Adolf Mosch

geb. 1891 in Schwarzenau / Niederösterreich
gest. 1980

Adolf Mosch oder besser gesagt, seine Autobiographie, ist wie ein Wunder aufgetaucht. Sein ca. 65 Seiten unveröffentlicher Text wurde Jahre nach seinem Tode von seiner Tochter Heloido 1999 korrigiert und stilistisch überarbeitet. Seine Enkeltochter Angelika hat auf der Suche nach weiteren Informationen die www.filareto.info Webseite kürzlich gefunden und den Kontakt hergestellt.

Adolf Mosch wurde 1891 in Schwarzenau/Niederösterreich geboren. Er wurde als Schreiner ausgebildet und machte sich bald als Wandergeselle auf den Weg durch die deutschsprachigen Länder. In seinen Memoiren beschreibt er wie er zum Anarchisten wurde und ständig Konflikte mit den staatlichen Behörden und generell mit der Obrigkeit hatte. Er lehnte jede Form der Autorität ab. Beim Ausbruch des Weltkrieges wurde er zwangsweise eingezogen. Er, der Pazifist, empfand die Gefangennahme in Russland fast als Glücksfall. Hier konnte er endlich das Erlernen des Esperanto fortsetzen, das er in Wien 1913 begonnen hatte; daraufhin begleitete ihn diese Kunstsprache sein ganzes Leben. Nach dem Krieg lebt er eine Zeit lang in der Trudovaja, einer im Geiste Lev Tolstois organisierten Kommune bei Riga. 1919 beschloss er, nach Deutschland bzw. Österreich zurückzukehren. Ohne Papiere war das aber nicht einfach. Nach vielen Erlebnissen und etlichen kurzen Kerkeraufenthalten landete er in Berlin, wo das Leben ohne Papiere offenbar leichter zu gestalten war. In Berlin trifft er auf die Kaverno di Zaratustra und hofft, dort seinen Wunsch nach einem Leben in einer Kommune erfüllen zu können. Offensichtlich ist es sein Interesse für das Esperanto, was ihn auf Empfehlung von einem ihm bekannten Syndikalisten, zur Kaverno bringt. Alles andere in der Kaverno entspricht jedoch, wie wir bei ihm lesen, nicht seinen Idealen; es fehlt ihm hauptsächlich an Harmonie, an Gleichheit. Das Bild, das er vom Leben in der Gruppe zeichnet, ist äusserst negativ.

Dennoch bleibt er 3 Jahre, zwischen 1921 und 1924, in der Kommune. Nachfolgend stellen wir ein längeres Fragment dieser Memoiren vor, in dem er die Kaverno di Zaratustra in Berlin schildert.

Die Kaverno de Zaratustra in seinen Memoiren

Mein Ziel hieß nun Swinemünde.
Das Personenschiff, daß mich nach dem Westen bringen sollte, war übervoll, zum Teil von Elendsgestalten. Juden, Weggelaufene oder Weggejagte, das war nicht zu erfahren. Sie kamen von Kurland, Riga und Umgebung. Bis Pillau waren sie mit dem Zug gekommen. nun froh, das Schiff erreicht zu haben. Die Freude der Passagiere legt sich mit den immer stärker werdenden Schiffsbewegungen. Die meisten stöhnten und schleppten sich an Deck in Richtung Reling, die „Fische füttern“. Ich selbst war eingezwängt zwischen Mengen an Gepäck und Menschenmassen. Obwohl ich auf anraten schon Tags zuvor nichts gegessen hatte, wurde auch mir speiübel von der schlechten Luft und der fürchterlichen Enge.
In Swinemünde beim Aussteigen ein unbeschreibliches Chaos. Ich kämpfte mich zum Bahnhof durch und saß bald im Zug nach Berlin. Die Riesenstadt war nicht mein Ziel, sondern die Vegetarier-Siedlung Eden bei Oranienburg, wo ich auch einen Esperanto-Brieffreund hatte, dort im Genossenschaftsbüro. Von ihm erhoffte ich Rat und Auskunft betreffs einer Vegetarier-Siedlungsgemeinschaft in der Art der Tolstoj-Kolonie. Er bedauerte, Eden sei nicht das Richtige. Er gab mir aber eine Adresse einer anderen Gruppe in Berlin-Pankow, Sindikalisten, die noch im Aufbau begriffen sein sollen. Nach einer freundlichen Bewirtung fuhr ich nach Berlin, um dort mein Heil zu versuchen.
Nach den Gesprächen im vertrauten Esperanto kam ich nun in diese anonyme, fremde Stadt, wo ich mich mitten in den Menschenmassen einsam und verlassen fühlte. Der Sindikalist Gesell war nicht zuhause und ich mußte lange warten, während ich von der freundlichen Hausfrau Gesell bewirtet wurde. Er kam spät, und er mußte mich enttäuschen. Ich würde bei ihm nicht das finde, was ich suchte. Jedoch gab er mir die Adresse der Gemeinschaft eines Dr. Goldberg in der Mulakstraße. Die Hausnummer wußte er nicht. Also machte ich mich auf die Suche, in einer längeren Straße einer Großstadt mit unzähligen vielstöckigen Häusern einen Dr. Goldberg zu finden (was für ein Doktor eigentlich?). Ich ging hin und zurück, fragte Passanten, schaute auf Schilder und Briefkästen und in Geschäftsläden! Vergeblich. Hoffnungslos war ich am anderen Ende der Mulakstraße, als ich einen Mann mit ungewöhnlichem Äußeren erblickte: langes, schwarzes Haar und Vollbart, an seiner Seite ein hübsches, junges Mädchen. Beide barfuß in Sandalen und in einfachster Kleidung.
Ein Blick und ohne Überlegung ging ich auf ihn zu und fragte, ob er Dr. Goldberg kennt. Und tatsächlich! Er war es selbst! Natürlich ging ich mit ihnen in die Mulakstraße 1, wo ich gleich verbleiben konnte.
Ich glaubte, nun endlich gefunden zu haben, wonach ich suchte: eine Vereinigung von Menschen, die erstrebten, die Welt zu verändern – zu erneuern. Damals glaubte ich fest, vielmehr gefunden zu haben, als ich zu hoffen wagte. „Anarcho-Kommunismus als Religion“ Das konnte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen — Diese Doktrin, verstanden als Verbindung von voller, individueller Freiheit mir persönlichster sozialer Gebundenheit—!!!
Beim Betreten jener Wohnung in der Mulakstraße mußte ich mich dennoch sehr wundern und war geradezu schockiert. In der finsteren Küche wurden wir von einer jungen Ziege begrüßt (sie sei für die Siedlung in Straußberg vorgesehen, erklärte man mir). Ich traf auf einige junge Männer, die gerade von der Arbeit zurückkamen. Sie werkten in den verschiedensten Unternehmen und das verdiente Geld ging in die Gemeinschaftskasse, aus der alle Notwendigkeiten des Bedarfs bestritten wurden. Noch war ich ganz glücklich und zufrieden.
Doch schon in den ersten Stunden fiel mir der alte Spruch ein: „Nicht alles was glänzt, ist Gold!“ Die Jungen klagten und kritisierten den diktatorischen Führungsstil, gingen aber treu und brav ihren harten Pflichten nach. Wagten jedoch nicht, offen und ehrlich dem Chef ihre Meinung zu sagen. Dem, der alles bestimmte und erwartete, daß ein jeder in der Gemeinschaft seine heiligen Prinzipien für gut befand.
Bald wußte ich: In dieser Gemeinschaft, die den Namen „La kaverno di Zarathustra“ trug, fehlte jene Harmonie, die ich in Rußland in der Kolonie „Trudovaja“ erlebt hatte. Hier herrschte nicht jener Glaube und das Vertrauen wie dort. Nur kritiksüchtiger Intellekt, welcher die Empfindungswelt der Dummen, Ungebildeten verachtet. Es fehlte die menschliche Wärme. Es regierte nur die Kälte des Gehirns!!!
Dr. Goldberg, der Chef, ließ sich jovial stets mit seinem Vornamen Heinrich anreden. In der Aula eines Gymnasiums in der Nähe hielt er zweimal wöchentlich Vorträge im Wechsel. Einmal über Goethes „Faust“ und dann über Nietzsches „Zarathustra“. Die Themen waren so interessant, daß er danach in der Kommune eine Fortsetzung folgen ließ, die oft über Mitternacht hinausging. Dabei kamen unsere Geldverdiener um ihre wohlverdiente Nachtruhe.
Einmal, nach einem solchen Vortrag brachte Heinrich eine Schreibmaschine an, für die auch meine ersparten 200 Mark draufgingen. Kaum stand sie auf dem Tisch, als ein Kriminaler kam und sie konfiszierte.
Wegen dieser Maschine gab es zuvor schon scharfe Auseinandersetzungen, weil ich forderte, für diese meine 200 Mark Material für die Errichtung einer Hütte in unserer künftigen Siedlung im Roten Luch bei Strausberg zu kaufen. Heinrich behauptete, die Schreibmaschine sei notwendiger für die Existenz und Entwicklung der Kommune. Ich ließ also das Geld schicken und dann war es quasi zum Fenster rausgeschmissen.
Die Kultivierung des Grundes im Roten Luch, der werdenden Kolonie, nahm ich auf mich. Also blieb ich ständig dort, während die anderen nur am Wochenende kamen. Dann genügte unser Dreipersonenzelt nicht zum Übernachten der sechs Leute. Im Sommer war das kein Problem. Da schliefen einige mit Begeisterung, ich auch, bei Mutter Grün. Bei Regen und Kälte war das natürlich kein Vergnügen. Also war eine Schutzhütte fürs erste dringend notwendig. Wir beschlossen, ein Provisorium zu bauen, nach Art eines sogenannten Negerkrals, eines Rundlings. Fünf bis sechs Meter Durchmesser. Acht bis zehn Pfähle in den Grund schlagen und auf ihnen vier Meter lange Stangen befestigt und oben mit Draht zusammengebunden. Auf diesen horizontal Dachlatten für die Dachabdeckung. Diese bestand aus Binsen, die massenhaft überall im Sumpf wuchsen. Einige Tage schnitt ich diese, stehend in einem gemieteten, alten, löcherigen Kahn. Weit mußten die Binsen über Wiesen zu unserem „Bauplatz“ geschleppt werden.
Und, wie so oft, gab es wieder mal Probleme mit Heinrich. Er verlangte, die Pfähle und Latten sollten ohne zivilisatorische Hilfsmittel miteinander verbunden werden, also ohne Nägel. Als wenn es ohne Sägen, Äxte, Beile und Hämmer ginge. Er zeigte uns, wie er die Binsen mit Weidenzweiglein an die Dachlatten festband. Ein völlig untauglicher Versuch. Letztenendes brachten wir mit Nägeln und Hanfschnur unseren Kral fertig.
Es gab viele Dinge in der Berliner Kommune, für die ich kein Verständnis fand. Unter anderem die These von der „Freien Liebe“, von der hauptsächlich Heinrich gebrauch machte. Zwei Frauen hatten Kinder von Heinrich. Die junge, schöne Jüdin Maly und die ältere, blonde Christin Hannchen, Kriegerwitwe mit zwei Mädchen, die sie mit in die Kommune brachte. Sie zu beschimpfen oder gar zu schlagen schien ihm höchste Lust. Wie ein orthodoxer Mephisto hämmerte auf ihre Seele ein: „Wer ist der größere, — Christus oder Moses?“ (Heinrich war Jude) Welche Aussage steht in höherem Wert; „Liebe deinen Nächsten“ oder „Aug‘ um Aug’…“? Wo blieb da Herrschafts- und Gewaltlosigkeit des Arnarcho-Kommunismus? War alles nur Lippenbekenntnis des Intellekts oder jüdische Geisteshaltung???
Einmal erlebte ich wie Heinrich auf den Kontrollbesuch eines Beamten reagierte. Es ging um die Hygiene in der Kommune (Portierswohnung) und im Haus. Die ließ auch in der Tat zu wünschen übrig. Bestimmt haben sich Mieter darüber beschwert. Heinrich, der immer recht hatte, jeden verbal fertig machte, der Frauen und Kinder schlug, erzitterte vor dem Staatsdiener. Er hatte auch allen Grund dazu. Mehrfach war er bereits mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, wegen mißglückten Abtreibungen, zum Teil mit Todesfolge.
Den Anarcho-Kommunismus brachte Heinrich aus einem englischen KZ mit, kam 1919 wieder nach Deutschland und begann sofort, ihn auf seine Weise zu verwirklichen. Es gab eine ähnliche Gruppe in Uerdingen, wo ich den nächsten Winter verbrachte. Und eine dritte Gruppe existierte in Wien, die ich ebenfalls kennenlernte. Überall herrschte der gleiche Unfrieden. Ich dachte an Trudovaja. Vielleicht erschien mir dort alles nur so harmonisch. Von Berlin aus schrieb ich einmal dorthin. Nach Monaten bekam ich die Antwort aus Riga: „Trudovaja existiert nicht mehr.“
In der Kommune gab es meinetwegen Ärger. Ich war polizeilich nicht gemeldet. Ich hatte ja seinerzeit meine Papiere vernichtet. Es ging dabei um die Zuteilung der Lebensmittelkarten.
Ich war Anfang 30, und für mich war es Zeit, ein Weib zu nehmen. Da war Anni, eine Emanzipierte, die es verstand, dem Akademiker Heinrich Paroli zu bieten. Einmal, als er gegen sie tätlich wurde und sie an ihrem Haare über den Fußboden zog, biß sie ihm in die Wade. Ungerechtigkeiten konnte sie auf Dauer nicht ertragen. Eines Tages verließ sie die Kommune und zog in Berlin zu einer befreundeten Näherin, Helene Boche. Zu weit in einer Art Notgemeinschaft arbeiteten beide für die Konfektion. Auch Helene B. war eine resolute, aktive Frau. Sie gefiel mir. Der Altersunterschied, neun Jahre, störte mich nicht. Nach drei Jahren hatte ich endgültig genug von Heinrichs Kommune. Mit Helene, die ich fortan Helo (in Esperanto: die Sonne) nannte, verließ ich La kaverno ohne Tränen. Wie ich später erzählen hörte, löste sich die Kommune auf. Heinrich mußte wieder einmal wegen einer mißglückten Abtreibung flüchten. Nach Frankreich und weiter dann nach Haiti, wo er ermordet worden sein soll. Mit Helene – Helo lebte ich zeitweise im Roten Luch. Als sie ihm sechsten Monat schwanger war, drängte sie zur Gründung eines eigenen Heimes. Es wurde Herbst, als wir in eine völlig andere Gegend zogen. In das Tischlerdorf Klosterfelde nördlich von Berlin. Mitten in den herrlichen Brandenburgischen Seenkranz zwischen weiten, endlosen Kiefernwäldern.
Vom Roten Luch her kannten wir den Ingenieur Adolf Rohrmann. Wir verstanden uns recht gut. Auch er hatte die Kommune verlassen. Er wußte, daß Helo unter gar keinen Umständen ihr Kind dort gebären wollte. Dem Frauenarzt Dr. Goldberg mißtraute sie aus tiefster Seele. Wir kamen überein zu Dritt ein vier Morgen großes Grundstück zu erwerben. Heinrich spottete über uns und nannte uns Drei höhnisch das „Kommünchen“. Was wollte er? Mit seiner Despotie vertrieb er seine einstigen Anhänger. Einmal, ich vergeß es nie, hörte ich ein fünfjähriges Mädchen zu ihm sagen: „Wenn ich einmal groß bin, schlage ich den Kommunismus und den Anarchismus tot!!!“
Unserer neuen Heimat in Klosterfelde gab ich den Namen „Provadujo“. Das