten zu befassen: Wortschatz, Wortbildung, Satzstruktur, Geschlecht, Zahl, Eigenschaften und Wert der Suffixe und Präfixe, das alles mußte praktisch am grünen Tisch von den begeisterten Anhängern diskutiert und abgesprochen werden…. und dies mußte natürlich auf Englisch, Französisch oder etwa Deutsch geschehen, denn die neue Sprache war noch nicht so weit.

Der logische Aufbau wurde als eine der besonderen Stärken eingeschätzt. Wer ist noch nie bei der Erlernung von Fremdsprachen bei den Unregelmäßigkeiten und Ausnahmefällen, die jede Sprache nun einmal kennt, ins Stolpern geraten? Esperanto sollte ohne Rücksicht auf Ungereimheiten konsequent und logisch als ein in sich schlüssiges Gebäude errichtet werden. Was für Satzbau, Gebrauch von Geschlechts- oder Zahlform sehr praktisch erscheint, kann bei den aus Wurzeln hervorgehenden Wortbildungen weltfremde, schwer zu begreifende Ergebnisse zeitigen.

Trotz einer bereits in den ersten Jahren als erfolgreich zu betrachtenden Entwicklung und Verbreitung der neuen Sprache kamen bald, wie bei einem solchen Unternehmen nichts anderes zu erwarten, die ersten Zwistigkeiten auf. Zu viele Komitees, zu viele Interessenlagen und ein viel zu neu zu beschreitendes Gelände waren dafür verantwortlich.

Bereits 1900 wurden die ersten Stimmen innerhalb der Esperanto-Welt laut, die nach einer Reformierung riefen. Und die Gründung dieser Reformsprache unter dem Namen Ido – Sprache Für Alle – oder Internationales Hilfsidiom wurde in Paris 1907 beschlossen.

Wir glauben nicht, daß Heinrich Goldberg sich daran aktiv beteiligt hat. Der 27-jährige frisch promovierter Arzt war wahrscheinlich zu der Zeit eher mit seiner beruflichen Niederlassung und mit seiner Hochzeit in Berlin beschäftigt. Aber wir haben angenommen, daß er einige Esperanto-Anhänger in der Universität in Freiburg kennengelernt hatte, und daß er aufgrund seiner kosmopolitischen Haltung und seiner Form der Assimilation in der Gesellschaft von diesem Projekt stark angezogen wurde. Unseres Wissens gab es damals in der Universität Freiburg die Möglichkeit, an Esperanto-Unterrichststunden teilzunehmen, was sicherlich eine Ausnahme unter den deutschen Hochschulen darstellte. Der Student Goldberg hat vielleicht diesen Vorlesungen auch hin und wieder beigewohnt und die Atmosphäre attraktiv gefunden. Jedenfalls muß er diese spätere Diskussion aufmerksam verfolgt haben. Außerdem ist nicht zu verkennen, das viele hervorragenden Akademiker und Persönlichkeiten hohen Ranges sich in diesem Streit für Ido einsetzten. Unter den Ido-Anhängern sind z. B. zu benennen: der spätere Nobelpreisträger der Chemie Wilhelm Ostwald aus Leipzig, der Däne Otto Jespersen und der Pariser Prof. Couturat, beides eminente Sprachwissenschaftler, der Mathematiker aus Turin Prof. Peano, der Berliner Astronome Prof. Förster, und weitere Vertreter aus insgesamt sieben verschiedenen Sprachgebieten (Französisch, Deutsch, Englisch, Dänisch, Italienisch, Polnisch und Russisch); die Debatten wurden meistens auf Französisch geführt, aber es wurden auch andere Sprachen, darunter z. B. Latino sine Flexione von den in das Komitee entsandten Vertretern der nationalen Konferenzen verwendet. Selbst der Begründer des Esperanto, Dr. Zamenhof, obwohl bei dem Pariser Kongress nicht anwesend, war durch eine Person seines Vertrauens repräsentiert. Später, wie bekannt, zogen sich die Esperantisten aus der Reformbewegung zurück. Damit wurde eine unüberbrückbare Feindseligkeit begonnen, die heute noch anhält.

Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Esperanto und der reformierten Sprache Ido? Um dies aus der Sicht der Idisten zu erklären, führen wir im Folgenden ein längeres Zitat aus einem Text des Präsidenten der Ido-Gesellschaft, Guenter Anton, an; in diesem Beitrag erklärt er, warum er Ido und nicht Esperanto für die optimale Lösung des Problems einer Internationalen Sprache hält (Günter Anton ist der Präsident der Union für die Internationale Sprache IDO (Reformiertes Esperanto); sein Text ist zu finden unter: http://www.geocities.com/Paris/Rue/8009/Anton1.html . Er geht ausführlich auf die Rolle der englischen Sprache in der gegenwärtigen Welt ein):

“(Esperanto) … enthaelt kuenstlich geschaffene, erfundene Woerter. Die nach dem Prinzip der groesstmoeglichen Internationalitaet ausgewaehlten Wortwurzeln sind in den mit einem System von Vor- und Nachsilben geschaffenen Woertern oft nicht mehr erkennbar. So heißt zum Beispiel das Wort „sana“ gesund. Mit der Vorsilbe „mal“ wird das Gegenteil gebildet, naemlich „malsana“(krank). Die Silbe „-ul-„bezeichnet eine Person, also ist der „malsanulo“ der Kranke. Da die Silbe „-ejo-“ einen Ort fuer etwas ausdrueckt, ist schliesslich „la malsanulejo“ das Krankenhaus. Diese Ableitung. erfolgt sehr regelmaessig, fuehrt aber zu ueberkonstruierten, kuenstlichen Wortbildungen, in denen die internationale Wortwurzel nicht mehr zu erkennen ist. Ein Kritiker sprach einmal vom Puzzlespiel der Wortbildung im Esperanto.

In dem 1907 erschienenen reformierten Esperanto, das unter dem Namen Ido bekannt ist, heisst Krankenhaus „hospitalo“. Dieses Wort ist vielen Europaeern bekannt.

Die Maengel des Esperanto sind in seinem Wesen begruendet, wie es im sogenannten „Fundamento“ festgelegt wurde. So kann sich die Sprache eigentlich nur durch die Schaffung notwendiger neuer Woerter entwickeln, nicht aber durch Ueberwindung seiner Maengel, denn das „Fundamento“ ist „netusxebla“ (unberührbar). Daß die Sprache trotz unuebersehbarer Maengel die groesste Zahl von Anhaengern und fleissigen Propagandisten aufweist, hat wohl im wesentlichen zwei Gruende.

Der Schoepfer des Esperanto, Dr. L. Zamenhof, hat mit seiner Sprache eine Ideologie verbunden, den Esperantismus, eine Art Kosmopolitismus.
Esperantisten fuehlen sich nach dieser Ideologie als Weltbuerger. Sie sehen sich als eine Art Volk ueber den Voelkern, desse Heimat „Esperantujo“ ist, das Esperantoland.

Mit Hilfe des Esperanto ringen die Esperantisten um Voelkerverstaendigung, Frieden, Freundschaft, Bruederlichkeit und Humanitaet, die auch Toleranz beinhaltet. Dennoch waren begeisterte Esperantisten oft sehr intolerant gegenueber Anhaengern anderer Intersprachen, besonders gegenueber denen des Ido als reformiertem Esperanto. Ablehnung der Konkurrenz fuehrte oft zu entschiedener Intoleranz. Wie zu erkennen, ist Esperanto nicht das einzige, wenn auch erfolgreichste, Projekt fuer eine internationale Sprache. Es gibt eine Menge von Projekten fuer eine Intersprache, die aber bis auf ein paar ganz ohne Anhaenger und also ohne Erfolg geblieben sind. Heute spielen neben Esperanto noch Ido und Interlinqua eine Rolle. Letzteres ist eine Intersprache, die wie eine romanische Sprache wirkt und die das vor allem romanische Sprachgut fast unveraendert aus den nationalen Sprachen uebernommen hat, damit allerdings auch Schwierigkeiten und Unregelmaessigkeiten der Orthographie und Grammatik der Ursprungssprachen.

Anlaesslich der Pariser Weltausstellung 1900 bildete sich die Delegation fuer die Einfuehrung einer internationalen Hilfssprache mit dem Ziel, die sprachliche Vielfalt, die auch den Zielen und der Arbeit der Wissenschaft hinderlich war, durch eine zweite Sprache fuer alle, und so auch fuer die Gelehrtenwelt, zu kanalisieren. Die internationale Wissenschaftlerdelegation war hochkaraetig besetzt, so gehoerten ihr unter anderem der bedeutende daenische Sprachwissenschaftler Otto Jespersen sowie der (spaetere) deutsche Nobelpreistraeger fuer physikalische Chemie Wilhelm Ostwald an. Die Delegation pruefte in mehrjaehriger Arbeit verschiedene Intersprachprojekte und sprach sich am Ende fuer Esperanto aus, mit der Massgabe, daß bestimmte notwendige Reformen der Sprache durchzufuehren seien. So akzeptierte man das von dem franzoesischen Professor Couturat vorgelegte Reformprojekt des Esperanto. Obgleich Esperantoschoepfer Zamenhof anfangs erklaert hatte, er wolle sich jeder Entscheidung der Delegation beugen, lehnte er schließlich das Reformprojekt ab. So erschien es unter dem Namen Ido (idiomo di omni-Mundart fuer alle). Im Ido sind die Maengel des Esperanto ueberwunden. Die Sprache ist entwicklungsfaehig und wird seit 90 Jahren in Wort und Schrift praktiziert. Es erscheinen Zeitschriften in Ido, und die Sprache verfuegt ueber eine eigene Literatur. Die Idisten treffen sich zu Kongressen und Konferenzen.

Ein Vergleich zwischen Esperanto und Ido zeigt die Unterschiede:
Esperanto: Tio kion la homaro bezonas de longe, estas komuna lingvo por cxiuj homoj en la mondo kiel dua lingvo.
Ido: To quon la homaro bezonas depos longe, esas komuna linguo kom duesma linguo por omna homi.
Esperanto: Idistoj kaj Esperantistoj agas por tiu cxi celo.
Ido: Idisti ed Esperantisti agas por ca skopo.

Ein zweiter Grund mag erklären, warum Esperanto trotz der Vorzuege des Ido bis heute wesentlich weiter verbreitet ist als dieses. Die meisten Menschen, die eine konstruierte Intersprache lernen, tun dies nicht unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Fuer sie ist entscheidend, wie verbreitet die Sprache ist und welchen kommunikativen Nutzen man davon hat.
So gesehen bietet Esperanto die meisten Vorteile. Es ist auch ein Vorteil der Sprache, daß sie am bekanntesten ist. Man trifft oefter auf Esperanto.
Dennoch erlernen immer haeufiger Esperantisten Ido, weil sie dessen Vorzuege erkennen. Vielleicht ist heute die Beschaeftigung mit einer internationalen Sprache fuer viele vor allem ein interessante Hobby, das einem weltweite Kontakte bringt, tatsaechlich aber ist sie mehr. Das Wirken fuer die offizielle Einfuehrung einer internationalen Sprache als zweiter fuer alle ist Wirken fuer gesellschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation. Dabe wird letzten Endes nicht entscheidend sein, wie groß die auf dem Propagandawege erzielte Zahl der Anhaenger oder Sprecher dieser Sprache ist, entscheidend kann letzten Endes nur die sprachliche Qualitaet sein.”

Hier stellt sich die schwer zu beantwortende Frage, warum denn ein radikaler, “fundamentalistischer” Mensch wie Heinrich Goldberg sich in diesem Streit zwischen Esperantisten und Idisten für die “realistische” Variante entscheidet. Ein “Fundi”, der hier “Realo”-Positionen bezieht? Vielleicht waren seine Freunde im Ido-Lager beheimatet und er zog nach, vielleicht war es seine kämpferische Natur, die ihn in das Reformlager trieb; aber inhaltlich kann man sich den späteren Filareto Kavernido viel leichter als Anhänger des reinen Esperanto, einer unbeugsam und kompromisslos auf Logik gebauten Sprache, vorstellen. Er hätte unseres Erachtens viel besser in das Esperantolager als in das des Ido gepasst[1]Unter diesem Link: http://www.geocities.com/Athens/Forum/5037/IdoHist.html kann man eine komprimierte Geschichte der Ido-Sprache auf Englisch lesen. Sie ist aus Ido-Sicht geschrieben, sowie auch die … Fußnote vollständig anzeigen). Wiederum, wie ein Studiosus des Esperanto bemerkt hat, kann man “Sich gut vorstellen, dass (die Entscheidung für Ido) dem rebellischen Charakter von Goldberg mehr entsprach als die doch recht dröge und bürgerliche Esperanto-Szene. Alternative Lebensformen kamen erst mit SAT in den 1920er Jahren ins Spiel. Vorher war es eher etwas für das Bildungsbürgertum mit einer katholischen Note. Da der Streit in den Zeitschriften, bis hin zu den Tageszeitungen ausgetragen wurde, war es für einen Intellektuellen damals kein Problem, sich Informationen zu beschaffen.”[2]Schreiben von Herrn Roland Schnell, Berlin, an ST, Januar 2020.

Jedenfalls blieb er, wie wir festgestellt haben, sein Leben lang der Ido-Strömung treu. Wir wissen auch, daß er in der Dominikanischen Republik unter Mithilfe von Mally Michaelis jede Gelegenheit nutzte, Korrespondenz mit seinen “Samideani” oder Gesinnungsgenossen in Europa auf Ido zu führen (wir kennen nur seine Artikel, aber keine Korrespondenz auf Ido) oder mit Mally selbst auf Ido ein Gespräch zu führen (vielleicht damit die Kinder sie nicht verstehen sollten …). Nach unseren Informationen und nach Gesprächen mit Teilnehmern der Kommune oder deren Angehörigen, war keins der Mitglieder ausser vielleicht Mally Michaelis in der Lage, eine Unterhaltung auf Ido zu führen. Diese Vermutung wird durch den Artikel im Esperanto-Magazin Sennacieca aus Dezember 1921 bestätigt. Der Autor, ein Esperantist, besucht die Kolonie am Wochenende und berichtet: Nur einer der Anwesenden im Roten Luch konnte Esperanto sprechen, und zwar fliessend (wir wissen, es handelt sich mit Sicherheit um Adolf Mosch), die anderen Kommunarden sprachen mangelhaft und gebrochen etwas Ido.[3]Sennacieca Revuo, 1. Dezember 1921

Schliesslich waren es die Herausgeber der Ido Zeitschrift PROGRESO, seit 1908 in der Schweiz erscheinend, die 1934 eine der ersten, wenigen Nachrichten über seine Ermordung in Europa veröffentlichten. Eine erste Mitteilung war bereits in der französischen anarcho-kommunistischen Publikation „L’en Dehors“ in Paris einige Monate zuvor erschienen. In der in Progreso auf Ido veröffentlichten Todesnachricht heisst es wie folgt:

“Aus Moca erreichte uns die Nachricht vom Tod unseres eifrigen Genossen, Dr. Goldberg, der am Abend des 16. Mai 1933 von zwei Unbekannten aus dem Hinterhalt ermordet wurde. Dr. Goldberg erlangte das Alter von 52 Jahren. Er war einer der hervorragendsten Vertreter unserer Bewegung und widmete sein ganzes Leben der Verwirklichung seiner anarchistischen Ideen. Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Rubrik ein vollständiges Bild des Wirkens unseres so tragisch verschwundenen Freundes zu zeichnen. Wir werden sein Andenken in der nächsten Nummer von PROGRESO würdigen, indem wir einige der zahlreichen von ihm unter dem Pseudonym FILARETO KAVERNIDO veröffentlichten Artikel abdrucken, die alle sein umfassendes Wissen sowie den treffsicheren Stil belegen, der sich in seinen in Ido abgefassten Schriften zeigt. Er hinterlässt eine treue Erinnerung in den Herzen seiner zahlreichen Mitstreiter, für welche er das Vorbild des mutigen Kämpfers bleibt, der für seine Überzeugungen nicht nur zu leben, sondern auch zu leiden und sterben wusste”.[4]https://filareto.info/item/presse-progreso-1933/

Santiago Tovar
10.2004 – aktualisiert: 02.2021

Fußnoten

Fußnoten
1 Unter diesem Link: http://www.geocities.com/Athens/Forum/5037/IdoHist.html kann man eine komprimierte Geschichte der Ido-Sprache auf Englisch lesen. Sie ist aus Ido-Sicht geschrieben, sowie auch die berühmte kurze Geschichte von Prof. Otto Jespersen, Teilnehmer am Gündungskongress der Ido 1907, zu lesen unter folgendem Link: http://es.geocities.com/krayono/nacimiento.html. (leider konnte ich nur die spanische Fassung finden
2 Schreiben von Herrn Roland Schnell, Berlin, an ST, Januar 2020.
3 Sennacieca Revuo, 1. Dezember 1921
4 https://filareto.info/item/presse-progreso-1933/