Inaugural-Dissertation
Albert-Ludwig-Universität
Freiburg im Breisgau
1905

Über hysterische Amaurose

Dissertation, Heinrich Goldberg, 1905

Goldbergs medizinische Dissertation “Ueber hysterische Amaurose” (1905)   

Heinrich Goldberg promovierte 1905 im Alter von 25 Jahren an der Albert Ludwig Universität in Freiburg im Breisgau bei Prof. Dr. Alfred Erich Hoche über das Thema der hysterischen Blindheit. Die Dissertation umfaßt 31 Seiten und wurde in Berlin bei E. Ebering GmbH, Mittelstrasse 29, 1905 gedruckt. Außer dem Exemplar an der Universität Freiburg liegt ein weiteres in der Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz an der Potsdamer Straße in Berlin vor. Sie ist den Eltern gewidmet. Im beigefügten kurzen Lebenslauf, mit schöner und sorgfältiger Feder handgeschrieben, bittet der junge Doktorand am 7. Juli 1905 die Hohe Medizinische Fakultät der Universität Freiburg “gehorsamst und ergebenst … dem heutigen Promotionstermin beiwohnen zu dürfen”.

Bis heute (2022) haben wir nicht gewusst, was Heinrich Goldberg 1904 nach vier Jahren Studium der Medizin in Berlin dazu bewog, für das letzte Jahr nach Freiburg in Süddeutschland umzuziehen. Wir spielten verschiedene Optionen durch: War es der Wunsch, aus der Kontrolle des Elternhauses auszubrechen oder in eine ganz andere Atmosphäre einzutauchen? Waren es Freunde, die ihn nach Freiburg – einer Stadt, die aus der Schweiz und Frankreich kosmopolitische Einflüsse aufnahm – mit dem dort verfügbaren Angebot an philosophischer, sozialtheoretischer Diskussion oder an Esperantounterricht und anderen modernen Theorien köderten? War es vielleicht der Ruf des bereits sehr bekannten Prof. Hoche, der sich einen Namen als Gerichtspsychiater gemacht hatte? Die Liste der wichtigsten, wenn auch späteren Werke von Prof. Hoche, zeigt deutlich, in welche Richtung er seine Forschung entwickelte. Man kann sich auch gut vorstellen, daß diese Themenbereiche für den sich für die philosophischen und sozial-psychologischen Fragen zunehmend interessierenden jungen Studenten Goldberg eine grosse Anziehungskraft ausüben mußten: “Moderne Analyse psychischer Erscheinungen” (1907), “Geisteskrankheit und Kultur” (1910), “Der Einzelne und seine Zeit” (1915), “Psychologie der Neutralität” (1917), “Die deutsche Heimatseele im Kriege” (1918), alles Themen, die für Goldberg Ausgangspunkt seines sozialphilosophischen Interesses bilden würden, wenngleich er sie später philosophisch stilisieren und als Handlungsgrundlage seines sozialen Aktivismus verwenden würde. Dabei, wie wir in der Rezension der “Mitteilungsblätter” beschreiben wollen, benutzte er die materialistische und naturwissenschaftliche Bildung als Verzierung seiner im Grunde idealistischen Theorien. Man muss allerdings anmerken, dass sich Prof. Hoche später als geistiger Mitbegründer des Euthanasie-Gedankens einen Namen machen sollte. 1920 veröffentlichte er zusammen mit dem Freiburger Strafrechtler Karl Binding eine Abhandlung, „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens: Ihr Maß und ihre Form“, welche für die Praxis der Euthanasie mit finanziellen und moralischen Argumenten plädiert.

Aber heute können wir dank neu aufgetauchter Dokumente unsere Vermutungen fallen lassen und den eigentlichen Grund wohl endgültig klären. Verschiedene Zeitungsnachrichten aus dem Jahre 1906, die sich mit dem Prozess wegen illegaler Abtreibung befassen, in welchem Dr. Goldberg zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, erzählen, wie Heinrich eine Liaison mit einer Frau in Berlin angefangen hatte. Diese Frau war etwas älter als unser junger Student und hatte bereits Kinder. Heinrichs Vater, mit der Absicht, ihn von diesem seiner Meinung nach ungünstigen Verhältnis freizumachen, zwang ihn, sich in Berlin zu exmatrikulieren und in Freiburg das letzte Studienjahr zu belegen. Wie die Zeitung nicht ohne Häme berichtet, ist das Liebespaar jedoch zusammen nach Freiburg gezogen, wo es eine gemeinsame Wohnung bezog.

Am ausführlichsten wird in der Berliner Börsen-Zeitung vom 20.11.2006 darüber berichtet. Wir verdanken die Vermittlung dieser wertvollen Information Herrn Bernhard Heinzelmann, der über diese Zeit und ihre Menschen, insbesondere Artur Streiter, umfangreiche Recherchen betreibt.

Obwohl Heinrich Goldberg, vermutlich dem Wunsch der Eltern folgend, sich im soliden Fachbereich der Frauenmedizin spezialisierte, schrieb er bezeichnenderweise seine Dissertation über die Frage der hysterischen Blindheit, ein mit der Neuropsychiatrie zusammenhängendes Thema. Er bekam tatkräftige Unterstützung von seinem Doktorvater, der ihm den Fall eines eigenen Patienten zur Auswertung überließ. Heinrich Goldberg steuerte einen zweiten Fall bei, den er im Krankenhaus Friedrichshain zu Berlin, wo er seinen ersten praktischen Einsatz als Arzt erlebte, selbst betreut hatte. Über den wissenschaftlichen Wert seiner Promotionsarbeit vermag man kein Urteil zu fällen, zumal sich seit jener Zeit dieses medizinische Feld stark weiterentwickelt hat. Die Arbeit ist klar und übersichtlich aufgebaut, sie ist auch flüssig geschrieben, und in der Art, wie die Krankengeschichten geschildert werden, zeigt sich, daß der junge Doktorand sein Handwerk bereits souverän beherrschte. Er vergleicht die zwei konkreten Fälle mit verschiedenen Statistiken und zieht seine Schlußfolgerungen; dabei zitiert er, außer den gängigen Lehr- und Handbüchern sowie Sammelwerken, insgesamt dreizehn Titel von Autoren, die in Deutsch oder auf Französisch verfasst waren, darunter die Studien über Hysterie, die Sigmund Freud 1893 und 1895 mit Breuer veröffentlicht hatte, sowie das grundlegende Werk des französischen Pioniers der Neurologie, Prof. Charcot.

Es ist anzunehmen, daß Goldberg in der Schule und während des Studiums Französisch, Latein und Griechisch gelernt hat. Ebenso ist vorstellbar, daß er in jenem Jahr in Freiburg mit der internationalen Sprache Esperanto in Berührung gekommen ist. Englisch und Italienisch hat er vermutlich später gelernt. Spanisch hat er dann in der Dominikanischen Republik mit Leichtigkeit hinzugefügt. Es ist uns nicht bekannt, ob er slawische Sprachen, die für Esperanto bzw. Ido nicht ohne Bedeutung sind, gesprochen hat.

Wir haben diese Arbeit, wenngleich rein akademischer Natur, deswegen kommentiert, weil sie uns auch einige Schlüssel zum Verständnis seiner persönlichen Entwicklung liefert. Zugleich haben wir in dem beigefügten Lebenslauf des jungen Studenten entscheidende Angaben über sein Studium und seine Familie gefunden, die uns weitere Informationsquellen eröffneten und somit die detailliertere Chronik seines Lebens ermöglichten.

ST 2005 (Aktualisiert 06.2022)