Margarete Gerbeit

Eine kurze Geschichte des langen und geheimnisvollen Lebens der zweiten Tochter von Hannchen Gloger

geb. 19.11.1914 in Berlin
gest.11.09.2011 in London

Margarete Gerbeit

Wie es mit den Nachkommen der Mitglieder der Kaverno di Zaratustra so oft geschah, sind manche der beteiligten Erwachsenen und Kinder entweder in Vergessenheit geraten oder im Laufe der Zeit einfach verschwunden. Es ist von Anfang an, seit 2003, das Bestreben dieser Webseite gewesen, diese Menschen ausfindig zu machen.

Von den anderen Kindern Hannchen Glogers – Lotte, Vertuemo, Sajero und Tamen – erfuhren wir das Wenige, woran sie sich im Zusammenhang mit ihrer verschollenen Schwester bzw. Halbschwester Margarete, genannt Grete, erinnerten. Grete war die zweite Tochter Hannchens aus ihrer Ehe mit Gustav Gerbeit. Wir hörten, wie sie kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte, gemeinsam mit der Photographin Traut Hajdu und deren Lebensgefährten Anastasius (Stasy) Kätzler. Die Gruppe liess sich wohl auf Ibiza nieder, wo sich eine Künstlerkolonie gebildet hatte. Hier verliert sich das erste Mal ihre Spur. Viele Jahre später, 1949, nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, erhielt die Familie Briefe und Care-Pakete von Grete aus London. Der einzige erhaltene Brief war am 9.1.1949 datiert. Soweit wir wissen, kam danach nichts mehr, und einige Versuche der Familie, sie in den sechziger Jahren in London zu finden, schlugen fehl. Die letzten Angaben mit Hinweisen zu Grete gab der Verfasser Max Fürst in seinem Buch „Talisman Scheherezade“ [1]Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 2. Auflage. (1. August 1976). ISBN 978-3446122673

Wir hatten also keine neuere Information über ihr Schicksal bis jetzt, 2023, als ein Privatforscher aus England, Peter Bate, auf der Suche nach der Lebensgeschichte des Malers Hal Woolf, der Margaretes Ehemann gewesen war, auf sie stieß und mit uns Kontakt aufnahm. Nachfolgend Gretes Geschichte mit den neuen Erkenntnissen, die P. Bate uns vermittelt hat.

Grete wurde am 19. November 1914 geboren. Ihre Schwester Lotte war um ein Jahr älter. Der Vater, Gustav Gerbeit starb während des Ersten Weltkrieges 1915 als Matrose an Lungenentzündung. Seine Witwe Hannchen suchte 1920 nach dem Krieg eine Lebensalternative in der Goldberg-Commune. So wuchsen beide Schwestern in der anarcho-kommunistischen Kaverno di Zaratustra in Berlin auf lebten mit der Gruppe einige Monate in Frankreich. Hannchen bekam während dieser Zeit drei weitere Kinder in der Kommune, Vertuemo, Sajero und Tamen (Hier der Link zu der Geschichte Hannchens), die alle drei den Mädchennamen Gloger ihrer Mutter bekamen.

Hannchen verliess die Kommune in Frankreich und kehrte 1926 mit den fünf Kindern zurück nach Deutschland. Die Aussichten der Gruppe waren zu dem Zeitpunkt gewiss düster, aber der Hauptgrund für die Flucht war die Sicherheit der beiden halbwüchsigen Schwester, die für ein Leben in einer Kommune ein kritisches Alter erreicht hatten. Hannchen wollte sie vor drohenden Übergriffen der erwachsenen Männer der Gruppe schützen.

Ihre Jugendjahre verbrachte Grete mit Mutter Hannchen und vier Geschwistern in Berlin, hauptsächlich im Scheunenviertel, bekannt als jüdisch-proletarisches Milieu. Wir wissen leider nicht viel über sie in dieser Zeit, aber sie ging zur Schule, machte dann eine Berufsausbildung als Photographin und begann bald, sich an den Aktionen, Diskussionen und Organisationen der fortschrittlichen Jugend, zu beteiligen. Eine Aktennotiz des Reichssicherheitshauptamtes aus dem Jahre 1936 nennt sie als Mitglied einer Gruppe von mehreren Jugendlichen in Berlin, welche Flugschriften, Notizen und Bilder kommunistischen Inhalts verbreitete. 

Bundesarchiv / Bestand R 58, Reichssicherheitshauptamt 

Max Fürst berichtet im genannten Buch, dass „als Grete im Beruf stand und meinte, sie habe es jetzt nicht mehr nötig, im gemeinsamen Haushalt etwas zu tun“, sie von Hannchen fortgeschickt wurde. Ihre ältere Schwester Lotte war in der Kommunistischen Jugend aktiv, was ihr später eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren einbrachte. Von Grete wissen wir ausserdem, dass sie in Künstlerkreisen verkehrte. Sie stand Modell für die Photographin Traut Hajdu und war sogar mindestens ein Mal, nach Erinnerung von Familienmitgliedern, auf dem Titelbild der Arbeiter Illustrierten Zeitung als hübsche Vertreterin der kämpfenden Jugend zu finden. Laut Max Fürst geschah dies 1933, kurz vor Hitlers Machtergreifung. Wir suchen noch immer diese Ausgaben der Zeitschrift; das Bild oben scheint aus der Reihe dieser professionellen Aufnahmen zu stammen. Relativ früh nach der Machtübernahme Hitlers 1933 zog sie mit ihren Freunden nach Ibiza, wo viele Künstler und Emigranten Zuflucht suchten und eine Art Gemeinschaft gegründet hatten.

Die Balearen fielen gleich zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) den Franco-Truppen in die Hände. Viele Mitglieder der fortschrittlichen Kolonie auf Ibiza und Mallorca verliessen die Inseln, einige gingen nach Amerika, andere auf das Festland, um der kämpfenden Republik zu helfen. Dank der ausführlichen Recherchen von Peter Bate wissen wir, dass Grete wohl mit ihren Freunden und Genossen nach Barcelona mitzog. Bate vermutet, dass sie hier, wenn nicht bereits auf den Inseln, in Kontakt mit dem Maler Hal Woolf kam. Sie wurden ein Paar, er verliess seine Frau für Grete und seine Ehe wurde 1938 geschieden. 1937 war Grete bereits in London im Wahlregister unter dem Alias Margaret Gibbons gemeldet. Oktober 1939 heirateten die beiden und sie führte nun den Nachnamen Woolf. Diese Ehe gab Grete die britische Staatsbürgerschaft, obwohl sie mit dem Alias Margaret Gibbons heiratete. Zu dieser Zeit stand sie mehrmals Modell für den englischen Bildhauer Frank Dobson (1886-1963), der von ihren „wohlgeformten kräftigen Beinen fasziniert war“. Hier muss eine Bemerkung von Max Fürst erwähnt werden, in der er etwas zweideutig behauptet, dass Grete in der Emigration „keine andere Möglichkeit fand, als sich ihr Geld mit ihrem schönen Körper zu verdienen“. Wir können hier nur das berichten, was wir wissen. Vielleicht is nur das gemeint, dass sie als Modell für Künstler und Photographen gearbeitet. Der Maler Hal Woolf meldete sich nach Ausbruch des Krieges zur Armee und wurde im Mittelmeer eingesetzt, wie es scheint in Ägypten. Kurz nach seiner Rückkehr, 1946-47, trennte sich das Paar.

Im Jahr 1947 reiste Grete nach Venezuela. Sie nahm das Schiff Colombie der Compagnie Generale Transatlantique am 3.6.47 mit Ziel La Guaira und hatte offenbar die Absicht, nach England zurückzukehren. Über die Gründe und die Dauer dieser Reise ist nichts bekannt. Max Fürst berichtet, dass die Familie von ihr eine etwas unbestimmte Nachricht aus England bekam, dass sie 1947 „in Südamerika einen Freund aufsuchen müsse“. Jedenfalls war sie Anfang 1949 zurück in London.

1949 gab es mehrere Lebenszeichen von Grete. Von London aus schrieb sie an ihre Geschwister in Deutschland und sendete ihnen wiederholt Care-Pakete. In dem einzigen uns erhaltenen Brief erzählt sie, dass sie nicht ordnungsgemäss polizeilich gemeldet sei und man Briefe an einen anderen Namen adressieren solle, nämlich an ihren damaligen Lebensgefährten. Es ist leider nur ein Brief erhalten.

Grete, die wahrscheinlich niemals eine abgeschlossene Ausbildung besass, arbeitete in London eine Zeitlang als Kostümschneiderin an einem Theater. In dem Brief aus dem Jahre 1949 schreibt sie, dass sie Unterricht nimmt, um die entsprechende Qualifikation und eine bessere Entlohnung zu erhalten, was anscheinend auch gelang (siehe Zeitungsausschnitt The Sphere vom 8. November 1958, der sie in der Werkstatt des Victoria Theaters zeigt).

Margarete Gerbeit Brief Seite 1


Margarete Gerbeit Brief Seite 2

Eine entscheidende Wende tritt 1962 ein, als Hal Woolf auf tragische Weise ums Leben kommt. Er war auf einer Londoner Strasse von einem Auto überfahren worden und verletzt in Polizeigewahrsam genommen worden, weil er in Besitz von Marihuana war.  Während der Haft verschlechterte sich sein Zustand und er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er verstarb. Grete und andere Freunde suchten nach ihm tagelang, niemand war über seinen Tod benachrichtigt worden. Ob er im Gafängnis misshandelt wurde blieb ungeklärt, aber die Umstände waren verdächtig und die Behandlung seiner Verletzungen nachlässig. Als die Freunde seinen Aufenthaltsort ausmachten war es zu spät. Grete unternahm energisch öffentliche und rechtliche Schritte, um den Sachverhalt aufzuklären. Es kam zu einer polizeilichen Untersuchung und nach mehr als einem Jahr sogar zu einer parlamentarischen Anfrage und zu einer Home Office Anfrage, die zu einem veröffentlichten Bericht führte. 

1964 organisierte Grete gemeinsam mit einigen Freunden eine posthume Ausstellung mit Werken Hal Woolfs in der Woodstock Gallery. In dem Katalog erscheint Grete Gerbeit mit vollem Namen. Sie war damals 49 Jahre alt.

Grete wohnte ab den sechziger Jahren in dem Londoner Bezirk Islington Jahren bis etwa 2010. Sie starb  am 11. September 2011 in einen Altenheim. Bis mindestens 1970 arbeitete sie als Antiquitätenhändlerin. Es ist unserem Informanten aus London gelungen, Kontakt zu Personen aufzunehmen, die uns möglicherweise weitere Aspekte von Gretes späterem Leben vermitteln könnten. 

Das sind die stark zusammengefassten Daten ihrer Biographie, die zum Teil durch die Archivnachforschungen von Peter Bate in London dokumentiert sind.

Margaret Woolf, geb. Gerbeit, ca 1963

Was bleibt, sind viele offene Fragen zum Leben und zum Charakter dieser interessanten Person.

– Warum besuchte sie nie ihre Geschwister in Deutschland, warum war es kein engerer Kontakt mit ihnen, um die sie sich bis ins Jahr 1949, 4 Jahre nach Kriegsende, kümmerte? Wir wissen, dass die Familienangehörigen in Deutschland in den sechziger-siebziger Jahren mit den damaligen bescheidenen Mitteln versuchten sie zu finden. Es war, als hätte sie sich versteckt.

– Wieso schrieb sie 1949, dass sie ungemeldet in London wohne? Sie hätte als (inzwischen geschiedene) Ehefrau eines Engländers sicher leicht alle Papiere für einen legalen Aufenthalt erhalten können.

– Warum reiste sie 1947 nach Venezuela? Hatte sie vielleicht eine neue Beziehung oder einen Auftrag?

– Woher nahm sie die Energie und den Mut, 1962, nach dem tragischen Tod von Hal Woolf, von dem sie bereits 15 Jahre getrennt lebte, Aktionen zur Aufklärung seines geheimnisvollen Todes zu unternehmen? Dieses Aufbegehren, das sich gegen die Polizei richtete, mündete in eine Untersuchung und danach in eine parlamentarische Anfrage, bei der sogar der Innenminister aussagen musste. Was gab es wohl für Gründe, die bei einem vermeintlich alltäglichen Unfalltod ein solches Vorgehen rechtfertigten? In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu erwähnen, dass mehrere Personen aus dem Freundeskreis Gretes und Hal Woolfs zu Beginn der 60er Jahre  unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen waren. War das reiner Zufall?

ST, Madrid, 07.2023 – aktualisiert 08.23

Fußnoten

Fußnoten
1 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 2. Auflage. (1. August 1976). ISBN 978-3446122673