La Raupo – Einführung

Ein Fabel von Filareto Kavernido
Herausgegeben 1926 von der Ido-Centrale Berlin

La Raupo, Deckblatt

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1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen und erlaubt Schlussfolgerungen über seine Verfassung und geistige Interessenlage in den Monaten unmittelbar vor der Auswanderung nach Frankreich. Die Veröffentlichung wurde auch im Jurnalo por la propago ed exercado dil Internaciona Linguo am 15.April 1926 angekündigt und kurz beschrieben. Darin wird auch der „elegante stil“ des Verfassers hervorgehoben.

„La Raupo“ handelt von der Lektion, die eine junge Raupe dank der Erfahrung einer älteren, weisen Raupe lernt: dass sie nämlich die Blumen und deren Schönheit zerstört, wenn sie, getrieben von ihrer Anziehungskraft, ungeduldig versucht, sie zu berühren oder gar zu verzehren. Sie muss lernen, die Schönheit zu achten und Geduld zu haben, bis sie sich in einen Schmetterling verwandelt und erst dann befähigt sein wird, mit der Schönheit in Eintracht zu leben. Die Traurigkeit, die sie befällt, weil sie die Schönheit als Raupe nicht erfahren kann, ist ein Teil des mühsamen Verwandlungs- bzw. Erziehungsprozesses, den man durchlaufen muss, ehe man sich charakterlich entfaltet und sich in die Reihen der freien und neuen Menschen stellen kann. Die junge Raupe ist in ihrer Verzweiflung sogar bereit, sich selbst und alles aufzugeben. Durch das Eingreifen einer grosszügigen, hilfsbereiten Waldfee bekommt sie jedoch die zusätzliche Unterstützung, die sie braucht, um den Lernprozess zu begreifen und zu bestehen. Am Ende verwandelt sie sich in einen Schmetterling und kann die Schönheit der freien Welt geniessen.

Wir haben also in der Gestalt der jungen Raupe den unvollständigen, ungebildeten Menschen vor uns, der den Drang nach der Vollkommenheit verspürt, diesem Drang aber ungeduldig und überstürzt nachgibt und sich dadurch den Weg verbaut, indem er das Ziel seiner Sehnsucht gierig und tolpatschig zerstört. Erst die Erfahrung der älteren Menschen, ihr akkumuliertes Wissen und ihre Kenntnis der Geschichte und Entwicklung der Gesellschaft kann dem nach Freiheit und Vollkommenheit Drängenden eine erste Orientierung geben. Das reicht aber nicht, und deswegen ist die Hilfe einer dritten Gestalt, eines Deus ex machina- hier die Waldfee – nötig, um die letzte überzeugungsarbeit zu leisten und buchstäblich die Fesseln zu zerschneiden, die die junge Raupe bzw. den unfreien Menschen gefangenhalten. Es ist die Metamorphose zum neuen, freien Menschen, die hier beschrieben wird.

Wie man erkennt, sieht die Moral dieser Geschichte die Rolle der kollektiven Organisation und der gemeinsamen Aufarbeitung des Prozesses der Freiheitswerdung überhaupt nicht vor, eine Befreiung, wie sie Filareto Kavernido in seiner Kommune voranzutreiben und vorzuleben versuchte. Es geht um eine individuelle Lösung und um die Notwendigkeit der Aufklärung seitens Dritter. Die Fabel endet mit der etwas ungeduldigen Frage: „Wann werden wir Menschen dies verstehen und dem Beispiel folgen?“ Und es klingt wie der verzweifelte Ausruf von jemandem, der den Weg weiss, aber kein Gehör findet.

Filareto hat die Fabel Mitte der zwanziger Jahre verfasst, wahrscheinlich eher, um seine Zugehörigkeit zur Ido-Bewegung zu signalisieren denn als Mittel zur Verbreitung seiner sozialen Ideale; dazu wäre diese Schrift kaum geeignet gewesen, da die Auflage denkbar gering war und nur wenige Menschen diese Kunstsprache lesen konnten. Seine unmittelbar ideologischen Dispute und Beiträge schrieb er grundsätzlich in „La Kaverno di Zaratustra“ oder in anderen Publikationen der anarcho-kommunistischen Bewegung auf deutsch. Ausserdem deutet schon die Wahl der Fabel-Form auf den vornehmlich literarischen Charakter seiner Bemühung, freilich ohne dass er deswegen seinen stets im Vordergrund stehenden erzieherischen Anspruch aus dem Auge verliert (wie die bereits erwähnte mahnende und etwas pathetische Frage zeigt, mit welcher die Fabel endet: „Wann werden wir Menschen lernen, diesem höchsten Beispiel zu folgen?“). Aber eine Fabel, ein kurzer Text, eine der ältesten Formen der Literatur und obendrein didaktisch zumeist an Kinder adressiert, passt mehr zu der individualistischen Seite seines Charakters als zu der „kollektivistischen“, um diesen Gegensatz seiner Persönlichkeit in solchen Begriffen auszudrücken. Jedenfalls fällt auf, dass „La Raupo“ eher von der individuellen Erziehbarkeit des Menschen zum neuen Menschen als von der kollektiven Befreiung aus der Sklaverei des Systems handelt, wie er sie in seinen ideologischen Streitschriften propagiert und in der Praxis in seiner Kommune verfolgt hat. Hier, in einer intimeren Form, in der hoffnungsvollen Zukunftssprache des Reform-Esperantos, Ido, die zum damaligen Zeitpunkt gemeinsames Gut eines kleinen Kreises von wohlmeinenden und voluntaristischen, zumeist gebildeten Menschen war, legt er die Akzente auf ethische Werte, ohne die es für ihn keine Revolution und keine Verbesserung der Lage der Gesellschaft und der Menschen geben kann. Hier tritt seine intellektuelle Bildung in Erscheinung, seine Bewunderung für die theoretische und philosophische Arbeit, die Elemente seiner eigenen Erziehung (Disziplin, Verzicht) im Umfeld seiner Kindheit und seine Liebe zu den Theorien von Plato, Nietzsche und den zu jener Zeit sich erneuernden Erziehungsversuchen, wie etwa von Rudolf Steiner.

Wie wir nun wissen, hatte Filareto Kavernido zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Schrift Deutschland bereits verlassen. Er floh nach Frankreich Ende 1925, um der Bedrohung der Justiz zu entgehen. Von Paris aus kam er Mitte des Jahres 1926 mit den anderen Teilen der Kommune in Südfrankreich zusammen. Wir gehen von der Annahme aus, dass ihn nicht nur die finanziellen Schwierigkeiten der Gruppe der Kaverno sowie die sicherlich häufigen und enttäuschenden Abmeldungen unter den Mitgliedern zu der Auswanderung bewogen. Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen nach einer begeisterten Anfangsperiode der Zugehörigkeit zur Kommune relativ schnell im mühseligen Alltag Ernüchterung und Enttäuschung erfuhren. Sobald diese Kommunemitglieder eine Alternative fanden, sei es in einer anderen, besser funktionierenden Gruppe oder weil sie einen Arbeitsplatz fanden, der ihnen den Weg zurück zu einer „normalen“ Existenz ermöglichte, dürften nicht wenige von ihnen diese Gelegenheit wahrgenommen haben. Filareto muss damals den gesellschaftlichen Umschwung stark gespürt haben. Er stand unter dem Druck, den Kommunemitgliedern, die ihm eine treue Gefolgschaft leisteten, weiterhin eine Zukunft anbieten zu können. Die politische Landschaft hatte sich nach der Krise 1923 rapide radikalisiert, die auf der Strasse auftretenden Agitatoren und Bewegungen waren stärker politisiert als früher und wurden mehr und mehr zu Predigern der Gewalt oder gar selbst gewalttätig. Die Theorien, die er ebenso wie andere Sozialreformer und „Erlöser“ seit Jahren propagierte, befanden sich auf dem Rückzug, sie waren für die Bevölkerung offenbar immer weniger attraktiv. Der Raum für das utopische und friedliche Experiment wurde immer enger. Es herrschte das Primat der Ökonomie als Gegensatz zum Bereich der freien Vereinigung der Menschen im Kollektiv, um die eigene Vervollkommnung nach bestimmten Idealen zu schaffen. Statt der bewussten Individuen bildeten sich Massenbewegungen heraus, welche im Kollektiv nach einer Verbesserung ihres Daseins suchten. Deswegen ist zu vermuten, dass hier bei Filareto ein gewisser Rückzug in die kreative, private und kulturelle Sphäre stattfand. Es muss eine herbe Enttäuschung für ihn gewesen sein, als er merkte, dass die Wege seiner Zeitgenossen anders verliefen und zu für ihn sehr wenig versprechenden Zielen führten. Und er war dabei, Abschied von seinem Traum zu nehmen, in seiner ihm vertrauten Umgebung in Berlin, wo er in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg Triumphe mit seinen Vorträgen und seiner stolzen Kommune gefeiert hatte, in dieser Stadt und in dieser Gesellschaft die Grundlagen der Zukunftsform des Zusammenlebens aufzubauen. Deswegen war der Weg „gen Süden“, die gemeinsame Reise von Teilen der Kommune nach Tourrette oder Les Villiers in der Nähe von Nizza – eine in den nordeuropäischen Ländern immer wiederkehrende Wunschvorstellung – ein bereits verzweifelter Versuch, seine persönliche Utopie am Leben zu erhalten. Von da an werden sich die Umstände seines Lebens und seiner communards beschleunigen und die Kontrolle ihrer Lage ihnen immer mehr entgleiten.

Ein anderer Aspekt, der in den Utopien des Fortschritts nicht immer eine Rolle spielt und der Filareto Kavernido eine interessante Aktualität verleiht, ist der „ökologische Standpunkt“, der sich hier herauslesen lässt. Die Welt der persönlichen Vervollkommnung, die ihm in der Geschichte der Raupe vorschwebt, zeichnet sich durch unbedingte Liebe zur Natur und Respekt vor ihr aus. Das vollentwickelte Individuum liebt und übt seine Liebe zur Natur in Selbstbeherrschung. Es zerstört die Umwelt nicht und befindet sich in einem aktiven, ausgeglichenen Verhältnis zu ihr. Es handelt sich um zwei Seiten derselben Sache. Kein Glück, keine Schönheit, keine Vollkommenheit ohne dieses Gleichgewicht. Diese Ideen der Naturverbundenheit wurden Anfang des Jahrhunderts besonders in Deutschland von den Reformpädagogen hochgehalten und äusserten sich in Erziehungsmassnahmen und Aktivitäten wie die Organisation von Ausflügen, Sammeln von Blumen und Pflanzen, Aufenthalte auf dem Bauernhof sowie Freikörperkultur (FKK) und Sonnenanbetung. Diese Praktiken wurden von Teilen der organisierten Arbeiterbewegung übernommen und erfreuten sich bekanntlich bis in die 30er Jahre hinein grosser Popularität. Filareto gehörte also zu den Vorkämpfern in der Propagierung dieser Auffassungen und lebte in seiner Kommune in den Vororten von Berlin bereits vor dem 2. Weltkrieg nach diesen Idealen.

2005 – Aktualisiert 02.21