• Filareto Kavernido veröffentlicht in Berlin auf Ido die Fabel „Die Raupe“, welche die platonischen Werte der Suche nach der Schönheit, der Kunst und dem Wissen preist. Die Kommune beschließt, nach Frankreich zu ziehen, wo Filareto seit dem vergangenen Jahr bereits Fuss zu fassen versucht. Man kann vermuten, daß der Tod von Filaretos Mutter Elise, wahrscheinlich im Jahr 1925, sowie Konflikte mit der Ärztekammer wegen des Abtreibungsparagraphen und die chronischen finanziellen Probleme der Gruppe eine wichtige Rolle bei diesem Beschluß gespielt haben. Der Umzug findet im Frühling oder Frühsommer statt. Offenbar kommen auch einige Kameraden einer Düsseldorfer Gruppe um Gerhard Schöndelen (Agnes und Elisabeth Burkhardt mit meheren Kindern), die Filareto bereits im Jahre 1920 erwähnt y die anscheinend einige Zeit in der Gegend von Marseilles verbringen. Zielort ist Tourrettes-sur-Loup bei Nizza. Vermutlich kennt Filareto dort den Dr. Gérard Monod von früher – vielleicht aus Studentenjahren oder aus der Esperanto-Bewegung. Nizza war übrigens ein häufiges Sommerziel Nietzsches gewesen. Die Kommune haust recht primitiv in einer auf dem Berg in 800 Meter Höhe gebauten Scheune oder Hütte, umgeben von Steinmauern und Ställen in einer Art Farm. Bei klarer Sicht kann man die Insel Korsika von dort aus gut sehen. Die Farm heisst Les Villars und ist Teil des Hofs des Sanatoriums Les Courmettes. Einige der Mitglieder arbeiten hilfsweise in dem Sanatorium, offenbar auf Vorschlag des befreundeten Arztes, Dr. Gérard Monod. Andere wiederum betätigen sich als Landwirte und Viehzüchter auf dem vom Sanatorium gepachteten Gelände. Das Leben in Tourrettes spielt sich unter einfachsten Bedingungen ab, entsprechend bescheiden ist auch die Ernährung: Obst und Gemüse, wilde Kräuter, Kleinwild u. ä. Es ist anzunehmen, daß sich die Gruppe hier ungestört den Aktivitäten widmen kann, die ihren Ideen entsprachen: der Sonnenanbetung, dem Baden im eiskalten Wasser des Bachs oder der kleinen Seen, der disziplinierenden und primitiven Arbeitsweise auf dem Lande. Man kann sich leicht vorstellen, daß dabei die Kinder diejenigen sind, die am meisten leiden. Aus den Berichten der Zeitzeugen geht hervor, daß die ohnehin stark autoritäre und harte, ja grausame Erziehungspraxis Filaretos sich hier noch verschärft. Zu groß sind die Ideale, zu hoch die Ziele, als daß sie von den elementaren, „niedrigen“ Bedürfnissen der Kinder nach Nahrung, Kleidung und Spiel ständig gestört oder behindert werden dürften. Wenige Monate später bricht eine Krise in der Kommune aus. Nach dem Tod eines Säuglings aufgrund von mangelhafter Pflege und Ernährung beschließen mehrere Familien und Frauen, darunter die Mutter des gestorbenen Kindes, die „grosse“ Agnes (welche nicht aus Berlin, sondern aus Düsseldorf stammte), nach Deutschland zurückzukehren. Dieser Entschluß wird nicht ohne heftige Diskussionen, Vorwürfe und selbst Drohungen zur Verhinderung der Abreise akzeptiert. Unter den Heimkehrenden befindet sich auch Hannchen Gerbeit, geb. Gloger aus Berlin mit ihren fünf Kindern. Dagegen bleibt Filaretos zweite Lebensgefährtin mit ihren vier Kindern, darunter ein neugeborenes Baby, in der Kommune. Elisabeth Burkhardt, mit ihren 3-4 Kindern, bleibt auch in der Gruppe und macht auch den Umzug nach Korsika 1928-29 mit, bevor sie im Frühling 1929 nach Deutschland flieht. Dasselbe gilt für die Familie Alois und Anna Schenk.
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