La Raupo – Deutsche Übersetzung

Ein Fabel von Filareto Kavernido
Herausgegeben 1926 von der Ido-Centrale Berlin

La Raupo, Deckblatt


La Raupo Deckblatt Innenseite


La Raupo Seite 3


La Raupo Seite 4


La Raupo Seite 5


La Raupo Seite 6


La Raupo Seite 7


La Raupo Seite 8


La Raupo Seite 9


La Raupo Seite 10


raupo_deckblattLINGUO
INTERNACIONA
IDO

F i l a r e t o  K a v e r n i d o

D I E   R A U P E
Originalfabel

1926

Verlag
Ido-Centrale (Herm. Jacob)
Soorsr. 75, Berlin-
Charlottenburg 9

Preis:  -.20 Mk

Übersetzung

Es war einmal eine Raupe. Sie fraß, indem sie auf die höchsten Blätter der großen Bäume kletterte, welche inmitten einer Wiese voller Blumen und Pflanzen standen. Sie erhob ihren Vorderkörper, auf ihren drei hinteren Füßchen sitzend, und drehte den Kopf mit den wachen, neugierigen Augen von einer auf die andere Seite, während sie die frische Luft einatmete und die schöne Farbsymphonie der üppigen Blumen in der näheren und weiteren Umgebung anschaute.

Und dann bewegte sich die Raupe fort, ihre Schleimfäden entwickelnd, um sich auf die blumenreiche Wiese, auf welcher die Bäume wuchsen, hinabzubegeben. Aber sie war nicht sehr weit herabgekommen, als eine ältere und sehr weise Raupe sie sah, wie sie langsam von einem der höheren Äste herunterkroch, indem sie den geschmeidigen Körper zusammenzog und ausdehnte.

“Warum bleibst du nicht oben?” fragte sie die Neuankommende. “Siehst du nicht, daß du oben die frischeste Luft, die stärkste Sonneneinwirkung, die zartesten Blätter und den schönsten Rundblick hast? Wozu steigst du eigentlich herunter?”

“Es stimmt genau – alles, was du sagst, ist richtig.” antwortete die junge Raupe. “Ich fresse die zartesten Blätter, und das bereitet mir eine große Freude; und mir ist die frische Luft, die ich da atmen kann, nicht weniger angenehm. Aber hier unten genieße ich die prächtigen Farben der Blumen, die auch einen wunderbaren Duft ausstrahlen und ich denke, daß der Genuß umso größer sein muß, je näher und unmittelbarer ich ihn aufnehmen kann. Ich möchte mich gerne zu den Blumen begeben, sie küssen und ihre ganze Schönheit aus ihren Kelchen aufnehmen.”

“Mein Freundchen,” antwortete darauf die alte Raupe, “du bist wohl berauscht. Eine solche Schönheit ist nicht dazu da, von plumpen und gefräßigen Raupen angerührt zu werden. Wir Alten wissen, wann man sich fügen muß, und deswegen weisen wir euch Jüngeren die obere Lage zu; ihr sollt noch nicht in die unteren, schattigen Plätze heruntergehen, damit ihr das entzückende, uns oben umgebende Bild, das ihr noch nicht richtig kennt, genießen könnt. Um uns den Blumenkelchen nähern zu können, müssen wir  unseren Körper und unseren Geist verändern. Wir müssen leicht werden und fliegen lernen, um in der Luft schweben zu können, denn als Raupen zerstören wir die Schönheit dieser Blumen, und so viele andere Freunde dieser Blumen schützen sie deswegen vor uns, und auf diese Weise wird eine Raupe sicherlich abgefangen, bevor sie die aufgesuchte Blume erreichen kann.

“Was sagt das schon?” entgegnete nun die junge Raupe, “irgendwann muß ich auch sterben. Aber das Leben hat für mich keinen Wert, wenn ich diese Schönheit nicht erreichen kann”.

“Aber du erreichst die Schönheit auch nicht,  indem du dich auf eine dieser Blumen setzt, die du dort siehst.” setzte die Alte unbeirrt ihre Warnung fort. “Schau doch mal die Wiese an! Wenn da nur ein großer roter Fleck ist, der dich dermaßen stark durch seine Schönheit beeindruckt, was wird denn werden, wenn du auf dem grünen Hintergrund die vielen Farben siehst, welche die vielfältigsten und das Auge erfreuenden Formen schaffen? Aber ein solcher einfarbiger Fleck auf einer Blumenwiese wäre für dich, hättest du nicht bereits die andere vielfarbige Pracht gesehen, alles, was du dir wünschen würdest. Und diese frische Luft ist nur so angenehm, insofern man alle anderen Düfte eingeatmet hat und wenn man sich von den Blumen doch so weit enfernt hat, daß ihre starken Düfte einen nicht betören. Also bleibe hier, steige wieder hinauf auf deine Höhe und genieße die Schönheit aus der Ferne, ohne sie zu berühren oder verschwinden zu lassen.”

Diese vernünftige Erklärung konnte indes den Durst der jungen Raupe nach der Schönheit der Blumen nicht stillen, dennoch mußte sie die Argumente der weisen Raupe anerkennen. Sie hatte schon mehrmals erlebt, daß sie ein Blatt mit einem merkwürdigen Aussehen gesehen hatte und dann, wenn sie sich von dem hohen Ast fallen ließ, von welchem aus sie das schöne  Blatt bemerkt hatte, nichts sah als ein grünes Blatt  und – nachdem sie eine Weile daran gefressen hatte – das besagte schöne Blatt eben verschwunden und zerstört war. Von daher wußte sie genau, daß die weise Raupe recht hatte. Aber ihr Durst nach dieser Schönheit, die sie ständig sehen konnte und die sie nicht berühren konnte, ohne sie zu zerstören und verschwinden zu lassen, blieb so stark, daß sie so nicht weiterleben wollte. Sie kroch in eine ruhige Ecke, in welcher Äste aus der rauhen Rinde hervorkamen. Hier legte sie sich in eine Spalte und begann so lange Schleimfäden zu produzieren, wie sie nur konnte; so  war sie denn schließlich eingeschlossen in einem dichten Fadennetz wie in einer Zelle oder einem Sarg, von ihr mit eigener Kraft gebaut. Danach war sie derart müde und beinahe ohnmächtig vor Erschöpfung, daß sie sofort einschlief und hoffte, nie wieder zu erwachen.

Aber in jenem Baum lebte auch die gute Fee Vivamerino, welche die Schönheit der Natur über alles schätzte. Sie hatte das Gespräch zwischen der alten und der jungen Raupe mitangehört und beabsichtigte, der jungen zu helfen. Aber wie? Auch sie mußte anerkennen, daß das, was die alte sagte, richtig war und daß die Schönheit der Blumen, auf welche sich die Raupe warf, zerstört wurde, ohne daß sie sie wirklich genießen konnte. Außerdem war sie der Meinung, daß die Schönheit der Natur viel zu erhaben war, um von müßigen Kreaturen einfach genossen zu werden, als fiele ihnen nichts Besseres ein, die Zeit damit zu verbringen,  hier und dort auf der Erde herumzuspazieren, sich hier und da an den Wundern zu erfreuen, die die nie ruhende schöpferische Energie geschaffen hat – Wunder, welche sowohl das Herz wie die Sinne mit Freude erfüllen. Und sie selbst wurde durch die Schönheit immer wieder so berührt, daß sie versuchte, auch in anderen die Gefühle zu erwecken, die die immer neuen Ansichten in ihr hervorbrachten. Sie begab sich nun hinter den Platz, wo die junge Raupe ganz eingeschlossen war und flüsterte unter die Rinde hinein die folgenden Worte:

“Liebst du die Schönheit? Aber deren Genuß wird dir nicht einfach umsonst gegeben, sondern muß erst verdient werden. Bist du bereit, sich ihn dir zu verdienen?”

Die Raupe glaubte, daß sie träumte und versuchte, den Kopf zu erheben; sie lag unter einem so dichten Fadennetz, daß sie es nicht konnte. Da hörte sie erneut das Geflüster:

“Warum bist du untröstlich, nur weil du die Schönheit weder mit dem Mund noch mit den Füßen berühren kannst? Ist es eigentlich nicht genug, all dies mit den Augen zu genießen?”

“Kann das etwa  genügen?”, rief nun die Raupe mit Begeisterung so laut, wie es die unbequeme Lage ihr erlaubte. “Aber natürlich nicht! Solange ich lebe, habe ich mich an dieser Schönheit sattzutrinken versucht, dennoch bin ich noch nicht zufrieden. Wie soll das einfache Betrachten befriedigend sein? Aber schlägt dein Herz etwa nicht heftig, wenn die lebendige, atemberaubende Schönheit der Natur deine Augen anregt? Regen sich deine anderen Sinne etwa nicht mit derselben Begeisterung und fühlst du denn nicht den unüberwindbaren Wunsch, die ganze Welt zu umarmen und alle Blumen und die glänzenden Morgentautropfen zu küssen, bis man den letzten Atem ausgehaucht hat? Ich möchte von einer zur anderen gehen, sie drücken, mit ihnen tanzen und laut schreien und jubeln vor lauter Schönheit! Ach, nein! Aber so ist es nicht ganz richtig. Nicht so laut. Denn der übermäßige Lärm zerstört den Eindruck des Heiligen. Nein, ruhig, mit aller Ruhe und Gefühl möchte ich von einer Blume zur anderen gleiten und spielen, zwischen den bunten Blumen, wie der Wind sie trägt und in seinen weichen Armen wiegt! Dann kann ich ihre Schönheit erleben, daß andere sie auch sehen, daß ihre Schönheit lebendig bleibt und sogar dazu einlädt, sie nachzuahmen und gar die von der Natur geschaffene Schönheit zu überbieten!”

Aber plötzlich verstummte die schluchzende Stimme, und nur einige wenige Seufzer verrieten die Ergriffenheit der jungen Raupe in ihrem Kerker, welche in ihrem Verlangen nach der Schönheit in Fantasien schmachtete. Nach einer kurzen Zeit der Stille ergriff sie wieder das Wort:

“Du, liebe Stimme, wenn du mich hören kannst, so lache bitte nicht über meine Dummheit. Ich bin nämlich häßlich und was ich berühre, das zerstöre ich. Es ist blöd von mir, auf den Blättern herumzukriechen, denn die Schönheit flieht vor mir. Aber ich kann ohne diese Schönheit nicht leben, und deswegen habe ich mich in diesen Kerker eingeschlossen, den ich selbst gebaut habe, indem ich so viele Fäden erzeugte, wie meine Kräfte es erlaubten. Hier will ich sterben. Aber derart eingekerkert sehe ich die schöne Wiese und sehe auch, wie die Blumen, vom Winde bewegt, hin und her wippen, während ich deine Stimme höre. Und der Ton dieser Stimme ist so sanft, daß ich fast gedacht habe, daß ich mich mitten in einem Traum befinde. Und ob dieser Tatsache bin ich in Selbstvergessenheit geraten. Aber nun bin ich wach und möchte wieder einschlafen, um nicht mehr zu träumen und nicht mehr zu erwachen..”

“Aber vorher höre bitte, was ich dir zu sagen habe!”, antwortete die Waldfee mit leiser, süßer Stimme. “Wenn man wirklich irgendetwas will und die Kraft besitzt, alle seine Gedanken und seinen Willen darauf zu konzentrieren, müßte man es nach einiger Zeit erreichen. Es genügt aber nicht zu träumen, man muß auch wollen. Glaube mir, ich sage die Wahrheit.”

“Ich möchte schon daran glauben”, sagte die Raupe, “denn es kommt mir nicht in den Sinn, daß du mit einer solchen süßen Stimme lügen könntest.”
Sie konzentrierte alle ihre Gedanken und ihren Willen auf das Bild, das sie so oft betrachtet hatte und sah sich selbst gleitend und spielend wie eine Blume unter Blumen auf der Wiese. Und nach drei Tagen öffnete die Fee den Kerker, indem sie die Fäden zerschnitt, und so entliess sie die Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt hatte, auf die Wiese. Von da an fraßen die Raupen die Blätter der Bäume nur, um größere Kräfte zu sammeln und damit ihr Fadengehäuse zu bilden und sich darauf zu konzentrieren und bereit zu machen, die Schönheit richtig zu genießen und ein neues Leben als Schmetterling zu beginnen.

Wann werden wir Menschen lernen, diesem höchsten Beispiel zu folgen?

Übersetzung aus dem Ido: Maja und Santiago Tovar, Madrid
Korrektur: Alfred Neussner, Waldkappel
2004

Das Rote Luch und die Kaverno di Zaratustra

Eine Analyse

Die von Filareto gegründete Kaverno di Zaratustra verfügte über ein Stück Land mit einer Art primitiven Hütte und später Holzhäuschen in einem ländlichen Gebiet – genannt Rotes Luch –  etwa 45 km östlich von Berlin. Der Beginn seiner “ländlichen” Kommune ist wahrscheinlich auf den Frühling 1921 zu datieren; zuvor hatte die Gruppe einen Versuch in Spreenhagen gemacht. Sie wurde nach einigen Wochen verbannt.  Danach siedelten sie sich im Roten Luch und hielten diese Kommune am Leben  bis zum Fortgang der Gruppe nach Frankreich im Frühling 1926 aufrecht. Nach unseren Kenntnissen handelte es sich um eine kleinere gepachtete Parzelle, in welcher er, gemäss seinen in der Broschürenreihe der Mitteilungsblätter vorgelegten Vorschlägen zur Organisation, die Gründungszelle für die allmähliche Entwicklung einer kommunistischen Wirtschaft auf Grundlage der von ihm propagierten “Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften” vorsah.

Die in den Broschüren der Jahre 1919-20 [1]Es handelt sich um drei Broschüren mit den Titeln: “Kulturphilosophische Betrachtungen”, “Kultur und Zivilisation” und “Kulturkampf statt Klassenkampf”, veröffentlicht als Werk der … Fußnote vollständig anzeigen enthaltenen “Grundgedanken der Organisation” beschreiben “La Kaverno” als “jene Höhle Zarathustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestossenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen”, und sie fassen in 8 Punkten sehr konkret die Ziele der Kommune, vornehmlich die wirtschaftlichen Aufgaben zusammen: danach sollen die Gesinnungsgenossen in jeder Stadt “sich zu einer kommunistischen Gruppe” zusammenschließen,  gemeinsam Wohnungen mieten und dort zusammenwohnen, sie werden Lebensmitteleinkauf und “die Befriedigung sonstiger Bedürfnisse” gemeinsam leisten –1-, wobei sie in der Regel ihren normalen Arbeiten nachgehen –2- und das gemeinsam, “durch die kommunistische Lebensweise” ersparte Geld für die Einrichtung von Werkstätten und die Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirschaften verwendet wird –3-. Als Ergebnis davon kann man “allmählich mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß heraus(zu)ziehen und ganz auf den anarchokommunistischen Boden … stellen” –4-. Dabei sollen alle Möglichkeiten zur Gründung von Nebenbetrieben und “Gelegenheits-Hilfs-Industrien”, wie etwa “Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung” ausgeschöpft werden –5- und die Gruppen mit solchen gemeinsamen wirtschaftlichen Aufgaben kleingehalten werden, um die “Kasernierung” unmöglich zu machen –6-. Sämtliche derartige Gruppen, “die sich irgendwo gebildet haben”, stellen miteinander eine “anationale Organisation” zusammen, welche eine “auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt” –7-. Ferner wird erklärt, dass es für diese Organisation keine Autorität gibt außer der “Vernunft des Einzelnen”, das einzige Zwangsmittel “die Liebe des Schaffenden” sein kann –8-.

Das Rote Luch liegt an der Bahnlinie von Berlin nach Küstrin. “Es ist ein großes trockengelegtes Niedermoor. Der Stobber durchschneidet das Gebiet schnurgerade als Graben. Im Innern des Luches fließt der Stobber zunehmend langsamer. Ein Stück weiter strömt er wieder schneller, jedoch in entgegengesetzte Richtung. Er kehrt also seine Fließrichtung um! Ursache dieser Besonderheit ist nicht etwa jeder Physik überdrüssig gewordenes und daher aufwärts fließendes Wasser. Tatsächlich teilt eine kaum wahrnehmbare Erhöhung in der völlig flach scheinenden Luchlandschaft das Wasser. Ein Teil fließt durch die Märkische Schweiz und anschließen in die Oder und Ostsee. Der andere Teil nimmt seinen Weg über Spree und Elbe in die Nordsee. Durch das Luch verläuft also die Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee”.[2]www.maerkische -naturfotos. Online-Bildband der Natur und Landschaft Brandenburgs

Ein paar Kilometer nördlich davon befindet sich die Naturlandschaft Märkische Schweiz mit ihren malerischen Bächen, Felsen und Wäldern. Dort, bei Buckow,  bekommen Jahrzehnte später Bert Brecht und Helene Weigel ihre Sommerresidenz, heute Haus-Museum, von den Kulturbehörden der DDR zugewiesen.

Wir kennen das Rote Luch und die Anwesenheit der Kaverno di Zaratustra durch diverse Beschreibungen jener Zeit, wie z. B. Berliner Allerlei aus dem Jahre 1921 [3]Rumpelstilzchen – Berliner Allerlei, Verlag der Täglichen Rundschau, Berlin, 1922, eine Sammlung von Zeitungsartikeln des bekannten konservativen Satirikers mit dem Pseudonym Rumpelstilzchen; oder durch das Buch von Harry Wilde [4]Harry Wilde: Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit, Eduard Kaiser Verlag, München 1965, welcher seinen Besuch bei der Kommune in Berlin 1925 beschreibt.

Außerdem ist das Bestehen von diversen Versuchen, solche Kolonien zu etablieren, die miteinander Verbindungen unterhalten, durchaus bekannt. Das Buch Ökopax und Anarchie [5]Ökopax und Anarchie, Ulrich Linse, dtv München 1986 von Ulrich Linse erwähnt ein Treffen von Vertretern der anarchistischen “Siedlungsaktion”, die in der Kolonie Barkenhoff 1921 zusammenkommen. An dieser “Tagung” nahmen etwa 3 Dutzend Menschen teil, um hier einen “Markstein deutscher Freiheitsbewegung” zu setzen und über “die Sicherstellung der Ernährung aller produktiv Schaffenden” zu beraten. Das Ziel der Konferenz war, wie der Teilnehmer Robien betont, “die Eroberung des Brotes! Es schien uns an der Zeit, das Wort einzulösen. Unsere Pläne hatten denn auch nichts Utopisches, Phantastisches, Vermessenes. Nicht die politische Macht – nur erst das Brot, Licht und Luft.” Über die Gründe dieser Bewegung und bezogen auf die Vertreter des Ruhrgebietes sagt Paul Robien, teilnehmender Ornithologe aus Stettin: “Aus der russigen Industriehölle kommen sie. Hinaus möchten sie aus dieser teuflischen Umklammerung, hinaus ins Freie, eigenes Brot, reines Brot essen, arbeiten in Sonne und Luft. Fünf Kinder hat der eine, die das Sonnenlicht entbehren, die mit ihm in der Atmosphäre der Industrie keuchen. Wer die Bitternis und Entschlossenheit in den Augen dieser Genossen gesehen, wird begreifen, dass bei den Massen nicht alles verloren.” Die Versammelten vertreten mehr oder minder entwickelte Projekte im Rahmen der Siedlungs-Aktion. Sie sind aus dem Norden, aus Kolonien wie Sonnenhof, Worpswede oder Hamburg, aber auch aus Stuttgart oder aus dem Industriezentrum Rheinland gekommen, und dazu gehörte auch unser aus Berlin zugereister Dr. Goldberg; Paul Robien rechnete ihn, “den asketenhaften Prophet in Christusgewändern”, zu den seltsamsten Gestalten der Tagung und beschreibt seinen Auftritt wie folgt: “Dazwischen brummt und krittelt der Berliner Heilige und wird schliesslich, als wir aus seinem Gerede nicht klug werden, auch nicht begreifen, was er eigentlich will, fahnenflüchtig mitsamt seiner weiblichen Hälfte.” Was kann man dazu sagen? Man gewinnt den Eindruck, dass Filareto bereits 1921 sich weit von seinen Gesinnungsgenossen, die er nur einige Monate früher von der Kraft seiner Argumente und des Beispiels seiner Kommune überzeugen wollte, entfernt und zunehmend isoliert hatte. Jedenfalls konnte er bei dieser Tagung den Standpunkt der Kaverno und des Versuchs im Roten Luch nicht sehr deutlich vertreten. Und, wer war die weibliche Hälfte? Hannchen? Mally? Eine andere Kommunardin?

Im Memoirenbuch von Max Fürst [6]Max Fürst: Talisman Scheherezade – Die schwierigen zwanziger Jahre, Hanser Verlag, München 1976, das in den siebziger Jahren erschienen ist und in welchem Goldbergs Leben und seine Beziehungen zu Hannchen mit einigen Details erzählt werden, wird er, Dr. Goldberg, mit wenig Zuneigung behandelt. Vielmehr wird er als despotischer Pygmalion vorgestellt, und Fürst fügt etliche kritische Kommentare über das Leben in der Kommune und über die Beziehungen innerhalb derselben hinzu. Da aber Max Fürst das kaum aus erster Hand erlebt und das meiste durch die spätere, nach 1926 erfolgte Freundschaft mit Hannchen erfahren hat, hilft uns sein Text wenig, um die Jahre im Roten Luch, das er wahrscheinlich nie kennen gelernt hat und das er mit keinem Wort erwähnt, zu begreifen.

Eine sehr interessante Beschreibung des Gebietes und der dort entwickelten Aktivitäten findet sich in dem von dem jungen Anarchisten Bruno Zimmermann 1922 unter dem Titel Rotes Luch geschriebenen Bericht, der in einem Sammelbuch von Ulrich Linse [7]Ulrich Linse: Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1919-1933 – Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Kinder- und … Fußnote vollständig anzeigen zu finden ist. Bruno Zimmermann sagt uns, wie wichtig jene bescheidene Kolonie entlang des Stobberkanals mit kleinen Grundstücken und mit ihren noch nicht fertiggebauten Hütten für Jugendliche ist. Dort können sie einige Tage in der Gruppe und in Freiheit ohne Autorität oder Obrigkeit leben, die ihnen sagt, wo es lang geht, dort widmen sie sich begeistert, aber mit wenig Geschick produktiven Tätigkeiten wie etwa dem Hüttenbau oder der landwirtschaftlichen Gärtnerei auf der Parzelle eines befreundeten Kameraden, also denselben schaffenden Tätigkeiten, die Filareto in seinen Schriften über die Organisation vorgeschlagen hat. Er beschreibt, wie sie aus Berlin mit der Bahn nach Straussberg kommen und den Weg zum Roten Luch nehmen “..dicht am Bahndamm entlang, vorbei an den schimpfenden Bahnwärtern, neugierigen Dorfleuten durch rauhreifbehangenenen Nadel- und Laubwald unentwegt.. dem Ziel zu. Eine Stunde Marsch hart am Damm auf schmalen Fussweg, dann senkte sich der Wald, lichtete sich, hörte plötzlich auf: ein tiefliegendes Stück Land vor uns, von Gräben durchzogen, von spärlichen Birken bestanden. Rechts hinten am Waldrand vier blaue Holzhäuser, links ganz weit draussen ein massives mehrstöckiges Haus, links vorne vor uns, neben einem Heuhaufen, Hühner- und Ziegenverschlag unsere Bretterbude, das Ziel unserer Wanderung.” Dort verbringen sie Tage, Wochen oder sogar längere Zeiten. Die Parzelle hat etwa 2 Hektar, sie ist auf drei Jahre für 180 Mark durch den erwähnten Freund von einem nicht näher identifizierten Grundbesitzer gepachtet worden. Sie wollen die Unterkunft etwas ausbauen, wettersicherer für die nachkommenden Jugendlichen und den Winter fertigmachen. Die Hütte des Freundes ist “ein Hottentottenkraal aus niederer Ringwand von Torfstücken, Brettern, Stroh mit hohem rundem Kegeldach aus Binsen und Schilf, drinnen ein eiserner Ofen, ein Lager aus Laub mit Decken, ein Wandbrett mit Kochgeräten, Handwerkszeug, Lebensmitteln neben der Bretterbude”. Draussen haben sie einen abschliessbaren Stall für Ziegen und Hühner gebaut. Koks wird von der nahen Bahnabladestelle reichlich gesammelt. Grüne Bohnen. Mohrrüben usw. wurden mit wechselnden Ergebnissen angebaut. Es wird reichlich über die beste Art debattiert,  wie die Gesellschaft zu revolutionieren sei. Manche haben bereits vor dieser “individualistischen, organisationsschädigenden Eigenbrödelei …. von jeder Werbearbeit und Verbandstätigkeit abhaltenden, zum Kleinkapitalismus führenden Absonderung” gewarnt, welche “alle Siedlungsversuche unter den heutigen Verhältnissen” darstellen. Aber, wie unser junger Berichterstatter sagt, für sie handelt es sich nur darum, einen Zufluchtsort für junge Menschen zu schaffen, die keine Familie haben, also gleichsam eine Freiheitsinsel zu bilden. “Acht oder neun Jugendgenossen, darunter drei Mädels, sind seit Mai auf der Siedlung, für sechs Mann ein Zelt als Nachtlager, drei unter freiem Himmel am Birkenbaum. Jetzt im Winter waren drei da, zwei waren heute fortgeschickt, Material für das Kinderheim zu holen.” Sie kommen aus der Stadt wenn sie mal keine Arbeit haben und gehen nach einiger Zeit dorthin zurück. “Ein Tischler war da, ein junger Mensch, hatte sein Mädel mitgebracht, es war soviel Allernötigstes zu tun. Der Tischler verwechselte die freie Liebe mit Ausschweifung, nach zwei Monaten war er so kaputt, daß er nichts mehr anfassen konnte. Wir sagten ihm wer nicht mit unseren Grundsätzen übereinstimmt und bleibt doch hier, ist ein niederträchtiger Schurke. Da ging er freiwillig. Jetzt ist ein anderer Tischler dabei, augenblicklich in der zweiten Siedlung im Rheinland, kommt zum Frühjahr zurück.”

Diese utopische Insel, welche von den Jugendlichen für einige Zeit  aufgesucht wird um nachher wieder ihres Weges zu gehen, ohne irgend jemandem Rechenschaft schuldig zu sein, vielleicht um in einer anderen Kolonie in einer anderen deutschen Grossstadt ihr Glück zu versuchen, ist von einer eher feindseligen Umwelt umgeben. „Die Erziehungsanstalt, von dort kommen unsere größten Widerstände. Die kleinen vier Holzhäuser rechts gehören zur sogenannten produktiven Erwerbslosenfürsorge, die auch ein Stück Nachbarland fertigmachen, nicht für sich. Wir wurden anfangs auch von diesen Leuten belästigt, das schlimmste sind die Leute der Anstalt, die staatlichen Jugenderzieher. Von da aus gehen die Beschwerden regelmäßig, fortgesetzt, ununterbrochen an Landratsamt, Amtsvorsteher, Regierung. Ein Lehrer brachte immer seinen Besuch hierher, lief überall herum und führte uns in Freiheit dressiert seinen Gästen vor. Als wir ihnen mal nackend entgegenliefen und sie stellten, war am nächsten Tage eine Vorladung da wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Die Sache fiel ins Wasser, weil unser Land kein öffentliches Tanzlokal ist und wer uns als Gast besucht, muß sich in unsere Gebräuche fügen. Jetzt sollen wir zwanzig Mark Geldstrafe zahlen wegen Errichtung nichtgenehmigter Baulichkeiten. Der Termin ist vertagt, ein Regierungsvertreter war hier.“

Und die Erzählung des jungen Anarchisten setzt sich mit der Betonung des Bedürfnisses nach Zufluchtsorten für die Jugend fort, wie das Rote Luch sie darstellt. Von einem Jungen ist die Rede: “Er war Metallarbeiter, arbeitete ein paar Wochen, um Reisegeld und Wegzehrung für den Rest des Jahres zu erraffen, für die Zeit des Wanderns und Fahrens. Die Eltern machten immer größere Schwierigkeiten mit Kostgeld, Vorschriften, Einschränkungen, Entweder – Oder. Der Junge, vor die Wahl gestellt mit dürren Worten an die harte Zeit erinnert, ließ das Elternhaus zurück um der jugendlichen Freiheit willen, der harten, bitteren deutschen Freiheit und fand Wer vor läufig Anschluß. „Neulich war ich zuhause wieder mal, Vater hatte gerade Besuch, Begräbnis, ich wußte das nicht, es waren alle Verwandten da. Vater kam mir im Hausflur entgegen, mit erhobenen Händen, abwehrend. Na ja, Vater, ich geh ja schon wieder.”

Darauf nochmal die Grundsatzdiskussion über den Sinn solcher Kolonien:

“Was war dies hier? Individualistische, organisationsschädigende Eigenbrödelei, die von jeder Werbearbeit und Verbandstätigkeit abhaltende, zum Kleinkapitalismus führende Absonderung – oder – paradise lost?”  Und die Antwort: “Wir sahen nur einen Versuch, mit geringsten Mitteln immer aufs neue wiederholt, den Druck der großstädtischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Schäden des Arbeits- und Vergnügungsbetriebes unserer großen Fabrikstädte auszugleichen. Wenigstens für das neue heranwachsende Geschlecht. Eins stand heute schon fest, solche Versuche werden wiederholt werden, an anderen Orten und Zeiten, trotz alledem.”

Wir haben aus diesem Artikel deswegen so ausgiebig zitiert, weil er über das Rote Luch der selben Zeit spricht, in der auch Filareto dort sein Grundstück gepachtet hatte; man kann sich sehr gut vorstellen, dass sie Leidensgenossen in ihren Nöten, Illusionen und Streitigkeiten mit der feindseligen Nachbarschaft waren. Vielleicht kamen auch solche junge Menschen zur Kaverno und, angezogen vom Ruhm des Propheten Filareto, dort eine Zeitlang mitmachten. Sicherlich waren jüngere Menschen relativ schnell durch das chaotische Gebaren und die weltfremde Theoretisierung und Diskussion der Kaverno ernüchtert und zogen wieder fort; dies erklärt auf jeden Fall die starke Fluktuation von Mitgliedern und Besuchern, welche uns  von ehemaligen Kindern der Kommune berichtet wurde. Ausserdem drückt der Artikel die Suche nach dem Paradies, die dazu führenden “schaffenden” Tätigkeiten als Kommune und die Stimmung sehr treffend aus, die als Hintergrund der Diskussionen innerhalb der deutschen anarchistischen Gruppierungen der Epoche herrschten, insbesondere die Diskussion über die Alternative der Organisation in der Stadt (Klassenkampf) oder die Gründung von Kommunen und Siedlungen auf dem Lande (Kulturkampf) [8]“Kulturkampf statt Klassenkampf” ist der Titel der dritten Broschüre der Reihe Mitteilungsblätter von La Kaverno di Zaratustra, welche unter anderem diesem Thema gewidmet ist.. Wie wir wissen hatte sich Filareto Kavernido eindeutig für die zweite Option entschieden.

Rumpelstilzchen war das Pseudonym, dass der monarchistisch-konservative Journalist Adolf Stein für seine wöchentlichen Beiträge satirischen Charakters in der “Täglichen Rundschau” benutzte. Er widmete im Jahre 1921 der “Kaverno di Zaratustra” einige ziemlich boshafte Kommentare. Waren die vorhin zitierten Stellen des jungen Bruno Zimmermann von den positiven Aspekten geprägt, die er als “Ausgleich” für den Druck des modernen Industrielebens ansah, welche vom utopischen Experiment auf dem Lande ausgehen, wobei er nicht übersah, dass dies auch bestimmte negative Elemente bezüglich der Notwendigkeit des organisierten Kampfes in der Stadt und innerhalb der Arbeiterklasse für die Veränderung der Verhältnisse in sich barg, so finden wir im Artikel von Rumpelstilzchen die verletzendste und sarkastischste Haltung über Filareto und sein Gruppenabenteuer:

“Wie die Extreme sich überall berühren, so auch in Berlin: an der einen Stelle bauschen sich seidene Röcke in sündhaft teuren Bogen, an einer anderen Stelle buddeln Überkultivierte sich einfache Unterstände in märkischen Sand. Vierzehn Tage lang ist „La Kaverno di Zarathustra“ bei Spreenhagen unbehelligt geblieben. Auf Esperanto heißt das Höhle des Zarathustra, ließ ich mir sagen. Dieser Zarathustra aber lebt nicht einsam in eisigen Höhen, sonder hat einige 30 Jünger – mehr Weiblein als Männlein – um sich gesammelt, um ein kommunistisches Naturmenschdasein zu beginnen. Er heißt Dr. Goldberg, ausgerechnet Dr. Goldberg. Zweige und Zeltbahnen decken die Löcher. Darin wurde nun wochentags nachmittags und sonntags vom Morgen bis zum Abend Robinson gespielt, allerlei gekocht, in Rauch und Phrasendunst gelebt; gelegentlich sprang die ganze Gesellschaft, unbekleidet natürlich, wie die Frösche ins Wasser. Daran nahmen ehrsame Leute der Umgebung Anstoß, und die Polizei verbot schließlich „La Kaverno die Zarathustra“. Vielleicht hätten sie besser daran getan, die Leute zu isolieren. Dann wäre der Unsinn von allein zusammengebrochen, wie alle ähnlichen Gründungen der Tolstoi-Anhänger im russischen Gouvernement Poltawa und gleichzeitig in Kanada auf der anderen Seite des Ozeans. Die zum Teil sehr jugendlichen Goldberg-Anhänger fühlen sich nun als Märtyrer. Ihr ganzer, übrigens sehr unsauberer Freiluftstaat ist an sich nur im Sommer möglich, ferner auch nur so lange, als sie alle „nebenbei“ noch wegen des doch notwendigen Gelderwerbs ihrem bürgerlichen Berufe in Berlin tagsüber nachgingen. Sie planten draußen zwar „große Kulturen“, aber in Wahrheit rekelten sie sich nur herum.”

Hier endet der Text. Daraus geht hervor, dass die Kommune Goldberg einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, dass sie öffentlichen Skandal erregte und, dass sie von der gebildeten berliner Gesellschaft eher mit ironischem Skeptizismus als mit Angst oder Wut betrachtet wurde. Rumpelstilzchen ist ausserdem ziemlich gut informiert: er weiss was für Menschen und wie viele zur Kommune gehören, ist über die Tatsache informiert, dass die meisten noch einem geregelten Beruf in Berlin nachgehen und merkt an, wenngleich aus einer arroganten und elitären Haltung heraus und mit nicht verborgener Geringschätzung, dass diese Buddelei im märkischen Sand nicht der geradlinige Weg “zur höheren Kultur” des Übermenschen sein kann. Aus seiner Bemerkung der “14 Tage”, die die Kommune bisjetzt dort verbracht hat, kann man den Beginn der Gründung der Kaverno im Roten Luch auf frühestens Frühjahr 1921 datieren.

Harry Wilde äussert sich in seinem viele Jahre später geschriebenen und bereits erwähnten Buch über Theodor Plievier sehr skeptisch und sogar sehr kritisch über das ganze, aber er macht es aus einem viel grösseren Verständnis der Beweggründe der utopischen Tätigkeit der Gruppe und auch mit engerer persönlichen Nähe; letztendlich war er 1925 nach Berlin gekommen, um die Menschen kennenzulernen, die das Paradies auf Erden suchten, und um sich ihnen anzuschliessen. Er erzählt, dass er nur ein einziges Mal im Roten Luch war, und beschreibt es als ein “Freigelände… in der Nähe der Rüdersdorfer Kalkberge” [9]Es scheint eine Verwechslung des Namen zu sein. Es soll Ruhlsdorfer statt Ruedersdorfer heissen. in dem sich “eine Hütte, eine Art Kaffernkral, inmitten einer Sandfläche, die von Flöhen wimmelte..” befand. Dieses Freigelände “diente der Nacktkultur” [10]Harry Wilde erwähnt, dass er nach dem Verschwinden der Kommune Goldberg ein Artikel für eine Ullstein-Zeitung schrieb, der von der Redaktion den Titel “Freie Liebe am Bahndamm” bekam. Leider … Fußnote vollständig anzeigen. Über diese seine Erinnerung an die Flöhe schreibt er, dass Filareto wohl gegen deren Stichen immun zu sein schien, während die anderen Mitglieder der Kommune, inbesondere die Frauen, als sie am Sonntag in die Höhle in der Mulackstrasse zurückkehrten, “völlig zerstochene Beine (hatten), und in ihren Wollstrümpfen nisteten Scharen von fetten Flöhen, die vor ihrem sicheren Schicksal, geknackt zu werden, entsetzt in die Strohsäcke flohen…”
Es dauerte lange, erzählt Harry Wilde, bis Filareto nach längerer Abwesenheit in der Mulackstrasse erschien – “Im Mai war es auf dem Freigelände sicher angenehmer als in den benzinverseuchten Strassen Berlins, und ausserdem dürfte es dem Arzt nich an amüsanten Erlebnissen gefehlt haben. Es gab zahlreiche, darunter recht vornehme Damen, die den Weg nach den Rüdersdorfer (oder besser Ruhlsdorfer) Kalkbergen nicht scheuten, um sich mit Zarathustras Nachfolger über das Wetter und andere Probleme zu unterhalten.” Und H.W. kann seine Antipathie für Filareto nicht verhehlen, als er dieses Porträt von ihm gibt: und da stand er “bärtig wie Karl Marx, bullig wie Max Schmeling, behaart wie ein Gorilla, völlig unerwartet im Zimmer…”. Aber über das Thema des Roten Luch, das uns hier beschäftigt, erzählt H. W. nichts weiteres. Als Anmerkung zu seinem Text heben wir hervor, dass er trotz seiner Kenntnis und seines Interesses für diese utopischen Kreise, einige ungenaue oder nicht zutreffende Informationen über die Auflösung und den Fortgang der Kommune aus Berlin bringt, wenn er etwa erzählt, dass kurz nach diesem seinem Besuch (Mai 1925) Goldberg wegen der vorgenommenen Abtreibungen nach Österreich fliehen musste, um von dort nach Kuba zu gelangen. Diese Frage des Gesetzes- und Berufskonfliktes wegen der damals illegalen Abtreibungen haben wir bis jetzt nicht vollständig klären können. Es ist auch möglich, dass er 1925 nach Österreich floh. Aber wir wissen genau, dass er anschliessend sich in Paris abgesetzt hat und von dort aus die Reise der Mitglieder der Kommune aus Berlin und Düsseldorf nach Tourrettes-sur-Loup organisierte, wo sie 3 Jahre verbrachten.
Sowohl Max Fürst als Harry Wilde schreiben, dass er irgendwann die Absicht hatte, nach Haiti zu emigrieren. Wir wissen, nicht woher sie das haben, es kann sein, dass Filareto bereits in Berlin davon gesprochen hat. Wahrscheinlich ist, dasss sie es über Hannchen und andere in Berlin zurückgebliebene ehemalige Mitglieder der Kommune erfahren haben, und zwar nachdem Filareto Frankreich verlassen hatte. Wir wissen aber nicht sicher, wann die Entscheidung zu dieser Reise gefallen ist, wir wissen nur aus den Berichten, die Filareto für die französische anarchistische Zeitschrift “En Dehors” [11]September 2004 haben wir Einsicht in einige der von Filareto Kavernido zwischen 1927 und 1931 für die von E. Armand in Paris-Orléans herausgegebenen Zeitschrift “L’en Dehors” geschriebenen … Fußnote vollständig anzeigen aus Arroyo Frío geschrieben hat, dass sie von Korsika aus, wo er 6 Monate wegen Erregung öffentlichen Skandals im Gefängnis sass, nach Haiti gelangen wollten, um dort zu bleiben. Sie schifften sich Anfang Juli in Bordeaux ein. Von Haiti wurden sie jedoch sofort ausgewiesen, woraufhin sie mit den letzten verbliebenen 100 Dollar in die benachbarte Dominikanische Republik fuhren; dort nahmen sie einen Vertrag als weisse Siedler an und gelangten von Santo Domingo nach Arroyo Frío.

Lotte Fenske, Tochter von Hannchen und ihrem nach dem Ersten Weltkrieg verstorbenen Ehemann, und Vertuemo Gloger, Sohn von Hannchen und Filareto, die damals etwa 12 bzw. 4 Jahre alt waren, haben davon erzählt, meistens nur kurze Perioden im Roten Luch verbracht zu haben. Lotte kann sich sogar an den Besuch der Schule im nahgelegenen Hoppegarten erinnern, was einen Aufenthalt von mehreren Monaten bedeuten würde. Ihr Gedächtnis aus jener fernen Zeit ist logischerweise fragmentarisch, beide erinnern sich an das Leben im Freien, an Spaziergänge und Ausflüge. Einmal z. B. hatte eins der Kinder, Sajero, sich wohl mit der Einnahme von wilden Kräutern vergiftet. Es wurde ihm schlecht, sodass Filareto den Jungen auf die Arme nahm und, gefolgt von der ganzen Schar, ein paar Kilometer den Bahndamm entlang zum nächsten Bahnhof in Rehfelde lief, damit das Kind ins Krankenhaus kommen konnte. Im Roten Luch werden die Kinder den harten erzieherischen Massnahmen unterworfen, die Filareto von ihnen verlangte: Abhärtung und Mutproben, wie abends zum Kanal über die Böschung hinabzugehen und mit einem Becher voller Wasser aus dem Stobber zurückzukommen. Bei einer solchen Gelegenheit sagte die kesse Lotte zu Filareto: “Heinrich, Du bist ein Ungeheuer”. Bezüglich der zahlenmässigen Stärke der Kommune gehen die Erinnerung auch hier ein wenig auseinander, aber offenbar überstieg deren Anzahl zu keinem Zeitpunkt zwei Dutzend Mitglieder, die zahlreichen Kinder mitgezählt. Die vom bösartigen “Rumpelstilzchen” genannte Zahl stimmt in etwa damit überein, wenn er von 30 Personen spricht. Man kann sich gut die skandalerregenden Aktionen vorstellen, etwa das nackte Sonnenbaden und Schwimmen, an die Bruno Zimmermann in seinem erwähnten Artikel erinnert. Unsere “Kommunekinder” erinnern sich auch undeutlich an den schwungvollen aber etwas unorganisierten Start von diversen Arbeiten auf dem Grundstück, wie Zäune bauen, Gemüse anpflanzen, Ställe zusammenzimmern u. ä. Arbeiten die oft nicht zu Ende geführt werden, sondern von abstrusen theoretischen Diskussionen verdrängt werden. Die Erinnerung der Kinder beschreibt ein ziemlich freies, angenehmes Leben im Freien, fern von der Grosstadt, aber gleichzeitig sehr chaotisch und unübersichtlich. Sie leiden wahrscheinlich unter der mangelnden Aufmerksamkeit der Erwachsenen, die ihre Anstrengungen zu sehr darauf konzentrieren, eine höhere Lebens- und Kulturform aufzubauen.

Kehren wir zur Gegenwart zurück. Was ist heute aus den damaligen Siedlungen des Roten Luch übriggeblieben? Was hat das mit den uns von Mallys Enkelkindern gezeigten Bildern aus den 20er Jahren zu tun, auf denen die karge märkische Landschaft vom Roten Luch und vom in der Nähe gelegenen Waldsieversdorf zu sehen sind? Wir haben aufgrund der Erzählungen und Beschreibungen vermutet, dass sich das Grundstück in unmittelbarer Kanalnähe und auch nicht weit von der Bahnlinie befand. Jene Gegend, die damals sehr naturbelassen und wildwachsend war, ist heute zu einer Agrarlandschaft geworden. Das kleine offene Tal ist ein Ackerland mit Getreideanbau. Der Stobberkanal scheint nur noch ein Rinnsal zu sein, sicher ist das Grundwasser um einiges gesunken. Der das Tal umgebende Wald hat sich vielleicht weniger verändert. Der Zugang ist ziemlich schwierig, es gibt nur einige ziemlich zugewachsene Feldwege, und den Bahndamm kann man nicht mehr mit Fahrzeugen überqueren, so dass das Gebiet nach dem Verschwinden der Übergänge zweigeteilt ist. Es lebt auch kaum jemand in dem Gebiet, nur vereinzelte Häuser und die Reste eines grösseren Gebäudes, das von der NVA für Bildungszwecke benutzt worden sein soll und das vielleicht die frühere, von Bruno Zimmermann erwähnte Anstalt war, sind noch zu sehen. Wir konnten mit einer benachbarten Familie sprechen, die in der Nähe seit über 30 Jahre ein am Rande des Waldes stehendes Haus bewohnt. Frau Konrad erzählte, dass die Gegend tatsächlich noch nach dem Krieg von alternativen Leuten bewohnt wurde, und indirekt wusste sie von sog. “Latschern” in der damaligen Zeit erzählen. Nach unserer Beobachtung ist die Gegend für die Einrichtung einer Höhlenwohnung überhaupt nicht geeignet: es ist ein sandiger, flacher und mooriger Boden. Von daher stammt wohl auch die ironische Verspottung Rumpelstilzchens über den Versuch der Kommunarden, Löcher zu buddeln, um Unterstände zu bauen. Aber so war es, und Tatsache ist, dass Filareto und seine Anhänger dies versuchten. Zur Wahl des Standortes, auf einem wenig geeigneten Terrain und vom nächsten Bahnhof ziemlich weit entfernt (die heute bestehende, viel näher gelegene Haltestelle “Rotes Luch” existierte damals noch nicht), weist auf die bereits zu diesem Zeitpunkt schlechtgestellten Finanzen der Kommune. Wir hatten bereits angenommen, dass die Aufgabe der Existenz  des Dr. Goldberg als Gynäkologe und die Krise nach dem I. Weltkrieg, nach dem 1917 erfolgten Tod seines Vaters Ludwig, zur Auflösung des Familienvermögens führte, das die Familie Jahre zuvor gehabt hatte. Vermutlich hat Filareto mit seiner Mutter die Grundstücke oder das Haus in Berlin Weissensee verkauft, und die Inflation hat den Erlös zunichte gemacht. Die Wohnungen in der Rosenthaler Str. 62 und in der Mulackstrasse 21 gehörten wohl der Familie von Heinrichs Mutter, also hat Filareto wahrscheinlich nicht einmal Geld zum Wohnen gehabt. Die Kommune lebte von der Grosszügigkeit der Familie seiner Mutter: das Geld der Familie, wenn etwas übrig geblieben war, war für Reisen, Veröffentlichungen, Mieten und später das bloße Bestreiten der Lebensunterhaltung der Gruppe ausgegeben worden.

Bei unserem Besuch des Roten Luch konnten wir die genaue Lage der “Kaverno” nicht bestimmen; dennoch halten wir es aufgrund der Recherchen für wahrscheinlich, dass sie sich in der Nähe der Bahnlinie und des diese durchkreuzenden Hauptkanals befand. Zum Glück haben die Recherchen von Dr. Otfried Schröck 2014-2015 ein mit höchster Wahrscheinlichkeit eindeutiges Ergebnis gebracht.

Santiago Tovar
September 2004, aktualisiert 02.19)
(Textkorrektur durch Günter Loer)

Fußnoten

Fußnoten
1 Es handelt sich um drei Broschüren mit den Titeln: “Kulturphilosophische Betrachtungen”, “Kultur und Zivilisation” und “Kulturkampf statt Klassenkampf”, veröffentlicht als Werk der Kaverno. Exemplare davon befinden sich im International Institute of Social History, Amsterdam, sowie in manchen Uni-Bibliotheken Deutschlands. z. B. Bremen oder Berlin.
2 www.maerkische -naturfotos. Online-Bildband der Natur und Landschaft Brandenburgs
3 Rumpelstilzchen – Berliner Allerlei, Verlag der Täglichen Rundschau, Berlin, 1922
4 Harry Wilde: Theodor Plievier – Nullpunkt der Freiheit, Eduard Kaiser Verlag, München 1965
5 Ökopax und Anarchie, Ulrich Linse, dtv München 1986
6 Max Fürst: Talisman Scheherezade – Die schwierigen zwanziger Jahre, Hanser Verlag, München 1976
7 Ulrich Linse: Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1919-1933 – Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Kinder- und Jugendorganisationen 1919-1933, dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1976. Wir bedanken uns für die Übersendung einer Kopie des Artikels bei Prof. U. Linse.
8 “Kulturkampf statt Klassenkampf” ist der Titel der dritten Broschüre der Reihe Mitteilungsblätter von La Kaverno di Zaratustra, welche unter anderem diesem Thema gewidmet ist.
9 Es scheint eine Verwechslung des Namen zu sein. Es soll Ruhlsdorfer statt Ruedersdorfer heissen.
10 Harry Wilde erwähnt, dass er nach dem Verschwinden der Kommune Goldberg ein Artikel für eine Ullstein-Zeitung schrieb, der von der Redaktion den Titel “Freie Liebe am Bahndamm” bekam. Leider haben wir diesen Artikel noch nicht gefunden.
11 September 2004 haben wir Einsicht in einige der von Filareto Kavernido zwischen 1927 und 1931 für die von E. Armand in Paris-Orléans herausgegebenen Zeitschrift “L’en Dehors” geschriebenen Berichten erhalten. Unter anderem wissen wir jetzt dadurch, dass er insgesamt 6 Jahre in Gefängnissen verschiedener Länder, meistens wegen Erregung öffentlichen Skandals, verbracht hat.

La Raupo – Einführung

Ein Fabel von Filareto Kavernido
Herausgegeben 1926 von der Ido-Centrale Berlin

La Raupo, Deckblatt


La Raupo Deckblatt Innenseite


La Raupo Seite 3


La Raupo Seite 4


La Raupo Seite 5


La Raupo Seite 6


La Raupo Seite 7


La Raupo Seite 8


La Raupo Seite 9


La Raupo Seite 10


Einführung in den Text

1926 erschien die kleine Originalfabel „Die Raupe“ von Filareto Kavernido, geschrieben in der Ido-Sprache, im Verlag der Ido-Centrale in Berlin. Abgesehen von der Bedeutung, die sie als Beitrag zum eher mageren Bestand der auf Ido verfügbaren Literatur haben mag – und Filareto wurde nach seinem Tode von der Zeitschrift „Progreso“ wegen seines sicheren und eleganten Stils im Reform-Esperanto gelobt, der Beitrag müsste also als bedeutend eingestuft werden -, gibt diese Schrift auch einen guten Einblick in seine ideologischen und ethischen Vorstellungen und erlaubt Schlussfolgerungen über seine Verfassung und geistige Interessenlage in den Monaten unmittelbar vor der Auswanderung nach Frankreich. Die Veröffentlichung wurde auch im Jurnalo por la propago ed exercado dil Internaciona Linguo am 15.April 1926 angekündigt und kurz beschrieben. Darin wird auch der „elegante stil“ des Verfassers hervorgehoben.

„La Raupo“ handelt von der Lektion, die eine junge Raupe dank der Erfahrung einer älteren, weisen Raupe lernt: dass sie nämlich die Blumen und deren Schönheit zerstört, wenn sie, getrieben von ihrer Anziehungskraft, ungeduldig versucht, sie zu berühren oder gar zu verzehren. Sie muss lernen, die Schönheit zu achten und Geduld zu haben, bis sie sich in einen Schmetterling verwandelt und erst dann befähigt sein wird, mit der Schönheit in Eintracht zu leben. Die Traurigkeit, die sie befällt, weil sie die Schönheit als Raupe nicht erfahren kann, ist ein Teil des mühsamen Verwandlungs- bzw. Erziehungsprozesses, den man durchlaufen muss, ehe man sich charakterlich entfaltet und sich in die Reihen der freien und neuen Menschen stellen kann. Die junge Raupe ist in ihrer Verzweiflung sogar bereit, sich selbst und alles aufzugeben. Durch das Eingreifen einer grosszügigen, hilfsbereiten Waldfee bekommt sie jedoch die zusätzliche Unterstützung, die sie braucht, um den Lernprozess zu begreifen und zu bestehen. Am Ende verwandelt sie sich in einen Schmetterling und kann die Schönheit der freien Welt geniessen.

Wir haben also in der Gestalt der jungen Raupe den unvollständigen, ungebildeten Menschen vor uns, der den Drang nach der Vollkommenheit verspürt, diesem Drang aber ungeduldig und überstürzt nachgibt und sich dadurch den Weg verbaut, indem er das Ziel seiner Sehnsucht gierig und tolpatschig zerstört. Erst die Erfahrung der älteren Menschen, ihr akkumuliertes Wissen und ihre Kenntnis der Geschichte und Entwicklung der Gesellschaft kann dem nach Freiheit und Vollkommenheit Drängenden eine erste Orientierung geben. Das reicht aber nicht, und deswegen ist die Hilfe einer dritten Gestalt, eines Deus ex machina- hier die Waldfee – nötig, um die letzte überzeugungsarbeit zu leisten und buchstäblich die Fesseln zu zerschneiden, die die junge Raupe bzw. den unfreien Menschen gefangenhalten. Es ist die Metamorphose zum neuen, freien Menschen, die hier beschrieben wird.

Wie man erkennt, sieht die Moral dieser Geschichte die Rolle der kollektiven Organisation und der gemeinsamen Aufarbeitung des Prozesses der Freiheitswerdung überhaupt nicht vor, eine Befreiung, wie sie Filareto Kavernido in seiner Kommune voranzutreiben und vorzuleben versuchte. Es geht um eine individuelle Lösung und um die Notwendigkeit der Aufklärung seitens Dritter. Die Fabel endet mit der etwas ungeduldigen Frage: „Wann werden wir Menschen dies verstehen und dem Beispiel folgen?“ Und es klingt wie der verzweifelte Ausruf von jemandem, der den Weg weiss, aber kein Gehör findet.

Filareto hat die Fabel Mitte der zwanziger Jahre verfasst, wahrscheinlich eher, um seine Zugehörigkeit zur Ido-Bewegung zu signalisieren denn als Mittel zur Verbreitung seiner sozialen Ideale; dazu wäre diese Schrift kaum geeignet gewesen, da die Auflage denkbar gering war und nur wenige Menschen diese Kunstsprache lesen konnten. Seine unmittelbar ideologischen Dispute und Beiträge schrieb er grundsätzlich in „La Kaverno di Zaratustra“ oder in anderen Publikationen der anarcho-kommunistischen Bewegung auf deutsch. Ausserdem deutet schon die Wahl der Fabel-Form auf den vornehmlich literarischen Charakter seiner Bemühung, freilich ohne dass er deswegen seinen stets im Vordergrund stehenden erzieherischen Anspruch aus dem Auge verliert (wie die bereits erwähnte mahnende und etwas pathetische Frage zeigt, mit welcher die Fabel endet: „Wann werden wir Menschen lernen, diesem höchsten Beispiel zu folgen?“). Aber eine Fabel, ein kurzer Text, eine der ältesten Formen der Literatur und obendrein didaktisch zumeist an Kinder adressiert, passt mehr zu der individualistischen Seite seines Charakters als zu der „kollektivistischen“, um diesen Gegensatz seiner Persönlichkeit in solchen Begriffen auszudrücken. Jedenfalls fällt auf, dass „La Raupo“ eher von der individuellen Erziehbarkeit des Menschen zum neuen Menschen als von der kollektiven Befreiung aus der Sklaverei des Systems handelt, wie er sie in seinen ideologischen Streitschriften propagiert und in der Praxis in seiner Kommune verfolgt hat. Hier, in einer intimeren Form, in der hoffnungsvollen Zukunftssprache des Reform-Esperantos, Ido, die zum damaligen Zeitpunkt gemeinsames Gut eines kleinen Kreises von wohlmeinenden und voluntaristischen, zumeist gebildeten Menschen war, legt er die Akzente auf ethische Werte, ohne die es für ihn keine Revolution und keine Verbesserung der Lage der Gesellschaft und der Menschen geben kann. Hier tritt seine intellektuelle Bildung in Erscheinung, seine Bewunderung für die theoretische und philosophische Arbeit, die Elemente seiner eigenen Erziehung (Disziplin, Verzicht) im Umfeld seiner Kindheit und seine Liebe zu den Theorien von Plato, Nietzsche und den zu jener Zeit sich erneuernden Erziehungsversuchen, wie etwa von Rudolf Steiner.

Wie wir nun wissen, hatte Filareto Kavernido zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Schrift Deutschland bereits verlassen. Er floh nach Frankreich Ende 1925, um der Bedrohung der Justiz zu entgehen. Von Paris aus kam er Mitte des Jahres 1926 mit den anderen Teilen der Kommune in Südfrankreich zusammen. Wir gehen von der Annahme aus, dass ihn nicht nur die finanziellen Schwierigkeiten der Gruppe der Kaverno sowie die sicherlich häufigen und enttäuschenden Abmeldungen unter den Mitgliedern zu der Auswanderung bewogen. Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen nach einer begeisterten Anfangsperiode der Zugehörigkeit zur Kommune relativ schnell im mühseligen Alltag Ernüchterung und Enttäuschung erfuhren. Sobald diese Kommunemitglieder eine Alternative fanden, sei es in einer anderen, besser funktionierenden Gruppe oder weil sie einen Arbeitsplatz fanden, der ihnen den Weg zurück zu einer „normalen“ Existenz ermöglichte, dürften nicht wenige von ihnen diese Gelegenheit wahrgenommen haben. Filareto muss damals den gesellschaftlichen Umschwung stark gespürt haben. Er stand unter dem Druck, den Kommunemitgliedern, die ihm eine treue Gefolgschaft leisteten, weiterhin eine Zukunft anbieten zu können. Die politische Landschaft hatte sich nach der Krise 1923 rapide radikalisiert, die auf der Strasse auftretenden Agitatoren und Bewegungen waren stärker politisiert als früher und wurden mehr und mehr zu Predigern der Gewalt oder gar selbst gewalttätig. Die Theorien, die er ebenso wie andere Sozialreformer und „Erlöser“ seit Jahren propagierte, befanden sich auf dem Rückzug, sie waren für die Bevölkerung offenbar immer weniger attraktiv. Der Raum für das utopische und friedliche Experiment wurde immer enger. Es herrschte das Primat der Ökonomie als Gegensatz zum Bereich der freien Vereinigung der Menschen im Kollektiv, um die eigene Vervollkommnung nach bestimmten Idealen zu schaffen. Statt der bewussten Individuen bildeten sich Massenbewegungen heraus, welche im Kollektiv nach einer Verbesserung ihres Daseins suchten. Deswegen ist zu vermuten, dass hier bei Filareto ein gewisser Rückzug in die kreative, private und kulturelle Sphäre stattfand. Es muss eine herbe Enttäuschung für ihn gewesen sein, als er merkte, dass die Wege seiner Zeitgenossen anders verliefen und zu für ihn sehr wenig versprechenden Zielen führten. Und er war dabei, Abschied von seinem Traum zu nehmen, in seiner ihm vertrauten Umgebung in Berlin, wo er in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg Triumphe mit seinen Vorträgen und seiner stolzen Kommune gefeiert hatte, in dieser Stadt und in dieser Gesellschaft die Grundlagen der Zukunftsform des Zusammenlebens aufzubauen. Deswegen war der Weg „gen Süden“, die gemeinsame Reise von Teilen der Kommune nach Tourrette oder Les Villiers in der Nähe von Nizza – eine in den nordeuropäischen Ländern immer wiederkehrende Wunschvorstellung – ein bereits verzweifelter Versuch, seine persönliche Utopie am Leben zu erhalten. Von da an werden sich die Umstände seines Lebens und seiner communards beschleunigen und die Kontrolle ihrer Lage ihnen immer mehr entgleiten.

Ein anderer Aspekt, der in den Utopien des Fortschritts nicht immer eine Rolle spielt und der Filareto Kavernido eine interessante Aktualität verleiht, ist der „ökologische Standpunkt“, der sich hier herauslesen lässt. Die Welt der persönlichen Vervollkommnung, die ihm in der Geschichte der Raupe vorschwebt, zeichnet sich durch unbedingte Liebe zur Natur und Respekt vor ihr aus. Das vollentwickelte Individuum liebt und übt seine Liebe zur Natur in Selbstbeherrschung. Es zerstört die Umwelt nicht und befindet sich in einem aktiven, ausgeglichenen Verhältnis zu ihr. Es handelt sich um zwei Seiten derselben Sache. Kein Glück, keine Schönheit, keine Vollkommenheit ohne dieses Gleichgewicht. Diese Ideen der Naturverbundenheit wurden Anfang des Jahrhunderts besonders in Deutschland von den Reformpädagogen hochgehalten und äusserten sich in Erziehungsmassnahmen und Aktivitäten wie die Organisation von Ausflügen, Sammeln von Blumen und Pflanzen, Aufenthalte auf dem Bauernhof sowie Freikörperkultur (FKK) und Sonnenanbetung. Diese Praktiken wurden von Teilen der organisierten Arbeiterbewegung übernommen und erfreuten sich bekanntlich bis in die 30er Jahre hinein grosser Popularität. Filareto gehörte also zu den Vorkämpfern in der Propagierung dieser Auffassungen und lebte in seiner Kommune in den Vororten von Berlin bereits vor dem 2. Weltkrieg nach diesen Idealen.

2005 – Aktualisiert 02.21

Kulturphilosophische Betrachtungen

Heft 1 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Transkript

Von Filareto Kavernido

Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:

La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTURPHILOSOPHISCHE BETRACHTUNGEN

Die Kulturentwicklung der Menschheit schreitet fort; sie geht nicht in gerader einheitlicher Richtung; sondern auf gewundenen Wegen mit Abstechern nach rechts und links; manchmal verrennt sie sich in eine Sackgasse, dann aber kehrt sie wieder um, und nimmt den Weg dort wieder auf, wo sie ihn verlassen hat. Eine Erklärung für diese Erscheinung finden wir in der Erkenntnis, daß eben die Kulturentwicklung der Menschheit nicht das bewußte Werk menschlicher Vernunft ist, sondern die menschliche Vernunft erst sehr spät hinter den Kräften, die uns treiben, die wir nicht kennen, aber ahnen, fühlen, genialisch erfassen, hinterher hinkt.

Die Seitenwege sind manchmal recht lang und man muß nicht nur große Zeiträume überblicken, um den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Kulturstadien entdecken zu können, man muß auch hoch genug über dem durchwanderten Terrain stehen, um den sich durch die Gefilde hinschleichenden, bald bergauf steigenden, bald talwärts sich neigenden und dann wieder auf schmalem, schwankendem Steg einen Abgrund überspringenden Entwicklungspfad voll und als ein Ganzes übersehen und erkennen zu können. Bevor wir nun die Windungen diese Weges im Einzelnen genauer betrachten, wollen wir uns von vorneherein über zwei Worte einigen, die überall und von jedermann gebraucht werden, sich aber -leider!- meistens dort einstellen, wo eben diese Begriffe fehlen. Das sind: „Kultur“ und „Zivilisation“. Unter Zivilisation wollen wir den Stand unserer wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen und Erzeugnisse zusammenfassen, während Kultur den Grad von einheitlicher Entwicklung unserer sittlich-künstlerischen und wissenschaftlich-technischen Ausbildung darstellen wird. Legen wir nun diese Auffassung unseren Überlegungen zu Grunde, so müssen wir zurückgehen bis zum Jahre 450 v.Chr. um den Markstein zu finden, an dem die Kulturentwicklung der Menschheit zum letzten Male abgewichen ist und jenen Seitenpfad betreten hat, der sich als blind endigend erwiesen, so daß es keinen Ausweg als das „Z u r ü ck!“ gibt.

Dieses Jahr bedeutet den Untergang der alten hellenischen Kultur, jener Kultur, die sich aufbaute auf der Erkenntnis der großen Befriedigung im Leben, der großen Aussöhnung mit allen Mühsalen und Schmerzen, die das Leben mit sich bringt, durch die Kunst, das heißt des metaphysischen Trostes, den uns die Kunst gewährt. Den Höhepunkt dieser Kultur stellen die unvergleichlichen Tragödien Aeschylos und Sophokles dar, gegen welche nunmehr Sokrates auftritt. Wurde bisher den Griechen von ihren großen geistigen Führern gelehrt: „Das Höchste ist die Kunst“, so behauptet Sokrates: „Das Höchste ist das Wissen“.

Wie man nun gesagt hat, daß Kopernikus das Christentum getötet habe durch seinen Beweis von der Bewegung der Erde um die Sonne, so kann man auch behaupten, daß Sokrates die klassische, hellenische Kultur getötet hat. Mußte es den Menschen nicht vielmehr schmeicheln, zu erkennen und schwarz auf weiß von Geschlecht zu Geschlecht weitervererben zu können, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, und was man neu hinzugefunden hatte, als Kunstwerke anzustaunen, die so hoch über ihnen standen, daß sie sie wohl bewundern, sich an ihnen erheben konnten, die aber der Stempel einen Vollendung trugen, die nicht leicht zu übertreffen war. Hier war ein neuer Weg gegeben, hier hatten auch weniger Begabte die Möglichkeit, etwas Neues zu finden und den Ruhmeskranz der Erfinderlorbeeren auf ihr Haupt zu drücken: und so wurde das Suchen nach Wissen, das Sokrates forderte, zur Grundlage einer Gesinnungsrichtung, die bis heute dem ganzen Menschengeschlechte auf seinem Entwicklungsgange vorgeschwebt hat. Seit Sokrates haben wir nicht mehr eine ästhetische Kultur, die in künstlerischer Erhebung die Schönste und reinste Überwindung aller Schmerzen und Enttäuschungen empfindet, die das Leben uns schlägt, sondern die wissenschaftliche sokratische und alexandrinische Kultur, die auf alle künstlerischen Tröstungen verzichtet, und sich im Schweiße ihres Angesichts bemüht, nach und nach das eine oder andere Geheimnis der Natur abzuringen.

Nach der Erklärung, die ich von der Kultur gegeben habe, wird man die alexandrinische Kultur nicht als Kultur bezeichnen können, und jetzt, am Abschluß dieser Periode, sehen wir in der Tat, daß das, was sie geschaffen, keine Kultur, sondern eine Zivilisation ist. Einem Gesellschaftszustande, der auf dieser uns fast märchenhaft anmutenden Höhe wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Erkenntnis seine gesamten Kräfte unter direkter Umkehrung seiner dauernd vertretenen in Wort und Gebärde sogar äußerlich beibehaltenen ethischen Basis, auf das Riesenwerk der Zerstörung richten kann, das dieser fürchterliche Krieg darstellte, einer solchen Gesellschaftsform kann man den Ehrentitel einer Kultur nicht beilegen.

Der tiefste Grund für diese Tatsache mag der folgende sein:
Der wissenschaftlich-strebende Mensch sucht die Wahrheit zu finden. Je weiter wir aber auf dem Dornenpfade der Erkenntnis vordringen, um so klarer und sicherer zeigt sich uns die niederschmetternde Einsicht, daß er uns die „Wahrheit“, das letzte Welträtsel, die Frage nach dem Anfange aller Dinge, niemals erschließen wird. Die Folge wird schließlich eine tiefe Entmutigung sein. Einem Ziele zustreben, dessen unmögliche Erreichung uns klar vor Augen steht, muß uns zuletzt dazu treiben, in den absoluten Pessimismus zu verfallen, und den Kampf mit dem Leben ganz aufzugeben. Derartige Momente können wir in der Geschichte dieser wissenschaftlich-forschenden Periode des Menschengeschlechts vor allem drei erkennen:

Nach dem Verfall der griechischen Kultur traten die Römer ihr Erbe an. Sie bauten sich auf der rein sokratischen Erkenntnistheorie auf, sie waren praktische „Menschen“ und unterwarfen sich fast den damals bekannten Teil der Erdoberfläche. Allmählich aber machte sich der Mangel einer künstlerischen und erhebenden Kultur bemerkbar, und so finden wir um den Beginn unserer Zeitrechnung ein unruhiges, unsicheres Umhertappen im Dunkeln. Wozu lebt man noch? Nur Leiden, nur Arbeiten und Mühen, aber keine Erholung. Genuß berauschender Getränke und des Liebeslebens kann nachhaltige Befriedigung nicht gewähren und so sehen wir das Ausarten aller Triebe ins Ungemessene als den Cäsarenwahnsinn eines Nero, Caligula und seiner Gesellschaft, die immer größere, weitere Möglichkeiten suchen, ihre aufgepeitschten, überreizten und nie zu befriedigende Nerven wenigstens vorübergehend etwas zu beruhigen.

In diesem Augeblick kommt eine Hilfe, die unter anderen Bedingungen, daß heißt beim Zustande einer wirklichen Kultur niemals in Anspruch genommen worden wäre. Aus Indien bricht sich die pessimistische, d.h. Welt und Leben verneinende Philosophie des Buddhismus in Form des Christentums Bahn und schwemmt die letzten Erinnerungen griechischer Kultur von dannen. Jetzt weiß man wieder, wozu man lebt. Man will sich für das bessere Jenseits vorbereiten. Das Leben muß ertragen werden, um die ewige Seligkeit zu erwerben. Man zahlt einen hohen Preis, man verzichtet auf alle Freuden des Daseins, aber der Lohn ist auch entsprechend. Wie weh muß den Menschen zu Mute gewesen sein, die sich eine derartige Versagung aller Lebensfreuden auferlegen konnten! Nur der Ekel an übersättigten Begierden ohne die höhere Befriedigung durch die veredelnde Wirkung der Kunst konnte solch ein Geschlecht schaffen.

Aber man hatte doch wieder ein Ziel, einen Zweck für das Dasein, und so schleppt man sich durch weitere 1400 Jahre. Jetzt aber bricht sich der Widerspruch zwischen menschlicher Natur und einer solchen lebensverneinender Philosophie Bahn zur Erkenntnis. Die nächste Folge ist die Verrottung der katholischen Kirche in der Zeit der Renaissance, die eben die Wiedergeburt der hellenischen Kultur fordert. Aber man kann sich noch nicht so weit aufraffen, die geistigen Ketten des Christentums lasten noch zu schwer auf der Menschheit; doch Bewegungen setzen ein, sich von dem fürchterlichen Drucke zu befreien: Albigenser und Hussiten beginnen den Befreiungskrieg, aber sie werden geschlagen und vernichtet, und nun folgt eine kurze Periode, ein letztes Aufflackern des Versuchs, eine wahre christliche Kultur aufzubauen unter Savonarola. Die Unmöglichkeit eines solchen Versuchs, als notwendige Folge des inneren Widerspruchs zwischen der sittlichen Basis, die sich auf der Erkenntnis aufbaute und der künstlerischen Empfindung, die unser Gefühlsleben hervorbringt, zeitigte den Teufelskult, und all das wilde, wüßte Raubritterwesen, das sich im 15. Jahrhundert breit machte. Nun trat endlich mit Luther eine Beruhigung ein, insofern man aus der Befreiung von dem Gewissenszwang, den die katholische Kirche ausübte, neue Hoffnung für neues Streben schöpfen konnte. Damit war man aber wieder in das Fahrwasser reinen, sokratisch forschenden Geistes gekommen, und jetzt endlich kommt der Augenblick der Weltgeschichte, der uns endgültig die Augen öffnen sollte. Die neue „protestantische“, gegen Gewissenszwang protestierende Hoffnung, schuf Empfindungen, die sich in den christlichen Pessimismus nicht mehr einfügen konnten, und so entsteht aus der von Bach zur höchsten Höhe und tiefsten Empfindung geführten Kirchenmusik eine neue Kunstgattung, symphonische Musik, die mit den Sonaten Haydns und ihren Gipfelpunkt in der neunten Symphonie Beethoven’s erreicht. Beim Hören dieser Musik winken uns neue Ziele; hier werden wir über uns selbst hinausgehoben, hinaus über die kleinlichen Bedürfnisse der individuellen Seele zu höheren Aufgaben.

Und was der musikalische Genius gefühlt hat, das begeisterte das dichterische Genie eines Goethes zu seinem Faust. Nur langsam hinkt auch diesmal wieder die menschliche Vernunft dem vorausahnenden Genius nach, und so finden wir den sokratischen Geist noch an der Arbeit. Trotz dieser Kunstoffenbarung arbeiten Kant und Schopenhauer fort an dem Vermächtnis des wissensdurstigen Griechen. Mit Schopenhauers Lebenswerk, dem Bekenntnis des absoluten Pessimismus, erreicht die sokratische Kultur ihren Höhepunkt und – ihr Ende.

Es ist der größte Hoffnungsschimmer für das Menschengeschlecht. Das gerade auf den Schultern diese Pessimisten sein eifrigster Verehrer und begabtester Schüler den Optimismus der bejahenden Lebensfreude in alle Welt hinausruft. Von diesem Gipfel sokratischer Erkenntnis und musikalisch-dichterischer Offenbarung bedurfte es nur eines Schrittes, um diejenige Höhe erreichen zu können, die uns befähigt, den eingangs erwähnten Pfad der Kulturentwicklung in allen seinen Windungen überstehen zu können. Diesen Schritt hat Friedrich Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie getan. Er steht gewissermaßen mit einem Fuß auf dem Gipfel sokratischer Erkenntnis, mit dem anderen auf dem des musikalischen Empfindens, und so sieht er in das Tal hinab, aus dem diese beiden Wege sich heraufwinden.

Wird er nun soweit noch verstanden, so kann ihn aber die heutige Welt, die sich an den Zustand der kulturlosen Welt so prächtig gewöhnt hat, daß sie noch kein wirkliches Kulturbedürfnis verspürt, weiter nicht folgen. Denn Nietzsche bleibt hier nicht stehen. Aus diesem beschauenden Stande erhebt er sich in mächtigen Sprunge und tut einen weiten, weiten Blick vorwärts. Aus beiden Hügeln strömen die Kräfte gleich einem elektrischen Strome durch seinen Körper und vereinigen sich zu einer neuen einheitlichen Kultur. Die Grundlage dieser Kultur gib er uns in seiner wunderbaren Dichtung des „Zarathustra“.

Dieser „Zarathustra“ gibt gewissermaßen die Ausführungsbestimmungen zu Fausts Zukunftsprogramm, dessen Erkennen ihm die höchste, das Leben überwindende Entzückung verursacht.

Nachdem Faust mit der herrschenden Gesellschaft zerfallen, lange im Leben gesucht und versucht hat, verdichtet sich sein Streben zur Ahnung einer neuen Gesellschaftsform, die ihm die Widersprüche löst, die sich zwischen den Bedürfnissen der Individualseele und dem Zwange der Gemeinschaft ergeben. Er begreift, daß diese Gemeinschaft zusammengehalten werden muß von der Liebe, nicht von kleinlichen Alltagsinteressen, als deren Regulator eine Zwangsautorität immer wieder den Entwicklungsflug(!) des Einzelnen hemmen muß. So stellt er sein Programm auf:

 Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das letzte wär‘ das Höchsterrungene.
Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde.
Gleich angesiedelt auf des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand.
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möchte ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdtagen,
Nicht in Äonen untergehen.

Die Aufrichtung dieser hier gezeichneten Gesellschaft, die als freies Volk auf freiem Grunde steht, kann nicht mehr das Werk des Vaters dieses Gedankens sein, sie kann eben nur bewirkt werden von freien, d.h. selbstverantwortlichen Individuen, die Richter und Rächer ihres eigenen Gesetzes sein können. Solche Menschen brauchen dann keine gewalttätige Zentralautorität, die die Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Gemeinschaftsmitgliedern als Staat, Parlament, Sowjets, Mehrheitsbeschluß usw. überbrückt: Solche Menschen haben Wissen und Gewissen genug, selber ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden und auszufüllen. Sie brauchen nur eine geistige Autorität, der sie folgen, weil sie ihnen den Weg zum eigenen Innern weißt. Diese Aufgabe nun erfüllt Nietzsches „Zarathustra“, der immer ein Prüfstein für den ist, der sich bemüht, dem Goetheschen Zukunftsideal, wie es in den zitierten Versen zum Ausdruck kommt, wirkliches Leben zu geben.

So werden wir uns die Dichterworte zur Grundlage unserer Arbeiten nehmen, wenn wir nach Trockenlegung des Sumpfes der heutigen Moral den Grundstein zu einer neuen Gesellschaftsorganisation legen wollen. Und die Erkenntnis dieser Aufgabe war der ursprüngliche Zweck dieser Betrachtungen.

Filareto Kavernido

Kultur und Zivilisation

Heft 2 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Transkript

Von Filareto Kavernido

Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:
La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTUR UND ZIVILISATION

Diese beiden Worte werden immer und immer wieder von jedermann gebraucht, ohne daß jemand tatsächlich eine feste Vorstellung mit ihnen verbinden kann. Wieviel Druckseiten sind während des Krieges nicht mit Versicherungen angefüllt worden, daß mit ihm die deutsche Kultur um ihre Existenz kämpfte, während andererseits die deutschfeindlichen Nationen mit ebenso großem Nachdruck behaupteten, daß die Art und Weise, wie die Deutschen diesen Krieg führten, nicht Kultur gewesen sei, sondern Barbarei; und doch haben auch diese Unrecht, denn Barbarei ist Kultur. Dennoch sage ich, daß die deutsche Kultur ganz sicher mit diesem Kriege nichts zu tun hatte, und daß die Deutschen keinesfalls mehr Barbaren genug sind, um den Titel von Kulturkämpfern zu verdienen, sondern degenerierende Zivilisationsmenschen, wie die übrigen occidentalen Nationen, von denen sie nur dadurch unterschieden sind, daß jene den Gipfelpunkt ihrer Kultur schon seit mehreren hundert Jahren überschritten haben, während die Deutschen den Zustand des Feudalismus noch nicht hinter sich haben, und daher ihnen die beste Gelegenheit gegeben ist, direkt aus dem Feudalismus in den Zustand der neuen Kultur überzugehen. Daher entstammen auch die größten Kulturphilosophen der deutschen Rasse: Goethe und Nietzsche geben uns die Grundlagen dieser neuen Kultur der Zukunft, die uns alle großen Musiker von Bach bis Beethoven, die auch nicht zufällig alle der deutschen Nation entstammen, in ihrer Musik ahnen lassen.

Nun wollen wir die Frage beantworten: „Was ist Kultur, was ist Zivilisation?“

Um eine richtige Erklärung der Vorgänge innerhalb des menschlichen Lebens geben zu können, ist es unerläßlich notwendig, den Menschen on allen seinen Beziehungen zur Natur zu betrachten, da die einzelnen Erscheinungen des Lebens niemals für sich allein eine abgeschlossene Erscheinung bedeuten, sondern vielmehr jede einzelne Lebensäußerung immer nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtleben darstellt, bedingt von unendlich vielen abgelaufenen und gleichzeitig ablaufenden Lebensprozessen und zugleich wieder Ursache von anderen. Die Einsicht in diese Wechselbeziehungen der Naturvorgänge gibt uns nun die moderne Wissenschaft, weshalb wir also auf ihre Errungenschaften immer zurückgehen müssen, wenn wir einen wirklich klaren Gedanken fassen wollen. Wir dürfen niemals in einen Widerspruch mit diesen naturwissenschaftlichen Erfahrungen und Gesetzen kommen, ohne uns bewußt zu sein, daß entweder diese erkannten Gesetze falsch sind, oder wir einen Fehlschluß gezogen haben. Nach dem Stande der Wissenschaft stellt sich der Mensch, genau wie jedes andere Naturprodukt, als die Erscheinungsform einer bestimmten Anzahl von Substanzmolekülen dar, um mit Ernst Häckel zu sprechen; oder, wenn wir die neueren Hypothesen über Energetik und die Elektronen- und Ionen-Theorie heranziehen, erscheint uns der Mensch als Teil der Natur, wie die ganze Natur, als der Ausdruck der Wechselwirkung der beiden Erscheinungsformen der Allkraft, in denen sie sich der menschlichen Erkenntnis zugänglich macht: die lebendige, aktuell wirksame, -auch virtuelle oder kinetische genannt -und die aufgespeicherte -potentielle oder latente- Energie, die als das Resultat geleisteter Arbeit für neue Arbeitsleistung zur Verfügung steht. Alles Entstehen und Vergehen der Formen in der Natur ist also nur der ewige Wechsel dieser beiden Kraftformen, der auch das Leben bildet, wo die lebendige Kraft als der Fortpflanzungstrieb, die potentielle Energie als Selbsterhaltungstrieb in Erscheinung tritt. Diese beiden Triebe beherrschen also nicht nur unser Leben, sie machen vielmehr unser Leben und nicht nur unser Leben, sondern das Leben überhaupt aus.

Das innerste Wesen der Kraft kennen wir nicht, ebensowenig, wie wir „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Daher kennen wir auch den Zweck und die Aufgabe unseres Lebens für das Gesamtgeschehen der Natur nicht. Wir können die Existenz eines Gottes nicht beweisen, wir können die Möglichkeit des Vorhandenseins einer höheren Ursache unserer Existenz nicht leugnen, wir müssen sogar bei unserem ausgesprochen logischem Kausalitätsbedürfnis eine solche annehmen. Wie dem aber immer sein möge, wir müssen die beiden Instinkte als das innerste Wesen unseres Lebens ansehen, und deshalb muß es klar sein, daß der Zweck unseres Daseins nur dadurch erreicht werden kann, daß wir uns diesen beiden Instinkten anvertrauen und uns von ihnen unbedingt führen lassen. Also können wir sagen, daß der Zweck unseres Daseins nur die Stärkung und Höherentwicklung dieser beiden Triebe sein kann.

Eine derartige Forderung wird nun im allgemeinen nicht angenommen, aber dennoch werden auch die Furchtsamen ihre Angst bald verlieren, wenn sie nur ein wenig klar darüber nachdenken, wohin diese beiden Triebe die Menschheit tatsächlich führen. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt den Menschen dazu, die Natur und ihre Kräfte zu studieren, um die Gefahren vermeiden zu können, von denen er in jedem Augenblick bedroht wird. Man bedenke nur, daß die ganze Heilzunft nur den einen Zweck hat, den Menschen gegen die Gefahren der umgebenden Natur zu schützen, und daß die Biologie, jene Wissenschaft von der Entstehung und Entwicklung des Lebens nicht aus dem Wunsche geboren ist, das Geheimnis der Natur zu erforschen, sondern aus dem Bedürfnis, die Bazillen kennen zu lernen, die den Menschen krank machen und töten, oder die Hefepilze, die uns das Bier und den Wein bereiten, der unseren Durst auf so angenehme Weise vertreibt.
Ich will sagen: Die ganze Wissenschaft entspringt ursprünglich dem Wunsche der Menschheit, sich vor den Gefahren zu schützen, die seine Fortexistenz bedrohen, oder, vom Gesichtspunkt des Individuums aus gesprochen: sie entspringt dem Selbsterhaltungstrieb. Für die Technik erübrigt sich ein besonderer beweis für ihre Entstehung aus diesem Trieb als selbstverständlich, denn die ganze Technik hat doch keinen anderen Zweck, als das Leben erträglicher zu machen. Also sehen wir, wie der Selbsterhaltungstrieb Wissenschaft und Technik gebiert, daß also gerade diese beiden Faktoren, die den Ruhm und Erfolg unserer Zeit ausmachen, dem allgemein so viel geschmähten Selbsterhaltungstrieb entstammen.

Aber dies ist nicht die einzige Folge: Um wissenschaftlich arbeiten, um technisch produzieren zu können, müssen die Menschen sich sozialisieren. Der einzelne Mensch kann nicht alles produzieren, was er zur Befriedigung seiner Wünsche und Bedürfnisse braucht. Gewiß produziert der gesunde starke Mensch mehr, als er selbst braucht, aber dennoch sind seine Bedürfnisse so vielgestaltig, daß er unmöglich alle Fähigkeiten besitzen kann, um die Mittel zur Befriedigung derselben alleine herbeischaffen zu können. Je mehr die Entwicklung der Technik uns lehrt, daß wir maschinell besser produzieren als mit der Hand, um so mehr erkennen wir, daß eine Arbeitsteilung unumgänglich notwendig ist. Um eine solche Arbeitsteilung durchführen zu können, müssen sich die Menschen über gewisse Regeln und Gesetze einigen, nach denen das Zusammenleben einzurichten ist; weil sonst die menschliche Gesellschaft nicht bestehen kann. So entstehen die sittlichen Grundgesetze aus dem Egoismus, da doch der Selbsterhaltungstrieb der Ausdruck des Egoismus ist. Die ist der Zustand der heutigen Gesellschaftsorganisation. Die Menschen betrachten ihre Beziehungen zu denen, mit denen sie zusammenleben, nur unter diesem Gesichtswinkel des Arbeitsvertrages, so daß die sittliche Grundlage der Menschen das Strafgesetzbuch der verschiedenen Länder ist. Daher sehen wir auch, wie die Stärksten, diejenigen, welche genügend Mittel haben um den Nachbar oder Konkurrenten zu unterdrücken, sich um keinerlei Sittengesetze kümmern, sondern nur an ihren persönlichen Vorteil denken, wie z.B. die Großfinanziers aller Länder.

Ich behaupte aber nun, daß auch die andern, die von Altruismus, Nächstenliebe usw. sprechen, nichts anderes tun, und daß der einzige Unterschied zwischen diesen und jenen darin besteht, daß das Individuum der großen Masse nicht stark genug ist, um den Kampf mit dem Leben nicht alleine aufzunehmen und durchkämpfen zu können, deshalb Rücksicht auf den Nachbarn nehmen muß, und nun den Altruismus predigt. Aber der Altruismus ist deshalb unmöglich, weil er das Recht des Menschen ganz unterdrückt, und ihn immer wieder zwingt, entsprechend den Wünschen der anderen zu handeln, anstatt den Bedürfnissen des eigenen Körpers gemäß; aber diese Bedürfnisse, welche wir fühlen und wissen, sind sicherlich das Einzige, das wir kennen können. Und deshalb müssen diese Bedürfnisse die Grundlage unserer Handlungen sein.

Die Schuld an dem Widerspruch, welcher hier erscheint; daß ich erstens behaupte, daß der Egoismus zum Untergang der Gesellschaft führt, welche ich als unbedingt notwendig erachte, und dann beweise, daß der Egoismus die natürliche Grundlage unserer Handlung sein muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß wir bis jetzt nur den einen Instinkt betrachtet haben; denn gerade die Wechselwirkung der beiden Instinkte verhindert, daß der Einzelne diejenigen Grenzen überschreitet, die durch die Rücksicht auf die natürliche Höherentwicklung der Menschheit, ja des Lebens überhaupt, gezogen sind. Während nämlich der Selbsterhaltungstrieb das Individuum in das Zentrum des Lebens stellt, entwertet es der Fortpflanzungstrieb vollständig zum Mittel für die Erhaltung und Fortzeugung des Lebens. Der ursprüngliche Zweck des Individuums ist nur diese physische Erhaltung des Lebens, denn das Individuum ist sterblich und lebt nur wenige Tage, während das Leben unsterblich ist, -es währt bis jetzt Hunderte von Jahrmillionen auf der Erde; und jetzt sehen wir, wie dieser Instinkt stärker ist, als der andere. Wir sehen nicht nur, wie Insekten bei der Zeugung sterben, wir sehen auch, daß die meisten Tiere jede Vorsicht verlieren, wenn sie von der Brunst oder der Sorge um die Brut beherrscht werden. Auch der Mensch wir von der Liebe zu den größten Handlungen deren er fähig ist, emporgetrieben. Die Liebe, der suxuelle Orgiasmus lehren uns, daß wir in unserem Körper und, wenn man will, in unserer Seele Kräfte besitzen, welche das gewohnte alltägliche Maß überschreiten. Mit und durch die Liebe wachsen wir, die Liebe läßt uns die Vorahnung des hohen Glückes empfinden, daß in dem Bewußtsein liegt, ein höheres Ziel im Leben erreichen zu können als die Befriedigung der aus dem Selbsterhaltungstrieb geborenen Wünsche für das ach! So erbärmliche Alltagsbehagen.

Im allgemeinen können wir durch Worte nicht erklären, was uns die Liebe empfinden läßt, und deshalb fand die Menschheit ein anderes Ausdruckmittel für diese Empfindungen: Die Kunst. Mit der Melodie seines Musikwerkes, durch die in seinem Drama oder seiner Erzählung geschilderten Charaktere, durch den Ausdruck des Gesichts seiner Statue oder Malerei, erzählt uns der Künstler, was die Liebe ihn hat fühlen lassen. Beim Hören, Lesen und Sehen solcher Kunstwerke werden diese großen Empfindungen, die wir ursprünglich durch die Liebe und den sexuellen Orgiasmus kennen gelernt hatten, wieder wach gerufen. Und tatsächlich bilden diese Empfindungen unseren Maßstab, ein Kunstwerk zu bewerten, so daß nur der Mensch sein eigenes Urteil über ein Kunstwerk besitzt, welcher diese Empfindungen kennt. Aber diese gespannten Zustände unseres Gefühlslebens sind nicht stetig, sondern steigend und fallend, und das, was schließlich zurückbleibt, ist nur eine Erinnerung an jene Zustände der Entzückung. Jetzt sehen wir, daß der Erfolg der Wirkung des Fortpflanzungstriebes tatsächlich derselbe ist, wie der, den die Kunst hervorruft. Nur müssen die Menschen ästhetisch genügend vorgebildet sein, um das verstehen zu können.

Was ich vorher von der Ethik als Arbeitsvertrag gesagt habe, das gilt sicher auch von der Kunst. Hat ein Mensch erst einmal die Schönheit, Tiefe und das Entzücken symphonischer Musik kennen gelernt, so wird er leichter auf alle Bequemlichkeiten verzichten, welche die Technik dem täglichen Leben bringt, als auf diese Musik; und jetzt sehen wir, daß die Kunst die Menschen fester vereint als die Technik, weil die, durch die Kunstwerke ausgelösten Empfindungen unvergleichlich viel höher sind als die, welche die Technik hervorzurufen imstande ist. Aber auch über die rein tierische Geschlechtsbetätigung trägt schließlich die Kunst den Sieg davon, denn die Auslösung dieser Empfindungen durch die Kunst hat nicht jene Ermattungszustände zur Folge, die uns das Verweilen auf den Gipfeln der Erregung verbieten; vielmehr hält uns die Kunst, solange wir ihre Werke genießen, auf dieser Höhe, wodurch sie uns gerade stärker macht, und höheren und immer höheren Entwicklungszuständen unser Gesamtpersönlichkeit entgegenführt. Auf diese Weise ist sicher das ethische Band, das Menschen mit gleichem Kunstbedürfnis vereinigt, viel stärker und wirksamer, als der zur Herbeischaffung der Mittel zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse abgeschlossene Arbeitsvertrag; und deshalb ist die ethische Wirkung der Kunst, d.h. des veredelten, verfeinerten, vergeistigten Fortpflanzungstriebes, viel größer und dauerhafter, als die ethische Wirkung des Arbeitsvertrages.

Hier sehen wir, daß die Quelle jedweder kleinsten oder größten Gesellschaft der Egoismus ist; aber ein wahrer Egoismus, welcher wirklich das höchste Entzücken und Genießen der Persönlichkeit fordert. Um also den höchsten Allgemeinzustand, die festeste Grundlage, die sicherste Fortentwicklung einer Gesellschaft zu erreichen, ist es notwendig, daß jedes einzelne Gesellschaftsmitglied die Wirkung und Wichtigkeit dieser beiden Instinkte nicht nur für sein persönliches Leben, sondern auch für die Entwicklung des Lebens im allgemeinen genau kennt. Dann werden wir gezwungen sein, diese beiden Instinkte zu einem möglichst hohen Zustand zu entwickeln; und ein solcher Zustand der gleichmäßigen Entwicklung und Ausbildung beider Triebe ist der Zustand der wahren Kultur, während die einseitige Ausbildung der Technik und Wissenschaft, und die Unterdrückung des Fortpflanzungstriebes mit seinen ästhetischen und ethischen Wirkungen uns zum Zustand einer Zivilisation führen, wie wir ihn leider! heute zu leben gezwungen sind.

Der wahre Sozialismus, welcher fordert, daß jeder Mensch seine Kräfte und Fähigkeiten, die ihm die Natur gegebenen hat, ausnutze, um Werte zu schaffen, daß er nehme, was er für sein Leben braucht, und daß er von seinem eigenen, genügend durch- und ausgebildeten gewissen regiert wird, ist ein solcher wahrer Kulturzustand. Deshalb sage ich: „Wir haben gesehen, daß die Hingabe an unsere natürlichen Instinkte uns zu immer höheren Zuständen des Lebens führt. Wir haben einen Gesellschaftszustand erkannt, welcher eine derartige Entwicklung der einzelnen Persönlichkeit, d.h. dieser natürlichen Instinkte, sicher stellt. Also, legen wir den Grund zu dieser Gesellschaft, bauen wir sie auf, und wir bauen die neue Kultur auf; sie ist in uns, in jedem Individuum- zeigen wir sie.

Filareto Kavernido

Kulturkampf statt Klassenkampf

Heft 3 der Mitteilungsblätter aus Zarathustras Höhle
Transkript

MB3_kult_statt_klass_deckblatt_HD_1


Deckblatt-Innenseite mit programmatischen Grundlinien; d.Red.:

La Kaverno di Zaratustra,

jener Höhle Zaratustras mit ihren Seiten- und Hinterhöhlen, in der die Irrenden und Schweifenden, die Ausgestoßenen und Davongelaufenen sich zum höheren Menschen zusammensetzen.

  1. Die in einer Stadt lebenden Gesinnungsgenossen schließen sich zu einer kommunistischen Gruppe zusammen zum Zwecke des gemeinsamen Mietens von Wohnungen, des gemeinsamen Einkaufs von Lebensmitteln und der Befriedigung sonstiger Bedürfnisse.
  2. Das hierzu erforderliche Geld wird zunächst in gewohnter Weise verdient.
  3. Das durch die kommunistische Lebensweise ersparte Geld wird zur Einrichtung eigener Werkstätten, sowie zur Anlegung von Gärtnereien, Kleinvieh- und Geflügelzüchtereien und Landwirtschaften verbraucht.
  4. Auf diese Weise gelingt es, allmälig mehr und mehr Kameraden aus dem heutigen Produktionsprozeß herauszuziehen und ganz auf den anarcho-kommunistischen Boden zu stellen.
  5. Ferner gewähren derartige Betriebe die Möglichkeit der Anlegung von Gelegenheits-Hilfs-Industrien, wie z.B. die Herstellung von Kleinholz oder kunstgewerbliche Betätigung.
  6. Durch Bildung kleinerer Gruppen, die auf der vorher geschilderten wirtschaftlichen Basis zusammenarbeiten, wird die Kasernierung unmöglich gemacht.
  7. Sämtliche Gruppen die sich irgendwo gebildet haben, schließen sich zu einer anationalen Organisation zusammen, die so eine auf streng kommunistischer Grundlage aufgebaute Konsumptions- und Produktionsgemeinschaft darstellt.
  8. Die einzige Autorität ist die Vernunft des Einzelnen, das einzige Zwangsmittel die Liebe des Schaffenden.

Haupttext:

KULTURKAMPF STATT KLASSENKAMPF

„Der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse“.

Dieser Satz ist die unveränderliche Grundlage der meisten, die berufsmäßig oder aus Neigung über den Sozialismus denken, schreiben oder sprechen. Um aber gerecht zu sein müssen wir feststellen, dass gerade die Dilettanten, welche keine offizielle Stellung in der sozialistischen Bewegung haben, nicht so eigensinnig an diesem Dogma festhalten, als jene Berufskämpfer, welche von derselben als ihre Funktionäre leben. Nun habe ich gefunden, daß diese Funktionäre von ihren Arbeiten derart eingenommen sind, daß sie keine Zeit haben, ihre Kenntnisse vom Sozialismus zu vervollkommen, weshalb sie auf ihrem Standpunkt von vor vierzig Jahren beharren. Der wahre Grund dieses Verharrens aber ist ein psychologisches Motiv, das in der Konstruktion der großen zentralisierten Massenorganisation begründet liegt. Um diesen Satz zu begreifen, müssen wir die Entwicklung der Menscheit und sogar die Entwicklung des allgemeinen Lebens betrachten, da die augenblicklichen Gesellschaftszustände nur die Konsequenzen früherer Entwicklungszustände darstellen.

Da sehen wir denn, wie in diesem Entwicklungsprozeß tatsächlich immer die Umgebung neue Zustände des Lebens schafft. Betrachten wir die Tiere, die durch die Aenderung des Verhältnisses von Wasser und Land auf der Erde gezwungen werden, die Umgebung, in der sie ihr Leben verbringen, zu ändern, wie sie die Formen ihrer inneren und äußeren Organe umwandeln: die Kiemen verwandeln sich in Lungen, die Flossen in Füße, die Füße später in Hände, wenn sich die Tiere daran gewöhnen auf Bäumen zu leben; wir sehen sogar, wie Hände und Füße sich wieder in Flossen zurückverwandeln, wenn die Säugetiere gezwungen werden, durch das Untergehen ganzer Erdteile, im Wasser zu leben, wie z. B. die Waltiere. Diese Kenntnisse sind das Resultat der Arbeiten Darwins; und die Züchtung neuer Arten experimentiert heutzutage mit Mitteln, die sich aus diesen Erkenntnissen ergeben. Nun ist es sicher richtig, den Menschen nur als eine besondere Tierart, und nicht als irgend etwas anderes zu betrachten: aber wir sehen, daß seine Bedürfnisse so wechselvoll sind, daß er keine Zeit hat, während hunderttausenden von Jahren neue Organe zu bilden, um seinen Körper einem solchen Bedürfnis anzupassen. Deshalb hat der Mensch ein Organ, welches ihn befähigt seine Organe zu vervollkommen und den neuen Bedürfnissen durch Maschinen, Mikroskope, Teleskope, usw. gerecht zu werden,das ist die Vernunft. Die Vernunft ersetzt das Bilden neuer Organe für die Bedürfnisse, aber sie selber ist sicher ein neues Organ, und zwar ein körperliches, denn sie liegt in den Zellen des Vorderhirnes.

Die Reize, die von der Umgebung aus den Menschen treffen, werden durch die Aufnahmeorgane unseres Nervensystems, – Auge, Ohren, u.s.w. – in das gehirn weitergeleitet, wo sie sich in den verschiedenen Teilen der Groß- und Vorderhirnrinde unter Bildung bestimmter Zellen eindrücken. Diese Zellen sind nun untereinander in der vielfältigen Art durch Verbindungsbahnen, sogenannten Associationsfasern verbunden. Trifft nun ein Reiz eines unserer Sinnesorgane, so wird entweder sofort die Erinnerung an den ersten Eindruck diesesselben Reizes wieder wachgerufen, oder es werden diejenigen Associationsfasern in Tätigkeit gesetzt, die aus ähnlichen Reizen entstandenen Zellen miteinander verbinden. Hierdurch gewinnt der Mensch die Fähigkeit schnell auf äußere Reize zu reagieren, und diejenigen Entscheidungen zu fassen, die die Situation von ihm erfordert.

Also sehen wir, daß tatsächlich der Mensch das Resultat der äußeren Zustände der Umgebung ist, in der er leben muß, und von denen die Fortentwicklung der Menschheit bestimmt wurde und wird; aber wir dürfen nicht vergessen, daß diese Entwicklung nicht nur Magen und Hände sondern die Vernunft umgreift, und daß diese Vernunft uns die Möglichkeit gibt, neue Gesellschaftszustände zu erkennen, ja, daß diese Vernunft uns sogar dazu führen kann, solche neuen Gesellschaftsorganisationen aufzubauen, die nun ihrerseits bestimmt wieder unsere Vernunft verändern werden. Denn die Gesellschaftsorganisationen der Menschheit, oder besser gesagt einzelner Gruppen der Menschheit – die Menschheit existiert ja leider noch nicht – ich sage, die G esellschaftsorganisationen sind Produktionsmittel, gleichsam Maschinen. Die Aenderung unserer Bedürfnisse zwingt uns zur Umgestaltung des Produktionsprozesses; die Verbesserung dieses Prozesses, die Möglichkeit neue Artikel zu produzieren, neue Erfindungen zu machen, schafft neue Bedürfnisse, für deren Befriedigung konstruiert werden müssen. Und wie eine Maschine beim ersten Versuch nicht ganz vollkommen konstruiert werden kann, wie wir oft während der Konstruktion sehen, daß eine maschine nicht richtig gezeichnet ist, und das die Praxis mit der Theorie nicht übereinstimmt, und wie wir sicherlich nun diese Konstruktion nicht vollenden werde, sondern die Theorie nach den gemachten Erfahrungen berichtigen, ebenso müssen wir auch beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsorganisation verfahren. Der Wunsch, neue Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zu schaffen, zwingt uns zur Organisation von Gesellschaften, da die Bedürfnisse des einzelnen zu vielgestaltig sind, um vom Einzelnen allein befriedigt werden zu können. Aber diese Organisation selbst, diese Zusammenleben schafft immer neue Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die Gesellschaft nicht mehr ausreicht. Jede Organisation erzieht uns zur Höhe ihres eigenen sittlichen Standpunktes, haben wir diesen erreicht, so erfassen wir im Geiste einen neuen höheren, dessen Erfassen nun ein neues Bedürfnis, ein neues Ziel für uns darstellt. Die dauernde Vorerkenntnis derartiger neuer Zustände ist die Arbeit der Vernunft, und so erkennen wir, daß die Vernunft in unserm Leben die Rolle des theoretischen Zeichners in der Technik spielt. Dann kommt der praktische Konstrukteur, und zeigt uns die Irrtümer der Theorie. Das ist die richtige Interpretation des historischen Materialismus. Wir können und wollen nicht leugnen, daß der Mensche eine Vernunft besitzt, daß diese Vernunft unser Handeln und die Gestaltung unserer äußeren Lebensumstände beeinflussen kann; also benutzen wir sie!

II.

Diese Beziehungen zwischen ihrer Vernunft und den ökonomischen Zuständen begreifen nun die Menschen nicht klar genug, und deshalb sind sie so wenig imstande ihre Vernunft zu gebrauchen. Sie können es nicht fassen, daß niemals endgültige Dauerzustände existieren, wie überhaupt nichts existiert, sondern alles in jedem Augenblick entsteht und vergeht. Die Entwicklung des Lebens geht in der Richtung, daß immer mehr einfachste Formen sich zu komplizierten Gebilden zusammenschließen: einzelne Zellen bilden Gewebe, die Gewebe differenzieren sich zu Organen, mehrere Organe setzen sich zu einem Individuum zusammen, und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zeigt uns, wie immer mehr und mehr Menschen sich in Gruppen vereinen, wie sich die Familie zur Geschlechtsgemeinschaft, mehrere Geschlechtsgemeinschaften zum Volk, mehrere Völker zum Staat verbinden. So gewöhnt sich der Mensch daran sich selbst und die anderen nur als Gruppenmitglied, aber niemals als Individuum zu betrachten. Die Erzählung von jenem griechischen Philosophen, welcher auf die Frage nach seiner Nationalität antwortete, ich bin ein Kosmopolit, d.h. ein Weltbürger, ist eine heitere Anekdote von einem Phantasten, der nicht ernstgenommen werden darf.

In alten Zeiten, als diese Gruppen noch klein waren, als sie entstanden aus demselben Milieu, den gleichen Gefahren des Klimas, des Bodens und der umgebenden Völker, waren diese nationalen Gruppen berechtigt, da sie natürlich waren. Heute aber sind aber diese Nationen nicht mehr auf diese natürlichen Zustände gegründet, sondern das Überbleibsel dem Zufall unterworfener Kriege, von Erbverträgen der Besitzenden und Herrscher. Dies tiefere Verständnis für das Wesen unserer heutigen „Nationen“ hat uns gelehrt, in immer steigendem Maße nicht national zu denken, und dennoch sind die Zeiten der chauvinistischen Verhetzung der Köpfe von 1914 noch nicht ganz verschwunden. Die internationale Politik der sozialistischen Parteien setzt noch immer die Nationen voraus. Lenin ist mit seinen Bestrebungen um die Erhaltung des russischen Reiches der schlagende Beweis dafür, daß auch die fortgeschrittensten Führer der heutigen Menschheit zur Zukunft noch vollständig in der Ideologie des nationalistisch kapitalistischen Gesellschaftsaufbaus stecken. Sehen wir uns die Verhältnisse der Nationen, die sich in diesem Krieg gegenübergestanden haben, näher an: die deutsche Nation setzt sich zusammen aus Dänen, Polen und Franzosen, und sicher ist der Unterschied zwischen einem bayrischen Bergbewohner und einem friesischen Bauern größer als zwischen diesem Friesen und einem Landmann in Südengland. Trotzdem kämpfte der Bayer zusammen mit dem Friesen gegen den Engländer, der Lothringer kämpfte S chulter an Schulter mit dem Ostpreußen gegen den Franzosen! Das ist widernatürlich, wenn wir den Nationalitätsgedanken über den Rahmen der Wirtschaftsvereinigung hinaus beibehalten würden.
Die gleichen Zustände herrschen im Kampf der wirtschaftlichen Gewalten. Man spricht von Klassen, von der Arbeiter- und der Bourgeoisklasse, und man sieht nicht, daß solche Klassen im Augenblick vielleicht existieren, aber ganz sicher nicht als Klassen. Die Interessen des kleinen Kaufmanns, welcher einen Laden in irgend einem Winkelgäßchen hat, sind nicht dieselben wie die des Besitzers eines Riesenkaufhauses mit Filialen in allen Städten. Die Interessen eines Mitglieds eines industriellen Riesentrustes unterscheiden sich ungeheuer von den Interessen des Kleinfabrikanten. Die großen Truste und Warenhäuser richten tausende und abertausende von kleinen Kapitalisten zugrunde, und zwingen sie, als Angestellte und Sklaven dem Großkapital zu dienen. Der Bund der Landwirte hat jahrzehntelang eine Hochschutzzoll-Politik getrieben, die es dem Kleinbauern unmöglich machte das Futter für sein Schlacht und Milchvieh zu kaufen, das er bei dem geringen Grundbesitz nicht selbst ziehen konnte.

Wir sehen also, daß wir nicht von einer einheitlichen bourgeoisen Kapitalistenklasse sprechen können, die von Einem Gedanken und Einer Seele beherrscht wird.

Dieser Unterschied zwischen den Interessen der einzelnen Mitglieder derselben Klasse besteht nicht nur in der wirtschaftlichen, sondern auch in der intellektuellen Sphäre. In der Bourgeois-Klasse finden wir viele Individuen, welche nichts kennen, als die stupidesten Zerstreuungen durch Kartenspiel und Saufen, eine Unterhaltung über ihre Beschäftigungen und die Weiberfrage, d.h. galante Abenteurer, oder die Erscheinung der pornographischen Literatur, die ihnen Gelegenheit gibt, neue Zoten und Schweinereien zu erfinden. Spricht man mit solchen

Menschen über ethische oder ästhetische Fragen, so lächeln sie oder lachen auch laut über den verrückten Idealisten. Und die Menschen sind nicht Arbeiter, denen es an der Zeit zum Lernen gefehlt hätte, sondern ich spreche von Menschen, die Studiert haben, von Doktoren und Professoren, von Menschen, welche die Höhe des modernen Unterrichts erreicht haben. Andrerseits finden wir sicher in der Bourgeois-Klasse Menschen, welche diese Mißverhältnis zwischen unserer geistigen Ausbildung und unserem ethischen Tiefstand sehen und fühlen, und welche sich bemühen, eine neue ethische Basis für unser leben aufzubauen. Aber auch diese können die Zusammenhänge zwischen der ökonomischen und ethischen Frage nicht sehen, auch sie können nicht erkennen, daß die Fehler der jetzigen Gesellschaft auf der Unrichtigkeit des kapitalistischen Systems beruhten, und nur einige wenige Individuen, die hervorgegangen sind, aus denselben sozialen Zuständen, denselben Schulen, demselben Milieu, erfassen diese Beziehungen, und von diesen wenigen wiederum nur sehr sehr wenige sind imstande die Konsequenzen ihrer Erkenntnis zu ziehen. Was ist nun die Ursache dieser Erscheinung. Das ist die Tatsache, daß die Menschen nicht gleich sind, daß sie sich in Körper- und Geisteskräften unterscheiden, daß es nicht eine Menschheit gibt, sondern eine Masse unendlich vieler äußerst verschiedener Individuen, welche nur in Bezug auf die äußere Erscheinungsform ihres Körpers gleich sind die ihnen den Titel Mensch verleiht. Aber wirklich innerlich in Bezug auf den Bau des Gehirnes, in ihren Muskel- und Nervenkräften, die allein das wahre Wesen des Menschen, des Individuums ausmachen, unterscheiden sie sich weitgehendst.

Was ich hier von der Bourgeoisie-Klasse gesagt habe, gilt in genau der gleichen Weise auch von der Arbeiter-Klasse. Auch hier haben wir nicht eine einheitliche Klasse, gleichsam Einem Körper und Einer Seele, auch in dieser Klasse sind Interessengegensätze unter den Arbeitern genau so vorhanden, wie wir es soeben von den Interessen innerhalb der Bourgeoisie-Klasse gesehen haben. Denn in der Arbeiterklasse finden wir womöglich noch größere Unterschiede in Bezug auf die intellektuelle Ausbildung der einzelnen Klassengenossen als dort. Wir finden noch sehr viele Arbeiter, welche nicht sehen, daß der Arbeiter ohne den Kapitalismus leben kann, wir finden Sozialdemokraten, wir finden Anarchisten, sie alle gehören zur Arbeiterklasse, aber sie bilden nicht eine Klasse. Der Arbeiter ist ein rein wirtschaftlicher Begriff, und deshalb ist da Dogma von den Klassen nur auf dem Boden des historischen Materialismus gewachsen. Der Materialismus ist falsch, sowohl der philosophische, als der physikalische, als auch vor allem der historische; denn wir können die Materie von der Energie nicht trennen, den Körper nicht von der Seele. Es ist unmöglich die menschliche Entwicklung nur materialistisch zu betrachten, ebenso wie die rein geistige Betrachtungsart nicht richtig ist, sondern wir müssen begreifen, daß die Entwicklung ein äußerst komplizierter Prozeß ist, der gebildet wird durch das Zusammenwirken der verschiedensten und verschiedenartigsten, oft genug einander entgegengesetzten Ursachen. Um aber richtig und gerecht über irgendeine Entscheidung urteilen zu können, muß man alle Ereignisse und Ursachen in Betracht ziehen, welche diesen Zustand herbeigeführt haben. Die Vereinfachung der Probleme ist ja für den Studierenden sehr angenehm, aber sie ist wissenschaftlich und philosophisch verkehrt und kann keine Resultate liefern.

III.

Ich wiederhole immer wieder: wir müssen den Menschen als Naturprodukt betrachten, und nur als solches; wir müssen wissen, daß für das Leben des Menschen keine anderen Gesetze gelten, als in der gesamten übrigen Natur, daß der Mensch auch hier eine Erscheinung der beiden Kraftformen, der aufgespeicherten und der lebendigen Kraft darstellt. Diese beiden Kraftformen stellen sich im Individuum dar, und wir sehen nun zwei Typen von Menschen, beim ersten Typ ist die lebendige Kraft stärker, beim zweiten kleiner und schwächer als die aufgespeicherte; daher ist der erste Typ lebhaft,

SEITE 12/13 FEHLEN

lich nebeneinander leben, aber sie können nicht miteinander arbeiten, sie können eine Basis finden, auf der sie austauschen können, was sie von ihren Produkten selbst nicht brauchen, und ich bin überzeugt davon, daß der Schwache bei einem derartigen Austausch in einer freien Gesellschaft nicht schlecht fahren wird. Die beiden Typen können über einen Gesellschaftszustand diskutieren, der jedem Individuum die Möglichkeit gibt, nach seinen eigenen Fähigkeiten und körperlichen bedürfnissen zu leben, ohne daß der eine die Freiheit des anderen stört, aber niemals können sie über die Mittel streiten, mit denen ein solcher Zustand erreicht werden soll. Das folgende Gleichnis wird noch klarer machen, was ich sagen will.

Mehrere Menschen wollen zusammen einen Ausflug in die nächste Stadt machen; die einen haben ein Automobil, die anderen einen kleinen Karren mit einem Klappergaul davor. Was können sie tun? Es wäre lächerlich, wenn die zweiten verlangten, daß die Automobilisten nur so langsam führen, als ihre Mähre laufen kann, denn das wäre eine Plage für die Automobilisten, würde viel zu viel Brennstoff und Maschinenkräfte verbrauchen, und den zweiten nicht den geringsten Vorteil bringen. Andererseits wäre es gleich lächerlich, wenn die Automobilisten verlangen wollten, daß die anderen ihren Karren hinten am Automobil anbänden, und das Pferd zu hause ließen, Der Karren würde, so wie das Automobil nur seine halbe Geschwindigkeit entfaltete, sehr schnell in tausend Stücke gehen. Die einzige Lösung diese Problems kann nur die sein, daß sie gemeinsam die Stadt verlassen, die Automobilisten gleich nach ihrer Ankunft das Diner bestellen, sodaß nun die Wagenfahrer bei ihrer Ankunft den Tisch gedeckt, die Stühle bereit finden, und nur nötig haben, sich niederzusetzen und mit dem Essen zu beginnen.

Das ist meine Forderung an alle fortschrittlichen Elemente. Wir wollen den nächsten Zustand der Menschengesellschaft erreiche: wohlan gehen wir jeder so schnell, als seine Fortbewegungsmittel ihm das gestatten. Wir kennen das Ziel des Weges: ich sagte in meinem Aufsatz über „Kultur und Zivilisation“, daß das Ziel unseres Lebens die Erhöhung und die Kräftigung unserer Instinkte, d.h. der Aufbau eines wahren Kulturzustandes der Menschheit sein soll. Also noch einmal: gehen wir jeder so schnell wie möglich, keiner versuche den Marsch des Stärkeren aufzuhalten, keiner versuche den Schwächeren derartig anzutreiben, daß dieser gezwungen wäre, seine Kräfte zu überschreiten. Die Stärkeren werden die Ersten sein, sie werden den Tisch vorbereiten, sie werden den Weg klar machen, indem sie die größeren Steine beiseite schaffen und die Löcher ausfüllen. Auf diese Weise wird jeder seine Kräfte gebrauchen, um möglichst gut auf den neuen Kulturzustand der Menschheit losgehen zu können, während der jetzige Kampf unsere Kräfte wertlos verbraucht. Laßt uns unsere Augen gerade auf das Ziel vor uns richten und nicht zur Seite! Ich bin ein Fatalist und glaube mit aller Bestimmtheit, daß die Menschheit durch die Kräfte der Natur zu diesem neuen Kulturzustand aufsteigen wird, den wir jetzt als den sozialistischen Zustand sehen, und ich weiß, daß all diese Klassenkämpfe, all diese Kämpfe zwischen Sozialdemokraten, Anarchisten, Revolutionären und all jenen Zwischenmitgliedern und Mischungen dieser Dogmen und Gesichtspunkte nur ein Mittel der natürlichen Entwicklung sind, um unsere Vernunft zu höherer Entfaltung zu bringen. Das war notwendig, solange unsere Vernunft noch nicht genügend unterrichtet war, um uns den neuen Kulturzustand erkennen zu lassen. Jetzt können wir diesen Zustand erkennen, deshalb sage ich, wir müssen probieren, ihn zu erreichen, deshalb nenne ich mich selbst „Probist“ und fordere: handelt und schwankt nicht nur! Deshalb rufe ich: probiert! werdet probisten! gebraucht Eure Kräfte, um eine neue Kulturgemeinschaft aufzubauen, dann wird die jetzige verfaulte Gesellschaft von selbst sterben. Kämpft den Kulturkampf statt des Klassenkampfes.

Filareto Kavernido

Zahlenstärke und Zusammensetzung der Kommune

Analyse aus den Artikeln in „L’en Dehors“ zwischen 1926 und 1933 und anderen Quellen und Berichten

Von Santiago Tovar

Aus den Berichten in der anarcho-kommunistischen Zeitschrift „L’en Dehors“ von und über Filareto Kavernido und aus anderen Veröffentlichungen haben wir einige Angaben über die schwankenden Mitgliederzahlen der Kommune ausgesucht. Diese Berichte enthalten ausserdem viel interessantes Material über das Leben in der Kommune und die praktische Umsetzung der theoretischen Ansichten – die Organisation, die Erziehung, die sexuelle Freiheit, die Wirtschaft, die Auseinandersetzungen usw. Die Auswertung des gesamten Materials, etwa 10 Berichte und Nachrichten, die einige Korrekturen der bis jetzt angenommenen Angaben mit sich bringt, ist nach und nach erfolgt. Die meisten hier verwendeten Angaben stammen aus den Briefen und Berichten von Filareto Kavernido selbst, welche zum grossen Teil in der Zeitschrift „L’en dehors“, Paris-Orléans zwischen 1926 und 1933 veröffentlicht wurden. Wir haben fast alle Hefte dieser Jahre durchgesehen. Ausserdem haben wir eigene Archivrecherchen sowie Gespräche mit Nachkommen der Kommune ausgewertet und benutzt. Wir haben auch die Esperanto-Publikation Sennacieca Revuo (SR) aus dem Jahre 1921 ausgewertet.

Die Kommune wurde 1919 gegründet, mit Zentrum in Berlin-Mitte – Mulackstrasse – und in der Umgebung von Berlin: erst Spreenhagen, danach (1921) Rotes Luch. Stützpunkt in Düsseldorf-Eller und eine Zeitlang angeblich auch in Wien. Mitgliederzahl unbekannt, stark schwankend.

Die Sennacieco Revuo vom Dezember 1921 spricht von einer Gruppe von ca. 30 Menschen. Darüber hinaus gibt es einen Kreis von Sympathisanten und Förderern, die auch in der Kolonie Rotes Luch einige Tage verbringen oder zu Besuch kommen. Das Magazin SR spricht ausserdem vom Gemüseanbau und einem Behelfsstall mit einer Ziege, Hühnern und Kaninchen. Für die Anfangsphase bis 1924-25 sind uns inzwischen mindestens 10 Mitglieder namentlich bekannt. Zu Filareto Kavernido, Hannchen Gloger und Mally Michaelis können wir jetzt das Ehepaar Alois und Anna Schenk (geb. Beyer) rechnen; Adolf Mosch; Anna Neh, Anni die Näherin aus Mariendorf  und ihre Kollegin Helene Boche; dazu käme der Ingenieur Adolf Rohrmann und der angehende Journalist und Maler Artur Streiter, die beide, nach der Bezeichnung der Kommune selbst, nicht als „Stammmitglieder“ sondern als „Laufgenossen“ zu zählen wären, da sie nicht ständig mit der Gruppe lebten. Zusammen kommt man hier auf  mindestens 11 Kinder  und zwar: Hannchen – 4 Kinder: Lotte (1913), Grete (1914), Vertuemo (1921) und Sajero (1923); Mally – 3: Joyigemo (1921), Esperoza (1923) und Faro (1925); Anna Schenk – 3: Lotte (1916), Dora & Flora (1924).

Aus der Düsseldorfer Gruppe haben wir mindestens 4 Erwachsene: Gerhard Schöndelen und Agnes Kautz mit 7 Kindern – (Mathilde (1912), Klein Agnes (1914), Regina (1916), Gerhard (1917), Karl (1919), Veremino (1923), von deren Existenz wir aus Libereso Nr. 15, August 1924 wussten aber nicht zuordnen konnten. Nun wissen wir, sie ist die vorletzte  Tochter von Gerhard Schoendelen und Agnes Kautz. Hinzu kam Agemino (1924), die letzte Tochter von Agnes. Elisabeth Burkhardt hatte Kurt (1920) und Helena (1925), die auch eine Tochter von Gerhard Schoendelen ist. Dazu Sunozino (1925), die Tochter von Elisabeth Burkhardt und Gerhard Schoendelen; diese erste Sunozino starb 1926 in Les Villars; ausserdem ist Carl Uhrig da, von dem wir nicht genau wissen, wann er zur Gruppe kam.

Die Kinder der Kommune sprechen für die Zeit um 1925 von höchstens ein paar Dutzend, Rumpelstilzchen von etwa 30 zumeist jungen Menschen, Harry Wilde nennt keine Zahl, aber er erwähnt gemeinsame Aktivitäten von 10-15 Leuten (im Jahre 1925). Im selben Jahr schreibt Filareto an Margarete Hardegger, Zürich, von Paris aus. Er fragt, ob seine Gruppe sich der schweizer Kommune von M. Hardegger anschliessen kann und behauptet, sie würde aus 12 Erwachsenen und 17 Kindern bestehen. Es kam bekanntlich nicht zu diesem Anschluss, und die Reste der Gruppe kamen in 2 oder 3 Gruppen schliesslich nach Tourrettes.

Nach dem Umzug nach Frankreich berichtet Filareto Ende Dezember 1926, sie seien 10 Erwachsene und 1 Kind (was verwundert, denn immerhin wissen wir von mindestens 4 Kindern von Mally, die gerade Victor zur Welt gebracht hatte, 3 Kinder von Elisabeth Burckhardt und 3-4 von Anna Schenk. Vermutlich soll es 10 statt 1 heissen). Zu diesem Zeitpunkt hatte die Krise in der Gruppe bereits stattgefunden, als Hannchen mit ihren 5 Kindern und weiteren Mitgliedern die Kommune verlassen hatten und nach Deutschland zurückgefahren waren. Er erwähnt diesen Zwischenfall, der vermutlich sich zum Ende des Sommers 1926 ereignete, nicht. Wahrscheinlich verschweigt er die wirkliche Zahl der (zu unterhaltenden) Kinder, um potentielle Interessenten nicht abzuschrecken. Ausserdem erwähnt er in diesem Bericht, dass 10 weitere Erwachsene mit 2 Kindern aus Berlin nachkommen sollen, sobald sie die Einreisegenehmigung für Frankreich erhalten. Er schreibt, dass wenn 20 Arbeitskräfte kämen, sie die Bedingungen für eine Kommune von bis zu 200 Mitgliedern vorbereiten könnten. Die Kommune lebte damals auf der Farm Le Villars, Les Courmettes, oberhalb von Tourrettes und hatte einen Pachtvertrag mit dem Sanatorium. Offenbar hatte Filareto hier optimistische Pläne für die Schaffung einer sehr grossen Gruppe. Es kam wohl nicht dazu.

5 Monate später, im Mai 1927, berichtet er, sie seien 8 Männer (4 Deutsche: Filareto, Karl Uhrig, G. Schöndelen und Alois Schenk, nach unserer Vermutung; 2 Bulgaren; 1 Tscheche und 1 Franzose). 4 Frauen (wir wissen von Mally, Anna und Elisabeth) und ausserdem 18 Kinder, drei davon in Tourrettes geboren (wir wissen es handelt sich um Victor Juli 1926,  Amozino Februar 1927 und die zweite Sunozino 1927, die eine Tochter von Elisabeth und Alois Schenk ist). Tolle, wundersame Vermehrung wenn in der Kommune 6 Monate früher nur 1 bzw. 10 Kinder waren!

Im August 1927 erwähnt er die Zahl von 12 Mädchen in der Kindergruppe.

2 Jahre später, Mai 1929 – Die Kommune ist jetzt auf Korsika, in der Nähe von Ajaccio, vermutlich sind sie Ende des Jahres 1927 / Anfang 1928 übergesiedelt. Wir hatten als Gründe der übersiedlung wirtschaftliche und gesetzliche Schwierigkeiten in Tourrettes angenommen. Das wird in diesem Bericht von Filareto bestätigt. Filareto spricht von Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe, die soweit geht, dass sie zur gegenseitigen Anzeige von vermeintlichen Straftaten und zu den entsprechenden gerichtlichen Untersuchungen führen. Es geht um Geld, Vorwürfe von Misshandlungen, Anzeige wegen Abtreibung usw. Dies hatte bereits in Tourrettes angefangen, setzt sich aber auf Korsika weiter. Die Ausweisung droht. Ausserdem erkranken mehr als 20 Mitglieder der Kommune an der Malaria (wir wissen mindestens von einem verstorbenen Kind). Viele kehren zurück. Das Geld ist alle, weil die Mitglieder – ein Teil arbeitet in der Stadt in Werkstätten und Fabriken, der Rest auf dem gepachteten Grundstück in der Landwirtschaft – ihre Anteile nicht mehr einzahlen bzw. zurückverlangen, und der Pachtvertrag bis zum Monat Oktober bereits bezahlt ist. Die Gruppe war offensichtlich so gross geworden, dass sie Filaretos Kontrolle entglitt. Er gab also auf und beschloss, sein Glück in Haiti zu probieren. Die Gruppe besteht nun aus: 2 Männern, 1 Frau und 4 Kindern (Filareto, Karl Uhrig, Mally, Joyigemo, Esperoza, Faro und Victor). Ihnen wird der Aufenthalt in Haiti nicht genehmigt. Um der sofortigen Ausweisung zuvorzukommen reisen sie in einem Auto, das sie mit den letzten 100 Dollar mieten können, über die Grenze nach Santo Domingo. Es ist der 1. August 1929. Von dort werden sie nach Arroyo Frío als Siedler zügig weitertransferiert.

Januar 1930: Filareto berichtet an die französische Zeitschrift aus Arroyo Frío: Sie haben jetzt ein Stück Land, 13 Hektar gross. Sie bearbeiten das Land, haben Unterstützung von der Regierung und von den Nachbarn, auch Kleinfamilien. Der Priester besucht sie und findet alles in Ordnung. Die Behörden sind zufrieden. Sie wollen ihn auch als Arzt haben. Er ruft Sympathisanten dazu auf, in dieser schönen Natur mit ihnen in Freiheit zu leben. Er verteidigt sein Modell, das von einigen Anarchisten als kapitalistisch-kleinbürgerlich kritisiert wird, und begründet eine Form des Zusammenlebens, das haptsächlich auf individuelle Freiheit und friedliches Nebeneinander mit der etablierten Macht basiert. Dazu braucht man allerdings keine vertraglichen Regelungen mit den Mitgliedern der Kommune, alles regelt sich von selbst. Offensichtlich leben sie als Kleinfamilie und diejenigen, die aus Europa seinen Ruf folgen, bekommen auch ein Stück Land von der Regierung zur Verfügung gestellt und helfen einander und kooperieren miteinander. Zusammenwohnen tun sie aber nicht.

Im Juli 1931 zählt er sein „Eigentum“ auf: 3 Kühe mit Kälbern, 3 Pferde, 65 Stück Geflügel (Hühner, Puten, Gänse und Pfauen), ein Paar Schweine und 12 Bienenkörbe. Dazu 13 Hektar mit Gemüse und Getreide. Geld brauchen sie eigentlich nur für Petroleum, Seife oder Postsendungen. Die Zahl der Mitglieder gibt er nicht an, offensichtlich ist sie konstant geblieben. Jeder aus Europa dazugekommener Siedler wirtschaftet im Prinzip für sich allein.

Im August 1932 haben sie bereits 4 Kühe und 4 Pferde, darunter ein sehr schönes, mit dem er in einigen Stunden an die wunderschöne atlantische Nordküste reiten kann.

Im März 1933 schreibt er, dass an der Hauptmahlzeit etwa 12 bis 16 Menschen einschliesslich Kinder zusammenkommen. Offenbar nur zum Essen, ansonsten wohnen die Kommunarden in getrennten Hütten. Diese Nachricht wird erst im August veröffentlicht. Filareto ist bereits seit Ende Mai tot.

September 1933, in der Nummer 262 bringt die Zeitung „L’En dehors“ die Nachricht seines Todes, verfasst vom Herausgeber der Zeitung E. Armand , mit dem Filareto oft polemisiert hatte.

(ST 2006, aktualisiert 08.2021)

Kavernidos Erziehungsmethoden

von Santiago Tovar

Wir haben bereits ausgiebig die Widersprüchlichkeit im Charakter und in der Persönlichkeit Filareto Kavernidos angesprochen. Wenn es aber ein Feld gibt, auf dem diese Inkonsequenz in der schrillsten Weise auffällt, dann in seinen Erziehungsmethoden. Denn zahlreich sind die Zeugnisse der damaligen Kinder der Kommune, die über die autoritären, ja grausamen Methoden Filaretos den Kindern gegenüber berichtet haben; wir reden hier nicht über die Zumutung, die für kleine Kinder die Extravaganz der Lebensweise bedeuten kann: man stelle sich vor, wie sich Filareto an einem Feiertag irgendwann im Jahr 1925 mit der grossen Kinderschar durch die Straßen Berlins auf den Weg zum gemeinsamen Besuch eines Museums oder Konzertes macht. Die Mädchen tragen Hosen, kurze Haare und sonst keinen Schmuck, an den Füssen tragen sie Holzpantoffeln. Die Jungen tragen ein Gewand, Sandalen und halblange Haare, etwa so wie Prinz Eisenherz. Inmitten der Kindergruppe läuft Filareto Kavernido mit seiner überragenden Statur, den schulterlangen  Haaren und dem dichtgewachsenen, langen Bart; er trägt auch ein weißes Gewand, das eine Schulter freiläßt, und Sandalen. Man kann sich gut vorstellen, was für eine Sensation dieses Auftreten auf der Straße damals in Berlin erweckte. Den Kindern wird hier das „Anderssein“ vermittelt, sie müssen auch die Fähigkeit entwickeln, gegen die Neugier und den Spott anderer Menschen gleichgültig zu bleiben. Filareto-Zarathustra konnte das bereits. Hieß es nicht bei Nietzsche:

Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heisst übermensch‘. Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. ‚Da stehen sie,‘ sprach er zu seinem Herzen, ‚da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, daß sie lernen, mit den Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten‘.“ [1]„Also sprach Zarathustra“, Erster Teil, Vorrede, F. Nietzsche

Den Kindern wird aber auch ein hoher Anspruch aufgezwungen, da sie durch diese gemeinsamen, sicherlich nicht alltäglichen kulturellen Aktivitäten – wir gehen davon aus, daß Filareto ein vielbeschäftigter Mann war, der also nicht immer Zeit für die Kommunenkinder verfügbar hatte – zugleich die Teilhabe an der hohen Kultur vermittelt bekamen. Vor und nach diesen Veranstaltungen oder Konzerten mußten sie zeigen, daß sie die Gedichte, Oden oder Arien auswendig gelernt hatten. Sie mußten mit den Musikinstrumenten, die sie erlernten, zeigen, daß sie ihre Aufgaben meisterten. Und hier zeigt sich die autoritäre und grausame Seite, von der wir gesprochen haben: War er mit dem Lernergebnis der Kinder unzufrieden, so drohten diesen drakonische Strafen, wie etwa die Nacht im dunklen, feucht-kalten Speicher der Mulackstrasse verbringen zu müssen, bis sie z. B. den „Osterspaziergang“ [2]2004, achtzig Jahre danach, konnte das damalige Kind der Goldberg-Kommune in Berlin Lotte Fenske, inzwischen 90 Jahre alt, dieses Gedicht noch aus dem Gedächtnis aufsagen. von Goethes „Faust“ auswendig rezitieren oder dieses oder jenes Stück auf der Geige vorspielen konnten. Ihnen wurde auch der Verzicht oder die überwindung der Angst in der Art der spartanischen Abhärtung beigebracht wie z. B. wenn das Kind in der Dunkelheit auf dem Landhaus das Wasser mit einem Becher aus dem tiefliegenden Kanal holen muß, der in der Nähe der Höhle sich befindet, obwohl in der Höhle ein Eimer Wasser bereit steht. Und Filareto lauert da, halbversteckt hinterm Gebüsch und achtet darauf, daß seine Befehle ausgeführt werden. Aber auch typische Verhaltens-„probleme“ von Kindern wurden hart bestraft, z. B. gab es für das Bettnässen, für die Weigerung zu Essen, für den bei Kindern immer beliebten „Diebstahl“ der Vorräte in der Speisekammer und ähnliche Situationen Prügel oder Nachsitzen in der dunklen Kammer. Wie man sieht, handelte es sich um die üblichen, traditionellen Prügelstrafen, sogar mit dem Gürtel oder einem Riemen. Das hatte Tradition, freilich nicht nur im preussischen Deutschland. [3]Man darf nicht vergessen, daß die schulische Prügelstrafe in Deutschland erst 1968, und in vielen anderen europäischen Ländern nicht viel früher oder sogar später (z.B. Grossbritanien 1998) … Fußnote vollständig anzeigen
Tatsache ist jedenfalls, daß die Kinder von damals diese Methoden und die Person Goldberg als „monströs oder ungeheuerlich“ bezeichnen. Und unseres Wissens haben sie alle später als Erwachsene, möglicherweise als Reaktion darauf, ihren eigenen Kindern eine unbedingt gewaltfreie und prinzipiell zwangsfreie Erziehung angedeihen lassen. Aber erinnern wir uns, daß damals bereits die moderne Reformpädagogik in Erscheinung getreten ist und ihre antiautoritäre, partizipative und kreative Erziehungsmethoden propagierte; wo blieben in diesem Zusammenhang die anarchistischen, dezentralisierten Ideale der individuellen Freiheit, die Filareto Kavernido in seinen Schriften zum Mittel und Zweck des Weges zur vollkommenen Kulturgesellschaft auserkoren hat? Woher diese Diskrepanz? Zwei Erklärungswege sind hierzu möglich, ohne daß man den Eindruck gewinnt, sie würden eine befriedigende Antwort liefern, zu tief ist der Widerspruch zwischen Doktrin und Realität, zu verletzend ist das Bild, daß die Geschichten der einstigen Kinder der Kommune beim Zuhörer hinterlassen.Zum einen greift Filareto auf die Schriften seiner geliebten philosophischen Modelle zurück, auf diesem Feld handelt es sich allen voran um Platon und Nietzsche. Und er interpretiert sie wortwörtlich und setzt ihre eher theoretischen Vorschläge direkt in die Praxis um, wie einer, der in den Büchern den Geist fromm und treu durch die Buchstaben ersetzt. Zum anderen kann man sich vorstellen, daß Filaretos Ideale unter dem Druck der Realität immer öfter zu einem unerreichbaren Ziel wurden; während die Kinder die Zukunft bedeuteten und als „prägbare Masse“ für die Erziehung zur Verfügung standen, waren sie gleichzeitig eine Bremse und eine finanzielle Last für die Kommune. Sie leisteten außerdem den typischen „kindlichen“ Widerstand gegen die Erlernung der Früchte von Wissen, Bildung und Kultur, die nach Filaretos Plänen für den übergang zum höheren Gesellschaftszustand unbedingt notwendig sind. Von daher kann man sich Filaretos Verzweiflung und Wut vorstellen. Es mußte eine Methode geben, diesen Lernprozeß voranzutreiben… Aber sehen wir uns zunächst die theoretische Tradition an, der er in Sachen Erziehung anhing.

In der Tat hatte Platon in seinem posthum veröffentlichten Werk „Gesetze“ [4]Alle Zitate über Platon übersetzt aus: Antonio Tovar, „Un libro sobre Platón“, Madrid 1956 die zentrale Rolle der Erziehung bei der aristokratischen Herrschaft der Regierung der Philosophen hevorgehoben. Sie ist „der Schlüssel dieser Regierung“. Es ist

“bei den Kindern, wo man das Vergnügen, die Liebe, den Schmerz und den Hass bereits vor dem Alter der Vernunft erwecken muss. Damit soll gewährleistet werden, daß sie im Vernunftsalter vernünftig handeln. Deswegen ist die für die Erziehung verantwortliche Person der tatsächliche Garant des Gesetzes und der Verfassung der Stadt (sprich Gesellschaft)“. Der „erste Bereich der Erziehung wird musikalisch sein, denn die Vernunft des Menschen drückt sich zunächst auf der Basis des Sinns für Rhythmus aus, ein den Tieren nicht eigener Sinn. Auf dieser Basis wächst die Ausübung der Vernunft, worüber die Gerechten und alten Männer zu entscheiden haben“. Platon erkennt, daß das Kind das am schwersten zu behandelnde Lebewesen ist, aber „beim Kinde befindet sich eher als bei den Eltern die Kontinuität der Stadt, weswegen es im Interesse der Stadt liegt, daß es, ob auf die sanfte Art oder mit Gewalt, erzogen wird“. Platons Ideal ist das einer unveränderlichen Stadt; jede Veränderung bedeutet große Gefahr. Die andere Gefahr kommt „vom Individualismus, von der Individualisierung; deswegen soll es kein Privatleben geben, denn durch die vom Privatleben begünstigte Differenzierung werden weitere Gefahren für die Stadt verursacht“. Weitere Vorstellungen von Platon in diesem letzten Werk weichen von den von ihm selbst Jahre zuvor in seinem Werk „Politeia“ aufgestellten Prinzipien einer organisierten Gesellschaft ab, und es ist offensichtlich, daß Filareto sie auch nicht geteilt hat. Interessant ist jedenfalls, daß hier ein unverändertes Ideal als Modell steht. Es deckt sich mit dem in den „Mitteilungsblättern“ Filaretos bereits von uns festgestellten Idealismus, der ihn ziemlich weit von den materialistischen, sozialbedingten Interpretationen und Denkmustern der linken Sozialutopisten seiner Zeit entfernt.

Nietzsche liefert ein Großteil der Denk- und Verhaltensmodelle, die Filareto an den Tag legt, insbesondere in „Zarathustra“ aber auch in „Menschliches, Allzumenschliches“ (1878); es ist das Vorbild für jemand, der kein Mitleid kennt und rücksichtslos und grausam seinen Weg zu einer höheren Kultur verfolgt.

ST 2006 – Aktualisiert: 03.2019, TG 08.2021

Fußnoten

Fußnoten
1 „Also sprach Zarathustra“, Erster Teil, Vorrede, F. Nietzsche
2 2004, achtzig Jahre danach, konnte das damalige Kind der Goldberg-Kommune in Berlin Lotte Fenske, inzwischen 90 Jahre alt, dieses Gedicht noch aus dem Gedächtnis aufsagen.
3 Man darf nicht vergessen, daß die schulische Prügelstrafe in Deutschland erst 1968, und in vielen anderen europäischen Ländern nicht viel früher oder sogar später (z.B. Grossbritanien 1998) abgeschafft wurde.
4 Alle Zitate über Platon übersetzt aus: Antonio Tovar, „Un libro sobre Platón“, Madrid 1956

Lebendige Propagandisten des IDO

oder: Die Namen der Kommunenkinder

Dank der freundlichen Hilfe der Schweizer Historikerin Regula Bochsler haben wir Kopien von diversen Publikationen Filareto Kavernidos erhalten. Es finden sich darunter mehrere neue Aufsätze und Nachrichten aus den Jahren 1921-1926.

Lebendige Werbung der Ido-Sprache

Bis jetzt wurden in der Kaverno di Zaratustra fünf Kinder geboren, die in verschiedenen Standesämtern unter folgenden Namen eingetragen worden sind: Vertuemo, Joyigemo, Sajero (das r ist ein Schreibfehler des Beamten gewesen, wahrscheinlich anstatt eines s. -die Red.), Veremino und Esperoza. Immer, wenn jemand diese Namen hört, wird er fragen, was sie bedeuten und eine Lektion über die Weltsprache über sich ergehen lassen müssen. So haben wir also eine lebendige Werbung der Ido-Sprache geschaffen!“

So die Notiz aus der Monatszeitschrift „LIBERESO“, Nr. 15, August 1924, in der er die Ido-Namen der Kinder der Kommune angibt.

Wir haben also Vertuemo (1921, der Tugendhafte) und Sajero (1922, der Weise), die Kinder von Hannchen; und Joyigemo (1921, der Gerechte) und Esperoza (1923, die Hoffnung), die Kinder von Mally. Sajeros Name war vom Standesbeamten falsch geschrieben worden: er sollte eigentlich SAJESO heißen. Jetzt wissen wir ausserdem, dass Veremino (1923, die Wahrhaftige), die wir bis 2020 nicht zuordnen konnten, die Tochter von Gerhard Schoendelen und der Grossen Agnes ist.

Aktualisiert: 7.20

Filareto Kavernido, Esperanto und die Reformsprache IDO

Eine Betrachtung von Santiago Tovar

Der Stellenwert, den die internationale Sprache Esperanto für Heinrich Goldberg hatte, ist nur schwer zu bestimmen. Wir wissen nicht genau, wann er mit dieser Sprache in Berührung gekommen ist, und wir wissen auch wenig darüber, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Kreisen er sie benutzt hat. Wir kennen auch die Umstände nicht, die aus ihm einen Anhänger des reformierten Esperanto machten, des Ido, das sich 1907 aus dem Esperanto hervorgehend gründete. Selbst das einzige schriftliche literarische Werk von ihm in der Ido-Sprache, “La Raupo”, als Broschüre 1926 gedruckt, mutet etwas überraschend an im Kontext der unmittelbaren Sorgen um den Bestand der Kommune und die Ausreisevorbereitungen nach Frankreich, die Filareto gerade in jenem Jahr voll beschäftigt haben müssen. Aber sein engagiertes Auftreten für diese Bewegung ist eine zusätzliche und bedeutende Facette seiner Persönlichkeit, die auch die Grundlage seines “Kriegsnamen” Filareto Kavernido bildet, den er bis zu seinem Lebensende stolz getragen hat; in der Dominikanischen Republik war er unter diesem Namen und ist heute noch unter der Bevölkerung des Lomas-Gebietes, allerdings in der falschen, vielleicht wegen der leichteren Aussprache geläufigeren Form “Filoreto”, oder “El Filoreto” bekannt (Wir konnten das in Gesprächen mit Bewohnern dieser Gegend in den Jahren zwischen 2003 und 2007 feststellen. Siehe auch den in der Zeitung “Listín Diario”, Santo Domingo, am 09.03.04 veröffentlichten Aufsatz unter dem Titel “Cosas de la era de Trujillo”, von J. A. Cruz Infante). Und doch war diese Welt der Kunstsprache etwas abseits von seinen Bemühungen und von seinem großen Ziel entfernt, die Kommune als Keim der zukünftigen höheren Gesellschaft zu entwickeln. Es ist anzumerken, daß in seinen sozial-philosophischen Schriften kein einziges Mal Esperanto oder Ido erwähnt wird. Wenn von Sprache und Kultur die Rede ist, dann nur, um seine heißgeliebten Dichter und Autoren Goethe oder Nietzsche im Zusammenhang mit der deutschen Sprache und Kultur zu erwähnen. Manchmal bekommt man den Eindruck, als hätte die Ido-Welt eine Art intellektuelle Zufluchtstätte für Filareto bedeutet. Dennoch steht freilich außer Zweifel, daß Ido für ihn eine bedeutende und ernsthafte, ihm am Herz liegende Angelegenheit war.

Esperanto, die künstliche Weltsprache, wurde von einem polnischen Juden und Ophthalmologen Dr. L. L. Zamenhof mit der Veröffentlichung seines Werkes “Internationale Sprache. Vorwort und vollständiges Textbuch” 1887 in Warschau gegründet. Er unterzeichnete das Buch mit dem Namen Dr. Esperanto (etwa “Dr. Hoffnungsvolle” oder “Der Hoffende”), was der Sprache ihren Namen gegeben hat. Er stammte aus der Kleinstadt Byalistok, damals zum Russischen Reich gehörend, und hatte Russisch und Jiddisch als Muttersprachen, sprach aber auch Polnisch und Deutsch. Der Ursprung seines Interesses entstand aus der Vorstellung, daß der Grund für die Vorurteile und den Haß unter den verschiedenen Nationalitäten – in seinem Fall handelte es sich um die Probleme in der Koexistenz der Polen, Weißrussen und Jiddisch-sprechenden Bevölkerungsgruppen – auf das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zurückzuführen war. So kam er auf die Idee einer neutralen und von allen anerkannten Sprache, die der Verständigung und der besseren Kommunikation unter Völkern verschiedenen ethnischen und sprachlichen Ursprungs dienen könnte. Daß die Idee schnelle Anfangserfolge feiern konnte geht auf die von vielen Seiten geteilten Grundvorstellungen und Wünsche der Völkerverständigung in der Welt der Jahrhundertwende zurück. Es ist nicht erstaunlich, daß die Idee auch schneller bei zweisprachigen Bevölkerungsminderheiten (etwa den Juden) oder in mehrsprachigen Gebieten oder kleinen Ländern (etwa der Schweiz), aber auch insbesondere unter gebildeten Akademikern, nicht unbedingt nur bei Sprachwissenschaftlern, Fuß faßte.

Esperanto zeichnet sich durch seinen neutralen künstlichen Charakter, durch den streng logischen Aufbau und durch die ausgesuchte Übernahme vom Wortwurzeln aus den wichtigsten europäischen Sprachfamilien aus: die aus dem Latein hervorgegangenen romanischen Sprachen sind Grundlage von ca. 50-60% des Wortschatzes, die germanischen Sprachen machen etwa 20-30% aus, während die slawischen mit ca. 10-20% ins Gewicht fallen. Hier ist nicht zu verkennen, daß nur Menschen mit Fremdsprachkenntnissen diese neue Fremdsprache leicht erlernen können, und sie sind es gerade, die dies am wenigsten nötig haben…. Es gab auffallend viele Akademiker unter den Anhängern, viele kamen auch über die pazifistischen und internationalistischen Bewegungen und Ideologien dazu, insbesondere die anarchistischen, humanistischen, sozialistischen oder rein utopischen. Damit hätten wir die Ursprünge des Interesses des jungen Heinrich Goldberg für die Esperanto-Kultur ausgemacht, nämlich als Jude, als Akademiker und als sprachbegabter pazifistischer Mensch.

Die Neutralität wird durch die Übernahme von Worten und Wurzeln der verschiedenen Sprachen unterstützt. Die Einschränkung auf die europäischen Sprachfamilien schließt freilich Asien, aber auch Afrika und die arabische Welt aus.

Künstlich ist Esperanto insofern, als es nicht eine sich organisch-historisch entwickelnde, sondern eine sozusagen im Labor beschlossene Sprache ist. Tatsächlich kamen auf den Vorschlag des von Zamenhof veröffentlichen Buchs Diskussionsgruppen und Ausschüsse zusammen, um sich mit den Einzelheiten zu befassen: Wortschatz, Wortbildung, Satzstruktur, Geschlecht, Zahl, Eigenschaften und Wert der Suffixe und Präfixe, das alles mußte praktisch am grünen Tisch von den begeisterten Anhängern diskutiert und abgesprochen werden…. und dies mußte natürlich auf Englisch, Französisch oder etwa Deutsch geschehen, denn die neue Sprache war noch nicht so weit.

Der logische Aufbau wurde als eine der besonderen Stärken eingeschätzt. Wer ist noch nie bei der Erlernung von Fremdsprachen bei den Unregelmäßigkeiten und Ausnahmefällen, die jede Sprache nun einmal kennt, ins Stolpern geraten? Esperanto sollte ohne Rücksicht auf Ungereimheiten konsequent und logisch als ein in sich schlüssiges Gebäude errichtet werden. Was für Satzbau, Gebrauch von Geschlechts- oder Zahlform sehr praktisch erscheint, kann bei den aus Wurzeln hervorgehenden Wortbildungen weltfremde, schwer zu begreifende Ergebnisse zeitigen.

Trotz einer bereits in den ersten Jahren als erfolgreich zu betrachtenden Entwicklung und Verbreitung der neuen Sprache kamen bald, wie bei einem solchen Unternehmen nichts anderes zu erwarten, die ersten Zwistigkeiten auf. Zu viele Komitees, zu viele Interessenlagen und ein viel zu neu zu beschreitendes Gelände waren dafür verantwortlich.

Bereits 1900 wurden die ersten Stimmen innerhalb der Esperanto-Welt laut, die nach einer Reformierung riefen. Und die Gründung dieser Reformsprache unter dem Namen Ido – Sprache Für Alle – oder Internationales Hilfsidiom wurde in Paris 1907 beschlossen.

Wir glauben nicht, daß Heinrich Goldberg sich daran aktiv beteiligt hat. Der 27-jährige frisch promovierter Arzt war wahrscheinlich zu der Zeit eher mit seiner beruflichen Niederlassung und mit seiner Hochzeit in Berlin beschäftigt. Aber wir haben angenommen, daß er einige Esperanto-Anhänger in der Universität in Freiburg kennengelernt hatte, und daß er aufgrund seiner kosmopolitischen Haltung und seiner Form der Assimilation in der Gesellschaft von diesem Projekt stark angezogen wurde. Unseres Wissens gab es damals in der Universität Freiburg die Möglichkeit, an Esperanto-Unterrichststunden teilzunehmen, was sicherlich eine Ausnahme unter den deutschen Hochschulen darstellte. Der Student Goldberg hat vielleicht diesen Vorlesungen auch hin und wieder beigewohnt und die Atmosphäre attraktiv gefunden. Jedenfalls muß er diese spätere Diskussion aufmerksam verfolgt haben. Außerdem ist nicht zu verkennen, das viele hervorragenden Akademiker und Persönlichkeiten hohen Ranges sich in diesem Streit für Ido einsetzten. Unter den Ido-Anhängern sind z. B. zu benennen: der spätere Nobelpreisträger der Chemie Wilhelm Ostwald aus Leipzig, der Däne Otto Jespersen und der Pariser Prof. Couturat, beides eminente Sprachwissenschaftler, der Mathematiker aus Turin Prof. Peano, der Berliner Astronome Prof. Förster, und weitere Vertreter aus insgesamt sieben verschiedenen Sprachgebieten (Französisch, Deutsch, Englisch, Dänisch, Italienisch, Polnisch und Russisch); die Debatten wurden meistens auf Französisch geführt, aber es wurden auch andere Sprachen, darunter z. B. Latino sine Flexione von den in das Komitee entsandten Vertretern der nationalen Konferenzen verwendet. Selbst der Begründer des Esperanto, Dr. Zamenhof, obwohl bei dem Pariser Kongress nicht anwesend, war durch eine Person seines Vertrauens repräsentiert. Später, wie bekannt, zogen sich die Esperantisten aus der Reformbewegung zurück. Damit wurde eine unüberbrückbare Feindseligkeit begonnen, die heute noch anhält.

Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Esperanto und der reformierten Sprache Ido? Um dies aus der Sicht der Idisten zu erklären, führen wir im Folgenden ein längeres Zitat aus einem Text des Präsidenten der Ido-Gesellschaft, Guenter Anton, an; in diesem Beitrag erklärt er, warum er Ido und nicht Esperanto für die optimale Lösung des Problems einer Internationalen Sprache hält (Günter Anton ist der Präsident der Union für die Internationale Sprache IDO (Reformiertes Esperanto); sein Text ist zu finden unter: http://www.geocities.com/Paris/Rue/8009/Anton1.html . Er geht ausführlich auf die Rolle der englischen Sprache in der gegenwärtigen Welt ein):

“(Esperanto) … enthaelt kuenstlich geschaffene, erfundene Woerter. Die nach dem Prinzip der groesstmoeglichen Internationalitaet ausgewaehlten Wortwurzeln sind in den mit einem System von Vor- und Nachsilben geschaffenen Woertern oft nicht mehr erkennbar. So heißt zum Beispiel das Wort „sana“ gesund. Mit der Vorsilbe „mal“ wird das Gegenteil gebildet, naemlich „malsana“(krank). Die Silbe „-ul-„bezeichnet eine Person, also ist der „malsanulo“ der Kranke. Da die Silbe „-ejo-“ einen Ort fuer etwas ausdrueckt, ist schliesslich „la malsanulejo“ das Krankenhaus. Diese Ableitung. erfolgt sehr regelmaessig, fuehrt aber zu ueberkonstruierten, kuenstlichen Wortbildungen, in denen die internationale Wortwurzel nicht mehr zu erkennen ist. Ein Kritiker sprach einmal vom Puzzlespiel der Wortbildung im Esperanto.

In dem 1907 erschienenen reformierten Esperanto, das unter dem Namen Ido bekannt ist, heisst Krankenhaus „hospitalo“. Dieses Wort ist vielen Europaeern bekannt.

Die Maengel des Esperanto sind in seinem Wesen begruendet, wie es im sogenannten „Fundamento“ festgelegt wurde. So kann sich die Sprache eigentlich nur durch die Schaffung notwendiger neuer Woerter entwickeln, nicht aber durch Ueberwindung seiner Maengel, denn das „Fundamento“ ist „netusxebla“ (unberührbar). Daß die Sprache trotz unuebersehbarer Maengel die groesste Zahl von Anhaengern und fleissigen Propagandisten aufweist, hat wohl im wesentlichen zwei Gruende.

Der Schoepfer des Esperanto, Dr. L. Zamenhof, hat mit seiner Sprache eine Ideologie verbunden, den Esperantismus, eine Art Kosmopolitismus.
Esperantisten fuehlen sich nach dieser Ideologie als Weltbuerger. Sie sehen sich als eine Art Volk ueber den Voelkern, desse Heimat „Esperantujo“ ist, das Esperantoland.

Mit Hilfe des Esperanto ringen die Esperantisten um Voelkerverstaendigung, Frieden, Freundschaft, Bruederlichkeit und Humanitaet, die auch Toleranz beinhaltet. Dennoch waren begeisterte Esperantisten oft sehr intolerant gegenueber Anhaengern anderer Intersprachen, besonders gegenueber denen des Ido als reformiertem Esperanto. Ablehnung der Konkurrenz fuehrte oft zu entschiedener Intoleranz. Wie zu erkennen, ist Esperanto nicht das einzige, wenn auch erfolgreichste, Projekt fuer eine internationale Sprache. Es gibt eine Menge von Projekten fuer eine Intersprache, die aber bis auf ein paar ganz ohne Anhaenger und also ohne Erfolg geblieben sind. Heute spielen neben Esperanto noch Ido und Interlinqua eine Rolle. Letzteres ist eine Intersprache, die wie eine romanische Sprache wirkt und die das vor allem romanische Sprachgut fast unveraendert aus den nationalen Sprachen uebernommen hat, damit allerdings auch Schwierigkeiten und Unregelmaessigkeiten der Orthographie und Grammatik der Ursprungssprachen.

Anlaesslich der Pariser Weltausstellung 1900 bildete sich die Delegation fuer die Einfuehrung einer internationalen Hilfssprache mit dem Ziel, die sprachliche Vielfalt, die auch den Zielen und der Arbeit der Wissenschaft hinderlich war, durch eine zweite Sprache fuer alle, und so auch fuer die Gelehrtenwelt, zu kanalisieren. Die internationale Wissenschaftlerdelegation war hochkaraetig besetzt, so gehoerten ihr unter anderem der bedeutende daenische Sprachwissenschaftler Otto Jespersen sowie der (spaetere) deutsche Nobelpreistraeger fuer physikalische Chemie Wilhelm Ostwald an. Die Delegation pruefte in mehrjaehriger Arbeit verschiedene Intersprachprojekte und sprach sich am Ende fuer Esperanto aus, mit der Massgabe, daß bestimmte notwendige Reformen der Sprache durchzufuehren seien. So akzeptierte man das von dem franzoesischen Professor Couturat vorgelegte Reformprojekt des Esperanto. Obgleich Esperantoschoepfer Zamenhof anfangs erklaert hatte, er wolle sich jeder Entscheidung der Delegation beugen, lehnte er schließlich das Reformprojekt ab. So erschien es unter dem Namen Ido (idiomo di omni-Mundart fuer alle). Im Ido sind die Maengel des Esperanto ueberwunden. Die Sprache ist entwicklungsfaehig und wird seit 90 Jahren in Wort und Schrift praktiziert. Es erscheinen Zeitschriften in Ido, und die Sprache verfuegt ueber eine eigene Literatur. Die Idisten treffen sich zu Kongressen und Konferenzen.

Ein Vergleich zwischen Esperanto und Ido zeigt die Unterschiede:
Esperanto: Tio kion la homaro bezonas de longe, estas komuna lingvo por cxiuj homoj en la mondo kiel dua lingvo.
Ido: To quon la homaro bezonas depos longe, esas komuna linguo kom duesma linguo por omna homi.
Esperanto: Idistoj kaj Esperantistoj agas por tiu cxi celo.
Ido: Idisti ed Esperantisti agas por ca skopo.

Ein zweiter Grund mag erklären, warum Esperanto trotz der Vorzuege des Ido bis heute wesentlich weiter verbreitet ist als dieses. Die meisten Menschen, die eine konstruierte Intersprache lernen, tun dies nicht unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Fuer sie ist entscheidend, wie verbreitet die Sprache ist und welchen kommunikativen Nutzen man davon hat.
So gesehen bietet Esperanto die meisten Vorteile. Es ist auch ein Vorteil der Sprache, daß sie am bekanntesten ist. Man trifft oefter auf Esperanto.
Dennoch erlernen immer haeufiger Esperantisten Ido, weil sie dessen Vorzuege erkennen. Vielleicht ist heute die Beschaeftigung mit einer internationalen Sprache fuer viele vor allem ein interessante Hobby, das einem weltweite Kontakte bringt, tatsaechlich aber ist sie mehr. Das Wirken fuer die offizielle Einfuehrung einer internationalen Sprache als zweiter fuer alle ist Wirken fuer gesellschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation. Dabe wird letzten Endes nicht entscheidend sein, wie groß die auf dem Propagandawege erzielte Zahl der Anhaenger oder Sprecher dieser Sprache ist, entscheidend kann letzten Endes nur die sprachliche Qualitaet sein.”

Hier stellt sich die schwer zu beantwortende Frage, warum denn ein radikaler, “fundamentalistischer” Mensch wie Heinrich Goldberg sich in diesem Streit zwischen Esperantisten und Idisten für die “realistische” Variante entscheidet. Ein “Fundi”, der hier “Realo”-Positionen bezieht? Vielleicht waren seine Freunde im Ido-Lager beheimatet und er zog nach, vielleicht war es seine kämpferische Natur, die ihn in das Reformlager trieb; aber inhaltlich kann man sich den späteren Filareto Kavernido viel leichter als Anhänger des reinen Esperanto, einer unbeugsam und kompromisslos auf Logik gebauten Sprache, vorstellen. Er hätte unseres Erachtens viel besser in das Esperantolager als in das des Ido gepasst[1]Unter diesem Link: http://www.geocities.com/Athens/Forum/5037/IdoHist.html kann man eine komprimierte Geschichte der Ido-Sprache auf Englisch lesen. Sie ist aus Ido-Sicht geschrieben, sowie auch die … Fußnote vollständig anzeigen). Wiederum, wie ein Studiosus des Esperanto bemerkt hat, kann man “Sich gut vorstellen, dass (die Entscheidung für Ido) dem rebellischen Charakter von Goldberg mehr entsprach als die doch recht dröge und bürgerliche Esperanto-Szene. Alternative Lebensformen kamen erst mit SAT in den 1920er Jahren ins Spiel. Vorher war es eher etwas für das Bildungsbürgertum mit einer katholischen Note. Da der Streit in den Zeitschriften, bis hin zu den Tageszeitungen ausgetragen wurde, war es für einen Intellektuellen damals kein Problem, sich Informationen zu beschaffen.”[2]Schreiben von Herrn Roland Schnell, Berlin, an ST, Januar 2020.

Jedenfalls blieb er, wie wir festgestellt haben, sein Leben lang der Ido-Strömung treu. Wir wissen auch, daß er in der Dominikanischen Republik unter Mithilfe von Mally Michaelis jede Gelegenheit nutzte, Korrespondenz mit seinen “Samideani” oder Gesinnungsgenossen in Europa auf Ido zu führen (wir kennen nur seine Artikel, aber keine Korrespondenz auf Ido) oder mit Mally selbst auf Ido ein Gespräch zu führen (vielleicht damit die Kinder sie nicht verstehen sollten …). Nach unseren Informationen und nach Gesprächen mit Teilnehmern der Kommune oder deren Angehörigen, war keins der Mitglieder ausser vielleicht Mally Michaelis in der Lage, eine Unterhaltung auf Ido zu führen. Diese Vermutung wird durch den Artikel im Esperanto-Magazin Sennacieca aus Dezember 1921 bestätigt. Der Autor, ein Esperantist, besucht die Kolonie am Wochenende und berichtet: Nur einer der Anwesenden im Roten Luch konnte Esperanto sprechen, und zwar fliessend (wir wissen, es handelt sich mit Sicherheit um Adolf Mosch), die anderen Kommunarden sprachen mangelhaft und gebrochen etwas Ido.[3]Sennacieca Revuo, 1. Dezember 1921

Schliesslich waren es die Herausgeber der Ido Zeitschrift PROGRESO, seit 1908 in der Schweiz erscheinend, die 1934 eine der ersten, wenigen Nachrichten über seine Ermordung in Europa veröffentlichten. Eine erste Mitteilung war bereits in der französischen anarcho-kommunistischen Publikation „L’en Dehors“ in Paris einige Monate zuvor erschienen. In der in Progreso auf Ido veröffentlichten Todesnachricht heisst es wie folgt:

“Aus Moca erreichte uns die Nachricht vom Tod unseres eifrigen Genossen, Dr. Goldberg, der am Abend des 16. Mai 1933 von zwei Unbekannten aus dem Hinterhalt ermordet wurde. Dr. Goldberg erlangte das Alter von 52 Jahren. Er war einer der hervorragendsten Vertreter unserer Bewegung und widmete sein ganzes Leben der Verwirklichung seiner anarchistischen Ideen. Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Rubrik ein vollständiges Bild des Wirkens unseres so tragisch verschwundenen Freundes zu zeichnen. Wir werden sein Andenken in der nächsten Nummer von PROGRESO würdigen, indem wir einige der zahlreichen von ihm unter dem Pseudonym FILARETO KAVERNIDO veröffentlichten Artikel abdrucken, die alle sein umfassendes Wissen sowie den treffsicheren Stil belegen, der sich in seinen in Ido abgefassten Schriften zeigt. Er hinterlässt eine treue Erinnerung in den Herzen seiner zahlreichen Mitstreiter, für welche er das Vorbild des mutigen Kämpfers bleibt, der für seine Überzeugungen nicht nur zu leben, sondern auch zu leiden und sterben wusste”.[4]https://filareto.info/texte/presse-progreso-1933/

Santiago Tovar
10.2004 – aktualisiert: 02.2021 / 08.2021

Fußnoten

Fußnoten
1 Unter diesem Link: http://www.geocities.com/Athens/Forum/5037/IdoHist.html kann man eine komprimierte Geschichte der Ido-Sprache auf Englisch lesen. Sie ist aus Ido-Sicht geschrieben, sowie auch die berühmte kurze Geschichte von Prof. Otto Jespersen, Teilnehmer am Gündungskongress der Ido 1907, zu lesen unter folgendem Link: http://es.geocities.com/krayono/nacimiento.html. (leider konnte ich nur die spanische Fassung finden
2 Schreiben von Herrn Roland Schnell, Berlin, an ST, Januar 2020.
3 Sennacieca Revuo, 1. Dezember 1921
4 https://filareto.info/texte/presse-progreso-1933/