Karl Uhlik

geb. gegen 1902 in der Schweiz (?)
gest. am 5.10.1970 in Moca, Dominikanische Republik

Neues über Karl Uhlik

Ein neuer Text über die Kaverno di Zaratustra ist aufgetaucht. Es handelt sich um einen Artikel in der Wiener Zeitung Der Tag vom 4. Januar 1925 mit dem Titel:

La Caverna di Zaratustra, Wenn sich Anarchisten bei einer armen alten Frau “einquartieren”

Wir reproduzieren nachfolgend den Artikel, dessen Lektüre einiges zum Verständnis der Goldberg-Kommune beiträgt und einige interessante Angaben enthält:

1 – Die sogenannte “Wiener Gruppe” der Kaverno, wenn auch so mickrig wie hier geschildert, hat tatsächlich existiert. Wir hatten sie erwähnt, weil sowohl Goldberg in verschiedenen Anlässen (darunter in seinem Brief an Hardegger) wie auch Adolf Mosch in seinen Memoiren davon sprechen.

2 – Eine der 2 Personen, die von Filareto nach Wien geschickt wurden, heißt Karl Uhlik, der als “junger reichsdeutscher Gesinnungsgenosse” bezeichnet wird. Somit engt sich der Kreis ein, in welchem wir nach ihm suchen sollten. Er war also kein Schweizer oder Österreicher, sondern Deutscher. Aber er ist jung, was mit den Angaben aus Moca, wo es heißt, er wäre 1902 geboren, gut passt. Auch die Form, in welcher der Nachname buchstabiert wird, geht mit den Angaben aus Moca zusammen. Allein der Vorname Karl mit K stimmt mit der dominikanischen Form Carl mit C nicht überein. Jedenfalls ein weiterer Beweis dafür, dass unser Kommunarde Uhlik hiess.

3 – Die Art, wie diese Kommune gegründet wurde, ist ein wenig angenehmes Zeichen von den immer unmenschlicheren Methoden des Dr. Goldberg.

4. Es zeigt, dass Dr. Goldberg zu diesem Zeitpunkt und auch etwas früher aus Deutschland, also wahrscheinlich bereits gegen Ende 1924, geflüchtet war. Es stimmt also unsere Vermutung, dass er nicht direkt nach Paris, sondern über Österreich, vielleicht auch die Schweiz, gereist war. 

04.2024

Berichtigung eines Irrtums auf unserer Website

Carlos el Alemán, Mitglied der Kaverno – Identität gefunden? Carlos Uhlik Fischer, nicht Carl Uhrig

Jahrelang sind wir irrtümlich der Meinung gewesen, dass Carl Uhrig, ein 1878 geborener Buchhändler aus dem Rheingebiet derjenige Kommunarde war, der bis zuletzt neben Filareto und Mally in der Dominikanischen Republik stand. Aber in den spärlichen Nachrichten und Dokumenten, in welchen er erwähnt wurde, gab es mehrere verschiedene Schreibweisen für seinen Namen: Urich, Uhlik, Ulik, Uhlig, Uhliek, usw.

Nachdem einer unserer wichtigsten Unterstützer B. Heinzelmann kürzlich unseren Irrtum einwandfrei nachwies, hat eine erneute Suche von Tobias Gloger ein vielversprechendes Resultat ergeben. Es handelt sich um die Todesakte eines Carlos Uhlik Fischer in Moca im Jahre 1970, die wir hier reproduzieren und aus der wir die wesentlichen Angaben übersetzen. Wir glauben nicht, dass es in der kleinen Provinzstadt Moca viele Bürger aus der Schweiz zu der Zeit gab. Wir suchen nun nach den fehlenden Angaben, um dieses wichtige Mitglied der Kaverno genauer zu identifizieren.

Carlos Uhlik Fischer, Todesakte

Personalausweis Nr. 3814 Serie 54

In Moca, am 5. Oktober 1970

Am 5 Oktober 1970, um 9:00 Uhr morgens, starb Herr Carlos Uhlik Fischer, wohnhaft in dieser Stadt Moca. Er erlitt einen Herzinfarkt auf der Straße 16 de Agosto.

Geboren 1902 in der Schweiz, ohne Kinder, ledig,  Beruf unbekannt, Eltern unbekannt

Wir bedauern, dass einige Journalisten und Forscher den von uns angegebenen Namen in Vertrauen auf der Genauigkeit benutzt haben. Wir werden umgehend alle Dokumente, in denen der Name Uhrig steht, entsprechend korrigieren und die Suche nach dieser Person fortsetzen.

Carl Uhlik – Rekonstruktion der möglichen Geschichte eines Mitgliedes der Kommune Goldberg

Aufgrund neuer Erkenntnisse über Carl Uhrig, bei denen ein Hinweis von Bernhard Heinzelmann wesentlich war, müssen wir dieses Porträt revidieren. Ein Teil desselben beruhte auf Annahmen, die sich als falsch herausgestellt haben. Nicht einmal der von uns angegebene Name ist sicher, da er in den uns vorliegenden Dokumenten in diversen Formen auftaucht. Nun scheint es sich richtig um Carlos Uhlik Fischer zu handeln. Deswegen ist der untenstehende Text, in Erwartung möglichst genauer Ergebnisse, korrigiert worden.

Die Gruppe der Kaverno di Zaratustra hatte trotz ihrer kurzen Existenz eine bewegte und wechselvolle Geschichte. Sie erlebte während der 14 Jahre seit Ihrer Gründung in Berlin unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg 1919 bis zur Ermordung Filaretos im Mai 1933 einige Umzüge – Frankreich an zwei verschiedenen Orten, danach Haiti bzw. Dominikanische Republik – und nachweislich viele Streitigkeiten und Trennungen. Sie hatte zunächst mit einer kleinen Gruppe in Berlin Mitte, mit dem Stützpunkt in der Mulackstrasse 21, der gepachteten Parzelle außerhalb Berlins (Rotes Luch) sowie einer angeschlossenen Gruppe in Düsseldorf Eller begonnen und sogar einer angefreudenten Gruppe in Wien (darüber berichtet Filareto zumindest in seinem Brief an Margarete Hardegger aus dem Jahre 1925; wir dachten zunächst es könnte Wichtigtuerei sein, um die Gruppe bedeutender zu machen, aber die Autobiographie von Adolf Mosch hat dies Jahre später bestätigt). 1926 gab es den großen Umzug nach Tourrettes-sur-Loup bei Nizza, Anfang 1928 die Übersiedlung nach Korsika, welche katastrophal endete, und 1929 schließlich der Versuch, in Haiti Fuß zu fassen. Nach langwieriger Überfahrt in einem Frachter von Bordeaux aus, wurden sie gleich bei Ankunft in Port-au-Prince des Landes verwiesen. Die kleine verbleibende Gruppe der Kommune rettete sich indem sie mit einem Taxi in die benachbarte Dominikanische Republik hinüberfuhr, wo vier Jahre später Filareto ermordert werden sollte. Die Gruppe der Kaverno, das wissen wir aus den Erzählungen der Zeitzeugen und aus einem Artikel von Filareto Kavernido für die französische Zeitung „L’en dehors“, bestand bei Ankunft in Haiti bzw. Dominikanischer Republik aus 7 Personen: Filareto (49) selbst, Mally (28), den vier Kindern – Joyigemo (8), Esperoza (6), Faro (4) und Victor (3) – und Carl Uhlik.

Im nachfolgenden Kurzbericht tragen wir die uns verfügbare Information über Carl Uhlik, diesen treuesten Kameraden Filaretos zusammen, der als einziger Mann der Kommune ihm bis zum bitteren Ende folgte, da er aller Wahrscheinlichkeit nach anwesend war, als die Mörder Filaretos ihn aus seiner Hütte abholten.

Da wir keine Erwähnung von ihm aus der Zeit der Kaverno in Berlin kennen haben wir angenommen, dass er ein Teilnehmer jener kleinen Gruppe war, die Anfang der zwanziger Jahre in Düsseldorf-Eller sich bei der Siedlung „Freie Erde“ sozusagen durch Besetzung einnistete. Diese Siedlung war eine im Geiste Gustav Landauers 1921 gegründete Wohngemeinschaft, die auf der Suche nach einem Leben im Grünen und um nach freiheitlich-anarchistischen Prinzipen zu leben, ein Stück Land genommen hatte und durch den Eigenbau eines Hauses das Siedlungsprojekt als alternative Lebensform begonnen hatte. Einige Teilnehmer dieses Experiments haben darüber berichtet. Mit der Besetzung der Siedlung „Freie Erde“ durch die Gruppe „Kaverno di Zaratustra“, die um Gerhard Schöndelen, den sogenannten „Sexapostel“ sich formiert hatte, haben wir die bis jetzt einzige direkte Erwähnung einer solchen mit der Gruppe in Berlin gleichnamigen Kommune. Diese Beziehung ist später durch das Auftauchen von Schriften Kavernidos in den Ido-Zeitungen bestätigt bzw. erweitert worden. Hier wird auch Schöndelens Frau Agnes erwähnt, welche aus Düsseldorf stammte und als die „Große Agnes“ in den Erinnerungen der Kommunekinder auftaucht; Jahre später war sie im Zusammenhang mit dem großen Krach 1926 in Tourrettes dabei, als mehrere Mitglieder der Kommune, darunter Hannchen mit Kindern und Agnes selbst, die Gruppe gegen den Widerstand der Zurückbleibenden verlassen wollten (siehe Chronik der Familie Schöndelen). 2007 berichtete uns ein ehemaliges Kind der Kommune, Kurt B. (1919) über diese Zwischenfälle und über seine Mutter Elisabeth, die 1923-24 zu der Gruppe gestoßen war (siehe Chronik der Familie Burkhardt). Sie waren dann auch bis 1929 mit der Kommune auf Korsika.

Es ist leider nicht viel, was wir über Carl Uhlik und seine Position in der Kommune wissen. Er hatte musikalische Ausbildung oder konnte zumindest Instrumente spielen. Er soll den Kindern Gesang und Geigenunterricht gegeben haben (wie Lotte Gloger und Kurt Burkhardt uns erzählt haben), sowohl in Berlin (bis 1926) wie später in Frankreich (bis 1929) und in der Dominikanischen Republik (bis 1933). Über Carl wissen wir aus dieser Zeit nur, was die Lokalzeitung Le Petit Niçois vom 18.12.1928 in der Rubrik “Diverses” in einer kurzen Nachricht berichtete, nämlich die Verurteilung zu einem Monat Gefängnis von fünf Mitgliedern der Kaverno wegen Erregung öffentlichen Skandals. Das Delikt lag bereits Jahre zurück, es war im Sommer 1926 in Les Villars passiert, als die Männer der Kommune nackt oder fast nackt auf den Feldern der Farm herumliefen; dies hatte den Unmut und die prompte Anzeige der Nachbarn hervorgerufen. Unter den verurteilten befindet sich er zusammen mit Heinrich Goldberg, Alois Schenk und zwei anderen Männern. Sein Name wird als Karl Ulik (1927) oder auch als Karl Ulrich (1928) angegeben. Das Urteil wird in Abwesenheit gefällt, da die Kommune bereits Tourrettes verlassen und sich nach Korsika begeben hat.

Er war der einzige Erwachsene der, neben Mally und Filareto selbst, nach dem Zusammenbruch der Kommune in Korsika 1929 nach Haiti bzw. Dominikanischen Republik mitging.

In diesem Land, wo er nach der Ermordung Dr. Goldbergs blieb, lebte er bis zu seinem Tod. In der Legende, die in der Gegend um Moca und Arroyo Frío über siebzig Jahre nach dem Mord und der Auflösung der Kommune noch kursierte, war er bekannt als Carlos „el Alemán“ o Carlos „el Músico“. Diverse Zeitungen oder Magazine haben wiederholt Zeitgenossen aus der Gegend interviewt, die aber leider wenig Konkretes oder Glaubhaftes mitteilen konnten. Darunter befindet sich Hilda Schott, Tochter eines deutschen Einwanderers, die ihn sowie andere Mitglieder noch erlebt hat. Diese Interviews wurden von El Diario Libre, aber auch in der deutschen TAZ veröffentlicht.

Am 8. Mai 2018, in der Regionalzeitung Diario Libre aus Santiago, erinnert sich der Verfasser eines Memoirenbuchs, Yo he visto, Eduardo García Michel, Sohn einer Anwaltsfamilie, der in den fünfziger Jahren ein Kind war, so an ihn: „Ich kannte einen Deutschen, Carl Uhrig. Er heilte meinen Bruder, der wegen der Bluterkrankheit an Blutungen litt. Mir brachte er das Spielen mit der Ziehharmonika bei. Er war ein Überlebender des Attentats, das in den Hügeln von Jamao an der Gruppe deutscher Juden von Filareto Kavernido verübt wurde. Dieser war ein Anarchosyndikalist der die freie Liebe und das Kommuneleben praktizierte.“

Er ging von Arroyo Frío weg und lebte bis zu seinem Tod in Moca. Er war in der Schweiz 1902 geboren und starb am 5..10.1970 an Herzversagen auf der Straße 16 de agosto. Angeblich lebte er allein, war ledig und hatte keine Kinder. In seinen letzten Jahren soll er in einem Heim gelebt haben.

ST, 2007, aktualisiert 3.2024